Ich. Heute. 10 vor 8.

Der Krieg im Wohnzimmer

© libera Kodisto, CC BY 2.0Proteste in Russland: “Sie schüren Bürgerkrieg in der Ukraine”, (c) libera Kodisto, CC BY 2.0

Oksana, 39 aus Rowno, seit sieben Jahren in Berlin in der Altenpflege: „Der Sohn einer Freundin wurde vor zwei Monaten vom Militär eingezogen. Er wurde in die Ostukraine geschickt. Er würde nicht in Kampfhandlungen verwickelt werden, hieß es. Am Telefon sprach er von militärischen Übungen und davon, dass alles in Ordnung sei. Ungefährlich. Nach nur vier Wochen kam er zurück: in einem Sarg. Er wurde nur 19 Jahre alt. Was genau passiert ist, kann angeblich niemand sagen. Wir glauben, dass ihm befohlen wurde, in Bezug auf die Kampfhandlungen zu lügen. Weil es offiziell keinen Krieg gibt. Meine Freundin hat in den Sarg geblickt und seitdem ist sie stumm. Ihr Leben ist zerstört.“

Maria, 50, seit 13 Jahren in Berlin: „Die Mutter meines Mannes lebt in Donezk. Sie ist 92 Jahre alt. Mein Mann ist jetzt bei ihr. Sie haben Angst. Permanent fallen Bomben. Die Bomben kommen aus Russland. Es ist absurd: Im russischen Fernsehen wird berichtet, dass es keinen Krieg gäbe. Alles Propaganda. Meine Schwiegermutter und mein Mann wohnen mittlerweile im Keller ihres Hauses, nur dort sind fühlen sie sich sicher. Es gibt kaum etwas zu essen, die Geschäfte sind leer. Wenn das kein Krieg ist, was dann? Meine Schwiegermutter ist so schwach, sie kann kaum noch laufen. Sie ist so alt und hat so viel geleistet, sie hat es nicht verdient, in einem Kellerloch zu sterben.“

Jana, 43 aus Lviv, putzt seit 10 Jahren in Berlin: „Mein Sohn, 23, hat neulich versucht, mich in Deutschland zu besuchen. Er wurde an der Grenze zurückgeschickt, mit der Begründung, dass er sich als Reservist für die Armee bereithalten sollte. Seitdem habe ich große Angst davor, dass er eingezogen wird. Dass sie eines Tages vor der Tür stehen und ihn mitnehmen. Er soll studieren und nicht kämpfen. Er ist kein Soldat, wollte nie einer sein. Mein Mann versucht, ihm ein Studentenvisum für die EU zu besorgen, doch es ist schwer geworden. Ich bete jeden Tag.“

Oksana: „Auf der einen Seite denke ich, sollen sie die Krim und die Ostukraine doch Putin geben, mir ist das egal. Auf der anderen Seite gilt: Wenn wir nachgeben, dann überfällt Putin das ganze Land. Es geht um Kräftemessen. Und das alles passiert auf unsere Kosten. Unsere Kinder sterben. Sie können mit den Waffen kaum umgehen und sollen gegen skrupellose und kampferfahrene tschetschenische Söldner bestehen. Ich habe längst aufgehört an Regierungen zu glauben, egal an welche.“

Jana: „Meine Schwester ist Lehrerin. Sie bekommt seit Monaten kein Gehalt mehr ausbezahlt. Dabei waren es eh nur ungefähr 100 Euro im Monat, die knapp zum Leben reichten. Dem Staat ist vollkommen egal, wie die Menschen überleben sollen, wie wir unsere Stromrechnungen bezahlen sollen. Gleichzeitig sind die Lebenshaltungskosten gestiegen, Lebensmittel sind teilweise so teuer wie in Deutschland oder teurer. Wenn wir nicht selbst Obst und Gemüse anbauen würden, würden wir verhungern.“

Maria: „Ich habe gehofft, dass ich irgendwann einmal aufhören kann, in Deutschland zu arbeiten, dass ich nach Hause zu meiner Familie kann. Doch nun sagen alle, ich soll froh sein, dass ich hier bin, dass ich Arbeit und meine Ruhe habe. Ein Ende des Krieges ist nicht abzusehen. Die kurze Phase der Hoffnung, dass die Revolution uns Europa näher bringt und Wohlstand mit sich bringt, ist zerstört. Alle wollen das russische Gas, niemand hilft uns wirklich. Es wird von Monat zu Monat immer schlimmer.“

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