Ich. Heute. 10 vor 8.

Zurück aufs Dorf?

Kürzlich zog mal wieder ein Shitstorm durch die digitale Landschaft. Soweit wäre das nicht der Rede wert, damit können wir umgehen – spätestens seit Sascha Lobos „How to survive a Shitstorm“ auf der re:publica 2010. Ich hätte ihn nicht weiter beachtet, wenn im erklärenden Artikel nicht das Bild eines T-Shirts zu sehen gewesen wäre, das mich an früher erinnerte. Im Kartoffeldruck-Stil ist die Silhouette einer Gruppe Menschen zu sehen, eine Person hält einen Stock, drumherum der Text: „Macker gibt’s in jeder Stadt – bildet Banden, macht sie platt.“ Als ich zu Beginn meines Studiums Ende der achtziger Jahre nach Berlin zog, wurden solche T-Shirts viel getragen, und ich finde immer wieder erstaunlich, dass es sie noch gibt, trotz Techno, Hipness und der Netz-Kultur mit Katzen und rosa Ponys.

Das T-Shirt provoziert, und das soll es sicher auch. Es ist Ausdruck von Frustration über und Protest gegen die Verhältnisse, gegen die sexistischen Verhältnisse.

Als ich Anfang 20 war, hätte ich verrückt werden können vor Verzweiflung über die absurden Widersprüche dieser Welt. Uns war erklärt worden, dass wir Mädchen alles erreichen könnten: Wir brauchten nicht mehr zu heiraten, durften und sollten uns selbst ernähren, konnten unsere Fahrräder und Motorräder allein reparieren und nach Belieben promovieren, und trotzdem stießen wir überall an gläserne Wände. Wie die Generationen von Frauen vor uns gingen wir nachts nicht durch den Park. Dieselben Ängste vor Vergewaltigung, derselbe Ärger über Anmache auf der Straße, über geringere Einkommen, geringere Aufstiegschancen, blöde Kommentare von Mathe-Lehrern, schlechte Witze übers Einparken. Und parallel die Botschaft, dass doch jetzt alles erreicht sei.

Mit den Jahren arrangieren sich die meisten damit, dass die Welt weder rational noch logisch ist, aber mit Zwanzig macht das wütend. Ich trug ähnliche T-Shirts, und manchmal hätte ich mir gewünscht, ich hätte den Mumm gehabt, zurückzuschlagen, aber den hatte ich nicht. (Vielleicht war ich auch bloß vernünftig – aus einer frühen politikwissenschaftlichen Hausarbeit über juristische Verfahren gegen gewalttätige Männer und Frauen wusste ich, dass Männern eher nachgesehen wird, wenn sie Gewalt ausüben.)

Wie unsere T-Shirts auf andere gewirkt haben? Keine Ahnung, das hat uns eigentlich wenig interessiert. Sie waren eher Ausdruck der gemeinsamen Subkultur denn ernstgemeinte Ankündigung.

Umso verblüffter war ich, als ich nicht nur von Beschimpfungen der Autorin des Blogposts zum bewussten T-Shirt las – dem Shitstorm also – , sondern auch in meinem direkten Umfeld unter Feministinnen diskutiert wurde, dass ein solches T-Shirt zu Gewalt aufrufe und eine gemeinsame politische Basis so verloren gehe. Vielleicht wäre nicht schlecht gewesen, wenn ich mit solchen Meinungen auch damals konfrontiert gewesen wäre, um früher zu realisieren, wie viele Unterschiede es auch zwischen Feministinnen gibt. Aber vielleicht wäre ich mit mir und der Welt zu beschäftigt gewesen, um auch noch diesen Widerspruch auszuhalten.

Nachdenklich gemacht haben mich die anderen Reaktionen. Es gab eine Fülle von sehr persönlichen Beschimpfungen, Drohungen, Ankündigung von Strafanzeigen, eine lebhafte Debatte über die Autorin. Das ist nicht ungewöhnlich und auch mir nicht neu. Es gehört gewissermaßen zum feministischen Online-Alltag, mit solchen Attacken rechnen zu müssen – bis hin zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen oder Ankündigungen, Kinder und andere Verwandte anzugreifen. Kathrin Ganz und Helga Hansen haben dieser speziellen Variante des Shitstorms 2011 einen re:publica-Vortrag gewidmet, etwa gleichzeitig ging hatr.org online, eine Website, die versucht, das Beste aus den hasserfüllten Kommentaren zu machen.

Was war jetzt anders?

Für viele, mich eingeschlossen, ist das Internet ein Weg zu einer demokratischeren Welt mit mehr Gleichberechtigung und Teilhabe. Die Gatekeeper der alten Medien verlieren ihre Bedeutung, wenn alle einfach veröffentlichen können, was sie wollen (den Zugang zur Technik vorausgesetzt – eine nicht ganz unerhebliche Einschränkung). Die politische Auseinandersetzung darum, ob das Netz dieses Versprechen halten kann, wird seit den Enthüllungen von Edward Snowden neu geführt.

Mit dem Versprechen einer besseren Welt kam die Erkenntnis, dass mit der Demokratisierung der Öffentlichkeit Meinungen ungebremst aufeinanderprallen, die vorher selten so sichtbar waren. Es gibt unglaublich viele destruktive, undemokratische, rassistische und eben sexistische Beiträge und Kommentare. Die Parallele zur Debatte über Volksentscheide ist unübersehbar: Ist es richtig, Volksentscheide zu fordern, wenn dabei rauskommt, dass die Todesstrafe wieder eingeführt wird oder, wie in der Schweiz, rassistische Gesetze verabschiedet werden müssen?

Der eine politische Flügel der Internet-Debatten setzt sich entschieden gegen die als Zensur wahrgenommene Einschränkung ein, Meinungsäußerungen im Netz zu steuern. Seine Vertreter_innen vertrauen auf die Kraft des besseren Arguments, das sich durchsetzen müsse. Eine andere Richtung plädiert dafür, den öffentlichen (Netz-)Raum für alle offen zu halten, indem gemeinsam zu findende Regeln eine Atmosphäre unmöglich machen, die verhindert, dass sich alle gleichberechtigt äußern können und wollen. Faktisch finden sich auf den meisten öffentlichen Online-Plattformen Teile von beiden und häufig eine rege Auseinandersetzung darüber, wie viel wovon dem Allgemeinwohl förderlicher sei. Niemand hat ein Patentrezept dafür; nicht umsonst ist ‘Community-Manager’ inzwischen eine eigene Berufsbezeichnung.

Ich bin sehr froh, dass ich vom Ausmaß an Hass gegen Feministinnen nichts ahnte, als ich damit beschäftigt war, meine politischen Haltungen zu finden und auszuprobieren. Ich glaube, ich hätte es nicht gut ausgehalten, und ich mache mir Sorgen, welche Auswirkungen diese Atmosphäre der Angst darauf hat, wie sich (junge) Menschen heute Meinungen bilden. Während ich diese Sätze schreibe, ahne ich den Widerspruch, den ich damit provoziere. Ich hoffe, dass es diesen Widerspruch geben wird.

Als sich die Kommunikation per E-Mail und über Mailinglisten durchsetzte, entstanden neue Regeln des Umgangs: die Netikette, die Etikette im Netz. Mit ihr wurde versucht, einen Umgang mit der Neuartigkeit der digitalen Kommunikation zu finden, und es ist mehr schlecht als recht gelungen, aber immerhin. In der digitalen Kommunikation ist viel schwerer, Emotionen sichtbar zu machen. Ein Effekt ist, dass häufig nur negative Reaktionen sichtbar werden, weil Zustimmung selten verbal – oder in diesem Fall schriftlich – ausgedrückt wird. Die meisten Netikette-Regeln legen fest, dass persönliche Beleidigungen nicht akzeptiert werden, oder dass Reaktionen auf E-Mails möglichst beim Thema bleiben sollten.

Reaktionen auf das beschriebene T-Shirt gab es sicher an ganz verschiedenen Orten im Netz, aber am sichtbarsten waren sie wohl bei Twitter. Ganz offensichtlich greifen die selbstgewählten Netikette-Regeln der Mailinglisten oder Foren in der viel größeren (Schein-)Öffentlichkeit von Twitter nicht. Dass wir damit rechnen müssen, im Hass der Couchpotatoes zu ertrinken, wenn wir wagen, missliebige Meinungen zu äußern, führt die Idee der Meinungsfreiheit allerdings völlig ad absurdum. Die Akzeptanz, dass die Kommunikationskultur im Netz „eben so ist“, hat Ähnlichkeiten mit der sozialen Kontrolle in Dörfern: alles wird gesehen, alles wird kommentiert. Für die Freiräume von Subkulturen ist kein Platz. Die sind aber nötig, damit neue Ideen entstehen und ausprobiert werden können. Es scheint zum Volkssport geworden zu sein, verbal auf Feministinnen und andere Minderheitenpositionen einzudreschen. Einfach schweigend zuzuschauen ist keine Option, wenn das Internet nicht zum Stammtisch werden soll.

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