Ich. Heute. 10 vor 8.

Feministinnen streiten. Endlich!

+++ Ein Jahr Ich. Heute. 10 vor 8. +++ Wir schreiben täglich +++

© Yukari, CC BY-SA 2.0Kuscheln und Dösen

Gelegentlich befällt mich ein geradezu einschläfernder Überdruss an Gender-Debatten. Gewiss, es gibt viele kluge Texte und engagierte Stimmen in der Öffentlichkeit, in den Medien, im Internet, und es gibt auch leider unendlich viele immer noch höchst akute Themen – von den bedrückenden Statistiken über sexuelle Gewalt über die Chancenungleichheit bis ganz runter zur pinken Prinzessinen-Erziehung.

Aber der Kleinkrieg, der im Internet mittlerweile zwischen Feministinnen und einer immer lautstärkeren Backlash-Kohorte von ressentimentgeladenen Maskulisten tobt, ist zermürbend.

Und das ewig gleiche und stets ungelöste Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf, das die Politik sich seit ein paar Jahren gerne auf die Fahnen schreibt, langweilt mich zusehends. Vielleicht, weil mein Alltag gerade einigermaßen organisiert, meine Kinder angemessen ernährt und bekleidet, meine Arbeitssituation einigermaßen erträglich (und sehr vereinnahmend) und die Abwaschfrage bei uns zu meinen Gunsten geregelt ist? Aber vielleicht auch, weil die Abarbeitung an jahrzehntelanger CDU-Politik und Hausfrauenehe-Idealen (bis 1977 waren das übrigens nicht Ideale, sondern Gesetze), als die die “Frauenfrage” hierzulande immer auch daherkommt, angesichts der aktuellen Kriege und Katastrophen und dem daraus resultierenden Elend wirklich etwas klein wirkt.
Sicher, man muss solche Fallhöhen aushalten. Es bringt nichts, Ungerechtigkeiten gegeneinander auszuspielen. Wenn es dem Feminismus um eine mit Blick auf die Geschlechter gerechtere Welt geht, dann machen ihn andere Ungerechtigkeiten noch lange nicht falsch. Aber die Frage “wie bleibe ich Feministin”, die Marlene Streeruwitz so schön formuliert (wenn auch nur anekdotisch beantwortet) hat, stellt sich mir im Alltag doch immer wieder.

Aus meinem leichten feministischen Dösen wurde ich in den letzten Tagen allerdings wieder einmal ein bisschen geweckt. Bezeichnenderweise von einem kleinen Aufruhr, der sich zunächst in den Tiefen der sozialen Netzwerke abspielte und der sich an der für den Weltfrieden ebenfalls sehr nachrangigen Frage aufhängte, was die feministische Zeitschrift “Emma” uns bedeutet.
Die “Emma” hatte auf Twitter den Hashtag #EMMAistfuermich lanciert, und bekam dann neben den positiven Rückmeldungen ihrer Leserinnen plötzlich im unberechenbaren Twitterversum relativ viel Gegenwind. Nicht nur die lautstarke “Maskulisten”-Szene schrieb unter dem Hashtag unschöne Sachen über den Feminismus im Allgemeinen und über die “Emma” im Besonderen, sondern auch sehr viele Feministinnen nutzten die Gelegenheit, die Emma heftig zu kritisieren. Als autoritär, bevormundend, gestrig, um nur einige der netteren Adjektive zu nennen.

Dann folgte der übliche mediale Nachklapp auf solche Twitter-Stürme: andere Medien berichteten nicht ohne Schadenfreude über den Hashtag, der “nach hinten los” ging, die “Emma” reagierte daraufhin einigermaßen eingeschnappt und griff ihrerseits die sogenannten “Jungfeministinnen” nicht gerade zimperlich an. Und während andere noch munter ihren Feminismus vom “Schwarzer-Feminismus” abgrenzten, erhoben sich bereits die ersten Stimmen, die den Vorgang im Sinne der Frauensolidarität fragwürdig fanden und die stets souveräne Antje Schrupp nutzte die Debatte für eine prinzipielle Reflexion über die Ziele des Feminismus.
(Der vorläufig letzte und absurdeste Dreh: vor zwei Tagen schrieb der des Feminismus unverdächtige Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer ein pro Alice Schwarzer, auf das die “Emma” dann im Rahmen ihrer wiederum vorläufig letzten Reaktion, einer “Chronik des Shitstorms“, positiv verwies…)

Alles höchst merkwürdig und teilweise auch ein bisschen unwürdig. Was mir an dem ganzen Vorgang aber anregend vorkam, ist genau das, was viele als Problem wahrgenommen haben, nämlich die wirkliche Verwirrung der Verhältnisse: konservative Kolumnisten sprangen Alice Schwarzer gegen die Netzfeministinnen bei, während auf Twitter reaktionäre “Maskulisten” und Feministinnen gemeinsam die “Emma” zum Zerrbild des Feminismus erklärten und von der “Emma” im Konterangriff auch in einen Topf geworfen wurden als “Freunde von Prostitution, Burka sowie die Maskulisten” (Prostitutions- und Kopftuchdebatte sind seit Jahren zentrale Streitpunkte zwischen Alice Schwarzer und den meisten anderen Feministinnen). Das kann man furchtbar finden, oder komisch. Was es auf jeden Fall zeigt, ist die Breite möglicher feministischer Positionen.

Vor zwei Jahren noch beklagte die Historikerin Mirjam Gebhardt in ihrem Buch “Alice im Niemandsland”, der Feminismus sei in Deutschland zum “Ein-Punkt-Programm” geschrumpft, weil Alice Schwarzer einen “feministischen Erbhof” unterhalte und bedauerte das Fehlen einer breiter aufgestellten feministischen Diskussionsgemeinschaft. Gerade der Streit, der zwischen der “Emma” und den “Netzfeministinnen” immer wieder ausbricht, und den man als Generationenkonflikt im Feminismus analysieren kann, oder aber treffender als Streit zwischen grundverschieden ausgerichteten Formen des feministischen Denkens, zeigt aber, dass es eine solche sehr wohl gibt. Und das finde ich ermutigend. Auch wenn die gegenseitigen Angriffe nicht gerade von Zartgefühl getragen sind. Aber eine breite feministische Szene kann eben auch nicht nur breites feministisches Kuscheln bedeuten. Ich persönlich bräuchte es zwar nicht immer ganz so polemisch, es müsste der anderen Seite meiner Meinung nach nicht immer gleich der Feminismus in toto abgesprochen werden, ich fände auch ein bisschen mehr Leichtigkeit und Humor und etwas weniger Rechthaberei ok.
Aber die Härte, mit der gestritten wird, zeigt doch auch, dass es um etwas geht. Und am Streit über das, worum es geht, kann man seinen Blick und seine Argumente schärfen. Nicht nur für den Feminismus und die Frage nach der Geschlechtergerechtigkeit, sondern auch für anderes gesellschaftliches und politisches Unrecht auf der Welt.

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