Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Die ungehorsame Brust

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1994 gelangte der Wonderbra zu Weltruhm. Und wurde zum Brandbeschleuniger einer sich flächendeckend ausbreitenden ästhetischen Chirurgie. Von der Mogelpackung zum ganz alltäglichen Gewaltakt – eine Chronik.

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© WonderbraSilicon Valley

Der Milliardär, Flugzeugkonstrukteur und Regisseur Howard Hughes hatte sich in die Brüste der damals 20jährigen Jane Russell verliebt. Er besetzte sie 1943 in seinem Western „The Outlaw“. Als Ausdruck seiner Zuneigung entwarf er eigens einen BH, dessen Legende zwar lebt, von dem es aber kein Abbild gibt. Ohnehin fand Russell ihn scheußlich und trug ihn nie. Hatte sie doch auch alles andere als nötig.

Wenige Jahre zuvor stand der New Yorker Designer Israel Pilot vor der Aufgabe, aus Materialknappheit eine Tugend zu machen. Der kriegsbedingte Mangel an Elastikfasern inspirierte ihn zu einem BH-Prototyp mit geringerem Stoffanteil bei gleichzeitig größerer Hebewirkung. ’41 meldete er seinen „Wonderbra“ zum Patent an. Dieser Entwurf sollte weder vergessen noch verschmäht werden.

Gut 50 Jahre später blickt das tschechische Model Eva Herzigova von einem Riesenposter am New Yorker Time Square begeistert auf ihren Busen und die Menschen, die ihn von unten anstarren, herab. Das zigste Folgemodell von Pilots Prototyp presst pflichtschuldig zusammen, was bei der 21jährigen ebenso wenig auseinanderstrebt wie seinerzeit bei Jane. Und hebt die ohnehin perfekte Brust des Models, die Stimmung ihrer Betrachter und die der kanadischen Lizenzinhaber, die mit dieser Wonderbra-Kampagne international reüssieren.

Die Unterwerfung der Brust an vorgegebene Formen und Normen mittels Wonderbra ist im Jahr 1994 weniger als Kotau vor männlicher Begehrlichkeit denn als erzieherischer Akt der Yuppie-Frauen am eigenen Leib zu verstehen. Bret Easton Ellis nannte in seinem ’91 erschienenen Roman „American Psycho“ die für spätere Zerstückelung auserkorenen Objekte von Patrick Batemans Begierde „Hardbodies“. Frauen, die sich Jane Fondas Aerobic-Slogan „No Pain no Gain“ als Waffengang am eigenen Körper einverleibt hatten. Im selben Jahr präsentierte Linda Hamilton als Kampfmaschine ihren radikal austrainierten Körper in „Terminator 2“ auf Muskelhöhe mit dem Arnold Schwarzeneggers.

Der Siegeszug des Push-up BHs in der ersten Hälfte der neunziger Jahre war eine direkte Folge des Fitness-Booms der Achtziger, dessen Wirkungsmacht sich die weibliche Brust weitgehend entzieht. Ihr muskelfreies Gewebe trotzt der Macht der Geräte und der Kraft, die diese dem gesamten Restkörper verleihen können. Die untrainierbare Brust ist ein ungehorsamer Körperteil. Sie bleibt auch dort weich, wo der Zeitgeist den Frauen in Muckibuden und Managerseminaren Härte und Verhärtung verschreibt.

Wer sich da keine Blöße geben will, muss sich panzern. Der Wonderbra mit seinen starren Metallbügeln, den straff gezogenen Trägern, die ins Fleisch schneiden und den festen Wülsten, die in die Körbchen eingeführt sind, ist ein Instrument der Züchtigung. Gegen die Weichheit, die zwangsläufige Asymmetrie und das zyklische An- und Abschwellen der Brüste. Erst mit dem Abstreifen der Brustpresse werden sie neuerlich ihrem unvollkommenen, eigentlichen Sein, der Freiheit und Schwerkraft sowie den Blicken eines hoffentlich wohlwollenden Anderen im intimen Raum ausgesetzt.

1994 jedoch ist auch das Jahr, in dem Intimität und deren Betrachtung neu konfiguriert werden. Das World Wide Web startet offiziell durch, und mit ihm die „Vergerätung“ der Welt. Als Behausung des explodierenden Contents kommen uns die Geräte nah und näher. Die strenge Schreibmaschine lag, bedient von kundigen Sekretärinnenfingern, starr auf dem Tisch, während ihr Nachfahre, der Laptop, auf dem Namen gebenden Schoß platziert, die Weichteile wärmt. „Twin Peaks“ Held Dale Cooper pflegte bereits ’91 eine erotische Beziehung zu seinem Diktiergerät namens Diane, das er sich sehr nah an die Lippen hielt, eine narrative wie haptische Vorwegnahme des IPhones als Hand-, Ohr- und Lippenschmeichlers. Geräte werden häufiger, inniger und zielgerichteter berührt als die Körper ihrer Nutzer.

Geräte sind glatt, symmetrisch und gehorsam. Die in den Geräten ausgestellten Körper ordneten sich zügig den Nutzergewohnheiten unter und präsentieren sich ihrerseits als Benutzeroberflächen. Die Demarkationslinie zwischen Simulation und vollendeter Tatsache wird von unserer Haut gebildet. Der Wonderbra ist im Wortsinn eine Mogelpackung. Sein Täuschungsradius liegt auf der Haut. Der Größen- wie Machbarkeitswahn der Geräte zielt immer unter die Haut.

Der Wonderbra war die Einstiegsdroge für die massenhafte Ausbreitung der Brust-Ops, für den harten Schnitt, der die mögliche von der vollendeten Tatsache trennt. Er simulierte und konfigurierte Perfektion, bis die Polster sich ihren Weg von der Auflage zur Einlage bahnen konnten. Der weibliche Körper konnte so zu einem zweiten Silicon Valley werden, einem Ort – allen Verseuchungen und Misserfolgen zum Trotz – der Penetration durch Technik. Polstern wurde zum Gebot einer Schönheit, die sich keiner Natürlichkeit mehr brüsten muss, so lange sie diese zufriedenstellend optimiert. Lippen, Wangenknochen, Kinnlinien und Kim Kardashians Po folgten dieser Bearbeitungslogik.

© wonderbraIsrael Pilots 1941 US Patent #2245413: Diagonal Slash

In den vergangenen 20 Jahren ist die Zahl der Schönheitsoperationen in den USA um 1000 Prozent gestiegen. Auch Angelinas Jolies vorbeugende Brustentfernung mitsamt anschließender Wiederaufpolsterung wirbt am Ende eher für ästhetische denn für medizinische Indikation. Und immer noch gibt es eine direkte Linie zwischen Primarks 2010 heftig umstrittenen Mädchenbikinis mit gepolsterten Oberteilen und der – vor allem in den USA verbreiteten – elternfinanzierten Brust-OP, zwecks Optimierung des Produktes Tochter für den männlichen Teil des Beziehungsmarktes.

Der aber ist als Verursacher oder gar Schuldiger der optimierenden Versehrung aus dem Schneider und zudem längst selbst deren Gegenstand. Die Präferenzen der Männer sind von unseren Projektionen kaum zu unterscheiden. Wir wollen, dass sie wollen, was wir wollen – Missverständnisse waren immer schon der springende Punkt im Pingpong der Geschlechter.

Mit dem Web 2.0 weitet sich die chirurgische Kampfzone in den Nullerjahren über das Total-Waxing in eine längst smalltalkfähige Intimchirurgie aus. Der Bildschirm hat die Haut als schützende Membran zwischen Außenwelt und Innenleben abgelöst. Er schenkt dem Betrachter jene Intimität, die er dem Betrachteten entzieht.

Vielleicht ist es das, worüber Eva Herzigova ’94 am Times Square gestaunt hat. Vielleicht waren ihre Brüste ja magische Kugeln, mittels derer sie in die Zukunft sehen konnte: in die Zukunft des Körpers als Schnittmuster elektronischen Begehrens.


33 Lesermeinungen

  1. Liebeserklärung an die weibliche Brust
    Soeben kam mir mal wieder die angenehme Erinnerung an eine Vorlesung in Kinderheilkunde Ende der 70er/anfang der 80er Jahre in den Kopf…

    Ein genialer Neonatologe hat im Rahmen einer medizinischen Vorlesung so ganz nebenbei eine der schönsten Liebeserklärung an die „freie“ Brust formuliert, als es eigentlich um Ernährung ging:

    „Meine Damen und Herren, Muttermilch ist einfach perfekt für das Neugeborene:
    optimal ausbalancierte Ernährung, verstärkt die Immunkompetenz, stets verfügbar, IMMER optimal temperiert, keimarm, … “

    und nach einem langen, anerkennend-liebevollen Seufzer fügte er dann fast entrückt lächend hinzu:

    „und dazu auch noch himmlisch schön verpackt!!“

    Die Vorlesung wurde wegen heftiger Lacher, heftigem Beifall (von weiblicher wie männlicher Seite) für eine Minute unterbrochen .

    Es ist bezeichnend, dass so ein Satz heutzutage undenkbar wäre, weil solche authentischen Sätze in unserer unmerklich in „politischer Korrektheit“ zur Meinungsdiktatur geronnenen Gesellschaft diesen brillanten Mediziner und klugen Kopf um selbigen bringen würde.

    Die selbsternannten „Verteidigerinnen“ des weiblichen Geschlechts würden im Rahmen eines anfänglichen shitstorms alles aus dem Kontext reißen, in einen unterstellten sexistischen Zusammenhang stellen und so – gleich der katholischen Kirche – authentisch-normales Denken und verhalten als strafwürdig proklamieren. Die Diktatoren der PC sind schlimmer als die kath. Kirche, sie haben bereits in diesem Land, welches nach dem Krieg eine weltweit beachtete Freiheit und hohe Toleranz entwickelte, weite Flächen verbrannter PC-Erde hinterlassen, wo noch wenige Jahre zuvor die saftigen Wiesen freien und unbeschwerten Denkens und Redens existierten.

    Wer als Deutscher in Frankreich LEBT (als mehr als nur Urlaub) und möglicherweise arbeitet, der/die wird sich im positiven Sinne umgewöhnen müssen:

    Der einfache Flirt, aber auch normale Unterhaltung in den Betrieben nimmt sexuelle Themen ohne Skandalisierung auf, wobei beide Seiten der Geschlechter in der Lage sind, sowohl ironisch über das Andere als auch über das Eigene Geschlecht zu reden – eben einfach souverän.

    Interessanterweise gilt das – und eine im vergleich zum Westen viel weiter fortgeschrittene ECHTE Emanzipation – auch für die Frauen im Osten Deutschlands.

    Die hatten viel häufiger positive weibliche Authentizität und Selbstbewusstsein (und damit viel mehr weibliche natürliche Attraktivität) als ihre westlichen Geschlechtsgenossinnen.

    Das alles wird natürlich gerade an diesem Wochenende mit dem 25. Jahrestag der „Wiedervereinigung“ gerne unterschlagen – wie fast ALLE wirklich anregenden und interessanten Themen zu dem Komplex.

    wer einen Hauch von Ahnung zum Thema Selbstbewusstsein, Natürlichkeit, weibliche Authentizität unserer damals eingekerkerten Landsleute ergattern möchte, der möge sich einmal die Fotos von Aktfotografen der früheren DDR wie etwa Günter Rössler anschauen.

    Da erkennt man das Interesse an einem weiblichen Menschen mit seinen wunderbaren natürlichen Reizen, an ihrer Ausstrahlung – etwas, was im Westen deutlich seltener der Fall war.

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