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Serbisches Disneyland auf blutigem Boden

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In Bosnien wurde kürzlich eine künstliche Stadt errichtet - am Ort eines der größten Massaker der jugoslawischen Zerfallskriege. Bauherr ist Emir Kusturica, der durch den Film Arizona Dream mit Johnny Depp in der Hauptrolle international berühmt wurde.

© privatDie Brücke von Višegrad

„Von allem, was der Mensch baut und aufbaut, gibt es nichts Besseres und Wertvolleres als Brücken.“ Ivo Andrić erhielt 1961 den Nobelpreis für Literatur. Sein Roman Eine Brücke über die Drina spielt in Višegrad, einer kleinen bosnischen Stadt nahe der serbischen Grenze. Andrić lässt darin ein ganzes Ensemble an Gestalten zu Wort kommen, wobei die eigentliche Heldin immer die steinerne Brücke bleibt, im 16. Jahrhundert von den Osmanen erbaut, im Ersten Weltkrieg zerstört, später rekonstruiert und 2007 zum UNESCO-Welterbe erklärt. Es ist eine Brücke mit einer langen Geschichte, eine Brücke, die Orient und Okzident verbindet – 250 Schritte lang, zehn Schritte breit, in der Mitte weitet sie sich.

Auf dieser Drinabrücke fand während der jugoslawischen Zerfallskriege eines der grausamsten Massaker der jüngsten Geschichte statt. Hunderte muslimische Zivilisten wurden hier hingerichtet und in den Fluss geworfen. Insgesamt fielen in Višegrad 3.000 Muslime ethnischen Säuberungen zum Opfer, durchgeführt von serbischen Paramilitärs, Polizisten und Einheimischen.

Ivo Andrić, der große Humanist, der zeitlebens an der Utopie Jugoslawiens festhielt und an die Vereinigung aller jugoslawischen Völker glaubte, wurde nach dem Krieg zur identitätsstiftenden Figur. Sowohl die Serben als auch die Kroaten erhoben Anspruch auf ihn und wollten sich mit seinem Namen schmücken. Andere warfen ihm vor, gegen den Islam ideologisiert zu haben und suchten in seinen Romanen Belege für rassistisches Denken. Nun hat ihm der serbische Staat ein fragwürdiges Denkmal errichtet. In Form einer ganzen Stadt: Andrićgrad.

Dort, wo jahrelang Kriegsverbrechen begangen wurden, steht nun ein balkanisches Disneyland – eigens dazu da, nationalistische Wahnvorstellungen zu propagieren. Der Komplex erstreckt sich über 14.000 Quadratmeter und umfasst fünfzig Gebäude, die, einer Zeitreise gleich, ein wildes Nebeneinander von byzantinischer, osmanischer, neoklassizistischer und habsburgischer Architektur ergeben. Es fehlt weder an einem Renaissance-Platz noch an einem Stadttor. Es gibt Geschäfte, Cafés, Restaurants, ein Theater, ein Multikino, Konferenzräume, ein Studentenwohnheim, ein Hotel, eine Kunstakademie und eine orthodoxe Kirche. Eine Moschee oder eine katholische Kirche gibt es selbstverständlich nicht.

Andrićs Ministadt gleicht einem Jahrmarkt. Man kann hier Souvenirs erwerben. Babuschkas, Tassen, Eierbecher, Kühlschrankmagneten, Sitzkissen, alles mit dem Antlitz des Nobelpreisträgers. Ein solches Kissen kann man etwa dazu verwenden, es sich vor dem Višegrader Hotel „Vilina Vlas“ bequem zu machen. Man drückt sein Gesäß auf Andrićs Gesicht, lässt den Blick schweifen und gibt sich Erinnerungen hin – zum Beispiel an die organisierten Massenvergewaltigungen, die in ebendiesem Hotel stattfanden.

Was würde Andrić wohl sagen, wenn er all das sehen könnte? Dieses bizarre Monstrum von einer Stadt, am Rande des gescheiterten Großreichs Serbien, an dessen Idee die führenden Politiker des Landes sowie die serbisch-orthodoxe Kirche immer noch auf eine aberwitzige Weise festhalten.

Es gibt in Andrićs Roman eine Figur, den grausamen Abidaga, der für die osmanischen Herrscher die Bauarbeiten an der Brücke leitet, ein korrupter Leuteschinder, der die Bewohner der Gegend zur Fronarbeit nötigt; unentwegt fürchtet er dabei den Tag, an dem sich bis zum fernen Großwesir durchgesprochen haben wird, dass er dessen Plan, eine Brücke zum Nutzen aller Menschen zu bauen, dazu benutzt, sich selbst zu bereichern.

Der Abidaga Andrićgrads ist niemand Geringerer als der gefeierte Regisseur Emir Kusturica. Er ist Bauherr und Leiter des Projekts. Im ehemaligen Jugoslawien ist Kusturicas nationalistisches Engagement bekannt – als ehemaliger Freund und Verehrer von Slobodan Milošević gibt er sich nun voll und ganz seiner Liebe zu Putin hin. In Europa oder den USA dagegen steht sein Name vor allem für Filme wie Arizona Dream, eine Satire auf den amerikanischen Traum mit Johnny Depp; oder für Melodramen wie Zeit der Zigeuner (1986) und Schwarze Katze, weißer Kater (1998).

Emir Kusturica, Sohn muslimischer Eltern, konvertierte 2007 zum orthodoxen Glauben. Er weiß sehr genau, welche Verbrechen auf dem Boden verübt wurden, auf dem seine groteske kleine Stadt steht. Er weiß sogar die Namen derer, die verantwortlich sind. Niemals hat er sich von diesen Männern distanziert.

Kusturica will mit Andrićgrad einen Ort der kulturellen Begegnung schaffen. Kürzlich organisierte er dort ein „internationales“ Festival für junge Filmemacher. Gezeigt wurden Dokumentarfilme aus Russland, Serbien, Weißrussland und der Ukraine. Die Preise wurden u.a. in den Kategorien Familie, Russische Sprache, Volk, Heimat, Großherzigkeit und Putin vergeben.

Im Rahmen des Festivals äußerte Kusturica sich auch zu den Ereignissen in der Ukraine. Seiner Ansicht nach finde dort eine Fortsetzung des „jugoslawischen Szenerios“ statt. Er sprach von einer jahrelangen Propaganda-Aktion gegen Milošević, davon, dass eigentlich die USA verantwortlich seien für den Zerfall Jugoslawiens und davon, dass nun mit Putin ein weiterer Unschuldiger an den Pranger gestellt werde.

Emir Kusturica könnte eine von Ivo Andrićs Figuren sein. Andrić würde ihn freilich der Lächerlichkeit preisgeben: „Es gibt einen bestimmten Typus Mensch, der in unserem Land oft anzutreffen ist, der meint, Streit sei eine Handlung, Grobheit das gleiche wie Energie, und dass eine Beleidigung eine Kunst ist, dass jede Zurückhaltung des gesprochenen Wortes eine Schwäche und jeder Versuch der Voraussicht Zeitverschwendung ist; kurzum dass der sogenannte Kampf des Lebens aus einem endlosen Wechsel zwischen Gebell und Knurren besteht.“


19 Lesermeinungen

  1. jadrankavidovic sagt:

    oberflächlich..
    es fehlen hier einige wichtige Details für die Leute die nicht viel von der Geschichte Bosniens wissen.Warum schreiben Sie nicht über die 500 Jahre osmanische Herrschaft und der Unterdrückung von Serben in Bosnien.Zwangsislamisierung, Vergewaltigungen, Knabenlese..In diesem Bürgerkrieg gab es auf allen Seiten Opfer.Nicht nur bei Moslems..Kriegsverbrecher gab es auf jeder Seite..Andricgrad wird kritisiert weil es von einem Serben gebaut wurde und es wird natürlich deswegen in den Dreck gezogen. Der Schriftsteller Andric dachte weltoffen und völkerverbindend, und in genau dieser Tradition soll auch Andricgrad stehen. Es soll eine multikulturelle Stadt sein. Ein Treffpunkt und ein Leuchtfeuer für alle Menschen dieser Region.

    • Ermin sagt:

      Wahr und Diplomatisch
      Hm, Frau Vidovic!? Wenn ist so als Sie sprechen. dann warum in Andricgrad gibt es keine Khatolische Kirche sowie eine Moschee!? Wenn man baut da diese Objekte auch,erst dann melden Sie sich über Multikultur und Oberflächlichkeit zu diskutieren.
      Bedenkt man, mit welchen Zielen und auf welche Weise Andricgrad erbaut wurde, muss man zugeben, dass Frau Muzur in ihrem Beitrag eine eher diplomatische Ausdrucksweise gewählt hat. Wer die Lage auf dem Balkan auch nur ein bisschen kennt, weiß genau, dass die “Sache” viel schrekliches ist. Fakt ist dass Andricgrad aus religiös-politischen Gründen erwachsen ist. Gerade diejenigen, die all die blutigen Ereignisse mitverursacht haben, haben so ein monstruösen Monument errichtet, mit dem sie im Grunde das Verbrechen feiern. An der Stelle, wo Menschen verbrannt und getötet wurden, wird nun Serbien verherrlicht, die orthodoxe Kirche, Putin, Russland und sich selbst. Dass nennen Sie Multikulturel!? Mashalla!

    • enes.fazlic sagt:

      Es geht darum „Andricgrad“ so zu bauen das sich jede (betrofee) Nation da wieder findet
      Liebe Jadranka, bitte sachlich bleiben

      zu einem, die Osmanen haben die Angehörige des Christentums nicht zwangsislamisiert. Logisch denken – nach 700 Jahren osmanischen Herrschaft wären alle Griechen längs islamisch, nicht wahr?

      Zweitens, osmanisches Reich war das geregeltste Gefüge seiner Zeit und im Mittelalter weit tolerante als z.B. katholische Kirche oder feudalen Herrscher angrenzenden Länder. Keiner kann behaupten das z.B. serbische Frauen 500 Jahre lang systematisch vergewaltigt waren.

      Knabenauslese war sicherlich für die Eltern unerträglich. Das wünscht sich auch keinen und man wünscht es keinem. Für die Knaben selbst bedeutete dies damals, in der Regel ein gewaltigen sozialen Aufstieg (sicher teuer bezahlt aber immer hin). Es ist bekannt dass sich z.B bosnische, muslimische Familien beim Sultan beschwert haben, dass ihre Kinder nicht betrachtet wurden. Auf jeden Fall ist das kein Thema die zum Artikel passt und ich sehe kein kausalen Zusammenhang zum Artikel.

      Es geht darum „Andricgrad“ so zu bauen das sich jede Nation da wieder findet, Gemeinsamkeiten betonnt werden und die Vielfalt als Bereicherung und nicht als Konflikt wahrgenommen wird … dann wäre alles wieder in Ordnung…

      Wie Du schreibst “…Es soll eine multikulturelle Stadt sein. Ein Treffpunkt und ein Leuchtfeuer für alle Menschen dieser Region.” – es ist, so sieht es aus, nicht gelungen!

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