Ich. Heute. 10 vor 8.

Werden wir alle “Chinesen”?

„Sagen Sie nichts mehr am Telefon, kommen Sie her, und wir treffen uns,“ sagte Xie Yanyi, ein 38-jähriger chinesischer Rechtsanwalt, der im letzten Sommer bei seiner Regierung ein tollkühnes Gesuch zur Wahrung des Rechts auf Auskunft eingereicht hatte. Als Snowdens Enthüllungen über die NSA-Überwachungen die ganze Welt in Aufruhr versetzten, wollte Herr Xie wissen, wie, in welchem Ausmaß und in wessen Auftrag die chinesische Regierung die Telefon- und Onlinekommunikationen ihrer Bürger überwachte. Er wusste: Das Ausmaß ist gewaltig.

© Jos Dielis via Flickr, lizensiert unter CC BY 2.0 Beim Stricken können sich Chinesinnen austauschen, ohne dass der Staat mithört.

Ich lebe in China und bin Heimlichtuerei gewöhnt. Vorsichtsmaßnahmen sind notwendig, weil der Staat seinen Bürgern nicht erlaubt, die Macht in Frage zu stellen; weil er sie kontrolliert und einschüchtert. Wenn es sein muss, mit Gewalt. Also ließ ich mich siebzig Kilometer nordöstlich von Peking in die Stadt Miyun fahren, wo Herr Xie in einem Kentucky Fried Chicken Restaurant auf mich wartete. Wir begrüßten uns, kauften Tee und setzten uns an einen Tisch.

Herr Xie hatte auf sein Gesuch keine Antwort bekommen, nur einen kafkaesken Einzeiler letzten August, dass seine Anfrage „nicht innerhalb der Parameter der Regierungsinformationen“ läge. Dann wurde er einige Monate drangsaliert, von verschiedenen Sicherheitsbeamten: Beamten der Staatssicherheit des Pekinger Distrikts Chaoyang, wo sein Rechtsanwaltsbüro liegt, und Beamten der lokalen Behörden in Miyun, der Stadt, wo er wohnt. Sie riefen ihn an, sie kamen in sein Büro, sie sagten ihm, dass das, was er wollte, für den Staat „zu sensibel“ sei.

Während ich das halbe Dutzend Briefe mit meinem iPhone abfotografierte, fragte ich mich, ob auch wir gerade fotografiert worden waren. Unser Treffen war vor zwei Stunden hastig vereinbart worden, Herr Xie hatte mich gewarnt, dass ich schnell machen müsse, wenn ich ihn sehen wollte, Sicherheitsbeamte könnten sich einmischen.

Um die Möglichkeiten zu minimieren, dass irgendjemand erfuhr, wo ich war, spielte ich mit dem Gedanken, mein iPhone im Büro zu lassen – denn ein Mobiltelefon verrät den Standort seines Besitzers jedem, der die Technologie beherrscht. Aber ich gab die Idee wieder auf. Ich habe nichts zu verbergen, und Herr Xie auch nicht. Außerdem – prosaisch, aber nicht unwichtig – musste ich nach dem Treffen nach Hause. Ohne Telefon kann man nicht zu Hause anrufen und wichtige Dinge mitteilen, wie „Kochst Du heute Abend für die Kinder?“

Chinesische Freunde deaktivieren häufig ihre Telefone, oder entfernen sich von ihnen, wenn ihre Unterhaltungen heikel werden. Man überlegt sich genau, was man online schreibt. Man spricht öfter in Euphemismen. „Harmonisiert“ zu sein, bedeutet etwa, dass man verhaftet wurde oder aufgegeben hat. „Spazieren gehen“ kann bedeuten, dass man zu einer Demonstration geht. Die Sprache ist indirekt. Es gibt gute Gründe dafür.

„Spionage, Verschlüsselung, Intrigen, Geheimhaltung waren Teil politischer und militärischer Aktivitäten der Menschen von Alters her,“ erklärt mir David Der-Wei Wang, Professor für chinesische Literatur in Harvard in einem Telefoninterview. Seit hunderten, gar tausend Jahren  ist die Figur des Spions bekannt im Volksmund und in der Literaturgeschichte. Herr Wang erzählt mir von dem literarischen Werk Mai Jias, einem Verfasser von wunderlich-fesselnden Spionageromanen. Viele finden in der Zeit der Chinesischen Republik statt, zwischen 1911 und 1949. „Mai Jia und seine Romanfiguren würden sagen, dass die ‚Kunst’ und die Politik des Spionierens und der Verschlüsselung immer schon in alle Ebenen unseres Lebens eingeschrieben sind“, meint Professor Wang.

Unter dieser Annahme – dass man eben im täglichen Leben aufpassen muss, weil der Staat immer mithören könnte – hat mich nun meine Freundin Qin Liwen neulich bei einem Abendessen in Berlin mit der Frage konfrontiert: „Werden wir nun alle Chinesen?“ Sie liebt China. Aber das war kein Kompliment, oder wenn, dann ein ironisches. Snowden hat es uns offenbart, dass wir schon längst Chinesen sind, als er im letzten Jahr das Ausmaß der Datensammlungen durch die USA enthüllte. Daten über Sie über mich. Daten über Angela Merkel, vielleicht über Xie Yanyi. Ob uns das gefällt oder nicht: Wir sind umzingelt.

Noch immer besteht der große, wichtige Unterschied darin, dass in China effektiver Protest gegen die Datensammelwut und die Repressionen des Staates unmöglich sind. Egal, wie abschreckend die Datensammlungen der USA auch sind: es gibt noch Luft nach oben. Allein, die Tatsache, dass Snowden seine Enthüllungen machen konnte, ist ein Zeichen der Freiheit. Oder wie Herr Xie sagte: „Es gibt schon Ähnlichkeiten zwischen China, den USA oder der EU, aber ich würde die Situation unterschiedlich einstufen.“

Mutige Menschen wie Herrn Xie versuchen Aufmerksamkeit auf das Problem zu lenken, und hoffen, dass dadurch eines Tages das Bürgerrecht, frei von Schnüffelei zu leben, Wirklichkeit werden könnte. Ein noch aussichtloser Kampf, fürchte ich. Aber Sie, als Bürger einer Demokratie, Sie haben doch eine Stimme. Nehmen Sie sie ernst? Oder lesen Sie diesen Text, legen Ihr Tablet seufzend beiseite, lehnen sich im Stuhl zurück, bestellen einen weiteren Cappuccino und vergessen alles wieder?

Übersetzung aus dem Englischen: Marion Detjen

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