Ich. Heute. 10 vor 8.

Wir wollten Freiheit und bekamen Neoliberalismus

"Wir sind ein blödes Volk". Inschrift auf einer Mauer in Berlin-Prenzlauer Berg, 1990.

© Annett Gröschner“Wir sind ein blödes Volk”. Inschrift auf einer Mauer in Berlin-Prenzlauer Berg, 1990.

Marion Detjen: Vor fünf Jahren hatten wir 20 Jahre Mauerfall, vor drei Jahren 50 Jahre Mauerbau, und jetzt 25 Jahre Mauerfall. Manchmal denke ich, ich kann es nicht mehr hören. Was verkleistern wir mit dieser schlichten Freiheitserzählung, die wir immer wieder aufgetischt bekommen wie aufgewärmtes Essen?

Annett Gröschner: Die Erzählung verändert sich von Jubiläum zu Jubiläum, eigentlich wird sie immer weiter vereinfacht, von weitem sieht es inzwischen so aus, als habe es da im Sommer 1989 die Grenzöffnung in Ungarn gegeben, dann den unvollendeten Satz von Genscher in der Prager Botschaft und die Leipziger Montagsdemonstrationen mit ihrem Höhepunkt am 9. Oktober. Und dann kam auch schon der Mauerfall, und gleich darauf die Wiedervereinigung unter Führung von Helmut Kohl. Und das alles in einer Folgerichtigkeit, als habe es da einen Plan gegeben. Aber keine der Gruppierungen, die sich im Jahr 1989 in der DDR konstituierten, ob das nun das Neue Forum, Demokratie Jetzt oder die SDP waren, hatte eine Wiedervereinigung auf dem Schirm, diese Tatsache ist längst überschrieben.

Man könnte das Ende der DDR auch als eine große Geschichte der Selbstbefreiung erzählen. Da würde dann die Bundesrepublik nur am Rande vorkommen. Ich kriege noch heute eine Gänsehaut, wenn ich daran denke: Ich war zwischen dem 7. und dem 9. Oktober 1989 in Budapest, um mich dort mit einer Schweizer Freundin zu treffen, die nicht mehr in die DDR einreisen durfte. Wir wussten nicht, was eigentlich in Leipzig und Dresden passierte. Die BILD-Zeitung, die es in Budapest zu kaufen gab, titelte, in Dresden seien Schneepflüge eingesetzt worden, und ich dachte: Moment mal, Schneepflüge im Herbst, das klingt nach Katastrophe. Ich wusste nicht, was mich nach der Rückkehr erwartete, aber ich hatte keine Wahl, ich hatte einen Säugling zu Hause. Ich werde nie den Rückflug vergessen, außer mir flogen in der riesigen Maschine nur zwei Stasitypen und eine tamilische Familie nach Berlin, im Flughafen Schönefeld war eine Notbeleuchtung an, und als ich langsam zum Ausgang ging, dachte ich, ich hätte einen Fehler gemacht. Fast alle meine Freunde in Berlin waren am 7. Oktober verhaftet worden – und andererseits war da eine so große Erleichterung: In Leipzig war nicht geschossen worden! Wir hatten ja wirklich geglaubt, dass es ausgeht wie am Platz des Himmlischen Friedens, wir sind mit zitternden Beinen zu den Demonstrationen gegangen. Bis heute finde ich, dass es der SED hoch anzurechnen ist, dass nicht geschossen worden ist. Dass es kein Blutbad gab, war ein großer zivilisatorischer Akt. Auch das kommt in der Erzählung vom Ende der DDR heute kaum noch vor. Danach begann ein wunderbares Jahr der Anarchie, einen Staat gab es nicht mehr. So frei waren wir nie wieder. Der 3. Oktober ist für mich kein Tag, an dem ich etwas zu feiern hätte, sondern ein Tag, an dem wieder eine Ordnung hergestellt wurde.

Marion Detjen: Da der 3. Oktober als Feiertag diese Erinnerungen zudeckt, stellt sich die Frage, ob der 9. November geeigneter wäre, oder ob man nicht sogar den 9. Oktober nehmen müsste, den Tag, an dem in Leipzig nicht geschossen wurde.

Annett Gröschner:  Ja, 9. Oktober wäre der richtige Tag gewesen, als Weiterführung des 17. Juni 1953. Die Plebejer proben den Aufstand und haben zum ersten Mal Erfolg in der deutschen Geschichte. Auch den 9. November fände ich als Gedenktag eigentlich großartig, weil er alle Facetten der jüngeren deutschen Geschichte fasst, 1918, 1923, 1938, 1989, da ist vom Schlimmsten bis zum Besten alles enthalten. Da er sich aber nicht einfach erzählen lässt, würde er uns wohl überfordern. Bockwurst und Karussells – das geht nicht mit den Hintergründen dieses Tages. Dafür ist der 3. Oktober erheblich besser geeignet.

Marion Detjen: Ich studierte ja damals in West-Berlin und erlebte den Mauerfall und die Wiedervereinigung von der Westseite aus. Ich hatte den 9. November verschlafen und merkte erst am 10. November, dass die Mauer offen war und Weltgeschichte passierte. Und an dem Tag wurde ja auch richtig gefeiert, im Osten und im Westen, wir tanzten gemeinsam am Brandenburger Tor. Vielleicht wäre der 10. November als Feiertag auch geeignet, weil er die verpennten Wessis einbezieht.

Annett Gröschner: Da bist du nicht alleine. Auch ich bin erst am 10. November nach Westberlin gegangen. Ich saß am 9. November vor dem Radio und konnte mich nicht entschließen, meinen Sohn aus dem Schlaf zu holen, nur weil die Mauer aufgegangen ist. Außerdem war ich sauer. Ich dachte damals, dass die DDR-Regierung die Mauer geöffnet habe, um von sich selbst abzulenken, in dem richtigen Kalkül, dass danach keiner mehr unbequeme Fragen stellt, sondern alle damit beschäftigt sind, in den Westen zu gehen und sich für das Begrüßungsgeld anzustellen.

Marion Detjen: Mein erstes Gefühl war das eines Schreckens, darüber, welche Veränderungen jetzt wohl auf uns zukommen würden. Im ersten Moment hatten diese Massen von Menschen etwas Bedrohliches. Aber dann feierten wir, und in den ganzen folgenden Wochen herrschte eine unglaubliche Lebendigkeit in der Stadt. Wir lernten lauter Ost-Berliner kennen, trafen uns an den Unis, erzählten uns gegenseitig unsere Geschichten und bildeten Arbeitsgruppen, um über den dritten Weg zu diskutieren. Mit dieser Lebendigkeit war es im Sommer 1990 vorbei, und von dritten Wegen durfte und wollte man nicht mehr sprechen. Aber am 3. Oktober, weiß ich noch, habe ich mich eigentlich sehr auf das Einheitsfest gefreut. Wir fuhren am späten Abend mit unseren Fahrrädern zum Reichstag. Und dann die riesige Enttäuschung, um das Fest betrogen worden zu sein, angesichts der Bühne mit den Politikern darauf und dieses albernen Feuerwerks und der Nationalhymne, die keiner singen konnte. Überall lagen besoffene Leute herum, die mit dem Krankenwagen abgeholt werden mussten. Das Volk wurde nicht ernst genommen.

Annett Gröschner: Bei mir war es eher eine Müdigkeit nach einem Jahr ohne Schlaf. Mit dem Anschluss an die Bundesrepublik war klar, dass es die Demokratie, von der wir geträumt haben, nicht geben wird. Keine der Forderungen, die wir aus der Unabhängigen Frauenbewegung damals hatten, ist bis heute wirklich erfüllt. Gleiche Teilhabe der Frauen an der Politik, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, gute, qualitätsvolle Kindereinrichtungen… Die schmerzhafteste Niederlage war, dass wir uns nach 1990 mehrere Jahre mit dem Paragraph 218 auseinandersetzen mussten, der in der DDR zugunsten einer Fristenlösung abgeschafft worden war. Ein völlig unproduktiver Kampf. Was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie anging, war die alte Bundesrepublik gefühltes Mittelalter. Wir mussten uns darum kümmern, dass uns Dinge erhalten blieben, wo wir doch eigentlich angetreten waren, Dinge zu verändern. Gleichzeitig hatten wir das Verhältnis zu der Frauenbewegung im Westen zu klären und uns damit aufzuhalten, ob man nun BMSR-Techniker oder BMSR-Technikerin sagt, und hinter unserem Rücken wurde der Beruf dann ganz abgeschafft. Wir waren Fremde, auch im Feminismus. Ich weiß noch, dass ich damals Brechts Gedicht Laßt eure Träume fahren aus dem Lesebuch für Städtebewohner an die Wände geklebt habe, in dem es am Ende heißt: Die Esser sind vollzählig/ Was hier gebraucht wird, ist Hackfleisch./ (Aber das soll euch nicht entmutigen!)

Und das war es dann auch: sich nicht entmutigen lassen. Ich hatte noch alle Möglichkeiten der Welt, weil ich jung war, wenn auch mit dem Makel der Alleinerziehenden. Während viele der Älteren in die Mühle der Auflösung der Betriebe durch die Treuhand, der völligen beruflichen Neuorientierung, der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gerieten, und das doch meistens als Demütigung empfanden. Dass man vielerorts für eine ABM-Stelle auf das Grundgesetz schwören musste, war nicht gerade eine vertrauensbildende Maßnahme. Ich habe damals sehr oft mit einem gewissen Neid ins Nachbarland Polen geschaut, wo die Menschen diese Transformation aus eigener Kraft und mit viel mehr Selbstbewusstsein und Selbstverantwortung als wir Ostdeutschen gemeistert haben. Wir haben uns unser Selbstbewusstsein abkaufen lassen nach dem 3. Oktober 1990. Danach mussten wir uns ständig rechtfertigen für irgendetwas. Und alles, was befreiend gewesen war, war plötzlich nichts mehr wert. Denn die Wiedervereinigung hatten sowieso die Politiker gemacht. Das ärgert mich bis heute.

Marion Detjen: Auch die Westdeutschen konnten ja 1989/90 als eine Selbstbefreiung empfinden, als eine nationale Selbstbefreiung. Ich dachte damals schon, dass die DDR unser aller Problem sei, dass auch unsere bundesdeutsche Freiheit von der Diktatur in der DDR berührt sei. Ich denke, dass wir heute vor allem lernen müssen, zwischen den verschiedenen und teilweise inkompatiblen Erzählungen hin und her zu wechseln – auch wenn es mühsam ist und weh tut. Heute am lautesten sind aber diejenigen, die unbedingt die Existenz der DDR komplett entwerten und die Linken dazu zwingen wollen, den “Unrechtsstaat” zu unterschreiben. Warum diese Weigerung, andere Erzählungen gelten zu lassen?

Annett Gröschner: Das ist ein Mangel an Souveränität, der mich 25 Jahre nach dem Mauerfall wundert. Wozu diese Gretchenfrage und ausgerechnet mit einem so unspezifischen Wort wie Unrechtsstaat. Da ist der Begriff der Diktatur viel genauer.

Marion Detjen:  Die meisten in der Linken würden ja nicht bestreiten, dass die DDR kein Rechtsstaat war. Aber der “Unrechtsstaat” impliziert, dass die DDR von Anfang an überhaupt keine Existenzberechtigung gehabt habe. Und das ist in den Erinnerungen dieser Leute, die an die Existenzberechtigung der DDR früher glaubten, falsch. Deshalb lehnen sie den Begriff ab.

Annett Gröschner: Mir fällt bei diesen Diskussionen immer der Satz der Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley ein, der Anfang der neunziger Jahre ihre Ankunft im Realen beschrieb: Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat. Man könnte 25 Jahre später ergänzen: Wir wollten die Freiheit und bekamen den Neoliberalismus.

Durch die Erfahrung der fehlenden Differenz in der DDR bin ich bis heute sehr empfindlich gegenüber Schwarz-Weiß-Denken. Es gibt immer noch einen anderen Weg, als den, den man einschlägt. Und es muss zumindest möglich sein, das zu diskutieren.

Marion Detjen: Die angebliche Alternativlosigkeit, die die Differenz immer wieder schließt, offenbart eigentlich eine riesige Angst vor den Bürgern.

Zum Schluss noch die Frage: Gibt es etwas, das wir, angesichts eines gewissen Unbehagens gegenüber einer problematisch gewordenen kapitalistischen Welt, von der DDR lernen können? Ich denke ja, dass es nichts bringt, sich die DDR in irgendeiner Hinsicht als Modell zu nehmen. Aber es ist eine andere Welt, die uns selbst relativiert und uns zeigt, dass nichts so sein muss, wie es ist, sondern sehr schnell zu Ende gehen kann.

Annett Gröschner: Die DDR ist Modell für ein gescheitertes System. Ein Staat, der seine Bevölkerung einmauert, um seine Vorstellung von Glück durchzusetzen, hat schon verloren, wenn der Stacheldraht ausgerollt wird.

Aber in der DDR Sozialisierte haben vielleicht tatsächlich einen Vorsprung: Wir wissen, dass ein System, das man gestern noch für einigermaßen stabil hielt, von einem Tag auf den anderen zusammenbrechen kann – und, wichtig, dass man das überlebt. Ich denke, dass auch das, was wir heute Westen nennen, zerstört werden kann. Und merke, dass ich, auch angesichts der gegenwärtigen Konflikte – der Westen gegen dies, der Westen gegen das – nicht ganz zu diesem Westen gehöre, immer noch ein Stück weit Osten bin. Da gibt es etwas, das wäscht der Regen nicht ab, um es mal poetisch zu sagen. Ich finde, dass viele Ungerechtigkeiten in diesem Land einfach outgesourced worden sind. Früher oder später wird sich das rächen. Ich bin da wie meine alte Nachbarin, die jeden Morgen, wenn sie aufstand, den Eimer Wasser, den sie seit 24 Stunden stehen hatte, in die Blumen goss und wieder frisches Wasser in den Eimer füllte, falls das Leitungswasser ausfällt. Sie hat dem Frieden nicht getraut.

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