Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Feministinnen streiten. Endlich!

| 60 Lesermeinungen

Warum der Streit um die Zeitschrift "Emma" und ihre Twitter-Aktion ein gutes Zeichen für Gender-Debatten ist.

+++ Ein Jahr Ich. Heute. 10 vor 8. +++ Wir schreiben täglich +++

© Yukari, CC BY-SA 2.0Kuscheln und Dösen

Gelegentlich befällt mich ein geradezu einschläfernder Überdruss an Gender-Debatten. Gewiss, es gibt viele kluge Texte und engagierte Stimmen in der Öffentlichkeit, in den Medien, im Internet, und es gibt auch leider unendlich viele immer noch höchst akute Themen – von den bedrückenden Statistiken über sexuelle Gewalt über die Chancenungleichheit bis ganz runter zur pinken Prinzessinen-Erziehung.

Aber der Kleinkrieg, der im Internet mittlerweile zwischen Feministinnen und einer immer lautstärkeren Backlash-Kohorte von ressentimentgeladenen Maskulisten tobt, ist zermürbend.

Und das ewig gleiche und stets ungelöste Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf, das die Politik sich seit ein paar Jahren gerne auf die Fahnen schreibt, langweilt mich zusehends. Vielleicht, weil mein Alltag gerade einigermaßen organisiert, meine Kinder angemessen ernährt und bekleidet, meine Arbeitssituation einigermaßen erträglich (und sehr vereinnahmend) und die Abwaschfrage bei uns zu meinen Gunsten geregelt ist? Aber vielleicht auch, weil die Abarbeitung an jahrzehntelanger CDU-Politik und Hausfrauenehe-Idealen (bis 1977 waren das übrigens nicht Ideale, sondern Gesetze), als die die “Frauenfrage” hierzulande immer auch daherkommt, angesichts der aktuellen Kriege und Katastrophen und dem daraus resultierenden Elend wirklich etwas klein wirkt.
Sicher, man muss solche Fallhöhen aushalten. Es bringt nichts, Ungerechtigkeiten gegeneinander auszuspielen. Wenn es dem Feminismus um eine mit Blick auf die Geschlechter gerechtere Welt geht, dann machen ihn andere Ungerechtigkeiten noch lange nicht falsch. Aber die Frage “wie bleibe ich Feministin”, die Marlene Streeruwitz so schön formuliert (wenn auch nur anekdotisch beantwortet) hat, stellt sich mir im Alltag doch immer wieder.

Aus meinem leichten feministischen Dösen wurde ich in den letzten Tagen allerdings wieder einmal ein bisschen geweckt. Bezeichnenderweise von einem kleinen Aufruhr, der sich zunächst in den Tiefen der sozialen Netzwerke abspielte und der sich an der für den Weltfrieden ebenfalls sehr nachrangigen Frage aufhängte, was die feministische Zeitschrift “Emma” uns bedeutet.
Die “Emma” hatte auf Twitter den Hashtag #EMMAistfuermich lanciert, und bekam dann neben den positiven Rückmeldungen ihrer Leserinnen plötzlich im unberechenbaren Twitterversum relativ viel Gegenwind. Nicht nur die lautstarke “Maskulisten”-Szene schrieb unter dem Hashtag unschöne Sachen über den Feminismus im Allgemeinen und über die “Emma” im Besonderen, sondern auch sehr viele Feministinnen nutzten die Gelegenheit, die Emma heftig zu kritisieren. Als autoritär, bevormundend, gestrig, um nur einige der netteren Adjektive zu nennen.

Dann folgte der übliche mediale Nachklapp auf solche Twitter-Stürme: andere Medien berichteten nicht ohne Schadenfreude über den Hashtag, der “nach hinten los” ging, die “Emma” reagierte daraufhin einigermaßen eingeschnappt und griff ihrerseits die sogenannten “Jungfeministinnen” nicht gerade zimperlich an. Und während andere noch munter ihren Feminismus vom “Schwarzer-Feminismus” abgrenzten, erhoben sich bereits die ersten Stimmen, die den Vorgang im Sinne der Frauensolidarität fragwürdig fanden und die stets souveräne Antje Schrupp nutzte die Debatte für eine prinzipielle Reflexion über die Ziele des Feminismus.
(Der vorläufig letzte und absurdeste Dreh: vor zwei Tagen schrieb der des Feminismus unverdächtige Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer ein pro Alice Schwarzer, auf das die “Emma” dann im Rahmen ihrer wiederum vorläufig letzten Reaktion, einer “Chronik des Shitstorms“, positiv verwies…)

Alles höchst merkwürdig und teilweise auch ein bisschen unwürdig. Was mir an dem ganzen Vorgang aber anregend vorkam, ist genau das, was viele als Problem wahrgenommen haben, nämlich die wirkliche Verwirrung der Verhältnisse: konservative Kolumnisten sprangen Alice Schwarzer gegen die Netzfeministinnen bei, während auf Twitter reaktionäre “Maskulisten” und Feministinnen gemeinsam die “Emma” zum Zerrbild des Feminismus erklärten und von der “Emma” im Konterangriff auch in einen Topf geworfen wurden als “Freunde von Prostitution, Burka sowie die Maskulisten” (Prostitutions- und Kopftuchdebatte sind seit Jahren zentrale Streitpunkte zwischen Alice Schwarzer und den meisten anderen Feministinnen). Das kann man furchtbar finden, oder komisch. Was es auf jeden Fall zeigt, ist die Breite möglicher feministischer Positionen.

Vor zwei Jahren noch beklagte die Historikerin Mirjam Gebhardt in ihrem Buch “Alice im Niemandsland”, der Feminismus sei in Deutschland zum “Ein-Punkt-Programm” geschrumpft, weil Alice Schwarzer einen “feministischen Erbhof” unterhalte und bedauerte das Fehlen einer breiter aufgestellten feministischen Diskussionsgemeinschaft. Gerade der Streit, der zwischen der “Emma” und den “Netzfeministinnen” immer wieder ausbricht, und den man als Generationenkonflikt im Feminismus analysieren kann, oder aber treffender als Streit zwischen grundverschieden ausgerichteten Formen des feministischen Denkens, zeigt aber, dass es eine solche sehr wohl gibt. Und das finde ich ermutigend. Auch wenn die gegenseitigen Angriffe nicht gerade von Zartgefühl getragen sind. Aber eine breite feministische Szene kann eben auch nicht nur breites feministisches Kuscheln bedeuten. Ich persönlich bräuchte es zwar nicht immer ganz so polemisch, es müsste der anderen Seite meiner Meinung nach nicht immer gleich der Feminismus in toto abgesprochen werden, ich fände auch ein bisschen mehr Leichtigkeit und Humor und etwas weniger Rechthaberei ok.
Aber die Härte, mit der gestritten wird, zeigt doch auch, dass es um etwas geht. Und am Streit über das, worum es geht, kann man seinen Blick und seine Argumente schärfen. Nicht nur für den Feminismus und die Frage nach der Geschlechtergerechtigkeit, sondern auch für anderes gesellschaftliches und politisches Unrecht auf der Welt.


60 Lesermeinungen

  1. Wollen Sie das wirklich?
    Innerhalb des Feminismus darf jetzt gestritten werden? Auweia! Sie wissen hoffentlich, wohin das führen kann. Vor 25 bis 30 Jahren durfte ja innerhalb der Ostblock-Staatsparteien ebenfalls mehr oder weniger offen über die richtigen Wege hin zum Sozialismus debattiert werden, und wie das Ganze ausgegangen ist, wissen wir ja. Wollen Sie das wirklich?
    Im Ernst: Es ist typisch für solche Diskurse unter Mächtigen, dass sie – unter den Prämissen von Realitätsverlust, Abschottung vom gemeinen Volk und Arroganz der im Besitze der alleinigen Wahrheit sich Wähnenden – nur noch untereinander zu diskutieren in der Lage sind und grundsätzliche Kritik an ihren Denksystemen nicht zulassen.
    Das geschieht auch hier vor allem durch Diffamierung der Andersdenken, nämlich “einer immer lautstärkeren Backlash-Kohorte von ressentimentgeladenen Maskulisten”. Früher hieß das: Mit diesen strunzreaktionären Konterrevolutionären wird nicht diskutiert. Punkt.
    Was sich hier offenbart, ist vor allem eine tiefgreifende Verunsicherung: Man nimmt durchaus tiefergehende, grundsätzlichere, das System in Frage stellende Kritik am Feminismus wahr, denkt, dass das doch eigentlich nicht sein darf und kann – und schottet sich gegen diese grundlegende Infragestellung des liebgewonnen Weltbildes ab. Zumal das mit seinem wertvollen Opferstatus ja durchaus lukrativ ist, Pöstchen, Einfluss und staatliche Subventionen garantiert. Wer mag davon schon Abstand nehmen wollen?
    Wenn der Feminismus so über jeder Kritik steht und die Frage nur noch lautet, welcher Feminismus und wieviel davon zum Paradies auf Erden führt, warum stellt man sich dann nicht der grundsätzlichen Kritik, die der Maskulismus aufwirft, und führt eine offene, faire sachliche Diskussion? Weil man vielleicht Angst hat, die Gegenseite könnte am Ende die besseren Argumente haben? Da doch lieber sicherheitshalber jegliche echte Diskussion verweigern unter dem Hinweis darauf, dass die anderen dumpfe, ressentimentgeladene Hohlköpfe sind. Das wird den Untergang des Systems und den Fall der Mauer nicht vermeiden, aber wenigstens eine Zeit lang aufhalten, in der sich noch das eine oder andere Schäfchen ins Trockene bringen lässt.

  2. Wissenschaftliche Kritik an der Unwissenschaftlichkeit der Gender Studies
    Zu der “immer lautstärkeren Backlash-Kohorte von ressentimentgeladenen Maskulisten” gehört sicherlich auch Prof. Stefan Hirschauer, der im letzten Heft Forschung und Lehre (2014-11) einen extrem lesenswerten Artikel geschrieben hat: “Wozu Gender Studies? Ein Forschungsfeld zwischen Feminismus und Kulturwissenschaft.”

    Über die Unwissenschaftlichkeit der Gender Studies ist ja schon viel geschrieben worden, aber wohl noch nie von einem so hochkarätigen Insider. Hirschauer appelliert, endlich wirkliche, ergebnisoffene Wissenschaft beim Geschlechterthema zu betreiben, er beklagt, “Gender Studies seien eine “beschwichtigende Umbenennung der feministischen Geschlechterforschung”, er fordert: “Die Forschung über Frauen, Männer und Queers muss ihren tradierten politischen Separatismus endlich überwinden und auf dem Weg einer professionellen Distanzierung ihre angestammten Loyalitäten gegenüber sozialen Bewegungen in den Griff kriegen.” Er beklagt ferner, die Gender Studies seien ein “rhetorisches Mäntelchen für bürokratische Frauenfördermaßnahmen” und bezeichnet das Label ‘Gender’ als politischen Etikettenschwindel, das hochschulpolitische Versuche tarnt, “hartnäckige Männerdomänen in bestimmten Fächern mit ‘Frauenprofessuren’ aufzubrechen”.

    Viel vernichtender kann eine Wissenschaftskritik nicht ausfallen. Um es journalistisch prägnant auszudrücken: Es wird flächendeckend gegen wissenschaftliche Standards verstoßen, die Ergebnisse sind ideologisch beeinflußt oder vorgegeben, und die Stellen werden nach Geschlecht und ideologischer Gesinnung, aber nicht nach Qualifikation besetzt.

    Da wird selbst der einfache Steuerzahler leicht zum “ressentimentgeladenen Maskulisten”!

    • Sehr geehrte/r Frau/Herr Nader,
      ich kenne den Text von Stefan Hirschauer, doch er sagt in keinster Weise, dass Gender Studies unwissenschaftlich seien, sondern nur, dass deren Themenwahl (noch) zu einseitig sei. Der Text beginnt mit einer Unterscheidung, die Sie unterschlagen: “Der Begriff ‚Gender Studies‘ wird derzeit auf mindestens drei Weisen verwendet: als Bezeichnung eines transdisziplinären kulturwissenschaftlichen Forschungsgebietes, als beschwichtigende Umbenennung der feministischen Geschlechterforschung und als rhetorisches Mäntelchen für bürokratische Frauenfördermaßnahmen.” Seine Kritik an den anderen beiden Verwendungsarten des Begriffs (im öffentlichen Diskurs) ist explizit keine Kritik an der Wissenschaft gender studies, sondern eher daran, dass hiernicht genau genug unterschieden wird, das Label Gender ganz unterschiedlich verwendet wird!
      Der Text ist keine Polemik gegen Gender Studies, sondern ein Plädoyer für eine ganz bestimmte Art von Gender Studies, bitte genau(er) lesen!

      H. Dietz

    • Na ja Frau Dietz, wenn ich mal von Gleichverteilung der drei Verwendungen des Wortes "gender"
      ausgehe, dann heisst das, in der öffentlichen Debatte wird gender also zu 2/3 entweder “beschwichtigende Umbenennung der feministischen Geschlechterforschung” oder “rhetorisches Mäntelchen für bürokratische Frauenfördermaßnahmen” darstellen. Öffentliche Kritik bezieht sich auf öffentliche Verwendung von Worten, nicht auf deren (auch) mögliche wissenschaftliche Definition. Und das gilt umso mehr, wenn öffentlich Menschen mit akademischem Abschluss Argumente für oder gegen ein Interesse vorgeblich aus den erkenntnissen eines Wissenschaftszweiges gewinnen.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Sehr geehrter Herr Haupts,
      wenn jemand einen Text als Beleg dafür verwenden möchte, dass auch der Wissenschaftler Stefan Hirschauer diese Kritik teilt, dann muss derjenige sich bitte auch die Mühe machen, das Argument genau zu lesen – und der Text sagt schlicht nicht, was der Kommentator dort gerne gelesen hätte.
      Zur Öffentlichkeit: Ich weiß, das ist ein hehres Ideal, aber eines, das Sie so wie ich Sie kenne sogar mit mir teilen: öffentlich muss und sollte nicht zugleich auch heißen: weniger genau, weniger logisch, weniger klar.
      H. Dietz

    • Absolut d'accord, verehrte Frau Dietz, nur geht das letztlich nur innerdisziplinär, fachspezifisch
      Und wenn man gender studies als Kampfgrundlage zur Erreichung nichwissenschaftlicher Ziele benutzt (Posten, Einfluss, Macht), dann ist man in einer weniger günstigen Ausgangslage, wenn sich unerwartet die Windrichtung dreht. Genau das ist den Genderisten passiert: Jahrelang weitgehend unbeachtet ihre Agenden in Kultusbürokratien und im Bildungsbetrieb durchziehen könnend, wachen in den letzten Jahren zunehmend Journalisten und Beobachter auf und stellen unangenehme Fragen. Kurz – es entbrennt echter Streit, wobei die Genderisten das Establishment darstellen bzw. so wahrgenommen werden.

      In solchen politischen Streits sind Genauigkeit, Logik oder Wahrhaftigkeit immer die ersten Opfer. Das gilt für beide Streitparteien gleichermassen – ich habe (ausserwissenschaftlich) von den Verteidigern des gender mainstreaming nie gehört, dass es auch um eigene Partikularinteressen geht. Oder um die Durchsetzung von Fraueninteressen.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Stefan Hirschauer verstehen ...
      Sehr geehrte Frau Dietz,

      ich habe den Text von Hirschauer nach dem ersten Mal gleich noch einmal gelesen, weil ich meinen Augen kaum getraut habe. Ich habe den Text jetzt noch einmal gelesen, extra für Sie 🙂
      Es geht um 3 Phänomene:

      1. Es gibt eine seriöse, rein kulturwissenschaftliche Geschlechterforschung, die methodisch einwandfrei und ergebnisoffen arbeitet (ob das ohne Biologie und andere Naturwissenschaften denkbar ist, lassen wir hier offen).

      2. Es gibt eine eher unseriöse, durch ideologische Vorgaben geprägte feministische Geschlechterforschung, die eine Zweckwissenschaft ähnlich wie der wissenschaftliche Sozialismus oder die Theorie vom Intelligent Design ist, der bzw. die nur zeigen soll, wie alternativlos eine bestimmte Ideologie oder Religion ist.

      3. Es gibt an Universitäten Machtstrukturen, die äußerlich als bürokratische Frauenfördermaßnahmen sichtbar sind und die im Endeffekt enorme Steuermittel kanalisieren, um damit den Lebensunterhalt feministischer Akteure – die wissenschaftlich nicht unbedingt zur Spitze gehören – zu finanzieren.

      Der Begriff Gender Studies wird umgangssprachlich für alle drei Phänomene benutzt. Diese sprachliche Unsauberkeit kann man gerne kritisieren. Diese Vermischung ist allerdings kein Zufall, speziell der Punkte 2 und 3: wenn man das Personal für Forscherstellen vor allem anhand der “richtigen>” selektiven Wahrnehmung und der Gesinnung auswählt, dann leidet darunter sehr schnell die Qualität der Arbeit. Die Trennung zwischen Punkt 1 und 2 ist für Außenstehende, die die Qualität der Forschungen nicht beurteilen können, ebenfalls schwierig bis unmöglich, auch Hirschauer hat seine Problem damit.

      “Seine Kritik an den anderen beiden Verwendungsarten des Begriffs (im öffentlichen Diskurs)… ”

      ist Nebensache. Ob man die drei oben beschriebenen Phänomene verschieden bezeichnet oder gleich, ist unwichtig, entscheidend ist, daß die Phänomene Nr. 2 und 3 real existieren und so dominant sind, daß Phänomen Nr. 1 dahinter verdeckt wird. Hirschauer kämpft in seinem Text doch gerade dafür, endlich echte Forschung zu betreiben! Zitate zu seiner Einschätzung der Phänomene Nr. 2 und 3:

      “… So war auch die Politisierung der Geschlechterfrage lange die wichtigste Triebkraft zur Institutionalisierung der feministischen Geschlechterforschung. Inzwischen ist sie das größte Hemmnis ihrer intellektuellen Entfaltung. Trotz aller Akademisierung ist sie immer noch politisch gerahmt: in der Positionierung als kritische Gegenwissenschaft, in der Vereinnahmung durch Ministerien und soziale Bewegungen, in der Handlungsorientierung des Wissens und in der Rekrutierung ihres Personals. …”

      Also: die feministische Geschlechterforschung ist institutionalisiert, sprich sie ist Teil des unkündbaren, mit vielen Stellen und Ressourcen ausgestatteten Wissenschaftsbetriebs geworden.

      Allerdings bleibt auch Punkt 1 nicht unkritisiert, also die Geschlechterforschung, die sich selber als seriös versteht bzw. glaubt, dies zu sein:

      “…. Es gibt eine längst realisierte Geschlechtsblindheit [= Geschlechtsneutralität] der modernen Gesellschaft, deren Bedeutung eine ‘Geschlechterforschung’ auch deshalb unterschätzt, weil sie fast nur von Frauen betrieben wird. Denn wir strukturieren unsere Weltwahrnehmung nach unserer Selbstwahrnehmung. Die von Frauen wird aber kulturell ungleich stärker als die von Männern darauf verpflichtet, die Geschlechtszugehörigkeit überhaupt für einen hochrangigen Umstand ihres Lebens zu halten. ….”

      Die Unterscheidung zwischen seriöser und unseriöser Geschlechterforschung ist müßig, weil die Frauenquote überall nahe 100 % liegt. Und weiter:

      “…. Die feministische Geschlechterforschung ist so zu einer gendered science geworden. …. Es ist eine einzige Peinlichkeit, dass der Feminismus, der das Gendering von Wissensprozessen mit guten Gründen kritisierte, selbst nicht in der Lage war, Wissensprozesse unter Absehung von Geschlecht zu organisieren. …”

      Kann man überhaupt noch heftigere Kritik äußern, ohne undiplomatisch zu werden und Gefahr zu laufen, als “ressentimentgeladenen” bezeichnet zu werden? Hirschauer besetzt einen der rund 200 Gender-Lehrstühle (als einer der ganz wenigen Männer), er ist also irgendwie Teil des Systems Staatsfeminismus. Dieses System behandelt erfahrungsgemäß jeden Kritiker als Hochverräter und macht ihn sofort politisch mundtot, Hirschauer weist selber auf die Wagenburgmentalität hin. Hirschauer riskiert seine Isolierung in diesem Umfeld als “Verräter”, ohne diese Drohung wäre er ggf. noch deutlicher.

      Nun ist Hirschauer nicht irgendwer, sondern Sprecher einer DFG-Forschergruppe und damit ein wissenschaftliches Schwergewicht, da kann er sich mehr leisten als anders. Das macht seinen Text umso brisanter. Irgendwelche Martensteins oder Dutzende anderer Kommentatoren, Blogger u.a., die seit Jahren über die Unwissenschaftlichkeit der Gender Studies lästern, kann man als unqualifizierte Feuilletonisten abtun – bei Hirschauer kann man das nicht.

      “Der Text ist keine Polemik gegen Gender Studies, … ”

      Polemik klingt so absichtsvoll negativ. Ich würde es als soziologisch / historische Analyse der Genderforschung bezeichnen.

      “… sondern ein Plädoyer für eine ganz bestimmte Art von Gender Studies”

      Genau. Dieses Plädoyer ist genau deswegen notwendig, weil fatalerweise nur ein Bruchteil der Forscher, die sich selber den Gender Studies zuordnen bzw. auf entsprechenden Listen stehen, diese wissenschaftlich einwandfreie Art von Gender Studies betreibt – und der Rest eben nicht, das ist doch der entscheidende Punkt und der Grund, warum Hirschauer als Fazit eine vollständige inhaltliche und organisatorische Neuausrichtung fordert.

    • armer Stefan Hirschauer...
      …das hat er nicht verdient, dass er auf Maskulisten-Seiten als Referenz-Text angegeben wird, wie ich gerade durch schnelles Googlen gelernt habe… zumal er sich in seinem Text eindeutig von dem “revanchistischen Lauern der Maskulisten” abgrenzt…
      Hirschauer ist eindeutig jemand, der die Gender Studies von innen kritisiert, und nicht wie die Maskulisten von außen versucht zu delegitimieren.

      aber gut, das Thema ist alt: Debatten und Kritik innerhalb des Feminismus laufen auch oft Gefahr, Applaus von der falschen Seite zu bekommen.

    • Sehr geehrter Herr Nader,
      Glückwunsch zu Ihrer Lektüre eines Textes aus den Gender Studien, den Sie offenbar gut finden – ein Anfang ist gemacht :-).
      Sie haben übrigens eine der Stellen, die zeigen, warum sich Hirschauer wirklich nicht für die Ziele von Maskulisten eignet, selbst gefunden: “Es gibt eine längst realisierte Geschlechtsblindheit [= Geschlechtsneutralität] der modernen Gesellschaft, deren Bedeutung eine ‘Geschlechterforschung’ auch deshalb unterschätzt, weil sie fast nur von Frauen betrieben wird. Denn wir strukturieren unsere Weltwahrnehmung nach unserer Selbstwahrnehmung. Die von Frauen wird aber kulturell ungleich stärker als die von Männern darauf verpflichtet, die Geschlechtszugehörigkeit überhaupt für einen hochrangigen Umstand ihres Lebens zu halten.”
      Maskulisten halten die Geschlechtszugehörigkeit allerdings für einen hochrangigen Umstand ihres Lebens – und sind darin Frauen, die sich als Frau benachteiligt fühlen, näher als anderen Männern. Dieses Phänomen kann dann wiederum Gegenstand der Gender Studien sein – die Frage, dass sich manche Männer so verstehen und wie sie ihre Identität als Männer konstruieren.
      MfG
      H. Dietz

    • Einfach lernen, damit zu leben. Das hat mich während meiner politisch aktiven Zeit auch gestört,
      anfänglich, später wird das nur noch weisses Grundrauschen. Kämpfe um Rechte, Anerkennung oder Macht waren (und werden) nie einfach.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Lektüren
      Verehrte Frau Dietz,

      “Glückwunsch zu Ihrer Lektüre eines Textes aus den Gender Studien, den Sie offenbar gut finden – ein Anfang ist gemacht :-).”

      ich muß gestehen, daß dies nicht gerade mein erster Text aus diesem Themengebiet war.
      Andernfalls würde ich mich auch gar nicht trauen, auf einem Frauenblog zu kommentieren. 😉

      “Maskulisten halten die Geschlechtszugehörigkeit allerdings für einen hochrangigen Umstand ihres Lebens…”

      Kennen Sie Kucklicks “Das verteufelte Geschlecht” (ZEIT, 2012) oder vielleicht sogar seine Dissertation? Kucklick ist übrigens überzeugter Feminist, und seine Texte würde ich vorbehaltlos für die Gender Studies empfehlen. Die von Kucklick identifizierte Negative Andrologie (vulgo: Alltagssexismus gegen Männer) macht in der Tat für Männer, nicht nur für Maskulisten, die Geschlechtszugehörigkeit zu einem hochrangigen Umstand ihres Lebens, weil ihnen von Kind an eingebleut wird, wie schlimm und charakterlos sie im Vergleich zu Mädchen bzw. Frauen sind.

      “Dieses Phänomen kann dann wiederum Gegenstand der Gender Studien sein…”

      Gute Idee. Die Gender Studies sorgen ja nach Kräften dafür, daß es bei der Negativen Andrologie bleibt, weil gefühlte 90% der Studien nach weiteren Machenschaften der Patriarchats, bei dem alle Männer Zwangsmitglied sind, suchen. In der Konsequenz müßten die Gender Studies sich selber als Teil des Systems untersuchen, das fände ich echt spannend. Hirschauer hat ja schon einen Anfang gemacht.

      “Gegenstand der Gender Studien … die Frage, dass sich manche Männer so verstehen und wie sie ihre Identität als Männer konstruieren.”

      Da würde ich mich den Bedenken, die schon Hirschauer geäußert hat (daß die vorhandene, fast rein weibliche Population von Genderforschern kaum unvoreingenommen über Männer forschen kann, ohne die eigene Selbstwahrnehmung zu reproduzieren) anschließen.

    • Sehr geehrter Herr Nader,
      was Kucklick angeht: Ich halte es eher mit Ute Frevelst Analyse über “Mann und Weib, und Weib und Mann: Geschlechterdifferenzen in der Moderne”.
      Was die Frage angeht, ob Frauen über Männer forschen können: Natürlich können sie das. Sonst dürften nur Rechtsradikale über Rechtsradikale forschen, nur Linke über Linke. Es ist eine Sache, dafür zu plädieren, dass auch bislang zu wenig beforschte Themen beforscht werden sollen, eine andere, zu behaupten, dass bestimmte Personen zu parteiisch sind, und wiederum eine andere, zu behaupten, dass bestimmte Personen notwendigerweise zu parteiisch sind. Über 1 und 2 kann man diskutieren, 3 ist mir nicht plausibel.
      H. Dietz

    • @Hella Dietz: Bleiben wir mal bei Ihrem Beispiel
      Sehr geehrte Frau Dietz,

      bleiben wir mal bei Ihrem Beispiel: Was würden Sie erwarten, wenn fast ausschließlich Rechtsradikale über die Geschichte und Auswirkungen des Nationalsozialismus oder beispielweise die Besitzverteilung und die sich daraus ergebenden Folgen für die Gesellschaft in den USA forschen würden? Forschungsergebnisse ohne Bias?

      Und genau die in diesem Fall sehr naheliegende Vermutung, die Haltung des Forschers könnte in einem solchen Umfeld (Stichwort: Peergroup) Einfluss auf das Ergebnis haben, hat Hr. Nader, nach meinem Dafürhalten, ausdrücken wollen.

      Viele Grüße
      Günther Werlau

    • Titel eingeben
      Sehr geehrter Herr Werlau,

      meine Entgegnung war vermutlich etwas zu knapp. Mir missfiel an der Bemerkung, Gender Studies seien notwendigerweise biased, weil sie hauptsächlich von Frauen betrieben wird, dass dabei nicht berücksichtigt wird, dass es sich immer noch um Wissenschaft handelt. Es ist schlicht nicht so, dass Frauen über Männer oder Rechtsradikale über Rechtsradikale sprechen. Es ist vielmehr so, dass WissenschafterInnen über Männer oder über Rechtsradikale sprechen – und diese WissenschaftlerInnen dann noch weitere Eigenschaften haben, zum Beispiel weiblich zu sein oder (im völlig realitätsfernen Beispiel) rechtsradikalen Ansichten zuzuneigen.

      Nun kann man natürlich argumentieren, dass die eigene Position in einer Gesellschaft nun aber das eigene Denken prägt – und damit auch die Forschung. Soweit, so einverstanden. Allerdings scheint es mir dafür ausreichend, dass es verschiedene Perspektiven gibt und keineswegs notwendig, ja vielleicht nicht einmal wünschenswert, dass die eigenen Werthaltungen denen meiner Untersuchungsobjekte 1:1 entsprechen.

      Ich sehe nicht, warum eine heterosexuelle Frau oder ein homosexueller Mann nicht über Transsexuelle forschen könnte, ein Migrant oder eine Großstädterin nicht über weibliche Identitätskonstruktionen auf dem Land. Mir scheint schon wichtig, dass es mehrere Perspektiven auf einen Gegenstand gibt, aber das lässt sich ohnehin nicht verhindern, selbst dann nicht, wenn alle Genderforscherinnen Frauen wären.

      Es gibt allerdings vermutlich etliche Feministinnen, die mir hier vehement widersprechen würden ;-).

      H. Dietz

    • (Un-) Wissenschaftlichkeit der Gender Studies II
      Sehr geehrte Frau Dietz,

      “Mir missfiel an der Bemerkung, Gender Studies seien notwendigerweise biased, weil sie hauptsächlich von Frauen betrieben wird, ….”

      Genauer gesagt war die Bemerkung, daß die “vorhandene … Population von Genderforschern” kaum unvoreingenommen sein dürfte, nicht alle Frauen schlechthin. Es hängt natürlich vom Einzelfall ab, ob jemand wissenschaftlich sauber arbeitet (wobei ich hier nicht das strittige Thema aufmachen will, wie Wissenschaftlichkeit auf diesem Gebiet überhaupt definiert ist). Jede einzelne Forscherin (w/m) wird man nicht durchleuchten können, aber es gibt genügend von außen sichtbare Indizien, daß einiges schief läuft:

      1. Hirschauer nennt zwei Gründe hierfür, nämlich daß Stellen mehr aufgrund der richtigen Ideologischen Überzeugung und/oder zwecks reiner Frauenbevorzugung (z.B. im aktuell laufenden zweiten Professorinnenprogramm) besetzt wurden und weiterhin werden. Alleine die ca. 300 Professuren im Rahmen der beiden Professorinnenprogramme, bei denen Männer prinzipiell ausgeschlossen waren, haben mit hoher Sicherheit die Durchschnittsqualifikation gesenkt.

      2. Ein Indiz, das stark auf Voreingenommenheit hindeutet, ist schon die Themenwahl, die sehr einseitig auf die Suche nach Diskriminierungen von Frauen ausgerichtet ist (zumindest insoweit die Forschungsthemen aktuelle Themen betreffen und nicht esoterische Themen, sehr hoch im Elfenbeinturm angesiedelt sind).
      Nach eigenem Bekunden erforschen die Gender Studies ja “Geschlechterhierarchien” – in diesem Begriff versteckt sich die unbewiesene Aussage, daß Frauen prinzipiell von Männern unterjocht werden. D.h. die einseitige und unwissenschaftliche Wahrnehmung, Männer seien die bösen und Frauen die armen unterdrückten, ist fast schon offizielles Programm. Nicht umsonst nennen sich viele Lehrstühle offiziell Frauen- und Geschlechterforschung oder Women’s Studien. Von Frauen für Frauen im Interesse von Frauen.

      Ferner ist sicher ein Hinweis auf die feministische Standpunkt-Theorie erlaubt, nach Männer wegen deren androzentrischer Weltsicht generell unfähig sind, unvoreingenommen Geschlechterfragen zu erforschen (sind deswegen fast alle Genderlehrstühle weiblich besetzt??). Wegen der offensichtlich femizentrischen Weltsicht und nachhaltigen Blindheit gegenüber allen Interessen, die Männer haben könnten, bezweifle ich natürlich analog die Unvoreingenommenheit von feministischen Frauen. Ich habe einige Damen auf entsprechenden Uni-Stellen persönlich kennengelernt, ich halte alle für mittel bis stark voreingenommen. Allerdings ist meine private Stichprobe klein und die von Herrn Hirschauer vermutlich weitaus größer.

      “Allerdings scheint es mir dafür ausreichend, dass es verschiedene Perspektiven gibt…”

      Die These ist doch gerade, daß die vorhandene Population von Genderforscherinnen (w/m) fast alle gleich ideologisch geprägt sind und eher group think als Diversität vorherrscht.

      Leider streiten Feministinnen (bzw. Genderforscherinnen) gerade nicht über die Defizite ihres Wissenschaftsbetriebs, ganz im Gegensatz zu Überschrift dieses Blogposts. Der Hick-Hack auf Twitter ist keine ernsthafte Wissenschaftskritik, sofern man die politische Agitation von Emma und Co. und Wissenschaft für etwas verschiedenes hält – die Trennung ist nicht ganz einfach. Leider scheint sich daran auch nichts zu ändern.

      Ich stimme Ihnen also zu, daß rein theoretisch Frauen gute Geschlechterforschung (bessere als die vorhandene) betreiben könnten. Zu der heute in den Machtpositionen sitzenden Population von Genderforschern habe aber kein Vertrauen. Ich erwarte auch keine Besserung, die Abwehrkräfte dieser Population gegen Veränderungen wurden von Hirschauer ja schon mit dem Begriff Wagenburg gut beschrieben.

  3. Schärfen mit Leichtigkeit und Humor
    ja, die Härte, mit der gestritten wird, ist wirklich klasse! So was sollte es unbedingt in vielen anderen Bereichen geben.

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