Ich. Heute. 10 vor 8.

Von der Kunst, Wellen zu schlagen

Das Jahr 2013 war ein gutes Jahr für den Feminismus. So sieht es zumindest der Guardian, der sich in den letzten Wochen eifrig bemühte, die „vierte Welle“ des Feminismus auszurufen. Die erste Welle kämpfte vor allem für die gesetzlichen Rechte der Frauen, unter anderem für das Wahlrecht und Eigentumsrechte. Die Feministinnen der zweiten Welle weiteten die Debatte in den 1960er und 1970er Jahren auf Themen wie Abtreibung, häusliche Gewalt, Sexualität und Familie aus. Seit den 1980er Jahren gibt es Frauen, die zwar anerkennen, wie viel diese Generation geleistet hat, die aber die Rhetorik der Geschlechterkriege und der Sexualitätsfeindlichkeit – die einem heute noch bei Alice Schwarzer begegnet – als unzeitgemäß empfinden. Die dritte Welle des Feminismus hat, mit Hilfe aus den Akademien, eine neue theoretische Grundlage gefunden: Es geht nicht mehr darum, Sex als Machtausübung zu betrachten und damit Männer zum Feindbild zu machen, sondern darum, Geschlechterstereotypen auszuhebeln. Faktoren wie Rassismus, Homophobie und die Auswirkungen der Klassengesellschaft werden dabei mitgedacht. (Wer mag, kann dafür den etwas jargonhaften Ausdruck „Intersektionalität“ benutzen).

Weil es eine Berufskrankheit von Journalisten ist, neue Bewegungen entdecken und titulieren zu wollen, gibt es nun also pünktlich zum Jahreswechsel die „vierte Welle“. Gemeint sind dabei die weltweiten Proteste gegen Sexismus und sexuelle Gewalt sowie neue feministische Initiativen, die on- und offline entstanden sind. Was daran neu sein soll, bleibt allerdings unklar. Auf neuen Theorien beruht die Sache jedenfalls nicht, im Zweifel hat es irgendetwas mit dem Internet zu tun – obwohl es das auch schon eine ganze Weile gibt. Vielleicht sollten wir uns also erst mal darauf konzentrieren, den Ideen der dritten Welle Gehör zu verschaffen. Es gab nämlich auch im letzten Jahr genügend Grund zur Annahme, dass die theoretischen Ansätze der 1980er und 1990er Jahre noch lange nicht im Mainstream angekommen sind. In Deutschland offenbarte sich das vor allem in der Art und Weise, in der die #Aufschrei-Debatte geführt wurde: als Geschlechterkampf zwischen hysterischen Frauen und lüsternen Männern. Aber auch der Rest der Welt hatte einiges zu bieten, was unter dem Label des Feminismus fungierte, der Sache aber nicht gerade dienlich war.

Seit Anfang 2013 gibt es eine neue App namens Lulu, von der die Erfinderin Alexandra Chong behauptet, sie solle Mädchen dazu dienen, das Internet zurückzuerobern. Mithilfe dieser App können Frauen sich bei Facebook einloggen und ihre männlichen Facebook-Freunde anonym in verschiedenen Bereichen (Aussehen, Humor, Manieren, Sex, erster Kuss, Ehrgeiz und Verantwortung) bewerten und mit idiotischen Hashtags versehen (#DudeCanCook, #NeverSleepsOver, #ObsessedWithHisMom). Mal abgesehen davon, dass die Männer keine Kontrolle darüber haben, ob und wie sie bewertet werden und dass der Vorgang eine grobe Verletzung der Privatsphäre ist, trägt diese App auch zu der veralteten Vorstellung bei, der Feminismus müsse sich gegen Männer richten.

Ein prominenteres Beispiel: Im März des vergangenen Jahres veröffentlichte Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin von Facebook, ein Buch, dass Frauen helfen soll „an die Spitze zu kommen“. In der Einleitung von „Frauen und der Wille zum Erfolg“ („Lean In“ im amerikanischen Original) erkennt Sandberg die Wichtigkeit von strukturellen Veränderungen an, behauptet aber, diese bekämen sowieso schon genug Aufmerksamkeit. Stattdessen konzentriert sie sich auf die innerlichen Veränderungen, die Geschäftsfrauen selbst in die Hand nehmen können.

Daran ist an sich ja nichts Verwerfliches, aber vielleicht sollte Sandbergs Buch eher in der Abteilung der Selbsthilfe-Bücher stehen und sich nicht als feministisches Manifest gerieren. Damit gibt sie nämlich all denen Munition, die immer noch behaupten, die Verantwortung läge ausschließlich bei den Frauen selbst: es mangele schließlich nicht an Möglichkeiten, sondern nur an der fehlenden Durchsetzungskraft. Das sollte man mal einer Frau im Niedriglohnsektor erzählen. Und das ist auch die andere Schwachstelle des Buches. Sandberg richtet sich ausschließlich an die Elite der amerikanischen Geschäftswelt. Ihre These, dass es allen Frauen helfen würde, wenn sie weibliche Vorgesetzte hätten, ist äußerst fragwürdig. Schließlich ist nicht sicher, dass eine Chefin, die Hausangestellte und Babysitter hat, die Probleme ihrer Angestellten besser nachempfinden kann, als ein Chef.

Auch die Aktivistinnen von Femen fallen in die Kategorie kritikwürdiger Feminismus. Die ‚feministische’ Gruppierung, die im letzten Jahr wohl die meiste Medienaufmerksamkeit bekommen hat, rief 2013 den ‚Topless Jihad Day’ aus, um muslimische Frauen vom Joch des Islam zu „befreien“. Dass viele dieser Frauen nicht von Femen befreit werden wollen und außerdem lieber für sich selbst sprechen, scheint die Aktivistinnen nicht im geringsten zu tangieren. Femen fällt es nicht nur schwer, andere Religionen zu respektieren, sie ignorieren damit auch das Recht muslimischer Frauen auf Selbstbestimmung.

Diese Beispiele zeigen: Es ist nichts dagegen einzuwenden, feministische Theorien weiterzudenken, aber immer neue Wellen herbeizuschreiben, während die allgemeine Denkweise immer noch irgendwo in den 1970er Jahren verharrt, kann nur kontraproduktiv sein.

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