Ich. Heute. 10 vor 8.

Seid wie die Ameisen!

© Hedwig Storch, CC BY-NC-SA 2.0Ameisen: extrem kurzsichtig und kollektiv, aber nicht determiniert

Neulich fand ich ein Tagebuch, das ich nach dem Abitur führte, als alle Türen offen standen und es nur an mir lag, mich für eine zu entscheiden. Es war tief in den achtziger Jahren, die Bundesrepublik suhlte sich in ihrem Wohlstand. Wir saßen wie in einer warmen Badewanne, lasen Böll, Frisch und Grass und schauten ratlos auf das Elend dieser Welt. Manchmal stolperten wir in die üppig ausgestatteten Theater, in den „guten Mensch von Sezuan“ von Brecht zum Beispiel:

„Oh ihr Unglücklichen! / Euerm Bruder wird Gewalt angetan, und ihr kneift die Augen zu! / Der Getroffene schreit laut auf, und ihr schweigt? / Der Gewalttätige geht herum und wählt seine Opfer / Und ihr sagt: uns verschont er, denn wir zeigen kein Missfallen.“

Irgendetwas stimmte nicht. „Brecht macht mir immer so ein schlechtes Gewissen“, notierte ich in mein Tagebuch, und dass ich meine Privilegien gerne für eine bessere Welt opfern würde. Aber wie? Dafür gab es Beispiele, die nicht gerade ermutigend waren, nicht zuletzt den guten Mensch von Sezuan selbst. Das Erbe dem Vietcong schenken, wie Tom Koenigs? Nach „Afrika“ gehen und den armen Kindern helfen, wie diese entfernte Tante, die sich bei meinen Kapitalisten-Großeltern immer den Kopf tätscheln ließ? Dass das Brecht’sche Stück zudem die radikalere Aufforderung enthielt, die soziale Ordnung, in der ich lebte, in toto über den Haufen zu werfen, wurde in meinem Tagebuch ignoriert. Der „Kommunismus“ war 1988 für uns westdeutsche Bürgerkinder kein Ausdruck der Sehnsucht nach einer politischen Alternative. Er war vielmehr auf einer Ebene mit „Afrika“ – eine der vielen Ausformungen des Elends, von dem wir selbst scheinbar nicht betroffen waren und für das wir uns bei Amnesty engagieren mussten, um es überhaupt wahrzunehmen.

Irgendetwas stimmte nicht, und wir gewöhnten uns daran. Die Türen blieben alle offen, aber nicht sperrangelweit, sondern nur so halb, ein bisschen abweisend. Thomas Mann schien mir aktueller als Brecht: „Was ist Freiheit! Nur das Gleichgültige ist frei. Das Charakteristische ist niemals frei, es ist geprägt, determiniert und gebunden.“ (Doktor Faustus) Es wäre ja auch wirklich schade gewesen, all die guten Dinge, die wir hatten, nicht nur das Geld, sondern auch unsere tolle Kultur, kaputt zu machen – ja gerade die Kultur, und für die entschloss ich mich schließlich zu arbeiten. Aufbruch – Auf zum Bruch! – war nur noch metaphorisch zu verstehen.

Heute weiß ich, wie das Phänomen heißt, mit dem ich damals nicht fertig wurde: Postmoderne. Ein paar Jahrhunderte lang hatten die Menschen wirklich geglaubt, das Alte hinter sich lassen und das Neue erzwingen zu können. Im Zeitalter der Moderne galt: Wer progressiv war, wollte den Bruch, und wer konservativ war, wollte ihn heilen. Doch dieses Spiel musste sich irgendwie totgelaufen haben. In der Postmoderne glaubte niemand mehr, das Neue erzwingen zu können. Nicht nur für uns westdeutsche Bürgerkinder war die Zeit der großen Erzählungen vorbei.

Und sind wir jetzt alle konservativ? Man könnte es meinen: Geld verdienen, die Institutionen administrieren, Yoga machen, die Kinder umsorgen, um den Arbeitsplatz, um die Wohnung und um die Rente bangen, ein bisschen Geschichtsaufarbeitung treiben und ein bisschen Gutes tun, nicht zu vergessen die Selbstinszenierung in den sozialen Netzwerken.

Vielleicht hat das viele Yogamachen allerdings auch etwas Gutes. Es lehrt uns zu differenzieren: Man braucht die Nackenmuskeln nicht, wenn man den Bauch anspannen will, den Beckenboden hingegen sehr wohl. Wenn die Alternative also nicht ist, entweder den ganzen ungerechten Laden in die Luft jagen oder sich arrangieren, können wir anfangen, mit verschiedenen, unseren Bedürfnissen angepassten Optiken auf die eng begrenzten Ausschnitte der Welt zu blicken, die uns zugänglich sind. Wir können schlechte, alte Bindungen lösen und neue, gute Bindungen aufbauen. Wir können Assoziationen bilden, Kollektive versammeln.

Wenn ich heute noch mal 18 wäre, würde ich nicht mehr wie ein Kaninchen auf halboffene Türen starren, über die ungerechte Welt klagen und mich wegen meiner Privilegien mit protestantischer Ethik geißeln. Ich würde stattdessen ganz viel Bruno Latour lesen und noch einige andere poststrukturalistische Theoretikerinnen, und dann das Beste daraus machen.

Bruno Latour sieht sich selbst als Ameise, die für andere Ameisen schreibt, blind, Spuren schnüffelnd, im Kollektiv reisend, arbeitssüchtig. ANT – ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben der Akteur-Netzwerk-Theorie. Wenn „wir“ handeln, handeln wir nicht als autonome Subjekte der abendländischen liberalen Philosophie, wir sind aber auch keine Marionetten übergeordneter Kräfte oder Gesetzmäßigkeiten. Wir sind handelnd in Netzwerken und Ketten mit anderen Handelnden verbunden – menschlichen wie nicht-menschlichen –, und selbst ein Netzwerk, in dem sich verschiedene Einflüsse kreuzen. Wenn wir unsere Netzwerke verstehen, lassen sich aus dem Verstehen, genauer als je zuvor, auch Machtfragen und politische Veränderungen entwickeln. Hinter vermeintlich fremdem Elend, hinter Armut und Unterdrückung werden Ursachen sichtbar, die mit uns selbst verknüpft sind, und dann können wir entscheiden, ob und wie wir tätig werden.

Allerdings brauchen wir für das Tätigwerden etwas, was bei Bruno Latour „Panorama“ heißt, vergleichbar vielleicht mit dem, was früher eine Utopie oder ein Gesellschaftsentwurf war: ein Bild davon, wie die Assoziationen „zusammengesetzt werden sollten, daß sie eine gemeinsame Welt hervortreten lassen.“ Und darüber wird – nicht nur in meinem Milieu der älter werdenden westdeutschen Bügerkinder – nicht genug gestritten.

Darf ich Sie fragen, rein hypothetisch und ohne Rücksicht auf Praktikabilitäten: Wie würden Sie gern mit Menschen und Dingen leben? Was ist Ihr Panorama? Wie wünschen Sie sich Gesellschaft? Wie sieht für Sie die Versammlung von Gleichen und Freien, wie sie uns seit Hobbes Zeiten vorgestellt wurde, aus? Sollen wir alle Händler und Ich-Unternehmer sein, und wer nicht konkurrenzfähig ist, bekommt Almosen? Oder lieber das Modell Kibbutz, wo jede leistet, was sie geben kann, und bekommt, was sie braucht? Oder wollen Sie Mitglied einer mitarbeiterfreundlichen Deutschland GmbH sein, die mit der Frankreich GmbH, der China GmbH usw. konkurriert? Oder wünschen Sie sich so etwas wie die alte Dorfgemeinschaft, mit Familien und Familienoberhäuptern? Und wer darf frei und gleich sein? Sie und Ihre Freunde, vermute ich – und wer noch? Die Deutschen? Die Europäer? Alle Menschen? (Rein hypothetisch, versteht sich.) Auch die Frauen? Auch die Behinderten? Vielleicht doch ein bisschen auch die Tiere? Und sogar die Dinge? Und wie wird die Macht in ihrer Wunsch-Gesellschaft geteilt, organisiert, legitimiert?

Ich jedenfalls kann unter den Bedingungen der Postmoderne, seit ich sie verstanden habe, sagen, was ich mich unter den Bedingungen der Moderne nicht zu sagen getraut hätte: dass mir das kommunistische Panorama Bert Brechts wesentlich besser gefällt als das elitäre Panorama von Thomas Mann. (Obwohl mir die Literatur Thomas Manns näher steht als die von Bert Brecht, einfach aufgrund von Herkunft, Vertrautheit, Kenntnis.) Irgendwas stimmte nicht, aber das waren wir wohl selbst. Höchste Zeit, der alten Bundesrepublik das Badewasser abzulassen.

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