Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Konvertierte Körper

| 22 Lesermeinungen

Ingrid Steeger und Micaela Schäfer sind ausgezogen, sich auszuziehen. Wo die „Ulknudel der Nation“ vor vierzig Jahren tat, was Männer ihr sagten, inszeniert sich die selbst erklärte „Nacktschnecke“ aktuell als textilfreies Geschäftsmodell. Eine Begegnung auf Brusthöhe.

© Ascot Elite Home EntertainmentHände zum Himmel (aus: “Ich – ein Groupie”)

An der Münchner Sonnenstraße präsentiert ein Sexshop großflächig sein Angebot. Die aus der schwarz-rot-pink dekorierten Plastikpuppen und Noppendildo-Welt herauströpfelnden Männer schlendern – anders als ihre gesenkten Kopfes heraushastenden Vorläufer vergangener Dekaden – mit entspannter „Man-wird-ja-noch-mal-Hand-anlegen-dürfen“-Miene gen Stachus.
Eine Passage führt vom Sexshop zum City-Kino im Hinterhof. In gemütlichem Ambiente laufen Arthouse-Filme, aktuell Boyhood, Richard Linklaters fiktionale Langzeitstudie über einen ganz normalen Jungen auf dem Weg zum Mann. Ein schöner Film, da sind sich alle einig.
Die Schaufenster in der Passage werden ebenfalls vom Sexshop bespielt. Als freundlich-ironischer Kotau vor sensiblen Kunstfilmguckern sind die mit Postern von Softpornos aus den siebziger Jahren dekoriert. Die Posen der halbnackten Darsteller – entspannt bis linkisch, Brüste und Bäuche in allen Straffheitsgraden. Den hier in Lederhosen, Negligés und Schwesterkitteln ausgestellten Körpern wohnt die Entspanntheit von Menschen inne, die keine Ahnung von der Verhärtung von Muskeln und Positionen der bevorstehenden Achtzigerjahre hatten.
Und mittendrin sie: Den Funkturm zwischen den gespreizten Beinen, den Bierkrug vor der Scham. Herzlich lacht sie über die Albernheit der Collage, des Posters, des Zeitgeists: Mädchen, die nach München kommen heißt der Film aus dem Olympiajahr ´72. Und Ingrid Steeger leuchtet auch auf diesem Poster und überstrahlt die Tristesse der Passage, des albernen Films und der nicht minder albernen Folgeprojekte.
Ingrid Steegers nackter Körper war im Westdeutschland der Siebziger- und Achtzigerjahre Populärkulturgut einer Höhö-Gesellschaft, die nach geltendem Gesetz in Pornokinos für Pralinen zahlen musste, wenn sie Filme gucken wollte, die an den Sichtfenstern der Peepshows reichlich Abstand zu masturbierenden Frauen auf Drehscheiben hielt und dienstags ab 20.15 Uhr in Klimbim auf Ingrids Brüste starrte. Der Schwung ihrer Brüste und ihres Pos beschrieb eine weiche Aufwärtsbewegung, die zur Sprungschanze für Besitzansprüche wurde. Anatomie als Aufforderung: Schau mich an. Fass mich an. Und sie griffen zu, die Michael Pfleghars, Dieter Wedels, Udo Jürgens’ und all die anderen, die sich öffentlich mit ihr brüsteten.
Ingrid sah ihnen und sich beim Scheitern zu, Augen und Mund weit offen, halb vor Staunen, halb vor Entsetzen. Es schien, als habe sie sich bloß im Wald der Begierde verlaufen und suche ein Zuhause in einer anderen Zuschreibung. Die Zartheit ihrer Kurven wie ihrer Seele erwies sich jedoch als zu widerstandslos, um sich an mehr als die eigene Ohnmacht verschwenden zu können.
Ohnmacht könnte Micaela Schäfer erst einmal nicht unterlaufen. Wo Ingrid Steeger ein Geschöpf ist, ist sie ein Geschoss. Geboren in den Achtzigerjahren, die wie kein Jahrzehnt zuvor Gier, Affirmation und Technologie zu einem martialischen Ich-Verständnis amalgamierten, begriff die vaterlos aufgewachsene Halbbrasilianerin rasch, dass Schmerzfreiheit die Mutter des Erfolges ist. Was sich verkauft, ist gut. Am besten verkauft sich Sex, also ist Sex verkaufen gut. Zeigen, was man hat, oder was man hat machen lassen. Aus der Nachrüstung macht die selbsternannte Nacktschnecke ebenso wenig ein Geheimnis wie aus dem wenigen anderen, das sie in all jenen Reality-Formaten, die sie ausgiebig mit sich selbst bestückte, auch nicht verbarg. Das Geheimnis des Erfolges in und mittels der Welt der Geräte ist das Auslöschen jedes Geheimnisses. Ich sehe was, was du auch siehst. Ich mache mich nackig. Überall, ob Online, On Air oder On Camera. YouPorn, IPorn – die Macht, wie Micaela sie versteht, ist mit denen, die ihren Körper als Instrument des Begierdemanagements einsetzen, was ihre scheinpolitisierten Kolleginnen von Femen ähnlich sehen dürften.
Beide, das semitragische Hascherl, Ingrid, wie die Verkörperung einer silikonisierten Trashkultur, Micaela, werden von ihren Geschlechtsgenossinnen mit einem achselzuckenden „selber schuld“ abgehakt. Die ganze Auszieherei ist so …gääähn, seit Jahrzehnten so selbstbezogen wie selbstverständlich, gleichsam eine Sexarbeit light, und auch die finden wir so weit so gut, weil so weit abseits aller für uns persönlich als relevant erachteten Fragen, von A wie Arbeitsteilung, bis Q wie Quote.

© rtlYouPorn, IPorn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir verschließen die Augen vor der Nacktheit derer, die sie ausstellen und derer, die sie begaffen. Wir halten sie wahlweise für den Betriebsunfall oder Herrenwitz des aufgeklärten Miteinanders. Soll die Steeger in ihrer Autobiographie doch ihr Leben als Chronik eines Missbrauchs und Micaela Schäfer in der ihren Nacktheit als Masche ausweisen. Die Nackten sind uns nicht der Rede und damit auch nicht der Geschichten wert.
Der Teilnahmslosigkeit am Körper der Kolleginnen und dessen verkorkster Narration wohnt unsere Selbstverleugnung inne. Wir stürmen vorbei an den Sexshops und jenen, die sie frequentieren, vorbei an Ingrid und dem fleischgewordenen Missverständnis, zu dem ihr Leben mutiert ist, durch die Passage, um ganz hinten bei den Geschichten der Autorenfilmer anzukommen, die – wen wundert´s – dann eben Boyhood heißen.
Hilflosigkeit ist der Anfang von allem. Die Geschichten, die wir über uns erzählen, müssen diese Hilflosigkeit erfassen und umschließen. Andernfalls konvertieren auch wir mitsamt unseren unerzählten Körpern zum digitalen Geschlecht und dessen unerbittlicher Ja/Nein-Logik, die das Vielleicht der Verwundbarkeit wie der Versuchung nicht zu buchstabieren weiß. Bitte nicht.

 

 


22 Lesermeinungen

  1. jan68 sagt:

    Typisch fuer die junge Ingrid Steeger und Michaela Schaefer
    ist – wie auf einigen Photos ersichtlich – ein zuweilen etwas trauriger Gesichtsausdruck.

    Vielleicht fehlte der starke Vater als Regulativ. Alle Toechter lieben eigentlich ihre Vaeter.
    Rechtsanwaelte lieben Scheidungen, und FamiliengutachterInnen – die so auch einmal ein bisschen Politik machen wollen – ebenfalls.

    Ein besonderes Thema war der entsetzliche Hype ueber die Mini Playback Show, in denen die eigenen kleinen Toechter wie kleine Prostituierte angezogen (Aussage einer Freundin, die als Psychologin arbeitete) von den leiblichen Muettern – gut, meinethalben auch mit Segen des leiblichen Vaters – auftreten mussten.
    Eine “wundervolle” Praegung! Und mit Hilfe des zwangsbezahlten RTL, dessen Kameraleuten, den Visagisten, den Visagistinnen, den Beleuchtern(!), dem Programmdirektor…mir wird uebel.

    Ingrid und Michaela haben/hatten aeusserst problematische Beziehungen zu ihren Vaetern – zu recht, was man alles so liest. Und die meisten Frauen in bekannten Berufen berichten von Kindheitstraumen.

    Was bleibt NACH der Karriere? Traurige Autobiographien wie von Ingrid Steeger – ein zu spaeter Aufschrei einer gequealten Kinderseele gleichsam?
    Ein veraechtliches Herabsehen auf Maenner, die eh nicht an das Bild eines idealen Vaters heranrreichen koennen?
    Mir tuen solche Frauen leid, da mir beim Anblick und nach dem Lesen der Hintergrundinfos deren ganze traurige Kindheit und ihre zerstoerte Kinderseele klar ersichtlich wird.

    Hinzu kommt noch die fehlende Scham – zur Freude und “fachmaennischer” Begutachtung…benutzt oder voellig freiwillig, schaut, so sehe ich aus: von hinten und von vorn.
    Surrogate, ueberall nur Surrogate, kein Gefuehl, null, zero, nada, zur Erleichterung die kleine Kabine gefaellig? 2 Euros – 5 Minuten flimmernder Bildschirm? Die verschleierte Tuerkin oder die resolute Polin muss danach sauber machen.

    Schland!

  2. jan68 sagt:

    Konverierter Koerper - fünfte Brustvergrößerung von 70F auf 70G - "Mein Körper ist mein Kapital
    Sexy Cora erlitt waehrend der Schoenheitsoperation einen Herzstillstand. Nach mehreren Tagen im Koma starb sie den Hirntot.
    Nun streiten sich die Familienangehoerigen mit dem Witwer wohl immer noch um ihr Erbe:
    https://www.express.de/promi-show/sexy-cora–jetzt-wird-um-ihr-erbe-gestritten,2186,9529926.html

    Ihr viel zu kurzes Leben war nur ein zynischer Witz; sie hat es vielleicht geahnt.

    Noch heute, drei Jahre nach ihrem Tod, macht man mit ihren Filmen Geschaefte. Eine Tote erhaelt natuerlich keine Tantiemen mehr und kann auch keine Rechte einklagen. Was fuer eine Welt…

    Hat noch einer den Drang, nach ihren Filmen zu suchen???

  3. 71t9yqa sagt:

    70er Jahre
    Wsa Sie in Ihrem Bericht schreiben ist allen Lesern über 45 bekannt.In Ihrem Artikel kann ich
    keinen Aspekt erkennen,der auch nur zur Neufindung beitragen könnte.Normalerweise kommentiere
    ich keine Artikel,aber in Ihrem Fall sehe ich nur fishing for Aufmerksamkeit.

  4. annikareich sagt:

    Erzählung aus dem blinden Fleck
    Mich wundern die vielen Hä??-Kommentare überhaupt nicht. Der Blinde Fleck ist ja bekanntlich die Stelle im Auge, von der aus man sieht, die man aber nicht sehen kann.
    Mir wird bei Deinen Texten auch immer der Boden entzogen. So sehr schillern sie in ihrer radikalen Mehrdeutigkeit, in ihrer Weigerung, es sich auf der einen oder anderen Sete bequem einzurichten. Ich sehe nach Deinem Text jedenfalls die nackten Frauen und die, die die nackten Frauen anschauen, und meinen Blick auf beide anders. Danke, Heike!

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