Ich. Heute. 10 vor 8.

Wohin nur mit den „behinderten Kindern“?

© Robert Carboneau, Creative Commons LizenzIntegration, Inklusion, oder einfach nur Cornflakes?

Was ist für Kinder am allerschlimmsten? Wenn sie sich nicht normal fühlen dürfen und wenn man über sie redet. Beides zusammen – der absolute Horror. Kinder, die unter das Label „behindert“ fallen, sind damit täglich konfrontiert. Über das auf den Schulhöfen allgegenwärtige Schimpfwort, den selbstverständlichen Gebrauch von „Spast“, „Spacko“, „Mongo“ usw. lässt sich zur Not ja noch cool hinwegsehen. Aber das Be-Wort in seiner mitleidig-empathischen Verwendung, wohlmeinend herablassend gebraucht – „die können ja nichts dafür, dass sie so behindert sind“ –, ist unerträglich demütigend.

Eltern brauchen oft lange, bis sie das begreifen: Sie selbst, zusammen mit den Ärzten, Therapeuten, Pädagogen, tragen mit ihrem Mitleid und ihren Sorgen dazu bei, dass das Kind stigmatisiert ist. Es hat von klein auf seine Würde, sein Recht auf Persönlichkeit, ganz egal, wie beeinträchtigt es ist, und diese Würde und dieses Recht werden ständig verletzt, indem sich alle Welt um das Kind herum über das Kind sorgt, wie es wohl in der Gesellschaft klar kommen wird: als sei das ein Problem des Kindes und nicht vielmehr der Gesellschaft, in der es dann allerdings überleben muss. Irgendwann respektieren die meisten Eltern, dass die Kinder nicht wollen, dass über sie geredet wird.

Dies könnte ein Grund dafür sein, dass in den ganzen Debatten über Separation, Integration, Inklusion die betroffenen Familien das Sprechen fast vollständig den Experten überlassen. Vor allem, wenn die Kinder groß genug sind und lesen und verstehen können, dass mal wieder gegen ihre Persönlichkeitsrechte verstoßen wird.

Auch ich werde also nicht über meine Familie schreiben, sondern über die Familie einer Freundin, deren Kind das Be-Wort anhaftet, nennen wir ihn John: John war mal sehr krank und tut sich aufgrund einer Schädigung des Kleinhirns in fast allen Bereichen des Lebens schwerer als andere. Nach Paragraph Soundso hat er den Förderstatus xy und den Behindertenausweis. Seine schulische Karriere ist bisher glimpflich verlaufen. Nach sieben Jahren einigermaßen gelungener Integration in diversen Grundschulen war die Familie von den Schwierigkeiten allerdings so weich gekocht, dass sie John zum Übertritt in die Oberschule in einem Förderzentrum anmeldete. John hospitierte dort einige Tage, fand es ganz nett, aber erzählte auch, dass den Kindern dort nichts zugetraut würde. Außerdem hätten sie vor der anstehenden Klassenreise mit einer nicht-behinderten Partnerklasse Angst, denn „für die sind wir komisch“. Schließlich bestand er darauf, weiter in eine normale Schule gehen zu wollen. Da die Familie in Berlin wohnt, wo es Schulen für fast jedes Bedürfnis gibt, fand sich tatsächlich am anderen Ende der Stadt eine private Schulstiftung, die die Bedingungen bot, die John braucht: sehr kleine Klassen, gute und engagierte Lehrer, Sorgfalt bei der sozialen Zusammensetzung der Klassen und die durchlässige Struktur der Schulform „Integrierte Sekundarschule“ (ISS), die vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur alles möglich macht. John hatte Glück und bekam einen Nachrückerplatz. Von allen Schulen, auf denen John bisher war, gefällt ihm diese am besten, und zwar aus einem Grund: Er hat dort ein paar Kumpels (Freunde wäre zuviel gesagt), die fast genauso schlechte Noten haben wie er, und die Lehrer schonen ihn nicht, sondern machen ganz klare Ansagen. Außerdem ist die Schule klein, so dass er sich orientieren kann, und in seiner Klasse sitzen nur 16 Kinder, was entscheidend ist: denn das gibt ihm die Chance, immer mal wieder mitzukriegen, was läuft, und sich immer mal wieder zu konzentrieren.

Ein Fall von gelungener Integration, ein Beispiel selbstverständlicher Inklusion? In den öffentlichen Schulen würde John völlig untergehen. Seine Privatschule ist immerhin am Gemeinwohl orientiert: Die Gebühren werden einkommensabhängig berechnet und ein Teil der Plätze geht an Kinder, die das Jugendamt schickt. Aber wie überall woanders auch steigt der ökonomische Druck. Stiftungen leiden unter den niedrigen Zinsen, während die Zuwendungen von der öffentlichen Hand gestrichen werden. Und vielleicht entdeckt ja diese Schule irgendwann, was andere Privatschulen längst entdeckt haben: dass sich mit den Sorgen und Ängsten, mit denen die Eltern die Diskriminierungen der Gesellschaft in die Familien übersetzen, richtig viel Geld verdienen lässt. Würden wir nicht alle für das Glück unserer Kinder unser letztes Hemd geben? In den USA nehmen die Familien Hunderttausende Dollar Schulden auf, um Schule und Studium ihrer Kinder zu finanzieren. Multiplizieren wir 40.000 Dollar pro Jahr mit rund 17 Ausbildungsjahren: 680.000 Dollar, damit ein Kind gut ausgestattet ins Arbeitsleben entlassen werden kann! Dementsprechend sind dann auch die Erwartungen an die Verdienstmöglichkeiten der Zöglinge dieser Schulen – der Teufelskreislauf einer kapitalistischen Logik, die eine Art moderner Schuldknechtschaft produziert, der nur sehr, sehr, sehr wenige sehr, sehr, sehr reiche Familien entkommen werden, wenn dieses Szenario auch in Deutschland Wirklichkeit wird.

Die ganzen bildungspolitischen Debatten um Inklusion, zwölf oder dreizehn Schuljahre, flexible Eingangsklassen und was noch alles gehen nicht nur an Johns Bedürfnissen, sondern an den Bedürfnissen aller Kinder vorbei. Man könnte ja auch mal folgendes vorschlagen:

1) In der Oberschule, ab Klasse 4, führen wir nicht weniger, sondern mehr Differenzierung nach Leistung ein: ein fünf-, sechsgliedriges Schulsystem, das aber durchlässig ist, indem immer zwei oder drei Leistungsstufen unter ein Schuldach gefasst und dort miteinander verzahnt werden. (In Berlin gibt es sowohl bei den Superschnelllernern im gymnasialen Bereich als auch in den Integrierten Sekundarschulen funktionierende Beispiele dafür.) Die Klassengrößen und die Lehrer- und Raumausstattungen werden an die Bedürfnisse der Schüler je nach Leistungsstufe angepasst. Also: Die Schulklassen mit den Kindern, die sich am schwersten tun, sind klein und haben mindestens zwei Lehrer, für Kinder mit starken Beeinträchtigungen auch noch mehr Personal, und verfügen über zwei oder mehr Räume. In diesen Klassen säßen die Kinder nicht mehr aufgrund irgendeines festgestellten Status, sondern weil ihr objektiver Leistungsstand es erforderlich macht, sie intensiv zu betreuen. Die Schulklassen mit den Kindern hingegen, die unter dem Label „hochbegabt“ sehr schnell lernen, können ruhig 35 Kinder umfassen. Hier könnte Geld gespart werden. Diesen Kindern, zumal in den höheren Jahrgangsstufen, sind die meisten Lehrer intellektuell sowieso nicht mehr gewachsen. Ihnen reicht ab und an ein wirklich anregender Input, den sie dann unter einer beliebigen Aufsichtsperson umsetzen.

2) Erst wenn kleine Klassen und eine gute Lehrerausstattung für die bedürftigeren Schüler gewährleistet sind – und erst dann: Schluss mit einer „Sonderpädagogik“, die sich global für alle Kinder mit Beeinträchtigungen zuständig wähnt und dadurch die Stigmatisierungen des Labels „Behinderung“ reproduziert. Inklusion kann nur die Abschaffung dieses Berufsstandes bedeuten – was nicht heißt, dass es nicht weiterhin Gehörlosenpädagogik, Sehbehindertenpädagogik, Sprachbehindertenpädagogik und meinetwegen auch Geistigbehindertenpädagogik geben muss. Nehmen wir noch einmal John: Seine Schädigungen im Kleinhirn sind so selten, seine Beeinträchtigungen so unerforscht, dass sich sogar die Spezialisten unter den Neurologen schwer tun, sie adäquat zu beschreiben. Eine Cerebellumgeschädigtenpädagogik wäre schön, aber es wird sie nie geben. Da aber die „Sonderpädagogen“ sich bisher trotzdem für John zuständig fühlen, nur weil er unter das Be-Wort fällt, muss er sie als Teil, wenn nicht sogar als Ursache seiner Stigmatisierung empfinden. In dem hier entworfenen, vielgliedrigen Schulsystem könnten sie sich als ganz normale Lehrer einreihen oder mit einer Spezialkompetenz für genau umrissene Probleme zuständig sein.

Ist das eine Utopie? Warum gibt es das nicht: ein öffentliches Schulsystem mit kleinen Klassen und ausreichend Lehrern und ohne Stigmatisierung für John? Warum braucht auch Johns Familie die Rückversicherung der Förderschulen als Schutzraum, falls es aus irgendeinem Grund mit der Privatschule für John nicht weitergeht? Alle Eltern von Kindern der Kategorie „behindert“ wünschen sich in der Theorie Inklusion, fürchten aber in der Praxis die Abschaffung der Förderschulen und der „Sonderpädagogik“. Warum?

Nicht nur Johns Eltern sollten sich zu den wachsenden Ausgaben, die ihnen für die Ausbildung ihrer Kinder abverlangt werden, einige Gedanken machen. Behindertenghettos dürfen keine Alternative zur Privatisierung der Kosten von Benachteiligungen sein. Denn diese Alternative wird am Ende auch auf die angeblich „Normalen“ zurückschlagen.

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