Ich. Heute. 10 vor 8.

Einmal Gaza und zurück

Da sind sie, Emmy, Diana und wie sie alle heißen. Der Welt jüngste
Kriegsreporterinnen drängen sich an dem Grenzübergang, um ins
gefährliche Gaza zu gelangen. Mit umgehängter kugelsicherer Weste,
leicht geschminkt, und ohne jeden Zweifel, es mindestens genauso gut
zu machen wie die männlichen Kollegen. Das Wort Angst fällt nicht.

Ich bin beeindruckt. Die Welt hat sich gewandelt. Früher war ich oft
die einzige in Krisen-Gebieten. Das liegt lange zurück.

Schauplatzwechsel: Einige Wochen vor dem Gaza- Konflikt nehme ich an
einer der üblichen Debatten über die Gleichberechtigung der Frauen in den Medien teil. Bei solchen Treffen rennt man heute beinahe offene
Türen ein. Einigen geht die Förderung des anderen Geschlechts bereits
zu weit. In diese Richtung entwickelt sich die Diskussion. Einer der
Männer auf dem Podium, ein Medien-Verantwortlicher meint sinngemäß,
wir seien auf dem besten Wege ins Paradies. Alles sei heute möglich
für die Frau, selbst die höchste Macht – in diesem Fall Posten als Korrespondentin oder sogar als Chefredakteurin, obendrein gute bezahlte Jobs, Krönungen jeder Karriere! In einem Nebensatz vergisst der Mann nicht, die
mangelnde Bereitschaft der Frauen zu bekritteln. Sie hätten eben
andere „Verpflichtungen“ , wobei er Kinder, Küche und Herd nicht
ausdrücklich anspricht. Jeder weiss, er meint es.

© Kimit MunstonGruppenbild ohne Dame – viele Posten werden in Männernetzwerken verteilt

Da erhebt sich aus dem hauptsächlich weiblichen Publikum eine junge
Frau. Reporterin von Beruf. Vom Frauen-Paradies sei man weit entfernt.
Sie jedenfalls wisse nicht, warum ein Mann und nicht eine Frau einen
Posten bekomme. Es gäbe keine Transparenz, keine Klarheit. Eine Minute
betroffenes Schweigen folgt, bevor sich eine andere Gestalt in den
hinteren Reihen zu Wort meldet. Noch ein Medien-Manager. Noch einer,
der glaubt, wir lebten schon im siebenten Himmel…

Vor 30 Jahren, als ich meinen Beruf ergriff, um Journalistin zu werden
und mir vorstellte als Korrespondentin aus Washington oder Moskau zu
berichten, sah mich mein damaliger Chef an und meine kryptisch: „Kindchen! Wollen Sie nicht was anderes machen?“

Ich wollte nicht, aber der begehrte Job einer Auslandskorrespondentin
blieb lange anderen vorbehalten: Folge der Seilschaften in
Redaktionen, die bei einem Bier nach Dienstschluss nicht transparente
und damit nicht nachvollziehbare Entscheidungen trafen.

Seilschaften seien abgeschafft, beruhigt der Chef auf dem Podium alle,
ohne zu erklären, wie das geschah. Nach Ende der Debatte sagt mir eine
Journalistin, man würde sie ohne große Worte zu verlieren,
systematisch ausbooten. Eine andere erzählt mir, sie hätte keine Angst
vor der Politik oder vor Krisen. Trotzdem stoße sie auf Mauern. Eine
dritte meint, man ließ sie in Kriegsgebiete fahren, nur um Männer aus
der Zentrale anreisen zu lassen, sobald es um die harte
Berichterstattung ginge.

In Kriegsgebieten wie Gaza arbeiten die jungen Kolleginnen ohne
männliche Babysitter- und sie sind nicht die schlechtesten, wenn man
sie arbeiten lässt…

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