Ich. Heute. 10 vor 8.

Nur keine heterosexuelle Panik!

Neuerdings hab ich um 10 vor acht schon den ersten Kick des Tages hinter mir. Und das nicht, weil ich mir mit meiner Kaffeemaschine „Silvia“ einen leckeren, fair gehandelten Bioespresso zubereitet, sondern weil ich einen Blick in die Zeitungen des Tages geworfen habe. Seit einiger Zeit kann ich mir daher schon frühmorgendlich einbilden, zu einer zwar kleinen, aber augenscheinlich extrem effektiven lesbischen Spaßbremsenguerilla zu gehören. Die ist wirklich ganz schön mächtig, diese Guerilla. Sie lockt nämlich nicht nur Mädchen aus der Puppen- und Jungen aus der Bauecke, sie nimmt diesen ihre (geschlechtliche) Identität gleich ganz weg. Und bringt dann auch noch den solcherart verstörten Kindern in der Schule bei, dass es auch lesbisch, schwul und transgeschlechtlich lebende Menschen und sogar Intersexuelle gibt – und dass das auch gut so ist. Und schließlich hat sie auch noch einen Großteil der Professuren an deutschen Hochschulen gekapert, um auch dort ihre als Theorie verbrämte „Gender-Ideologie“, die aber nichts anderes ist als der groß angelegte Versuch, das „Diktat der Heterosexualität“ zu beenden, ans studierende Volk zu bringen. Soviel Selbstwirksamkeitserfahrung war nie!

Harry Potter, Hermione Granger und Rupert Weasley: Kampf gegen die Weltverschwörung © Ilona Higgins, CC BY-SA 2.0Harry Potter, Hermione Granger und Rupert Weasley: Kampf gegen die Weltverschwörung

Wären wir in der Welt von Hermione Granger und Harry Potter müssten die nun ernsthaft fürchten, den Kampf gegen den Dark Lord, dessen Name nicht ausgesprochen werden darf, verloren zu haben. Der Sieg der dunklen Mächte ist nahe, die lesbische Weltverschwörung in Gestalt des Gender Mainstreaming, vor der SPIEGEL und FAZ schon vor etlichen Jahren warnten, fast am Ziel. Wir alle wissen indes, dass Hermione und Harry den Kampf nicht verloren haben – und, wie im echten Leben, am Ende auch sie sicher im Hafen der Ehe gelandet sind: Hermione mit Ron und Harry mit Ginny.

Nun leben wir zwar nicht in der Welt von Hermione und Harry, aber auch in unserer Welt werden die dunklen Mächte heftig bekämpft. In dieser Welt trat Hermione, alias FAZ-Redakteurin Heike Schmoll, sonst bekannt für ihre durchaus seriös recherchierten Artikel zu Themen der Hochschul- und Bildungspolitik, zuletzt eben jener „Gender-Ideologie“ beherzt entgegen. In den Internatshäusern dieser Welt träfe die Theologin Schmoll zwar nicht auf den Poltergeist Reeves, aber zum Beispiel auf Pfr. Hansjürg Stückelberger, Präsident der rechtskonservativen Stiftung „Zukunft Schweiz“, die zuletzt mit einer an die Universität Fribourg gerichteten Petition in Erscheinung trat, diese möge die kürzlich an Judith Butler verliehene Ehrendoktorwürde zurücknehmen, da hier eine Ideologin und keine Wissenschaftlerin geehrt worden sei; oder auf Beatrix von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg, AFD-Politikerin, Mitglied des Europäischen Parlaments und Vorkämpferin für die Heiligkeit der heterosexuellen Ehe; auch die französische Unternehmensberaterin Beatrice Bourges, Ritter der französischen Ehrenlegion und Mitgründerin von La Manif pour tous; oder die Schriftstellerin und Büchner-Preisträgerin Sybille Lewitscharoff; der Katholik und ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm, der Anfang des Jahres das Bundesverfassungsgericht für dessen Rechtsprechung in Sachen Gleichstellung lesbischer und schwuler Paare scharf kritisiert und sich dafür einmal mehr homophober Argumente bedient hatte, könnten auf diesen Fluren angetroffen werden. Und nicht zuletzt träfe Hermione auf die Protestantin und deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, die im vergangenen Bundestags-Wahlkampf bekannt hatte, sie tue sich aus Sorge um die Kinder mit der Gleichstellung von lesbischen und schwulen verpartnerten Paaren im Adoptionsrecht „schwer“. Eine illustre Gesellschaft, fürwahr.

Neu ist der gegenwärtige Versuch der bürgerlichen Mitte, Homophobie wieder gesellschafts­fähig zu machen, nicht. Die „Sexualität der Anderen“, daran erinnert jüngst Mike Laufenberg (2014), ist seit ihrer Erfindung als Andere so ins Verhältnis zu den Körpern und Vergemeinschaftungsformen der Mehrheitsgesellschaft (Staat, Ehe, Familie, Ziviligesellschaft) gesetzt worden, dass sie als Gefahr für deren Integrität und Stabilität erscheint. Die Beziehung, die zwischen dem Leben der Gesellschaft und der Sexualität der Anderen herge­stellt werde, argumentiert Laufenberg, sei eine der Ansteckung. Da Letztere sich nicht durch Fortpflanzung reproduziere – das Normalitätskriterium der Heterosexualität –, sondern sich auf rätselhafte Weise vermehre, durch Streuung, Kontakt und Übertragung, drohe ihre ungehemmte Entfesselung die moralische, soziale und biologische Ordnung des kollektiven Körpers zu destabilisieren und letztlich zu zerstören. Gebannt werden könne diese Gefahr, die von ihr für die Einheit und Identität des kollektiven wie individuellen Körpers ausgeht, daher nur dadurch, dass ihre Träger_innen allenfalls vereinzelt oder in kleinen Gruppen in Erscheinung treten dürften. „Zu einer Bedrohung“, so Laufenberg, werde sie in den Augen der Mehrheit dann, „wenn sie beginne, sich zu assoziieren, und anfange, sich zu zählen“. Homophobie ist, in diesem Licht betrachtet, demnach weniger, wie das Wort nahelegt, eine Dimension des psychischen Lebens als eine gesellschaftliche Verteidigungsstrategie.

Dass die Fragen wie, wer und was eine Familie ist, wie sie gelebt wird und gelebt werden soll, nach ‚angemessenen‘ Geschlechterbildern oder danach, welche Rechte lesbischen, schwulen und transgeschlechtlich lebenden Menschen zustehen, gegenwärtig zu den umstrittensten Fragen politischer, ethisch-moralischer, juristischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzung gehören, verweist wohl darauf, dass wir es mit nicht nur gefühlten Erosionen im Geschlechterverhältnis zu tun haben, sondern mit irreversiblen Eingriffen in die patriarchalen Tiefenstrukturen unserer Gesellschaften. In der Tat ist die kulturelle, soziale und symbolische Architektur moderner Gesellschaften auch durch die feministischen, lesbischen und schwulen Emanzipationsbewegungen sowie den mit diesen verbundenen kritischen Wissensprojekten der Gender und Queer Studies nachhaltig erschüttert. Diese haben den Status des heterosexuellen Paares und der Kernfamilie, verstanden als unteilbare Basis jeglicher Gemeinschaft, ohne die es überhaupt keine Gesellschaft gäbe und die daher in jedem Fall geschützt werden muss, allerdings nicht aufgrund einer vorübergehenden psychischen Störung namens ‚heterosexuelle Panik‘ angefochten. Es ging ihnen vielmehr darum, die Frage nach den „Grenzen des Menschlichen“ (Judith Butler), danach also, wessen Leben und welche Bindungen zählen, nachhaltig auf die politische Tagesordnung zu setzen. Die homophobe Verteidigung von Heterosexualität, Ehe und Familie ist eine rückwärtsgewandte Antwort auf diese Fragen. Es wird Zeit, dass Harry auch mit Neville, Hermione auch mit Parvati glücklich werden kann.

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