Ich. Heute. 10 vor 8.

Konvertierte Körper

© Ascot Elite Home EntertainmentHände zum Himmel (aus: “Ich – ein Groupie”)

An der Münchner Sonnenstraße präsentiert ein Sexshop großflächig sein Angebot. Die aus der schwarz-rot-pink dekorierten Plastikpuppen und Noppendildo-Welt herauströpfelnden Männer schlendern – anders als ihre gesenkten Kopfes heraushastenden Vorläufer vergangener Dekaden – mit entspannter „Man-wird-ja-noch-mal-Hand-anlegen-dürfen“-Miene gen Stachus.
Eine Passage führt vom Sexshop zum City-Kino im Hinterhof. In gemütlichem Ambiente laufen Arthouse-Filme, aktuell Boyhood, Richard Linklaters fiktionale Langzeitstudie über einen ganz normalen Jungen auf dem Weg zum Mann. Ein schöner Film, da sind sich alle einig.
Die Schaufenster in der Passage werden ebenfalls vom Sexshop bespielt. Als freundlich-ironischer Kotau vor sensiblen Kunstfilmguckern sind die mit Postern von Softpornos aus den siebziger Jahren dekoriert. Die Posen der halbnackten Darsteller – entspannt bis linkisch, Brüste und Bäuche in allen Straffheitsgraden. Den hier in Lederhosen, Negligés und Schwesterkitteln ausgestellten Körpern wohnt die Entspanntheit von Menschen inne, die keine Ahnung von der Verhärtung von Muskeln und Positionen der bevorstehenden Achtzigerjahre hatten.
Und mittendrin sie: Den Funkturm zwischen den gespreizten Beinen, den Bierkrug vor der Scham. Herzlich lacht sie über die Albernheit der Collage, des Posters, des Zeitgeists: Mädchen, die nach München kommen heißt der Film aus dem Olympiajahr ´72. Und Ingrid Steeger leuchtet auch auf diesem Poster und überstrahlt die Tristesse der Passage, des albernen Films und der nicht minder albernen Folgeprojekte.
Ingrid Steegers nackter Körper war im Westdeutschland der Siebziger- und Achtzigerjahre Populärkulturgut einer Höhö-Gesellschaft, die nach geltendem Gesetz in Pornokinos für Pralinen zahlen musste, wenn sie Filme gucken wollte, die an den Sichtfenstern der Peepshows reichlich Abstand zu masturbierenden Frauen auf Drehscheiben hielt und dienstags ab 20.15 Uhr in Klimbim auf Ingrids Brüste starrte. Der Schwung ihrer Brüste und ihres Pos beschrieb eine weiche Aufwärtsbewegung, die zur Sprungschanze für Besitzansprüche wurde. Anatomie als Aufforderung: Schau mich an. Fass mich an. Und sie griffen zu, die Michael Pfleghars, Dieter Wedels, Udo Jürgens’ und all die anderen, die sich öffentlich mit ihr brüsteten.
Ingrid sah ihnen und sich beim Scheitern zu, Augen und Mund weit offen, halb vor Staunen, halb vor Entsetzen. Es schien, als habe sie sich bloß im Wald der Begierde verlaufen und suche ein Zuhause in einer anderen Zuschreibung. Die Zartheit ihrer Kurven wie ihrer Seele erwies sich jedoch als zu widerstandslos, um sich an mehr als die eigene Ohnmacht verschwenden zu können.
Ohnmacht könnte Micaela Schäfer erst einmal nicht unterlaufen. Wo Ingrid Steeger ein Geschöpf ist, ist sie ein Geschoss. Geboren in den Achtzigerjahren, die wie kein Jahrzehnt zuvor Gier, Affirmation und Technologie zu einem martialischen Ich-Verständnis amalgamierten, begriff die vaterlos aufgewachsene Halbbrasilianerin rasch, dass Schmerzfreiheit die Mutter des Erfolges ist. Was sich verkauft, ist gut. Am besten verkauft sich Sex, also ist Sex verkaufen gut. Zeigen, was man hat, oder was man hat machen lassen. Aus der Nachrüstung macht die selbsternannte Nacktschnecke ebenso wenig ein Geheimnis wie aus dem wenigen anderen, das sie in all jenen Reality-Formaten, die sie ausgiebig mit sich selbst bestückte, auch nicht verbarg. Das Geheimnis des Erfolges in und mittels der Welt der Geräte ist das Auslöschen jedes Geheimnisses. Ich sehe was, was du auch siehst. Ich mache mich nackig. Überall, ob Online, On Air oder On Camera. YouPorn, IPorn – die Macht, wie Micaela sie versteht, ist mit denen, die ihren Körper als Instrument des Begierdemanagements einsetzen, was ihre scheinpolitisierten Kolleginnen von Femen ähnlich sehen dürften.
Beide, das semitragische Hascherl, Ingrid, wie die Verkörperung einer silikonisierten Trashkultur, Micaela, werden von ihren Geschlechtsgenossinnen mit einem achselzuckenden „selber schuld“ abgehakt. Die ganze Auszieherei ist so …gääähn, seit Jahrzehnten so selbstbezogen wie selbstverständlich, gleichsam eine Sexarbeit light, und auch die finden wir so weit so gut, weil so weit abseits aller für uns persönlich als relevant erachteten Fragen, von A wie Arbeitsteilung, bis Q wie Quote.

© rtlYouPorn, IPorn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir verschließen die Augen vor der Nacktheit derer, die sie ausstellen und derer, die sie begaffen. Wir halten sie wahlweise für den Betriebsunfall oder Herrenwitz des aufgeklärten Miteinanders. Soll die Steeger in ihrer Autobiographie doch ihr Leben als Chronik eines Missbrauchs und Micaela Schäfer in der ihren Nacktheit als Masche ausweisen. Die Nackten sind uns nicht der Rede und damit auch nicht der Geschichten wert.
Der Teilnahmslosigkeit am Körper der Kolleginnen und dessen verkorkster Narration wohnt unsere Selbstverleugnung inne. Wir stürmen vorbei an den Sexshops und jenen, die sie frequentieren, vorbei an Ingrid und dem fleischgewordenen Missverständnis, zu dem ihr Leben mutiert ist, durch die Passage, um ganz hinten bei den Geschichten der Autorenfilmer anzukommen, die – wen wundert´s – dann eben Boyhood heißen.
Hilflosigkeit ist der Anfang von allem. Die Geschichten, die wir über uns erzählen, müssen diese Hilflosigkeit erfassen und umschließen. Andernfalls konvertieren auch wir mitsamt unseren unerzählten Körpern zum digitalen Geschlecht und dessen unerbittlicher Ja/Nein-Logik, die das Vielleicht der Verwundbarkeit wie der Versuchung nicht zu buchstabieren weiß. Bitte nicht.

 

 

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