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Wer “Ja” sagt, muss ins Standesamt

© dpaImmer und überall: das gleiche Bild

Wenn es zu Hochzeiten kommt, klafft eine große Lücke zwischen Realität und Romantik. Denn alles ist anders, als es uns die Hochzeitsindustrie verkaufen will. Allen voran: das gute, alte Standesamt.

In der Werbung sieht alles schön, gesund und rosig aus. Die Paare feiern meist ihre Heterosexualität und immer ihr zukünftiges Glück. Und um richtig und unmissverständlich glücklich zu sein, braucht es eben weiße Kleider, die nach Disney-Mädchen-Träumen und nicht nach erwachsenen Frauen aussehen, Ringe, die als Keuschheitsgürtel fungieren sollen, Hochzeitstische, Torten, vorgefertigte Trausprüche, Eheverträge, die das Paar schon mal auf die Scheidung einstimmen, durchgesägte Baumstämme, Hotelhallen und vieles mehr. Die Eheschließung ist auch ein Geschäft, es geht um Arbeitsplätze, und Liebe ist schließlich nicht nur in Hollywood zu Hause, sondern auch in Ober-Mockstadt, Crailsheim, Kiel oder Prenzlauer Berg.

In der Türkei, Israel, Aserbaidschan, USA und in vielen anderen Ländern sind die Hochzeiten zu einer riesigen Einnahmequelle geworden. So „lohnen“ sich in Israel zum Beispiel Hochzeiten erst ab 500 Gästen, das Essen kann dann industriell gefertigt werden, der Gastronom ist gerne bereit, noch ein paar Extra-Stühle dazwischen zu quetschen, und jeder Gast ist verpflichtet, eine gesellschaftlich akzeptierte Geldsumme als „Geschenk“ am Eingang abzuliefern. Auch in Aserbaidschan sind manche Hochzeiten eine gute Einnahmequelle für das Brautpaar. Doch oft wird in eine Hochzeit ein ganzes Vermögen investiert.

Trotz allem enden die meisten Liebesfilme mit einer Hochzeit, genauso wie die meisten Liebesromane und Fernsehserien. Die Erwartungshaltung an die eigene Hochzeit und Partnerschaft ist hoch und damit auch die Fallhöhe: Ich habe noch nie so viele unglückliche Paare gesehen wie auf dem Standesamt. Pärchen sitzen dort am frühen Morgen mit misanthropischen Gesichtsausdrücken und krallen ihre Finger in den Zettel mit der Wartenummer. Sie warten darauf, dass man ihnen die für eine Eheschließung benötigten Unterlagen gleich einer Offenbarung überreicht.

Doch wie vertrackt das mit den Unterlagen ist, wird in keinem einzigen Hochglanzmagazin erwähnt. Wie soll auch Romantik aufkommen, wenn man frei nach Begehren zwischen einer Ehe und einer unterprivilegierten Ehepartnerschaft mit fehlendem Adoptionsrecht unterscheiden muss, zwischen einer Ehe „mit oder ohne Auslandsbezug“?

Der Auslandsbezug ist zudem sehr frei ausgelegt, zumindest beim Standesamt Berlin:

„In allen anderen Fällen, wenn Sie oder Ihr Partner/ Ihre Partnerin

Natürlich kann die Liebe als eine Ersatzreligion kritisiert werden, manchmal heiratet man aber dennoch. Aus welchen Gründen auch immer – oft tatsächlich aus Liebe, oder eben doch wegen der Aufenthaltsgenehmigung, was ja ein noch größerer Liebesbeweis sein kann.

Bei einer Eheschließung mit Auslandsbezug ist man mindestens ein halbes Jahr lang damit beschäftigt, alle möglichen Unterlangen aus allen möglichen Ländern dieser Welt zu beschaffen, wenn es überhaupt klappt. Denn den Ansprüchen der deutschen Bürokratie gerecht zu werden, ist in vielen Fällen gar nicht möglich. Kaum ein Land dieser Welt ist in der Lage, die nötigen Unterlagen auszustellen. Immer fehlt etwas. Manchmal verweist das Standesamt dann großzügig auf deutsche Botschaften, die in einigen Ländern schon längst aus Sicherheitsgründen geschlossen wurden; manchmal auf die Möglichkeit, einen Rechtsanwalt zu engagieren, wo doch Rechtsstaatlichkeit nicht unbedingt zu den Stärken vieler Regierungen gehört.

Die Organisation der Ehe wird so zu einem Lebenswerk, die Freude verfliegt. Nur das Standesamt gibt nicht nach. Es mag einfach keinen Auslandsbezug. Selbst wenn die Hochzeitsbroschüren mittlerweile mit Eheschließungen am Strand werben.

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