Ich. Heute. 10 vor 8.

Kinder bekommen! Keine Tiere töten!

© Jangle1969, CC BY-SA 3.0: Weinbergschnecken 

Die Feuilletons der letzten Wochen sind voll von Beiträgen, die aufschreien, dass das Leben mit Kindern doch Wahnsinn sei, man also keine bekommen werde, und die Vereinbarkeit von Kind und Karriere ohnehin eine Lüge sei. Und Beiträgen, die dem entgegnen, dass Kinder das größte Glück der Welt seien, man sie doch bitte einfach bekommen solle und die damit verbundenen Herausforderungen dann schon meistern werde. Und ich bin vermutlich nicht die einzige, die sich wundert: Woher kommt es, dass mit großer Verve immer wieder dasselbe geschrieben wird? Es gibt doch auch keine Feuilletondebatte zum Thema Landleben, mit Beiträgen die behaupten, dass es Wahnsinn sei, auf dem Land zu leben, und anderen, die entgegnen, dass das Landleben glücklich mache und man die langen Wege ja auch für Entspannungsübungen nutzen könne (Sie erinnern sich, der liegende Kaktus).

Einige Gründe, warum die Debatte übers Kinderkriegen so emotional geführt wird, liegen auf der Hand: die Reformen des Scheidungsrechts und die Einführung des Elterngeldes bedrohen das alte Alleinverdienermodell; die Deutschen bekommen immer weniger Kinder; Kinder werden zum letzten Refugium der Einzigartigkeit hochstilisiert. In der Debatte selbst geht es aber nur am Rande um gesamtgesellschaftliche Entwicklungen oder gar um die Frage, wie man diesen begegnen könnte – wie wir mit der drohenden Überalterung umgehen wollen, wie wir Arbeit anders aufteilen könnten oder was, ganz allgemein, denn eigentlich das gute Leben ausmacht. Stattdessen wird ein bunter Strauß vielfältiger Einzelargumente ins Feld geführt, warum man Kinder bekommen will (und sollte) oder warum man sich gegen Kinder entscheiden muss (oder sollte).

Die Debatte teilt einige wesentliche Merkmale mit anderen Themen, die keine vergleichbare gesellschaftspolitische Relevanz haben, auch wenn das vielleicht zu wünschen wäre: Zum Beispiel mit der Frage, wie wir mit Tieren umgehen und was wir essen sollen, sowie mit einer in letzter Zeit prominent diskutierten Antwort darauf, nämlich: vegan zu leben. Beide, die Ernährungs- und die Kinderdebatte fordern Entscheidungen: ein bisschen vegan ist schwierig, ein bisschen Kind noch schwieriger. Die Entscheidung für Kinder hat ebenso wie die für ein veganes Leben weitreichende Konsequenzen, die zunächst und vor allem mit viel Anstrengung verbunden sind: Schluss mit dem Hedonismus; Schluss mit Steaks medium rare und Sex am Vormittag; Schluss mit italienischen Designerschuhen und spontanen Abstechern nach New York, Paris oder Mailand.

© J. Patrick Fischer, CC BY-SA 3.0: Weinbergschnecken, gekocht 

In der Ernährungs- wie auch der Kinderdebatte wird auf diese Aufzählungen des Verzichts dann auch ganz ähnlich reagiert, nämlich entweder mit einem beschwörenden Aufruf, dass man doch bitte etwas mehr Bereitschaft zeigen müsse, für das große Glück auf der einen, die Rettung der Tiere auf der anderen Seite auf den überschätzten Hedonismus zu verzichten; oder mit der gegenteiligen Aufforderung, sich doch bitte nicht so anzustellen, sich einfach ein bisschen mehr anzustrengen, dann gehe doch auch beides: KiTas und Großeltern retten das Sexleben und die Kurztrips, vegane Starköche lassen die Erinnerung an so etwas Profanes wie Steak medium rare verblassen, und überhaupt ist doch alles nur eine Frage der Organisation (und des Geldes). Letztlich haben beide Aufforderungen eines gemeinsam: Sie schreiben dem Individuum das Problem zu: Du hast es in der Hand.

Diese Intuition, dass es nur von uns abhänge, ob etwas zum Problem wird oder nicht, passt gut in unsere moderne Welt der vielen Möglichkeiten. Es ist ja auch unstrittig eine große Errungenschaft, dass wir in einer Welt leben, die es uns erlaubt, zu glauben, dass wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen könn(t)en. Aber man sollte gesellschaftspolitische Themen nicht so diskutieren als handele es sich allein um Fragen von persönlichen Präferenzen und Kompetenzen.

Die Entscheidung, Kinder zu bekommen oder nicht, ist mittlerweile zum Glück eine ganz private Angelegenheit. Man sollte sich natürlich – im übrigen ganz ohne dafür Gründe nennen zu müssen! – für oder gegen den Wahnsinn entscheiden dürfen, genauso wie man sich für oder gegen das Bauernhaus und für oder gegen das Steak medium rare entscheidet. In der Debatte um Kinder geht es aber nur vordergründig um eine persönliche Wahl. Eigentlich kreisen alle verlinkten Artikel um ein konkretes, keineswegs allein individuelles Problem, nämlich die so genannte Vereinbarkeit von Job und Familie. Und dieses Problem lässt sich nicht dadurch lösen, dass wir an uns arbeiten, besser organisieren, effektiver werden. Es wird nicht alles gut, bloß weil man sich ganz doll anstrengt, nicht heult und mehr Yoga macht. Die Forderung, man solle sich doch einfach von den jeweils damit verbundenen überhöhten Ansprüchen frei machen, übersieht, dass diese Ansprüche keine Hirngespinste Einzelner sind, denen zufällig immer mehr Menschen zum Opfer fallen, sondern ein klares und deutliches Zeichen dafür, dass sich beide Bereiche – das Arbeits- ebenso wie das Familienleben – gerade grundlegend wandeln: Vor einigen Jahrzehnten war es normal, außerhalb des Büros nicht erreichbar zu sein. Heute ist es in vielen Jobs ebenso normal, „immer“ erreichbar zu sein – und auch wenn damit nicht Tag und Nacht gemeint ist, so doch mindestens die Zeit, in der Kinder normalerweise wach sind. Aber das liegt doch nicht nur daran, dass Einzelne sich unabkömmlich fühlen, sondern vor allem daran, dass neue Technologien und eine immer stärker vernetzte Arbeitswelt unser Arbeitsleben radikal verändern.

Ähnliches gilt für das Familienleben: Der Aktionsradius, in dem sich Kinder unbeaufsichtigt bewegen wird immer kleiner (ein gern zitiertes Beispiel sind die vier Generationen in Sheffield); um einen KiTa-Platz müssen sich Kinder und Eltern bewerben; mit KiTa-Eintritt beginnen regelmäßige Eltern­abende, in der Schule Hausaufgabenbetreuung. Auch diese neuen Elternpflichten resultieren doch nicht nur aus einer Massenhysterie von sich unabdingbar wähnenden Großstadteltern, sondern auch daraus, dass wir in einer ganz anderen Gesellschaft leben: Es gibt in Hamburg oder Berlin 2014 schlicht mehr Verkehr als im Sheffield des 19. Jahrhunderts; und es ist in vielen KiTas untersagt, sein Kind unbeaufsichtigt dorthin gehen zu lassen; und KiTas wie Schulen fordern schlicht mehr Elternengagement als früher.

Über all dies und wie wir an den Aspekten, die uns nicht wünschenswert scheinen, etwas ändern können, würde ich gerne mehr lesen. Im übrigen auch darüber was wir essen und wie wir mit Tieren umgehen wollen. Und überhaupt darüber, wie wir leben wollen. Aber doch bitte nicht immer wieder darüber, dass wir uns einfach nur ein bisschen mehr anstrengen und weniger heulen sollen.

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