Ich. Heute. 10 vor 8.

Sie werden kaum ertragen, was Ihnen hier mitgeteilt wird

Es ist besser, es einfach zu wagen – einfach das zu schreiben, was dir am Herzen liegt. Und wenn sie es nicht wollen, dann pack es in deine Schublade. Aber vielleicht kommt der Tag, an dem du den richtigen Platz dafür findest.
Gay Talese

© Benjamin HeckKrautreporter

Zur Deeskalation ein Witz:
Zwei Juden sitzen beim Rabbi, um einen Streit beizulegen.
Erster Jude erklärt. Der Rabbi sagt: Du hast Recht.
Zweiter Jude erklärt. Der Rabbi sagt: Du hast Recht.
Ein anderer Rabbi kommt aus der Küche und sagt: Du bist der weiseste Gelehrte seit Rashi – wie kann es sein, dass beide Recht haben?
Der Rabbi sagt: Du hast Recht!

Es sah lange ziemlich düster aus. Nach einer ersten Welle der Begeisterung wurde den Krautreportern erst der Hintern versohlt, dann stockte das Crowdfunding und eine Woche vor Abschluss wurde die Aktion für gescheitert erklärt. Ich bin Journalistin, seit Freitagnacht Krautreporterin und war selbst schon drauf und dran, einen Text über unser Scheitern zu schreiben.

Als ich vor einigen Monaten angesprochen wurde, ob ich nicht Lust hätte auf ein Projekt namens „Projekt“, das sich auf die Fahnen schreibt, im Internet einen Raum zu erfinden, der sich allein durch die Leser finanziert, zog ich im ersten Moment die Augenbrauen hoch. Ich fragte, wie der Plan aussehe. Die Antwort: Wir sammeln 900.000 Euro in einem Zeitraum von einem Monat. Dann wird ein Jahr lang gearbeitet, recherchiert, geschrieben, bezahlt.
Wie meinen der Herr?
900.000 Euro.
Ich verstand.
Die Idee war irre und unheimlich anziehend. Sie leuchtete mir sofort ein. Natürlich. Wie schön wäre denn ein Raum im Internet, der sich nicht darauf spezialisiert, gut klickbare Überschriften zu erzeugen, ein Raum, der nicht nach dem Prominews-Prinzip funktioniert.

Ich träumte davon, dass es vielleicht möglich sein würde, Reportagen zu schreiben, so wie einst Marie Luise Scherer über einen Hundezüchter-Verein an der damals sogenannten Deutsch-Deutschen Grenze, über viele Seiten hinweg, wie ein Gemälde. Texte, die sehr, sehr selten geworden sind und für die das Recherchieren oft Monate dauert.

Einen Versuch ist es wert. Lasst uns zurück an den Ort, der uns freien Journalisten den Boden weggerissen hat: das Internet. Wir erklären die Welt da, wo sie am chaotischsten wird, wo ein Kahlschlag der Simplifizierung stattgefunden hat. Zurück an den Ort des Verbrechens. Genau da wollen wir Geschichten wachsen lassen, in guter journalistischer Tradition. Als eine von 28 Krautreportern bin ich mitgelaufen, Schlachtenbummlerin.

Um es gleich mal ganz selbstkritisch zu formulieren: Wir waren Mörder und Kriminalisten zugleich. Es herrschte Wirrsal, ein Gestrüpp aus Wünschen und Gedanken, Hoffnung und heillosem Chaos. Wie das Innere eines Menschen nun mal so ist, aber keine durchgeplante Mega-PR-Maschine es je zulassen würde.

Dass wir allein mit der Idee von Journalismus fast eine Million Euro eingesammelt haben, das ist eine Sensation.

Dabei wurde geschrien, aus den hohen Kreisen und den Büros nebenan: Ihr habt sie wohl nicht mehr alle; da sind ja nur Männer und alles Weiße; wie könnt ihr über xyz schreiben wollen, wo es doch um soundso gehen muss; banal, verkopft, bis ins Mark verdorben; Schönheit und Wahrheit kann ja jeder fordern. Vom Teil wurde aufs Ganze geschlossen, und das Ganze sollte dann der Beweis für die Leere sein.

Dann erhob der Ratgeber-Bestseller-Autor und Internet-Doktor Christian Ankowitsch im Gestus des Bürgerrechtlers mutig die Faust, um noch einmal zuzulangen. Er schrieb, dass wir letztlich doch nur wieder irgendwo angestellt werden wollten, keine Vision hätten und kein Konzept, und dass wir lieber selbst in Vorleistung gehen sollten, statt jetzt schon etwas zu versuchen.

Da wurde mir etwas klar. Wir sind darauf abgerichtet, maximal marktwirtschaftlich zu denken, Banken zu beknien, Schulden zu machen, Beweise zu liefern. Wir können nur noch in Marken denken. Und das hat mich, Achtung, zu Tränen gerührt.

Ich erinnere mich gut an den Zynismus von Roland Tichy, der mir, als ich auf die doch prekäre Lage von freien Journalisten hinwies, riet: „Dann ergreifen Sie einen anderen Beruf.“ Auf Deutsch: Wenn es dir hier nicht passt, verlasse das Land. Das ist im Übrigen ein Chefredakteur eines Wirtschaftsmagazins. Entschuldigung: WAR.

Für mich stinkt es augenblicklich billig und süß. Gehen Sie mal an den Kiosk, wenn Sie einen finden, und fragen, ob Sie sich erst einmal den Spiegel durchlesen dürfen, bevor Sie dafür bezahlen.

Wir alle müssen einen Weg finden, egal ob Krautreporter oder andere, neue anspruchsvolle Inhalte ins Netz zu hieven und dafür auch bezahlt zu werden. Und uns dabei von Konzernen wie Google womöglich sogar zu emanzipieren. Verhandeln statt dienen.

Das Neue kommt nun mal nur dann in die Welt, wenn man die Klicks erst einmal nicht zählt, wenn man das Unbekannte wagt und sich auf ein Abenteuer einlässt. Das ist riskant.

Unsere Leser und Leserinnen werden nun genau ein Jahr Zeit haben, zu lesen, zu wüten. Aber ganz ehrlich. Möglicherweise ist das für uns, Lesende und Schreibende, einfach eine große Chance.

Im September gehen wir online.

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