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Wer lernt bei der Inklusion eigentlich was von wem? Interview mit einer Neunjährigen

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Lernen behinderte und nicht-behinderte Kinder mehr, weniger oder etwas anderes, wenn sie gemeinsam unterrichtet werden? Carla erlebt Inklusion von Beginn ihrer Schulzeit an. Im folgenden Gespräch mit ihrer Mutter berichtet sie über ihren Schulalltag mit Clara und Blanka - zwei Kindern mit Down Syndrom.

 

© privatCarla und Clara

Du kennst Clara nun seit drei Jahren: Wie war das zu Beginn, als die Lehrer euch die Downis vorgestellt haben?

Clara und Blanka haben alles ganz normal gemacht wie wir, nur die Zweit- und Drittklässler haben ihnen noch etwas mehr geholfen als uns. Wir haben das erst gar nicht so gemerkt. Wenn neue Kinder in die Klasse kommen, kriegen die mit, dass Clara und Blanka Lernschwierigkeiten und Down Syndrom haben, und dann fummeln die sich einfach so mit ein und lernen Clara und Blanka ganz schnell kennen.

Wissen Clara und Blanka von sich, dass sie Down Syndrom haben?

Ja, und sie merken auch, dass die anderen was anderes machen. Vor allem Clara merkt das richtig doll. Man merkt, dass Clara nicht so gerne ein Downi ist. Sie will wie wir sein.

Blanka ist da ganz locker. Sie weiß es, aber manchmal lässt sie sich deswegen auch bedienen und hat keine Lust zu arbeiten. Clara dagegen möchte alles auch machen: auch Klassenarbeiten schreiben, auch Deutsch 3 machen, auch im Schwimmerbecken schwimmen. Aber es ist für sie auch ziemlich anstrengend. Dann macht sie nachmittags im Hort schlapp und sagt: „Ich geh’ rein.“

Aber Clara lernt gerne?

Ja, sehr.

Gibt es etwas, bei dem du sagen kannst: das hat Clara von Dir gelernt?

Beim Lesen hab ich ihr ziemlich viel geholfen. Ich guck mir das bei den Lehrern ab und bring ihr ein paar Tricks bei.

Können Clara und Blanka den Kleineren auch manchmal etwas zeigen?

Blanka hat Dilara beim Rechnen geholfen: Sie haben mit dem Rechenrahmen „5 – 2“ gerechnet. Blanka hat 5 Perlen hingeschoben und Dilara hat zwei weggenommen. Clara möchte alles alleine machen und sich auch nicht von der Schulhelferin und der Lehrerin helfen lassen. Das ist total süß, sie meldet sich dann mit den anderen Drittklässlern und will bei ihnen mitmachen.

Clara und Blanka wissen so megaviel, aber sie zeigen es nicht. Sie können jetzt schon so super lesen. Blanka ist genau so schlau wie Clara, aber sie zeigt es nur, wenn sie ganz doll Lust hast.

Was hast du von den beiden gelernt?

Blanka spricht ja polnisch und ich habe von ihr ein polnisches Wort gelernt. Hab ich aber wieder vergessen, war total schwer.

Wer ist denn bei euch am geduldigsten mit den Downis: die Lehrer oder die Kinder?

Die Kinder! Die sind am allergeduldigsten. Die Lehrer müssen ja auch den anderen Kindern helfen. Wenn Frau C. Sachkunde unterrichtet, ist sie oft alleine und dann muss sie strenger sein. Wenn dann Blanka abhaut, müsste sie hinterher, das geht aber nicht. Dann schickt sie die Kinder, aber die sollen ja eigentlich auch lernen und Blanka auch.

Wann kannst du besser mit Clara oder Blanka umgehen als die Lehrer?

Wenn sie bocken. Ich schimpf dann nicht sofort, sondern setz mich zu ihnen hin – ruhig – und erkläre ihnen, was sie jetzt machen sollen. Wenn man einfach sagt: „Clara komm jetzt!“, dann kapiert sie gar nicht, was sie falsch gemacht hat. Man muss sagen: „Blanka, du bist hier beim Fahrstuhl, aber wir haben jetzt Unterricht. Du darfst nicht einfach abhauen, das weißt du auch, und deshalb musst du jetzt mitkommen.“ Dann sagt Blanka erst mal nein. Dann muss man es ihr immer weiter erklären. Man darf nicht schimpfen. Und irgendwann geht sie dann wieder in die Klasse – meistens jedenfalls. Manchmal schaffen wir es sogar besser als die Lehrer.

Seid ihr darauf ein bisschen stolz?

Keine Kunst.

Nerven Clara und Blanka manchmal?

Naja, Clara kommt mir halt immer hinterher und will mit mir spielen. Im Moment sind wir ja alle im Fußballfieber. Clara ist im Fußball ziemlich gut, weil sie so cool ist: Sie stellt sich immer genau in den Weg – alle Downis stellen sich genau in den Weg. Also, Downis sind ziemlich gut in der Abwehr.

Was mag Clara so gerne an dir?

Das weiß ich gar nicht, das musst Du mal sie selber fragen. Sie findet es halt toll, dass ich Klassensprecher bin – sie will auch gerne Klassensprecher sein. Und sie lacht sich immer schlapp, wenn jemand zu uns sagt: Carla, äh Clara, äh Carla …Vielleicht also, weil wir so ähnliche Namen haben.

Deutsch 3 habt ihr ohne Clara und Blanka. Wie findest du das?

Ich finde das schon ziemlich cool, weil wir nur 4 Kinder sind. Man lernt ziemlich viel und hat die Lehrerin fast für sich alleine.

Meinst du, es wäre für Clara einfacher, wenn sie nur mit Downis zusammen unterrichtet würde?

Nein, das fände sie total doof.

Aber dann hätte sie nicht immer das Gefühl, sie wäre schlechter als die anderen.

Irgendwie würde sie sich dann so alleine fühlen.

Wenn Du ein Downi wärst. Würdest Du lieber auf Eurer Schule sein oder…

…oder wäre es angenehmer nur mit anderen Downis und einer Lehrerin, die sich ganz viel um dich kümmert.

 Das würde ich nicht wollen. Ich würde genau so sein wie Clara, glaube ich.

Was haben Kinder, die nicht mit behinderten Kindern in einer Klasse waren, verpasst?

Sie wissen nicht, wie man mit Downis umgeht, und dass es genau so toll sein kann. Ich kann mir gar nicht vorstellen, nicht auf einer Integrationsschule zu sein.

Manche Eltern denken, dass nicht-behinderte Kinder von den behinderten Kindern gebremst werden beim Lernen. Findest du das auch?

Ich? Nein – überhaupt nicht. Manchmal machen die ihren Kram und wir machen unseren Kram. Clara geht oft einfach so mit den Erstklässlern mit, und dann sagt Frau N.: „Clara, kannst Du mir mal helfen, das den kleinen Erstklässlern zu erklären?“ Dann erklären sie das beide zusammen. Und dann sagt Frau N.: „Und jetzt sollt ihr alle genauso selbständig arbeiten wie Clara.“


37 Lesermeinungen

  1. Zuviel Info, sehr geehrter Herr Bley,
    Wenn Sie die Voraussetzung der Schulfähigkeit pauschal aufgeben, dann öffnen Sie die „Büchse der Pandora“ für Personen, deren Verhalten sich ein Normalbürger nicht einmal vorstellen kann.

  2. Pingback: Frische Links – für Sie gesammelt #2 | blog.sovd-nds.de

  3. Jeder ist Einzigartig
    Wilhelm Meister strebt nach Selbstverwirklichung und geht zum Theater. Muss feststellen, auch all die anderen streben nach Selbstverwirklichung. Aber Theater spielen können sie nur zusammen. Wie kann jeder seine Einzigartigkeit entwickeln und zugleich mit anderen gut zusammen leben, lernen und arbeiten? Nennen wir das heute Inklusion? Können wir das lernen? Am besten schon in der Kindheit? Eltern können da viel unterstützen, aber sie sehen vor allem ihr Kind. Und die Schule als Lernort, wo viele einzigartige Kinder zusammenkommen? Wie müsste so eine Schule aussehen, wo sich jedes Kind entfalten kann, um gemeinsam zu leben? Wir diskutieren viel über das Für und Wider der Inklusion, aber nur wenig, wie es gehen kann. Goethe hatte seine Lösung für seinen Wilhelm Meister. Aber das war vor 200 Jahren

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