Ich. Heute. 10 vor 8.

Wie Smarties! Junge Frauen und die “Pille danach”

“Man muss es wohl immer wieder sagen: Das sind keine Smarties.”
Jens Spahn, 13. Januar 2014. twitter.com/jensspahn

 

Der mediale Zirkus ist inzwischen weitergezogen: Affäre Edathy, Krimkrise, Uli Hoeneß. Trotzdem, die Älteren unter uns werden sich vielleicht noch erinnern: vor gut einem Monat gab es eine öffentlichkeitswirksame Diskussion über die “Pille danach”. Die ist in Deutschland sowie in den katholischen Hochburgen Polen und Italien verschreibungspflichtig, im Rest der westlichen Welt dagegen in Apotheken frei erhältlich. CDU/CSU und ihr Gesundheitsminister Hermann Gröhe sowie die Bundesärztekammer wollen an der Rezeptpflicht festhalten. Fast alle anderen, inklusive Bundesrat und ein der Bundesregierung unterstellter Sachverständigenausschuss, finden, dass a) Apotheker auch kompetente Berater abgeben können (dies finden insbesondere auch die Apotheker), es b) nicht klar ist, warum deutsche Frauen mehr ärztliche Supervision als ihre europäischen Nachbarinnen brauchen sollten, und c) es sich hier wieder mal um einen Angriff auf das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper handelt. Die Mitherausgeberin des Missy-Magazines und Mitbegründerin dieses Blogs Stefanie Lohaus lancierte, kurz bevor die Sache im Bundestag debattiert wurde, eine Petition für die rezeptfreie Zulassung auf change.org, die innerhalb von 36 Stunden mehr als 20.000 Mal unterschrieben wurde.

Die Debatte im Bundestag blieb einigermaßen gesittet, man war sich im wesentlichen einig darüber, dass Frauen mündig und selbstentscheidungsfähig seien, wenngleich dennoch bestmöglich informiert und beraten werden müssten; nur uneinig darüber, wer diese Beratung anbieten können sollte. Die CDU/CSU-Abgeordneten argumentierten mit der besonders hilfreichen und intimen Beratungsmöglichkeit des vertraulichen Arztgespräches (sie waren anscheinend noch nie in einer Sprechstunde für Kassenpatienten), SPD, Linke und Grüne verwiesen vornehmlich auf den Ärztemangel auf dem flachen Land und die Notwendigkeit, das Präparat möglichst schnell nach dem Verhütungsunfall einzunehmen. Am Ende wurde die ganze Sache zurück an die Ausschüsse verwiesen, wo sie vermutlich immer noch ruht. (Anfang dieser Woche hat DIE LINKE deshalb eine Kleine Anfrage gestellt, wie die Bundesregierung weiter zu verfahren gedenkt).

In den Medien geriet der Tonfall schon etwas härter. Bundesgesundheitsminister Gröhe argumentierte mit anscheinend vor allem ihm bekannten “schweren Nebenwirkungen” des fraglichen Präparates Levonorgestrel, Herr Spahn packte seinen altgedienten Smarties-Vergleich wieder aus und brachte damit eine ganze Menge junger Frauen gegen sich auf. Feministinnen aller Art erbosten sich über konservative Geisteshaltungen und patriarchale alte Herren, derweil aus Unionskreisen inständige Warnungen gegen den “leichtfertigen” Umgang mit der Pille ergingen (vielleicht war auch Sex allgemein gemeint). Und Herr Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, sprach einigermaßen realitätsfern davon, dass die Sexualaufklärung junger Mädchen in der Hand von Ärzten ruhe und da auch bleiben müsse.

Auf die jungen Mädchen, die es vor frei käuflichen Verhütungsmitteln zu schützen gelte, wurde häufig verwiesen und ich fand das auffällig. Es ging bei dieser Debatte offensichtlich um einiges mehr als um einen bloßen Ständekampf zwischen Ärzten und Apothekern. Dass die weibliche Reproduktionsselbständigkeit in Gesellschaften mit patriarchaler Vorgeschichte (also allen) immer ein heikles Thema war, ist bekannt. Ebenso, dass es den meisten Gesellschaften noch immer schwer fällt, Frauen ihren eigenen Körper so ganz zu überlassen. Heute ist es freilich kaum mehr denkbar, erwachsenen Frauen sexuelle Selbstbestimmung abzusprechen. Bei jungen Mädchen ist die Sache aber nicht ganz so klar. Mir scheint fast, die minderjährige Frau ist zu so etwas wie der Rückzugszone für paternalistisches Denken geworden. “Frauen, die mitten im Leben stehen” (Emmi Zeulner, CSU) seien ja gar nicht gemeint mit all dem angemahnten ärztlichen Beratungsbedarf. Aber die jungen Mädchen! Die müssten geschützt werden. Die jungen Mädchen spielten auch bei den Befürwortern der Pillen-Freigabe eine Rolle, die über weite Strecken eigentümlich defensiv argumentierten und ebenfalls die gute Beratung und Information von Frauen als zentral herausstellten.

Nun kann man gegen den besonderen Schutz von Minderjährigen bestimmt nichts einwenden. Aber Teenager im Alter sexueller Reife sind prinzipiell denk- und handlungsfähig, auch weibliche. Und vor allem: ist es nicht ein bisschen seltsam, die besondere Schützenswürdigkeit des weiblichen Geschlechts vor sich selbst ganz allgemein neu zu begründen, indem auf seine jungen, möglicherweise noch unreifen Exemplare verwiesen wird?

Vollends komisch wird die Sache, wenn wir den Blick noch etwas weiten auf den in unserer Gesellschaft weiterhin fröhlich gepflegten Jugendwahn. Demzufolge die ideale Frau wie eine 18jährige aussieht und sich auch so verhält. Was dann aber wiederum einen wunderbaren Vorwand dafür liefert, sie nicht so ganz ernst zu nehmen. Reifen Frauen wird keine Fähigkeit und kein Recht mehr abgesprochen. Bloß jungen Mädchen. Blöd nur, dass wir tendenziell alle junge Mädchen sind. Und pausenlos Smarties essen wollen.

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