Ich. Heute. 10 vor 8.

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Gemeinsam statt einsam

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© Zaha Hadid Architects, Foto: Luke HayesEvelyn Grace Academy by Zaha Hadid Architects

Bei Architektur geht es unterm Strich ums Wohlfühlen: Darum, eine für alle Lebensbereiche angenehmen Umgebung zu schaffen, ein Umfeld, das erhebend, begeisternd und inspirierend ist. Architektur vermag es, Lebensfreude und Optimismus zu transportieren und gleichzeitig Zusammengehörigkeiten zu schaffen und Zukunft zu gestalten. Ökologische Nachhaltigkeit und die zunehmende soziale Segregation und Ungleichheit sind die zentralen Herausforderungen unserer Generation – und genau dafür bietet eine Architektur der Inklusivität Lösungen.

Unser heutiges Leben hat derart an Komplexität und Dynamik zugenommen, dass eine Eins-zu-Eins-Übertragung auf die orthogonalen Raster und Blöcke der Architektur des 20. Jahrhunderts einer Henry-Ford-Ära unmöglich ist. Es ist notwendig, diese Architektur, die geprägt ist von Teilung und Vereinzelung, hinter sich zu lassen, um sich der Architektur des 21. Jahrhunderts zuzuwenden, die auf die Fülle, Komplexität und Dichte unserer heutigen Zeit antwortet.

Innsbruck, Hungerburgbahn© picture allianceInnsbruck, Hungerburgbahn

Mehr als 50% der kontinuierlich wachsenden Weltbevölkerung lebt heute in Städten – mit steigender Tendenz. Unsere Städte sind über die Zeit immer vielfältiger geworden, sie sind ein Zuhause für Menschen unterschiedlicher Kulturen, Erfahrungen und Einflüsse. Für Architekten ist der Auftraggeber nicht länger eine einzelne Person oder ein bestimmter Typ Mensch, es ist jedermann. Diese Entwicklung ist aufregend und hat zum Reichtum öffentlichen Raums beigetragen.

In der Tat sollte jedes Gebäude eine gemeinschaftliche Komponente besitzen. Selbst ein rein kommerzielles Hochhaus sollte ein Angebot an die Bürger machen – einen öffentlichen Raum schaffen, in dem Menschen interagieren und den sie auf ihre eigene Art und Weise nutzen können. Entwicklern sowohl im privaten als auch im öffentlichen Sektor ist es dringend geraten, in diesen öffentlichen Raum zu investieren. Sie sind essentieller Bestandteil eines lebendigen urbanen Lebens und Stadtraums – sie vereinen die Stadt und verweben unterschiedliche urbane Strukturen miteinander. Ob es sich dabei nun um eine Kunsthalle, eine Oper oder eine Ballettschule, ein Sportzentrum oder einen öffentlichen Park handelt, ihre kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung macht sie zugänglich für jeden – und eliminiert damit die Segregation und Vereinzelungen unserer Städte.

Beijing Galaxy Soho© picture allianceBeijing Galaxy Soho

In den letzten Jahren haben sich viele Städte auf der Welt zu privaten und umzäunten Arealen entwickelt. Wir als Architekten müssen darauf reagieren. Jahrzehntelang haben wir uns bemüht, unsere Städte zu befreien, sie zu öffnen, sie durchlässiger und zugänglicher zu machen. Wenn nun überall Gated Communities wie Mini-Kremls in den Städten entstehen, so ist das ein riesiger Schritt zurück und zudem eine archaische Lebensform.

Aufgabe von Architektur ist es, die Räume, in denen Menschen leben, arbeiten oder zur Schule gehen so zu gestalten, dass die Bewohner sich wohlfühlen – Lebensstandards zu erhöhen ist die Aufgabe von uns Architekten. Ein Zuhause zu haben ist essentiell – nicht nur als Dach über dem Kopf und vier Wände drum herum, sondern als Ort des Geborgenseins und eines erfüllten Lebens. Es gibt genug Wohlstand auf der ganzen Welt, der es ermöglichen könnte, allen Menschen ein gutes Zuhause zu bieten – nicht allein den Wohlhabenden. Sozialbauten, Schulen, Krankenhäuser und andere lebensnotwendige Infrastrukturen beruhten immer auf einem Konzept der Minimalexistenz – das muss heute nicht mehr so sein. Architekten besitzen alle Fähigkeiten und Werkzeuge, genau diese kritischen Punkte in Angriff zu nehmen. Tatsächlich bemühen sich weltweit viele um die Lösung dieser Probleme.

Heydar Aliyev Kulturzentrum in Baku, Entwurfszeichnung© EUO NARCH NOSALESHeydar Aliyev Kulturzentrum in Baku, Entwurfszeichnung

Architektur kann sinnvoll bei der Reorganisation von Lebensmodellen helfen und darauf abzielen, dass jeder zu einer ökologischeren und sozial nachhaltigeren Gesellschaft beitragen kann. Enorme Fortschritte in der Designtechnologie erlauben es Architekten, Form und Raum ganz neu zu denken, indem sie neue Konstruktionsmethoden und Materialien verwenden, die beständig weiterentwickelt werden: architektonisch anspruchsvolle Fassaden, die fast jede Form annehmen und gleichzeitig strukturelle, wetterfeste und dämmende Eigenschaften in einer einzigen Schicht bieten, können heutzutage leicht hergestellt und überall gebaut werden. 3D-Printing ist nur eine von unzähligen Möglichkeiten in der Bauindustrie.

Heute ist es uns möglich, Gebäude zu schaffen, die das individuelle Lebensumfeld optimieren und sich an die Bedürfnisse ihrer Bewohner und den sich verändernden klimatischen Bedingungen jederzeit anpassen. Außerdem erproben wir neue Materialien, Designtechniken und Konstruktionsmethoden, die signifikanten ökologischen Nutzen bringen. Bringt man nun diese Innovationscluster zusammen – die Nachhaltigkeit und die Anwendbarkeit unterschiedlicher Materialien – so bieten sich neue bedeutende Lösungen für dringende ökologische Herausforderungen.

Beijing Galaxy Soho© picture allianceBeijing Galaxy Soho

Unsere Aufgabe als Architekten ist es, diese Entwicklung fortzuführen. Wir müssen diese neuen Konzepte von Zugänglichkeit und Integration mit den unglaublichen Fortschritten im Bereich ökologischer Baustoffe und Konstruktionsmethoden verbinden.  Wir müssen aufhören, auf die scheinbar unvereinbaren Teile zu schauen und endlich anfangen, sie als Ganzes zu begreifen und zusammenzuarbeiten, um ganzheitliche Gemeinschaften zu schaffen, die eine Lösung unserer heutigen ökologischen und gesellschaftlichen Probleme darstellen. Nur mit Hilfe einer Architektur der Inklusivität können wir es schaffen, eine wirklich nachhaltige Gesellschaft zu schaffen.

(Übersetzung aus dem Englischen: Bettina Springer)


20 Lesermeinungen

  1. Ich kannte Fr. Zaha Hadid bis heute nicht...
    was aber nichts bedeutet. Ich denke sehr viel über die Welt nach, in der
    wir heute leben. Auch über die Art(en) (Künste) und Weise(n) (Melodien) der „Gegenwart-Menschen-Leben-Höhlen“, ihre Größen, Mengen, Dichte, Wirkungen…bezogen auf Humanität und Sehnsucht der Mensch-Seele. Ich habe in 50er/60ern als Junge keinen Tarzanfilm
    verpaßt und ich weiß schon lange warum. Baumhütte, Natur, Tiere,
    barfuß gehen, sauberes Wasser…Sie wissen was ich meine?!…und sein unermüdlicher Kampf gegen genau das, was Sie/der Mensch mit
    Wohlstand, Fortschritt,…bezeichnen, aber letztlich die Katastrophen-Probleme
    geschaffen hat, die Sie sehr gekonnt als ökologische Herausforderung beschreiben. Viele Herausforderungen von heute sind Folge
    des mangelnden Respects, mangelnder Beachtung, mangelnder
    Empathie, mangelndem Ehrgeiz, mit kontemplativem „Basis-Geistanteil“ in der Schöpfung, auf der Erde „human“ zu leben.
    Aus meiner Sicht ist die Erde schon ein Müllhaufen, auch aus Beton und Teer. Mit Ihrer Vorstellung von Architektur wird’s nicht besser und
    Gesellschaftlich schon gar nicht, eher das Gegenteil.
    „Tarzanleben“ ist das human vorgegebene „Human-Geist-Maß“ für die Menschen. Er kam aus der Zukunft, um uns zu zeigen…
    Transport der Gedanken, Symbolik, Systeme…Gleichnisse?…Realität. Gleichnisse der Geschichte(n) als Chancen, die der Mensch bis heute konsequent NICHT erkennt, oder zumindest nicht ergreift…zum humanen Leben.

    Wohlfühlen, die Sehnsucht der Seele, Friede und Geborgenheit,
    „barfuß am Busen der Natur“, auf „Mutter“ Erde…EART“H“…“H“EART!?

  2. Diskrepanz zwischen Worten und Realität
    Architekten haben viele Worte hinterlassen, haben hehre Absichten verkündet und wollten mit ihren Werken die Welt verbessern. Meines (sehr unvollkommenen) Wissens begann mit der Eisen- und Glasarchitektur ein missionarischer Drang, der mit dem Bauhaus seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Bis auf wenige Bauten ist das Ergebnis ernüchternd. Grade die volksbeglückenden Bauhausideen haben in der Breite zu Ergebnissen geführt, wie sie ärmlicher nicht sein können. Hehre Worte – miserable Wirkung.
    Erinnern wir uns der autogerechten Stadt, der Idee von der räumlichen Trennung von Wohnen und Arbeit, der von Oscar Niemeier in Brasilia geschaffenen großartigen Leere á la Chirico und nicht zuletzt die Ödnis der vielen und mit vielen schönen Worten in Europa entworfenen Plätze. Keiner käme auch nur annähernd der Idee eines Forums nahe, obwohl dieses Wort ständig in der Architekten Munde ist. Selbst Le Corbusier ist trotz seiner großartigen Formensprache mit seinen Ideen gescheitert – trotz der Revitalisierung der berliner Unité d’Habitation, die im Inneren schlicht seelenlos ist.

    Auch Frau Hadids Bauten werden Ihren Worten nicht gerecht. Sie sind kalt und unpersönlich, sie nehmen keine Rücksicht auf die Umgebung – soweit ich es von den Modellen her beurteilen kann.. Auch ist der Mensch nicht Maßstab – in keiner Weise: die von Frau Hadid angedeutetn Gigafenster deuten es an. Wer will dahinter stehen und hinausschauen? Wer kann sich das vorstellen? Dagegen sind Mies van der Rohes Lake Shore Drive Bauten mit ihren erkennbaren Fenstern heimelige Butzen, die sich -zumindest innen- individuell gestalten lassen.

    Ich sehe schon den Verfall in Frau Hadids Bauten: Hier ein wenig Schmutz, da etwas Moos und schon leidet die große Geste, die Wirkung schwindet schnell.

    PS: Die Innenarchitektur von Frau Hadid und den Entwurf für die Konzerthalle Bonn sehe ich nicht ganz so kritisch.

  3. Es lebe die Beliebigkeit
    Anstatt das sich Architekten bemühen detailierte großartige Gebäude zu konstruieren, werden weltweit nur noch Modelle verwirklicht die so aussehen als habe man einen Knethaufen in einen Windkanal geworfen. Großartige Archtiektur lebt von seinem herausragendem Design dies ist heutzutage kaum noch anzutreffen. Die alten Römer deren Ruinen wir heute noch bewundern, würden sich von diesem „hippen modernen“ Design peinlich berührt abwenden. Die hatten damals übrigens die Inklusion in ihrem auch architektonisch herausragenden Thermen verwirklicht. Nur weil ein Gebäude auch armen Menschen zur Verfügung stehen soll muss es nicht zwangsläufig geschmacklos sein.
    Der einzige Trost der bleibt ist, dass alles was heute gebaut wird in 30 Jahren wieder abgerissen wird.

  4. Nur eine
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  5. Zementherstellung ca 9% des Weltenergierverbrauches; Umwidmung über demontables und modulares Bauen
    Die Zeiten in denen ein Bauwerk mit einem gigantischen Energieverbrauch errichtet wird um dann, nahezu ohne die Möglichkeit einer Umwidmung, für 25, 50 oder 100 Jahre in der Landschaft zu stehen, sollte vorbei sein. Ob Zaha Hadid es erreicht Bauwerke über funktionsgerechtes Gestalten wirtschaftlich zu betreiben mögen andere beurteilen.

    Wir sollten uns bewusst werden dass es nicht sein kann und darf unveränderliche Bauwerke zu erstellen die am Ende der Lebensdauer mit dem Presslufthammer oder durch Sprengung in die elementarste Form als Sand oder Gesteinsbrocken zurückeführt werden.

    Sehr viel sinnvoller wäre es – ähnlich Lego – modulare Elemente zu haben die am Ende der Nutzungsdauer ohne Zerstörung der Bauelemente zerlegt und für andere Bauwerke verwendet werden. Diese Konzept ist jedoch ein Feind der Architekten denn der Bauherr könnte ja selbst mit den Bausteinen seine eigenen Formen finden.

    Neben ‚modularen Bauelementen‘ sind ‚fliegende Bauten‘ und ‚demontables Bauen‘ weiterführende Stichworte.

  6. Piknicken nicht gestattet
    Wenn Architekten „die Gesellschaft“ mutwillig verändern wollen, dann gehts meisst in die Hose. Der Architekt ist nämlich auf das Bauvorhaben des Bauherren begrenzt. In diesem engen Rahmen muss er sich bewegen, was zuweilen frustrierend sein kann. Auch wenn die Bauherren Frau Hadid gestalterisch sicher viele Freiheiten lassen, ein Bürogebäude aus Stalbeton ist auch dann ein Bürogebäude aus Stahlbeton, wenn es aussen formal etwas verspielter aussieht als andere. Der Bauherr ist bereit, für diese Spielchen sehr, sehr viel Geld auszugeben. Warum? Weil er sich von der Masse abheben, sein Ego oder die Identität der Firma profilieren will. Das ist das Gegenteil von „Inklusion“.
    Und wirklich ökologisch ist es auch nicht, verglaste Solitäre in die Landschaft zu setzen. Ökologisch wäre die dichte Stadt der Lochfassaden. Aber wie gesagt, WAS gebaut wird entscheidet eh der Bauherr. Die unspektakulären Vorhaben kann der Architekt höhstens ablehnen, sofern er es sich leisten kann.

    PS. Bezeichnend, dass man auf den Bildern dieser imposanten Bauwerke die Menschen nur als anonyme Punkte wahrnimmt, quasi als Statisten. Die dürfen in diesen Betonwüsten mit Sicherheit nicht piknicken.

  7. Inklusion
    Der moderne Stadtmensch muss schon während seiner Berufsausübung und auf dem Hin- und Rückweg zwangsläufig soviel sozial interagieren, daß man ihm doch in seinem Heim Privatsphäre gönnen sollte. Vielleicht wäre es auch nett, den Begriff Inklusion herauszulassen, impliziert dieser doch ein aufgezwungenes Nebeneinander ohne Gegenwehr.

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