Ich. Heute. 10 vor 8.

Wir finden sie schrecklich, reden aber dauernd über sie: Feministinnen, Prenzlauerbergeltern, Piraten und andere Randgruppen, die die Welt verändern wollen

© Bearbeitete Version des Bildes von Andreas Schwarzkopf, CC BY-SA 3.0Mein bequemes Hamsterrad.

Als das Flugzeug erfunden war, meinten viele, dass es keine Nationalstaaten und keine Kriege mehr geben würde; denn nationale Grenzen könnte man doch nun einfach überfliegen. Als die antiautoritäre Erziehung erfunden war, glaubten viele, nun würden Kinder endlich frei sein und die Welt ohne unterdrückte Emotionen eine friedlichere. Und als das Internet erfunden war, schien es, als könne endlich jede/r sagen und sein, was und wie er oder sie will. Heute wissen wir, dass diese Hoffnungen utopisch waren, schlimmer noch, sie scheinen uns naiv: Millionen sind in den modernen Kriegen gestorben; von der Abschaffung des Nationalstaats ist trotz seiner tatsächlichen und vermeintlichen Krise keine Rede mehr; und weder die Kinder noch das Internet sind „wirklich frei“.

Nach enttäuschten Hoffnungen scheint „das Alte“ wieder besser: Nun soll nicht mehr das Flugzeug, sondern die lokale Gemeinschaft die Welt besser, die Menschen wieder freundlicher machen. Die Rückkehr zu einer strengeren Erziehung soll verhindern, dass aus unseren Kindern Tyrannen werden. Und es scheint am besten, unsere Smartphones wieder in die Ecke zu werfen, um der Überwachung ein Ende zu setzen.

Zugleich werden die Gruppen, die jene Utopien mit Leben füllen wollten, mit (medialer) Häme überschüttet: früher die „Blumenkinder“ und ihre gescheiterte Utopie von Summerhill und Weltfrieden, heute die Piraten und ihre scheiternde Utopie des freien und demokratischen Internet; die Helikoptereltern sowie, in den deutschen Feuilletons: die Mütter vom Prenzlberg, und last but not least in immer neuen Variationen: die Feministinnen. Die Flugzeuge fliegen trotzdem, aber das ist auch die einzige dieser Erfindungen, die für diejenigen, die mit ihnen keine weitergehenden Hoffnungen verbinden, trotzdem unabweisbare Vorteile bereit hält.

Warum aber lieben wir jene Gruppen so wenig, die etwas Neues ausprobieren und sich der Gefahr aussetzen, damit zu scheitern? Warum freuen wir uns nicht, dass sie etwas ausprobieren, von dessen Gelingen oder Scheitern wir etwas lernen können? Und wenn wir uns schon nicht freuen, warum sind sie uns nicht wenigstens egal? Ständig reden wir über sie und versichern uns gegenseitig, wie verfehlt ihre Hoffnungen doch sind.

Eine gängige These ist, dass diese Debatten nur Gegenstand weltfremder Feuilletons beziehungsweise Ausdruck selbstreferentieller Filterblasen seien, in denen Akademikerinnen der urbanen Mittelschicht ihr eigenes Milieu mit der Wirklichkeit verwechseln. Eine andere These besagt, dass die Häme Ausdruck einer typisch deutschen oder mindestens typisch europäischen Haltung sei, die daher rühre, dass uns eine Kultur des Scheiterns fehle; denn „bei uns“ sei scheitern ein Makel, in den USA hingegen eine besonders wertvolle Lernerfahrung, auf deren Grundlage Imperien gebaut werden (können).

An beiden Thesen mag etwas Wahres sein. Keine scheint mir jedoch so interessant wie eine ebenfalls vergleichsweise alte Argumentation des Soziologen Harold Garfinkel, die dieses Phänomen etwa folgendermaßen erklären würde: Menschen verhalten sich erstaunlich oft konform zu gängigen sozialen Erwartungen. Sie tun das nicht etwa deshalb, weil sie diese Erwartungen einfach unkritisch übernommen hätten, sondern deshalb, weil sie die Natürlichkeit und Normalität der etablierten sozialen Ordnung gegen jegliche Irritationen verteidigen, um nicht in eine Situation zu geraten, in der sie die Wahl hätten und tatsächlich entscheiden könnten, ob sie sich weiterhin konform verhalten wollen oder nicht. Es treibt sie, so Garfinkel, also schlicht die Angst vor der Möglichkeit, dass die Dinge tatsächlich anders sein könnten. Anders und unbequem. Vielleicht könnte man tatsächlich mehr Demokratie wagen — das bedeutet aber, Zeit zu investieren, und Zeit ist bekanntlich Geld. Vielleicht sollte man die Kinder tatsächlich anders erziehen — das bedeutet aber, eigene Routinen zu hinterfragen, Fehler einzugestehen (auch die der antiautoritären Erziehung) und Erwartungen (etwa wie anstrengend Kinder sein dürfen) zu revidieren. All das ist mühsam, kostspielig und birgt Gefahren.

Aber wir könnten emanzipierter leben, Demokratie mit Leben füllen, gewaltfrei kommunizieren, weniger Tiere töten, etwas verändern. Woher also kommen Hass und Häme gegenüber denjenigen, denen etwas auf dem Weg hin zu diesen Utopien misslungen ist?

Für Garfinkel wäre auch diese Häme nicht verwunderlich, denn aus seiner Perspektive ist es nur folgerichtig, diejenigen als pathologisch abzustempeln, die uns die Möglichkeit so unerbittlich vor Augen führen, dass die Welt tatsächlich anders sein könnte. Hinzu kommt, dass wir mit der Häme auch gleich die Utopie entsorgen können: Es geht eben nicht anders (die politischen Utopien sind doch alle gescheitert). Man kann eben nicht alles haben (Emanzipation, Freiheit, jeden Tag Schokolade). Wenn Ihr etwas Neues probiert, wird es schlimm enden (Eure Kinder werden Euch auf dem Kopf herum tanzen, wenn Ihr nicht durchgreift). Und schon erscheint die Utopie lächerlich; sie hat ihren Stachel verloren. Und wir können uns wieder ins warme Badewasser unserer Normalität zurück fallen lassen. Wie praktisch. Und wie schade.

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