Ich. Heute. 10 vor 8.

Vergeudete Leben? Ein Rettungsversuch

Auf dem Boden mehrere Zentimeter getrockneter Vogelkot. Um mich herum auf mehreren Ebenen vollgeschissene Gitter und alle paar Meter eine eingetrocknete, schwarzgraue Vogelleiche. Durch die Gänge schieben polnische Arbeiterinnen und Arbeiter schwere Schubkarren. In der Halle selbst tragen sie Masken gegen Staub und Keime, aber im direkt angrenzenden Vorraum, durch den der Mist gefahren wird, müssen sie ihr Frühstück verzehren.  Dies ist ein schrecklicher Ort, den niemand gerne aufsucht; hier arbeiten Ausgebeutete anderer Länder und eben Tiere.

Ich befinde mich in einer Legefarm, Bio-Freiland. Bis gestern haben hier 10 000 Hühner ihre Eier gelegt wie kleine Maschinen. Sie werden so gezüchtet, dass sie ein Jahr lang möglichst effizient funktionieren; ihre Skelette schmerzen, ihre Legeorgane entzünden sich, sie bekommen Tumoren. Nach Ablauf eines Jahrs sind sie nicht mehr rentabel, dann geht es zum Schlachter. In der Nacht werden sie eingefangen, dabei werden noch mal zehn Prozent von ihnen Flügel oder Beine gebrochen. Nur ein paar Tiere können sich jedes Mal in Ritzen verstecken.

Und das ist auch der Grund, warum ich hier herumkrieche – um sie zu suchen. Ich habe einst durch Zufall erfahren, dass solche Hühner oft übrig bleiben und dann beim Putzen getötet werden. Dem einen Tod knapp entronnen, um den nächsten zu sterben? Seither komme ich mit Erlaubnis des Besitzers jedes Jahr hierher, sammele die „Resthühner“ ein und versuche, sie auf meinem kleinen Lebenshof wieder aufzupäppeln. Zum ersten Mal bekommen sie dann echte Körner und eine grüne Wiese. Bio-Freiland, das sind ja angeblich die glücklichen Hühner. Schade nur, dass sie selbst es nicht wissen. In ihrem Auslauf wächst längst kein Halm mehr, und die meisten von ihnen haben blasse Kämme und kaum noch Federn.

© privatMerles erster Apfel

Ich muss daran denken, wie kürzlich wieder debattiert wurde über die männlichen Küken der Legehuhnrassen. Am Tag der Geburt werden sie bereits getötet, durch Gas oder mechanisch mithilfe eines „Musers“. Eierlegen können die Männchen nicht, zur Mast sind sie auch nicht geeignet; also weg damit. Viele Leute regen sich auf, dass 40 Millionen männliche Küken „sterben müssen, weil sie keine Eier legen können“. Aber genau so viele weibliche Legehennen machen ihr ganzes Elend doch deshalb durch, gerade weil sie Eier legen.

Oder die Schweinezucht: Im Dezember zeigte das Fernsehen versteckte Aufnahmen, wie Stallarbeiter untergewichtige Ferkel mit dem Kopf an irgendwelche Wände schlugen, um sie zu töten. Brutale Szenen, man möchte das nicht sehen, Tiere sind doch keine Gegenstände, Tiere empfinden doch auch Schmerzen! Mein Gott, rufen viele, diese Ferkel sind so „sinnlos gestorben“.

Aber die anderen Schweine, also ihre Schwestern und Brüder, die ein halbes Jahr älter werden, die sterben ja auch sinnlos. Kein Mensch muss ein Tier essen, jedenfalls nicht in Deutschland. Das Tierschutzgesetz verbietet, Tiere „ohne vernünftigen Grund“ zu töten – bloß gibt es in diesem Land keinen vernünftigen Grund, Schweine zu töten. Sie greifen uns nicht an, also brauchen wir sie auch nicht zu töten. Welche Vernunft würde behaupten, nur weil jemand schmeckt, darf man ihn töten? Überhaupt nicht zu Ende gedacht, immer nur zu unseren menschlichen Gunsten, diese ideologischen Ausflüchte der angeblichen Vernunft und des vermeintlichen Tierschutz.

Nein, ich weine nicht nur um die Brüder der Hühner, nicht nur um die totgeschlagenen Ferkel, ich weine um sie alle, 800 Millionen erbärmliche, leidvolle, vergeudete Leben, jährlich in Deutschland gewaltsam genommen.

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