Ich. Heute. 10 vor 8.

So hot, so not

Zugegeben, auf der Suche nach der „richtigen“ Frauenrolle, die ich als 35jährige Schauspielerin im Leben spielen möchte, verliere ich im medialen Getöse zuweilen das Gefühl für Selbstbestimmung. Quetsche mich vorm Filmpreis in eine speckfarbene Hüfthose, die meine Haut unterm Kleid straffen und mir eine Abbildung in der „so not!“ – Kategorie der Zeitschrift Bunte ersparen soll. Verknote mich in der Frage, wie ich denn nun am besten zu sein oder auszusehen hätte, um meine Miete zu sichern. Finde das Stammtischverhalten männlicher „Macher“ manchmal nur schwer erträglich.

Und ja, es nervt, wenn mich ein Journalist mit mitleidigem Ausdruck fragt, wie es sich denn anfühle, so als Schauspielerin „in meinem Alter“. Nicht immer laufen die Geschlechterrollenspiele in unserer Branche ganz rund.

Doch ich kann entscheiden, auf die Ü-30-Frage eine clevere Gegenfrage zu stellen, mich von sexistischen Kommentaren nicht irritieren zu lassen, oder in den Konflikt zu gehen. Ich kann entscheiden, meinen mädchenhaften Spaß am Glamour zu haben oder im Hosenanzug zum Filmpreis gehen. Mal dahingestellt, ob mir solch eine Lässigkeit stets gelingt, ich trage die Verantwortung für mein Handeln selbst. Als jemand, der in Freiheit, mit Zugang zu sozialen Mitteln und Bildung aufgewachsen ist, liegt es jeden Tag aufs Neue in meiner Hand, mit welchen Spielarten von Weiblichkeit ich meine Identität ausstatte.

Deshalb halte ich ständig wiederkehrende Motive wie Botox, Silikonbrüste und Besetzungscouch auch für einen Nebenschauplatz in der Diskussion um Gleichberechtigung. Sofern wir eine Wahl haben, sollten wir es uns radikal selbst überlassen, wie wir mit unserem Leben und unserem Körper verfahren möchten.

Es ist nicht weniger problematisch, Frauen ein als emanzipiert geltendes Verhalten nahezulegen, das chirurgisch gepimpte Kurven, Kopftücher, zaghaftes Verhalten und zarte Mädchenstimmen verurteilt. Dadurch werden die vertrauten Muster der Normierung des Weiblichen mit umgekehrten Vorzeichen reproduziert, anstatt Frauen als souverän in ihren Entscheidungen zu begreifen.

 

© ANTOINE JONQUIEREWelche Rollen wollen wir spielen?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jenseits von „so hot“ oder „so not“ ist die wesentlich bedeutsamere Frage, inwieweit Frauen jene Wahlfreiheut heute überhaupt gegeben ist, ob Menschen ungeachtet ihres Geschlechts, ihres sozialen Status oder ihrer Herkunft in Deutschland ohne Benachteiligungen leben können, um selbst entscheiden zu können, wie sie glücklich oder unglücklich werden wollen.

Hier weiterzukommen, erfordert ein Nachdenken darüber, was wir aus vorhandenen gesetzlichen Regelungen machen, was sich also nicht mehr nur auf dem Papier, sondern in unseren Köpfen verändern muss. Dass in manchen Köpfen nach wie vor das Bedürfnis wirkt, einen Schuldigen an einer vermeintlichen „Geschlechterkrise“ auszumachen, wundert mich.

Buchtitel wie „Was vom Manne übrig blieb. Krise und Zukunft des starken Geschlechts“ von Walter Hollstein oder „Das entehrte Geschlecht. Ein notwendiges Manifest für den Mann“ von Ralf Bönt zementieren eine Emanzipationsgewinner/verlierer-Polarität. Auch Bascha Mikas Aussagen zu ihrem kürzlich erschienen Buch “Mutprobe” – „Jedes Jahr ist ein Abzug in der Gesamtnote“, „Frauen werden alt gemacht“ und „Es gibt nur ein weibliches Schönheitsideal: das der jungen Frau“ – manifestieren das Bild der Frau als einer Person, die äußeren Umständen unterworfen ist.

In einer sich ständig verändernden, global agierenden Multioptionsgesellschaft bewegen sich Geschlechterbilder jenseits von Eindeutigkeit. Es ist nicht mehr zeitgemäß, sich an konventionellen Rollenideologien aufzuhängen. Vielmehr wäre es wünschenswert, im allgemeinen Rauschen der Genderdiskussion ein Reden zu befördern, das individuelle Differenzen und unterschiedliche Erfahrungshorizonte anerkennt, anstatt sich mit allzu bekannten Formeln wie „in Würde altern“, „Schönheitsdiktate“ oder „Männlichkeitsverlust durch Emanzipation“ kommunikativ im Kreis zu drehen.

Die Aufgabe, die Frauen und Männer gegenwärtig zu lösen haben, ist schließlich die gleiche: ihre eigenen Rollen im Spannungsfeld zwischen sozialem Anpassungsbedürfnis und persönlichem Entfaltungsdrang fortlaufend für sich selbst stimmig zu entwickeln.

Dabei könnte der Versuch, eine vorsichtigere Sprache zu sprechen, die sich nicht in Schlagwörtern, Hysterien oder gegenseitigen Anschuldigungen erschöpft, in einem noch nicht abgeschlossenen Emanzipationsprozess lohnenswert sein. Nötig wäre eine Sprache, die sich die Mühe macht, genauso emphatisch wie differenziert zu sein, die zuhört und forscht, statt einen Allgemeingültigkeitsanspruch zu erheben. Der Mensch erzeugt den Menschen, und wie wir diesen Menschen in der Zukunft – auch sprachlich – erzeugen wollen, liegt an uns.

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