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Twittern gegen den Tod

© Bild-PD-alt-100Dem Tod so nah

Wir können keinen Tod. Das ist die Diagnose von Caitlin Doughty, einer 29jährigen Bestatterin und Todestheoretikerin aus Los Angeles. Ihr Buch über ihre Arbeit im Krematorium – “Smoke Gets in Your Eyes (and Other Lessons from the Crematory)” – erscheint im September.

Doughty, eine fröhliche, schlaue, attraktive Frau, beantwortet auf ihrer Webseite „Ask a Mortician“ Fragen über Leichenstarre und Nekrophilie. Dass der Tod in der ersten Welt und vor allem in Amerika, diesem zwanghaft positiv denkenden Land, tabuisiert wird, stellt für sie ein ernsthaftes Problem dar. Tod gilt hier als die ultimative Niederlage. Doughty ist allerdings überzeugt, dass wir nur dann wirklich mit dem Leben beginnen können, wenn wir akzeptieren, dass wir alle sterben.

Unsere Todesscheu, so meint sie, hänge mit der modernen Bestattungspraxis zusammen, bei der die Leichen sofort weggekarrt werden. „Wir leben in einer Gesellschaft, die so weit vom toten menschlichen Körper entfernt ist, dass wir keine wirklichen Begegnungen mit dem Tod mehr haben. Für unsere Vorfahren waren tote Körper etwas Normales, für uns sind sie das nicht mehr. Menschen verschwinden einfach“, sagt sie. “Deine Großmutter war da, dann ist sie weg. Dadurch wird der Tod zu einem abstrakten Konzept.”

Als Studentin mittelalterlicher Geschichte an der University of Chicago belegte Doughty Kurse zur Kunst des Makabren und war überrascht, was für eine andere Rolle der Tod damals noch spielte. „Damals hieß es überall: ‚Ach, übrigens, der Tod ist gleich um die Ecke. Mach Dich bereit!’“

In der heutigen, nach ewiger Jugend strebenden Kultur, in der schon junge Frauen Werbung für Faltencremes machen, sieht sie einen entgegengesetzten Impuls: Wir wollen einfach nicht akzeptieren, dass wir alle sterben müssen.

Wie bei jeder unterdrückten Angst führt die Unfähigkeit, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, zu zwanghaftem Verhalten – von der Arbeitssucht bis zur Vieltwitterei. Twittern gegen den Tod? Jeder suche sein bisschen Unsterblichkeit, sagt sie und fügt hinzu, dass unsere Angst vor dem Tod schließlich eine der großen Antriebskräfte unserer Kultur sei.

Als Doughty ihre Studien beendet hatte, wollte sie zunächst promovieren, entschied sich dann aber doch dafür, ihre Hände schmutzig zu machen und begann, in einem Krematorium zu arbeiten.

Von da an beschäftigte sie sich von morgens bis abends intensiv (und buchstäblich) mit dem Tod. Das war schwierig, aber lehrreich. „Die Auseinandersetzung mit dem Tod bringt alle Gefühle an den Tag, von denen Du nicht wusstest, dass Du sie hast“, sagt sie. „Wenn Du Dinge unterdrückt hast, kommen sie hoch. Als ich mit dem Job anfing, fragte ich mich, ‚Warum habe ich keinen Freund? Warum bin ich nicht verliebt? Warum bin ich nicht erfolgreicher?’ Wenn Du von Leichen umgeben bist, begreifst Du, dass das Leben kurz ist. Das hilft nicht bei allen Problemen, aber Du lebst bewusster.“

Als erste Annäherung rät Doughty ihren Lesern darüber nachzudenken, was sie sich nach ihrem Tod für ihren Körper wünschen. Klingt Kremation nach einer guten Idee oder macht Ihnen die Vorstellung, verbrannt zu werden, Angst? Und eine Einbalsamierung? Erinnert sie die ans alte Ägypten oder an den Geruch von Chemikalien? Assoziieren sie eine Bestattung eher mit einem schwarzen Loch oder mit der Geborgenheit der Erde?

Durch die Beschäftigung mit diesen praktischen Fragen verändert sich alles, sagt Doughty: Wer sich mit seinen Lieben darüber unterhält, was mit der eigenen Leiche passieren soll, eröffnet damit die Möglichkeit, auch über andere, emotional heiklere Themen zu sprechen.

Doughty, inzwischen eine staatlich anerkannte Bestatterin, hat den „Orden für den guten Tod“ gegründet, eine Gruppe von Künstlern und Experten. Um Menschen zu helfen, ihre Angst vor dem Tod zu bekämpfen, veranstaltet dieser Orden unter anderem „Death Salons“, dreitägige Zusammenkünfte, bei denen es sowohl Vorträge über kompostierbare Stoffe fürs Grab gibt als auch Cupcakes, die mit kleinen, zuckrigen Grabsteinen dekoriert sind.

Und all das in Los Angeles. Dort lebt sie, weil es so schön, sonnig und oberflächlich ist. Denn eins ist klar: Wenn sie es schafft, die Menschen in LA dazu zu bewegen, innezuhalten und über den Tod nachzudenken, dann gelingt ihr das auch überall sonst.

Gerade eröffnet Doghty ihr eigenes alternatives Bestattungsinstitut „Undertaking LA“, in dem sie Menschen dazu animieren möchte, unmittelbarer mit den toten Körpern der Menschen umzugehen, die sie lieben. „Ich möchte, dass die Leute verstehen, wie gesund es ist sich einzubringen“, sagt sie. „Ein toter Körper sieht wirklich tot aus. Das zu sehen hilft Dir zu begreifen, dass der Mensch weg ist, und es erinnert Dich daran, dass auch Du sterben wirst – und an all das, was Du vorher auf keinen Fall verpassen willst.“

(Übersetzung: Katharina de la Durantaye)

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