Ich. Heute. 10 vor 8.

Achtung! Kinderkriegen!

© privatDas Monster unserer Zeit? Ein Kind um ca. 1991

Ich habe so langsam Angst davor, Zeitung zu lesen oder das Internet aufzumachen. Überall Warnungen für alle! Achtung: Orkan – könnte Ihre zwei Gartenstühle wegfegen. Achtung: So werden sie täglich überwacht. Achtung: Kinderkriegen – so ist ihr Leben am schnellsten vorbei.

Es ist beunruhigend. Überall lauern die Gefahren. Am heftigsten lauert aber die Gefahr seit neuestem im Kinderkriegen bzw. Kinderhaben. In der „FAZ“ schrieb vor kurzem, um nur ein Beispiel von vielen solcher Texte zu nennen, die Autorin Antonia Baum “man muss ja total wahnsinnig sein, auf die Idee zu kommen, wirklich ein Kind zu kriegen”.

Es geistert eine Debatte durch die Medien, die der normalsten Sache der Welt die Normalität nimmt. Ich habe keine Kinder. Ich muss mir aber, weil die Frage immer mal im Raum schwebt, selbst die Frage stellen: Soll ich, soll ich nicht. Das Gerät ist ja nun vorhanden. Die Hysterie macht es mir nur ein bisschen schwer, darüber nachzudenken.

Das Kind ist plötzlich nichts Normales. Ein Kind ist jetzt politisch. Ein Kind ist ein Fetisch. Kinder sind jetzt Robbenbabys.

Aus einem relativ individuellem Vorgang und unterschiedlichen Lebensmodellen ist jetzt eine insgsamt esoterisch überhöhte Berufung geworden: DIE MUTTER oder DER VATER bzw. DIE ELTERN. Könnten wir bitte den Ball wieder ein bisschen flacher spielen und den Gedanken zulassen, dass es irrsinnig viele unterschiedliche Mutterrollen gibt. So wie es sehr viele unterschiedliche Charakterzüge an Menschen gibt? Dass es stärkere und schwächere Menschen, besser und schlechter organisierte Eltern gibt. Woher das große Bedürfnis mancher Mütter, ihre Überforderung, als wären hier höhere Mächte im Spiel, auf alle zu übertragen? Das Leben ist alles, was der Einzelfall ist. Und Kinderkriegen ist keine Krankheit.

Woher kommen diese öffentlichen Beschwerden, die Selbstgerechtigkeit und Sentimentalität von Müttern, die in den meisten Fällen gut ausgebildet sind und ausreichend Geld verdienen? Vielleicht, weil sie das Kind anfassen wie eines ihrer Projekte? Mit maximaler Investition werde man schon ein bisschen Mehrwert schaffen können. Jedenfalls bis zur Pubertät. Bis das Kind sagt: Du bist gefeuert, Mutter. Bis dahin aber wird das Kind Teil des sozialen Kapitalismus, Teil der Freizeit- und Privatsphärenoptimierung. Und alles, was so kapitalisiert wird, ist nicht mehr normal. Es reicht das Selbstverständliche nicht mehr. Identitätsmarke Kind.

Und diese Identitätsmarke ist relativ allgemein gültig gefasst, so dass auch die Beschwerden darüber immer wieder verallgemeinert werden. Diese Kanonisierung von Kindheit und Elterndasein ist politisch und auch wirtschaftlich gewollt. Wer nicht mehr auf die Idee kommt, das Kind der Nachbarin anzuvertrauen, der Oma, sonst wem, muss sich höhere Mächte, in dem Fall, Institutionen suchen.

In einer egozentrischen Gesellschaft, die – wenn Sie auch wie ich in diesen Tagen ins Dschungelcamp schauen – aus ewig pubertierenden (natürlich auch sehr lustigen) Menschen besteht, ist die Idee, irgendeine Party wegen des Kindes ausfallen lassen zu müssen, natürlich schrecklich. Unter diesen Umständen ist das Kind nur noch die Waffe, das eigene Unglück zu verteidigen. Sie können mir jetzt vorwerfen, dass ich keine Kinder habe und das Problem deshalb auch nicht verstehen kann. Und Sie haben auch Recht. Ich verstehe es nicht: Vielleicht fällt ein bisschen Spaß weg, aber dafür hat man dann Kinder, die doch angeblich auch Spaß machen sollen?

Es gibt zu viele Probleme, um die wir uns kümmern müssen, als dass wir ständig den Ausnahmezustand Mutter ausrufen sollten. Denn, ja, manche Mütter haben keine Nachbarin, der sie ein Kind anvertrauen können, ja, manche Frauen verdienen so wenig Geld, dass sie kaum ein Kind durchbringen können und ja, wenn es sein kann, dass ich plötzlich in einer anderen Stadt arbeiten muss, gestaltet sich das Familienleben schwer – und ja, die Zeiten sind unruhig und für viele unsicher. Aber liebe Mütter: Es sind nicht die Kinder, die uns an den Kragen wollen!

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