Ich. Heute. 10 vor 8.

Die Statik der Einsamkeit

© DeluxeComfort.comJapanischer Exportschlager: Das „husband cushion“

Es gibt sie, wie holländischen Gouda, in jung, mittelalt und voll ausgereift. Sie sehen ansprechend aus, haben Berufe von Interesse und optimistische Vorstellungen von Zweisamkeit. Sie haben keinen Mann, aber sie hätten gerne einen. Nicht gleich, nachdem es mal wieder nichts geworden ist. Da nennen sie sich “glücklicher Single”, intensivieren die Yogapraxis und verfeinern Koch- oder Sprachkünste. Karriere kann und muss ja auch gemacht und die vielen guten Freunde endlich wieder bedacht werden.

Irgendwann ist das alles Käse. Sie wollen nicht allein verschimmeln, wenn die andern knutschen, streiten, weitere Male heiraten, und die Eltern beginnen, sich Sorgen zu machen. Es wäre also an der Zeit, den Beziehungsurlaub zu beenden und auf dem Boden der Zweisamkeit zu landen. Aber auf einmal sind alle Rückflüge ins Land der ewigen Liebe ausgebucht.

Die einsetzenden Ratschläge der vielen Freunde pendeln zwischen kapitalismuskonformem Hyperaktionismus: „Geh aus und jage!“ und kapitulationsaffiner Extremesoterik: „Wenn du ganz losgelassen hast, wird er (ER!) ganz bestimmt in dein Leben treten.“

Gehen aber Monate oder, nicht selten, Jahre ins Land, in denen der Mann – irgendein Mann – sich erst gar nicht durchs Nadelöhr der Möglichkeit fädeln lässt, geschweige denn der Beziehungssack zugenäht werden kann, übt sich die Sehnende in Selbstzweifeln, hält sich für zu hübsch, zu hässlich, zu scheu, zu forsch, zu alt, zu jung, zu anspruchsvoll, zu unterwürfig. Es wird zunehmend qualvoll, Gründe und Lösungsvorschläge für die andauernde Verfehlung zu ersinnen. Irgendwann ist es an der Zeit, Schuldzuweisungen vollständig ans andere Geschlecht zu delegieren, bis schließlich von erschöpften Freunden die ultimative Trostkeule geschwungen wird: „Die Männer haben einfach Angst vor dir.“

Die Haltung zwischen trotzig und tapfer adjustiert, die Augen von Vergeblichkeit verschattet, vermehrt sich die Schar der nicht vermittelbaren weiblichen Liebeskräfte hierzulande in eben dem Maße, wie die Zahl der Arbeitslosen sinkt. Arbeitslosigkeit ist wie Alleinsein ein trauriger Zustand für die Betroffenen. Sie kann jedoch mittels Gesetze und Verordnungen behandelt und behoben werden. Vollbeschäftigung und Gleichberechtigung werden sicherlich in naher Zukunft erreicht sein. Das Heer der partnerlosen Frauen – auch diese Prognose ist belastbar – wird sich hingegen vervielfachen. Als Lebensgemeinschaft mit drei Buchstaben bleibt im Kreuzworträtsel ihres Lebens dann allein der Job.

Wie der Arbeits- ist auch der Beziehungsmarkt rasant, grausam und der Logik und Bildlichkeit der Geräte unterworfen. Dating-Portale und Sex-Apps konfektionieren Erwartungen und sichern Umtauschoptionen. Männer können zudem den Frust über die Quotenfrau im Job an der Singlefrau in der Bar auslassen. Und Frauen, die nicht bereit sind, als Teilzeitgeliebte zu verbittern oder Niedrigemotion-Beziehungen einzugehen, sind zunehmend schwer vermittelbar.

Langzeitbeziehungslosigkeit präsentiert sich als primär weibliches Drama. Für die wenigen Männer ganz ohne Frauen gibt es die Bezeichnung Hagestolz. Die vielen Frauen ohne Männer machen sich hingegen von ihrem Zustand keinen Begriff. Die Witwe ist eine Frau mit totem Mann, die einsame Frau hingegen ist allein für die für sie in Frage kommenden Männer gestorben. Sie ist die Untote, die in der Welt der Paare herumgeistert. Sie ist unter uns, aber nicht zu fassen. Nicht zu fassen, warum es wieder und wieder und wieder nicht klappt.

So etwas wie Schicksal hatten wir doch irgendwo zwischen „Fisch sucht Fahrrad“- Partys und neu.de abgehängt. Ungefähr um die Zeit, als die Agenda 2010 begann, Wirkung zu zeigen, und die Frauenquote begann, Form anzunehmen. „Geht doch!“ wurde zum Kalauer der Erfolgsstunde. Und „Geht nicht, gibt´s nicht“ zum Mission Statement auf den Homepages der Unternehmen und Agenturen.

Und nun sitzen sie da, auf unseren Partys und Abendessen, in unseren Büros und Cafés, an ihren Rechnern und in ihrer Verzweiflung: Die vielen Frauen, bei den es „Geht nicht“ eben doch gibt. Die hartleibige Hoffnung auf den „Richtigen“ nicht tot, aber doch schwer angezählt unter den Schlägen des fortlaufenden Scheiterns.

Ihre Traurigkeit wird zum Widerhaken, der mehr und mehr Fäden der Verlustangst in das Gewebe unserer eigenen Beziehungen zieht. Ist unser Vorhandener wirklich belastbarer als ihr Nichts. Das Nichts, in dem ihre Tage enden, wenn die Arbeit und das Shopping und all die anderen Ablenkungen verrichtet sind; ob es wohl hält, unser Ja für Immer, dessen Todesdatum wir fortlaufend gravieren.

Sind die eigenen Beziehungen für uns nicht auch längst gestorben, hübsch konserviert im Mausoleum unserer Konvention; fassen nicht auch wir nachts im Bett schlaftrunken hinüber, um zu fühlen, ob dort wohl jemand liegt. Auf der sicheren Seite.

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