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Tschüss Fernsehen

© House of CardsHast du gehört? Die schauen noch fern…

Kein anderer Video-on-Demand-Anbieter hat derart viele und unterschiedliche Diskussionen provoziert wie Netflix vor und unmittelbar nach dem Start in Deutschland. Seit sich der deutsche VOD-Markt für Netflix geöffnet hat, wurde über die potentielle Bedrohung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, über enttäuschte Hoffnungen für Autor_innen hierzulande, über wirtschaftliche Strategien und Überwachungspotentiale oder den vorher nicht ermittelten Verbrauch von Datenraten debattiert.

Was bietet Netflix an und warum diese Aufmerksamkeitserhöhung?

Netflix liegt im Trend – dem Trend zur Serie. Medienumbrüche manifestieren sich in seriellen Film-und Fernseh-Formaten am erkennbarsten. Gleichermaßen wird in der Ästhetik der Serien auf mediale Entwicklungen und den Zeitgeist reagiert.

Filmhistorisch gesehen liegt der Beginn in den „Broncho Billy“-Western der 1910er Jahren. Diese etablierten das Western-Genre und hatten Anteil an der Gründung Hollywoods. “Miami Vice” veränderte Mitte der 1980er die Ästhetik von Crime-Serien. Diese vom Sender NBC produzierte Serie wirkte nicht nur in Mode und Popkultur zurück. Heute sind es HBO, AMC und Netflix, die ähnliches erreichen wollen. HBO-Produktionen werden zunächst dem eigenen zahlenden Publikum bereitgestellt und erst in der Zweitauswertung Zuschauern außerhalb der USA. Produktionen für Netflix kann man über den VOD-Dienst auch darüber hinaus sehen. Nun eben auch in Deutschland.

Netflix steht insbesondere seit der Eigenproduktion “House of Cards” (USA 2013 -, R. David Fincher) in der öffentlichen Diskussion. Wie auch “Orange is the new Black” (USA 2013 -, Idee: J. Kohen) ließ der einstige DVD-Verleih diese exklusiv für eine Veröffentlichung auf seiner VOD-Plattform produzieren – wie schon 2012 “Lillehammer”.

“House of Cards” ist eine Adaption der gleichnamigen britischen Serie – auch die Adaption erfolgreicher europäischer Serien in ein US-amerikanisches Setting liegt im Trend. Dass diese Serie nach Zuschauerpräferenzen geschaffen und das offen kundgetan wurde, löste Empörung aus.

Bekanntermaßen gibt es in Deutschland und den USA unterschiedlich tradierte Auffassungen von der Bedeutung der Autorenschaft im Verhältnis zur Würdigung eines Werkes. Hierzulande wird ein derartig kalkuliertes und offen benanntes Vorgehen kritisch diskutiert, weshalb einige Regisseure und Autoren hier lieber gar nicht erst auf die filmischen Vorlagen verweisen, die genutzt wurden; in den USA zählt die Qualität des Ergebnisses, und eine gelungene Adaption wird ebenso wertgeschätzt wie ein Originaldrehbuch. In Bezug auf “House of Cards” hat das Experiment funktioniert. Selbstverständlich hat genau diese diskutierte und geschickt für die PR genutzte Form der Entwicklung ein besonderes Medien- und Zuschauerinteresse hervorgerufen.

Doch das Unbehagen gegenüber der Verfügbarkeit von Netflix in Deutschland mag weitere Ursachen haben – wie die der Erfassung des Nutzerverhaltens beziehungsweise ermittelter Interessen. Liest man bei der Anmeldung als Abonnent die Nutzungsbedingungen durch, bevor man diese akzeptiert, so stimmt man aktiv zu, dass Netflix jederzeit das Verhalten seiner Abonnentinnen ohne weitere Nachfrage oder Information auswerten kann. Aufgrund der öffentlich gewordenen Praktiken der Geheimdienste stimmt dies unbehaglich, aber die Entscheidung kann man individuell treffen.

Worin mag trotz der Gefahr ausgespäht zu werden, die Attraktivität für deutsche Nutzer_innen bestehen?

Wohl besteht die größte Attraktivität darin, dass man Serien und Filme im Original sehen beziehungsweise entscheiden kann, ob man diese doch mit Untertiteln oder synchronisiert sehen möchte. Die Option des Originals ist für eine Generation, die mit einer (westdeutsch) tradierten Affinität für die US-Kultur im Allgemeinen und einem Bewusstsein um die Notwendigkeit guter Englischkenntnisse aufgewachsen ist, viel adäquater als die synchronisierten Fassungen im deutschen Fernsehprogramm mit häufig wiederkehrenden gleichen Stimmen für unterschiedliche Darsteller. Stimme und Körper gehören zusammen; Modulation, Tonfall und individuelle Färbungen verleihen dem Charakter sowie der jeweiligen Produktion ihre ästhetische Wirkung. Insbesondere in diesem Aspekt scheint die Attraktivität dieses Anbieters zu liegen.

Dass gerade Netflix gegenüber anderen VOD-Anbietern, wie “watchever” oder “sky snap” u. a., so prominent diskutiert wird, mag schlicht und einfach daran liegen, dass es sich um einen US-Anbieter handelt, der neu zu uns kommt und Serien selber produziert. Ein Vergleich mit anderen zeigt, dass Netflix-Eigenproduktionen dort exklusiv gezeigt werden, auf die andere Verwerter keinen Zugriff haben, und umgekehrt kann Netflix auch nicht alles anbieten. Es handelt sich also nicht um eine Wundertüte, die dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen das Paradies für Serienjunkies gegenüberstellen würde. Das Moment der Exklusivität und des schwer Zugänglichen mögen ebenso wie die ästhetisch-dramaturgische Professionalität der Eigenproduktionen zu dem Hipe um Netflix beigetragen haben.

Ein weiterer Aspekt für die Debatte mag in einer zunehmenden Dominanz US-amerikanischer Produktionen und daraus folgender Mediensozialisierung liegen, die den Blick verstellen, andere Ästhetiken ungewohnt bis ungelenk oder von vornherein uninteressant wirken lassen. Insofern scheint die Diskussion um diesen Anbieter als Debatte über ein Phänomen, das sich in Netflix annähernd materialisiert.

Man kann der vermeintlichen Bedrohung jedoch relativ einfach begegnen: durch mehr Originalfassungen (mit Untertiteln) im öffentlich-rechtlichen Fernsehen oder einer Wahlmöglichkeit in deren Mediatheksangeboten und einem viel schwieriger umzusetzenden Mentalitätswandel in Bezug auf das Film- und Fernsehschaffen in Deutschland.

 

 

 

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