Ich. Heute. 10 vor 8.

Ach, analog, digital — Quanten! Blitzkurs für alle Feinde des Digitalen und Technologieverächter

Kämpfend hab ich mein Jahr begonnen. Ich vermute nicht nur, nein, ich behaupte nachdrücklich, dass wir lauter falsche Schlachten schlagen. Und dabei übersehen wir den einzigen Krieg, in den es sich zu ziehen lohnt. Ehrlich gesagt – ich habe genug von dem ewigen Nachhall eines absurden Reduktionismus und einer allgegenwärtigen Simplifizierung. Wir führen einen Technologiekrieg, dabei sollten wir für unsere Würde kämpfen. Digital versus analog ist nur eines der vielen überflüssigen Schlachtfelder. Dieser Krieg ist sinnlos, die Schlachten sind sinnlos. Technologie ist nicht der Feind. Aber was ist Technologie? Und wer ist der Feind?

Ich sehe es so: Die totale technologische Durchdringung und die Bedeutungslosigkeit der Unterscheidung von digital und analog ist vielen Menschen noch immer nicht bewusst. Ob es sich um Bücher handelt, um Küchenherde, Autos oder Pharmazeutika, wir leben in einer Welt, in der die Produktion von der sie hervorbringenden Technologie nicht getrennt werden kann. Und doch denken viele, dass Technologie etwas Böses sei, und andere lasten jegliche ökonomischen und sozialen Probleme gleich ganz der digitalen Entwicklung an. Aber denken wir doch einfach noch mal nach.

Technologie ist die Anwendung von Wissen zu praktischen Zwecken oder, noch gescheiter ausgedrückt, die Lehre von der in der Technik angewandten und anwendbaren Verfahren. Technologie wird als selbstverständlich betrachtet, sie wird nicht hinterfragt oder überprüft, sie wird instrumentalisiert oder einfach verachtet. Dabei integrieren wir sie blitzschnell. Und vergessen, dass sie überall vorhanden ist. Es gibt nur eine Art, sich der Technologie konsequent zu entziehen – nämlich niemals geboren zu werden. Wir müssen mit Technologie leben, als Fluch oder Segen. Das ist nun einmal unsere Natur.

Außerdem: Wir haben noch nicht genügend über Fragen der Evolution nachgedacht und die Rolle, die Technologie dabei spielt. Bei unserer ewigen, geradezu obsessiv betriebenen Sinnsuche haben wir ganz nebenbei die für unsere Evolution notwendigen Werkzeuge erschaffen. Aber was sind das für Werkzeuge? Als die Humanoiden (die guten alten Vorfahren des Homo sapiens) entdeckten, wie man die steinerne Oberfläche ihrer Höhlen bearbeiten könnte, um dabei mitzuteilen, was sie – so vermuten wir zumindest – tagtäglich erlebten, wurde genau in jenem Moment eine Technologie erfunden. Ja, Wissen wurde zu einem praktischen Zweck angewendet. Heute schreiben Menschen Blogs, um ihre Leidenschaft für Autos, Homöopathie, Slapstick, Mode, die Philosophie der Genügsamkeit oder auch einfach nur fürs Kochen zu kommunizieren – und noch unendlich viele andere Dinge, die mich verwirren, nicht interessieren oder die ich schlichtweg nicht kapiere. Egal, wir sind noch immer beim ewigen Geschäft des Ausdrückens und (Mit-)Teilens. Bloß haben sich die Werkzeuge verändert.

Nun dämmert es Ihnen langsam, dass wir Technologie in uns aufnehmen wie die Luft, die wir atmen. Aber so wie unsere Luft verschmutzt worden ist, hat das Digitale womöglich unsere Technologie verpestet. Ein kleiner Exkurs zur eigentlichen Unterscheidung zwischen analogen und digitalen Geräten, zwischen analoger und digitaler Datenverarbeitung, erbringt, dass alles so ist wie eh und je. Unsere geliebte Technologie ist weder digital gepanscht noch verunreinigt.

Das Analoge ist eine Angelegenheit kontinuierlicher Variablen. Vor der Omnipräsenz digitaler Schaltkreise und Computer war ein Amperemeter das bevorzugte Gerät, um Strom zu messen, mit einem Quecksilber- oder Alkoholthermometer — wie sie oft noch zu Hause rumliegen — stellte man die Temperatur fest. Heute kann man diese analogen Instrumente im Technologie- oder Wissenschaftsmuseum besichtigen. Die Welt analoger Variablen wie Geschwindigkeit, Strom, Spannung, Temperatur und Druck, mit denen wir tagtäglich zu tun haben, bezieht sich auf klassische Mechanik. Klassische Mechanik ist eine Theorie, die einem ein Modell an die Hand gibt, um sich die physikalische Welt vorzustellen. Während sie als Modell durchaus funktioniert, ist sie weit davon entfernt, die physikalische Welt umfassend zu beschreiben. Sie versorgt uns mit einem Werkzeug, um begrenzte Problemfelder zu bearbeiten. Doch hätten wir niemanden auf den Mond schicken, kein Smartphone bauen können, wenn wir uns nur auf klassische Mechanik bezögen – die Relativitätstheorie und Quantenmechanik waren dazu ebenso notwendig. Zugespitzt ausgedrückt: Analoge Technologie repräsentiert das versammelte Wissen des neunzehnten Jahrhunderts.

Und um die ganze Sortiererei von Analogem und Digitalem noch schlimmer zu machen: Auch Computer kommen in drei Geschmacksrichtungen daher – klassisch analog, klassisch digital und auf der Quantenmechanik basierend. Alan Turing verwendete einen klassisch analogen Computer, um den deutschen Enigma-Code zu knacken. Wir alle verwenden tagtäglich einen klassisch digitalen Computer, um zu telefonieren. Quantencomputer sind 2011 auf den Markt gekommen (D-Wave), und die Arbeit an ihrer Entwicklung brachte David J. Wieland und Serge Haroche 2012 den Nobelpreis ein. Letztes Jahr eröffnete Google gemeinsam mit der NASA das „Quantum Artificial Intelligence Laboratory“. Wenn man jedoch berücksichtigt, dass funktionierende Quantencomputer gegenwärtig subarktische Temperaturen benötigen, ist klar, dass es noch keine Westentaschenausgabe gibt.

Daher ist die Taschenvariante eines Computers, die wir zurzeit erwerben können, von der klassisch digitalen Art. Er verarbeitet sogenannte diskrete Mengen – Bits sind diskret. Diese Computer prozessieren kontinuierliche Daten- und Informationsmengen, indem sie sie in kleine Abschnitte oder einzelne Punkte zerlegen. Es ist schwierig, sich überhaupt Computer vorzustellen, die nicht dank Elektrizität funktionieren (der Abakus ist ein gutes Beispiel eines mechanischen rechnerartigen Geräts, aber er ist kein Computer). Und ist Elektrizität nun analog oder digital? Tja, beides. Zunächst wird elektrischer Strom durch Elektronen produziert, die durch einen Leiter fließen (zumeist Kupfer). Elektrizität wird erzeugt, indem man irgendeine andere Art der Energie transformiert. Noch vage Erinnerungen? Wir verwenden fossile Brennstoffe oder bauen Windenergieanlagen. Mit Sicherheit hat jeder irgendwo zwischen Grundschule und Supermarkt mitbekommen, dass Elektronen selbst diskrete kleine Kerlchen sind, die lediglich in der Sprache der Quantenmechanik erfasst werden können. In dieser verflixten Quantenwelt sind Elektronen Teilchen und Welle zugleich, mit diskreten und kontinuierlichen Eigenschaften. Und da haben wir’s schon – Quantencomputer können zugleich digital und analog sein. Es handelt sich nicht um zwei verschiedene Welten, es handelt sich um eine einzige physikalische Realität, die mithilfe unterschiedlicher Methoden Gestalt annimmt und in der Sprache unterschiedlicher theoretischer Prämissen beschrieben wird. Unsere Maschinen wenden eine Unmenge von Methoden und Prozessen an, die bis in die tiefsten Schichten miteinander verwoben sind – analog und digital. Einfach ist das nicht.

Wir leben in einer Fantasiewelt unzureichender Theorien. Unsere Leiden wollen wir mit Sofortlösungen auskurieren, mit nichts anderem gewappnet als mit der leichtgläubigen Annahme, dass es eine einzige simple Lösung für alles gibt, was uns dieses Leiden verursacht. Angeschlagene Unternehmen werden nicht überleben, weil sie konkurrierende aufkommende Technologien oder die auf ihnen basierenden Geschäftsmodelle (die Dämonen des Digitalen) unterdrücken. Sie können ihr Fortbestehen sichern, indem sie die neuen Technologien integrieren, sich nicht dagegen sperren. Und auch danach Ausschau halten, wo der wirkliche Feind sitzt. Wer ist dieser wirkliche Feind?

Wir selbst sind unser Feind. Wir vernachlässigen unsere Würde. Wir denken einfach nicht nach.

(Aus dem Englischen von Elisabeth Ruge)

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