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Lifestyle-Väter und Teilzeit-Mütter

Der Mikrozensus, die größte jährliche Haushaltsbefragung des Statistischen Bundesamts ist in Sachen Teilzeitarbeit eindeutig: Während 69 Prozent aller erwerbstätigen Mütter Teilzeit arbeiten, sind es genau 5 % aller Väter. Auch beinahe 25 Jahre nach der Wende unterscheiden sich Ost und West erheblich: Bei den berufstätigen Müttern in den alten Bundesländern liegt die Teilzeitquote bei 75 Prozent, in den neuen nur bei 44 Prozent.

Dass im Jahr 2014 noch derart wenige Väter Teilzeit arbeiten, wohingegen dieses Modell für Mütter de facto den Normalfall darstellt, kann auf den ersten Blick verwundern: Denn die neuen Väter sind in aller Munde. Sie bevölkern Geburtsvorbereitungskurse, Spielplätze, Eltern-Kind-Cafés und Freizeitparks.

© Axel Tregoning (CC BY 2.0) Papa ist der Beste!

Vor zehn Jahren noch eine Seltenheit, marschieren sie nun stramm und stolz mit pinker Babytrage oder Blümchen-Buggy durch die Straßen, gern auch im Rudel, mit Latte Macchiato gleich in der praktischen Kinderwagenhalterung. Seit drei, vier Jahren werden sie von der medialen Öffentlichkeit äußerst wohlwollend betrachtet (lieber meckert man über blöde altmodische Feministinnen oder – wahlweise – über „Übermütter“ und „Rabenmütter“). Kein Wunder, dass selbst Prominente wie Sigmar Gabriel den „aktiven Vaterbonus“ einheimsen wollen. Es gibt mittlerweile auch einige Unternehmen, die für Babytragen oder andere Utensilien von ihrer Ästhetik her eine schicke „Männerlinie“ etabliert haben.

Dagegen ist nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil. Aber über den Lifestyle-Aspekt hinaus hat sich – was die Erwerbsstruktur einer Familie angeht – weniger geändert als man annehmen könnte, wenn man in einem Eltern-Kind-Café sitzt und neben den vielen  Müttern auch ein paar erschöpfte Väter mit Eulenaugen erblickt.

Die Zahlen belegen: Was in Frankreich und Schweden selbstverständlich ist, ist für eine Mutter in einer deutschen Kleinstadt schon ein Schritt ins soziale Aus. So berichtet eine vollzeitarbeitende Mutter in einem Online-Forum, dass sie ständig von anderen Müttern mit Vorwürfen wie „Also, i-c-h könnte das ja nicht übers Herz bringen“ bedacht wurde, weil sie ihren Sohn erst spät vom Kindergarten abholen konnte. Dass er dabei gar nicht unglücklich war, sondern die Einzelzuwendung der Erzieherinnen sichtlich genoss, spielte keine Rolle – schließlich geht es hier ums Prinzip. Zuguterletzt stieg auch sie auf Teilzeit um, obwohl sie als Alleinerziehende kaum noch über die Runden kam: Aber wenigstens nahm das Mobbing  ein Ende.

© ganeshaisis (CC BY 2.0)Oder doch lieber Mama?

Auch das Gender Daten-Portal der Hans-Böckler-Stiftung kommt trotz aller neuen kautschukschnuller- und ökowindelversierten Väter zu dem nüchternen Ergebnis: „Teilzeitarbeit und Minijobs haben für Frauen eine viel größere Bedeutung als für Männer.“

Wundern über die Zahlen des Statistischen Bundesamts braucht man sich auch nicht, wenn man in aktuelle Frauenzeitschriften oder Erziehungsratgeber schaut. So preist das Blatt „leben und erziehen“ die Teilzeitarbeit für Mütter wie ein Allheilmittel an und gibt jede Menge praktischer Tipps. Kann man sich eine Ausgabe vom „Playboy“ oder von „Men’s Health“ vorstellen, in der angehenden Vätern nahegelegt wird, sich ab sofort um eine Teilzeitstelle zu kümmern? Nach der „Babypause“ versteht sich.

Die „Schuldfrage“ ist jedoch nicht so einfach zu klären. Es gibt zweifellos viele Väter, die gern mehr für ihre Kinder da wären. Bei einigen von ihnen hat ein Bewusstseinswandel stattgefunden. Arbeiten bis zum Umfallen, berufliches Jetsetten immer knapp am Herzinfarkt vorbei – das ist immer weniger das Lebensmodell, das vielen Männern heute vorschwebt. Dahinter steckt im Grunde noch die Lebens- und Arbeitsmoral des 20. Jahrhunderts, Schuld und Verdrängung, Wirtschaftswachstum. Wettrüsten, höher, weiter, schneller. Jenseits von Atlantik oder Ärmelkanal: Reaganomics, Thatcherism.

Dass derzeit ein Paradigmenwechsel in Bezug auf Lebensziele stattfindet und der Fetisch Arbeit entidealisiert wird, belegen allerdings einige Zahlen, u. A. der Krankenkassen: Männer sind seit den Nuller Jahren sehr viel gesundheitsbewusster geworden, rauchen weniger, nehmen mehr Kuren in Anspruch, verzichten öfter auf berufliche Vorteile, um ein Sabbatical einzulegen oder nicht auch noch am Wochenende arbeiten zu müssen.

In vielen Berufsfeldern ist jedoch „die Firma“ immer noch nolens volens Familienersatz für Väter,  permanente Verfügbarkeit wird vorausgesetzt. Eine Doppelspitze in der Führungsetage ist nach wie vor eine Seltenheit, obwohl Unternehmensstrategen dies im Sinne flacherer Hierarchien und eines weniger zentralistischem Firmengefüge schon seit Langem propagieren.

© justin_symons (CC BY-ND 2.0, Bildausschnitt) Beide?

Auch wenn der Bewusstseinswandel in vollem Gange ist, abgeschlossen ist er noch lange nicht. Und natürlich sind viele Väter auch nicht mutig, nicht risikobereit genug: Während für viele Frauen die Geburt eines Kindes nicht nur enorme körperliche Veränderungen – und durchaus, auch heute noch, hierzulande – Gefahren mit sich bringt  und  oft eine berufliche Schlechterstellung sowie materielle Einbußen zur Folge hat, ändert sich für viele Männer, abgesehen davon, dass auch sie weniger schlafen und weniger Sex haben, deutlich weniger.

Sie sind weitaus seltener bereit, auf etwas wirklich Substantielles zu verzichten, um eine Familie zu gründen. Bisher haben sie ihre neue Rolle mediengerecht und öffentlichkeitswirksam ausfüllen und vornehmlich als Zugewinn – Auszeit mit der Familie, Selbstverwirklichung, schöner Urlaub in der Elternzeit – betrachten können. Aber ganz konkret auf Geld und Prestige – möglicherweise dauerhaft – zu verzichten, um ihrer Partnerin den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu erleichtern, das ist dann doch eine andere Sache.

Es ist wie immer die Frage nach der Henne und dem Ei. Oder, marktwirtschaftlicher formuliert: Nach Angebot und Nachfrage. Gehen so wenige Väter in Teilzeit, weil die Arbeitsstrukturen das noch nicht hergeben oder weil zu wenige von ihnen dies mit Nachdruck einfordern?

In jedem Fall: So lange Teilzeitarbeit nur für jeden 20. Vater in Frage kommt, wird sich an der Benachteiligung von Müttern auf dem Arbeitsmarkt so schnell nichts ändern.

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