Ich. Heute. 10 vor 8.

Gypsy Lifestyle

© Dokumentationszentrum dt. Sinti und RomaDenkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma in Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gaby zum Beispiel. Sie ist Fotografin und berichtet auf ihrem Blog “Gypsy Diaries” von ihren aufregenden Reisen quer durch Europa. Sie bezeichnet sich selbst als “modern Gypsy”, weil sie 20-mal umgezogen ist und in fünf verschiedenen Ländern gelebt hat. Die Besucher/innen ihres Blogs beneiden sie für ihr lässiges „Gypsy-Leben” und wären auch selbst gern so frei, unabhängig und sexy wie ein “Gypsy”.
Ein Lifestyle, den auch die Frauen in der US-amerikanischen scripted reality-TV-Serie “My Big Fat American Gypsy Wedding” verkörpern. Dort werden die vermeintlichen „Gypsies“ von den Machern dazu instrumentalisiert, jedes nur erdenkliche Klischee zu erfüllen: Die Männer sind ungehobelte Machos, streitsüchtig, prollig und saufen, und die Frauen sind heiße Bräute im Minirock, mit tiefen Ausschnitten und Highheels, die sich von ihren Männern unterdrücken lassen.

Oder Lady Gaga. Auch sie fühlt sich als “Gypsy“ und verkündete kürzlich: ”Ich habe diesen Song geschrieben, als ich um die ganze Welt reiste. Man sagt, dass ein Gypsy keine Heimat hätte, aber ich habe immer ein Zuhause bei euch.” Doch höchst wahrscheinlich hatten weder Lady Gaga noch die anderen “Hobby-Gypsies” je eine reale Begegnung mit Sinti und Roma.

Es ist so viel leichter und massentauglicher, die gängigen Vorurteile gegen „Zigeuner“ zu bedienen als verantwortungsvoll mit Menschen und deren kulturellen Erbe umzugehen, deren Vergangenheit nicht von Romantik, sondern von der Bewältigung eines harten Lebens geprägt war.

Weit ab von der Realität existiert also eine Parallelwelt, in der die “Gypsy-Industrie” das “Zigeunerthema” ausschlachtet. Sie verfälscht die Kultur und reproduziert Klischees und Stereotypen, die schlimmsten Falls zum Feindbild stilisiert werden. Ein Feindbild, das Rassisten wiederum als Vorlage für Hetzparolen gegen Sinti und Roma aufgreifen. Wer sich aber gegen diesen oft verharmlosten “Positiv-Rassismus“ auflehnt, wird meist belächelt.

So auch “Mr. Wort zum Sonntag ”, Peter Hahne, der sich in seinem Buch “Rettet das Zigeunerschnitzel” über Political Correctness empört und Begriffe wie „Zigeunerschnitzel“ und „Negerkuss“ bedroht sieht. Dabei lässt der selbstgefällige Bildzeitungs-Publizist mit der sanften Stimme völlig außer Acht, dass an die 500 000 Sinti und Roma in der Nazi-Zeit unter diesem Begriff verhaftet und vergast worden sind.

Sinti und Roma sind auch heute noch regelmäßig verbalen und körperlichen Angriffen ausgesetzt. Von der Gesellschaft und manchen Politikern werden sie bestenfalls geduldet, aber nur selten erwünscht. Obwohl gerade deutsche Sinti schon seit 600 Jahren in diesem Land leben, werden sie nicht als gleichberechtigte Deutsche behandelt, sondern als Fremdkörper wahrgenommen.

Die Hemmschwelle der Gewaltbereitschaft der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Minderheiten sinkt –  das belegt das Ergebnis der letzten Europawahl. Nicht nur in Ländern wie Ungarn und der Tschechoslowakei wird gezielt und erfolgreich gegen Roma und auch Sinti gehetzt. Feindbilder, die von rechtsradikalen Parteien wie UPIK, Jobbik, Front National, NPD, AFD gegenüber Sinti und Roma verbreitet werden, finden ihren Weg vielerorts in die Mitte der Gesellschaft. Die traditionsbewussten “Vaterlands-Beschützer” tragen ihre braune Gesinnung heutzutage unter dem Businessanzug, und Marine Le Pen eben unter der weißen Bluse. Das Saubermann/-frau Image kommt bei den Leuten besser an.

Wer die Realität über Sinti und Roma erfahren möchte, wird sie also jenseits von Popkultur, Lifestyle-Blogs, Tarotkarten und Karnevalskostümen suchen müssen. Etwa in einem Einfamilienhäuschen, wo die Sinti Familie zusammen frühstückt, in der Uni, in der eine junge Romni mit ihren Kommilitoninnen im Hörsaal sitzt, oder in den Fußgängerzonen, in denen Roma-Kinder Saxofon spielen, während ihre Mütter betteln und aus den Mülleimern Pfandflaschen herausfischen, um ein paar Euro für das tägliche Leben zu sichern. Ein Leben, das in erster Linie eines ist: hart und gefährlich.

Laut der neuen „Mitte-Studie“ der Leipziger Universität sind Roma und Sinti extremen Stigmatisierungen ausgesetzt. 55,9 Prozent aller Deutschen halten Angehörige dieser Minderheit für kriminell, 47,1 Prozent möchten, dass sie aus den Innenstädten ganz verschwinden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass gerade die Frauen und Männer der älteren Sinti und Roma-Generation ihre Identität als Sinti/zi und Roma/nia verleugnen, um im Beruf erfolgreich oder nicht entlassen zu werden.

Es gibt aber auch noch eine andere, erfreuliche Realität. Denn die erste Akademiker-Generation dieser Minderheit etabliert sich inzwischen in höheren beruflichen Positionen und Ämtern, und es gibt immer mehr junge Menschen, die selbstbewusst zu ihrer Herkunft stehen. Menschen wie die Romni Soraya Post von der schwedischen “Feministischen Initiative” zum Beispiel. Sie zieht mit 5,3 Prozent in das Europäische Parlament ein. Ihren Erfolg bei den Wählern wertet sie als Zeichen gegen die menschenverachtende Rhetorik der Rechtspopulisten. Als Tochter eines Juden und einer Romni hat sie am eigenen Leib gespürt, wie es ist, als Mensch zweiter Klasse behandelt zu werden. Neben mehr Schutz für Minderheiten und Antirassismus setzt sie sich auch für die Gleichstellung und Einführung der Frauenquote ein. Denn für Soraya Post beinhaltet ein Kampf für Gleichberechtigung einer Minderheit den Feminismus ohnehin, da jeder Mensch den gleichen Wert hat: unabhängig von Abstammung und Geschlecht.

Die mobile Version verlassen