Ich. Heute. 10 vor 8.

Frozen Future.

Eizellen einfrieren für den Chef ist nicht fortschrittlich, sondern Ausdruck eines veralteten Arbeitsmodells.

© Insomnia Cured Here, CC BY-SA 2.0Charlie Chaplin: Modern Times

Den Vorschlag, ihre Eizellen einfrieren zu lassen, machten Mitarbeiterinnen von Facebook und Google. Vielleicht haben sie nur an ihre nächste Beförderung gedacht, als sie dies ihren Chefs gegenüber äußerten und nicht in einem größeren Maßstab daran, was für eine gesellschaftliche Entwicklung sie hiermit begünstigen und welche sie behindern würden. Ihr Vorschlag ist von den Chefs der beiden Unternehmen dankbar aufgegriffen worden. Kein Wunder: Mitarbeiterinnen nerven nicht mehr damit, sich eine firmeneigene Kita oder eine längere Auszeit für die Familie zu wünschen, nein, sie geben in vorauseilendem Gehorsam klein bei und bieten als Pfand nichts Geringeres als ihren Körper an. Sie offerieren, ihre Biographie in wesentlichen Belangen umzugestalten, nur um firmenkompatibel zu sein. Nicht die Unternehmen passen sich den Wünschen ihrer Mitarbeiter nach einer zeitgemäßen Vereinbarkeit von Familie und Arbeit an, sondern die Mitarbeiter optimieren sich selbst bis in die Intimsphäre hinein, um sich ihrer Firma perfekt andienen zu können. Natürlich haben die männlichen Chefs in dieser männlich dominierten Branche euphorisch auf diesen Einfall reagiert. So leicht war es noch nie gewesen, Mitarbeiterinnen entgegenzukommen: Sie verzichten immerhin zehn oder zwanzig Jahre lang einfach darauf, eine Familie zu gründen.

Dabei sollte es überhaupt nicht Bestandteil einer Unternehmenspolitik sein, Entscheidungen darüber zu treffen, wann und auf welche Weise Firmenmitarbeiter Kinder in die Welt setzen. Das stellt eine grobe Verletzung der Privatsphäre dar. Eigentlich müsste ein feministischer Aufschrei „Mein Bauch gehört mir!“ wieder durchs Land ziehen. Zudem werden mit solchen scheinbar verlockenden Angeboten Mitarbeiterinnen unter Druck gesetzt, die vielleicht doch lieber mit 30 als mit 45 Jahren ein Kind bekommen möchten. „Können Sie das nicht ein bisschen vertagen?“ wird es dann, mindestens unter der Hand, schnell heißen.

Auf die vielen Nachfolger von Facebok und Google wird man nicht lange warten müssen. Es ist nur eine Frage des Geldes, wie viele Firmen es sich zukünftig leisten können, ihren Mitarbeiterinnen künstliche Befruchtungen zu spendieren. Und mit einem in die Ferne geworfenen Blick auf die zukünftige Gesellschaft á la Facebook und Google scheint es für diejenigen Frauen, die gar kein Kind bekommen möchten, bald keine biologische Ausrede mehr zu geben. Auch „ich habe nicht zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Partner gefunden“ wird nicht mehr zählen – die Eizellen lassen sich schließlich genauso mit gespendeten Samen befruchten.

Dabei setzen Facebook und Google ihre Mitarbeiterinnen nolens volens dem Risiko aus, gar keine Familie mehr gründen zu können. Von Humanbiologie haben diese Firmen nämlich offenbar wenig Ahnung: Eine vierzigjährige Frau hat nicht die gleichen Chancen, ein gesundes Kind zu gebären wie eine zwanzig- oder dreißigjährige – und zwar unabhängig davon, wie alt ihre Eizellen sind. Ältere Frauen verlieren ihr Baby öfter und leiden vermehrt unter Schwangerschaftskomplikationen. Auch kommen ihre Babys häufiger zu früh auf die Welt. Und: Ein Teil der Behinderungen bei Kindern ist nicht genetisch bedingt, sondern eine Folge von Komplikationen bei der Geburt. Diese nehmen mit dem Alter der Mutter zu. Ganz am Rande: Viele Eizellen überstehen das Einfrieren gar nicht – befruchtete Eizellen lassen sich im übrigen besser einfrieren als unbefruchtete. Ob das Freezing erfolgreich war, weiß man aber erst, wenn die Kryptokonservierung beendet ist. Und dann ist es zu spät, um neue zu gewinnen.

© First National Studios 1918, public domainChaplin: A dog’s life

Es ist zweifellos als Fortschritt zu betrachten, dass ungewollt Kinderlose heute mittels In-Vitro-Fertilisation größere Chancen haben, ein Kind zu empfangen. Jedes siebte Paar in Deutschland ist ungewollt kinderlos. Viele dieser Paare nehmen große Strapazen auf sich, um – vielleicht – doch noch ein Kind zu bekommen. Für sie mag der Gang in den OP-Saal der letzte Weg zum eigenen Kind sein. Aber die Idee, jungen Frauen statt einer schönen Nacht eine OP mit Vollnarkose und erheblichen weiteren Strapazen und Risiken nahezulegen, zeugt von Machbarkeitswahn und einem mechanistischen Körperverständnis.

Auch für Männer, die gern Vater werden möchten, ist das Signal von Facebook und Google verheerend: Es untergräbt das Modell der berufstätigen Mutter und rekurriert auf die alten dualen Lebenswirklichkeiten von Frauen und Männern: Arbeiten oder Kind haben. Beides zugleich geht nicht. Zumindest nicht, wenn man erfolgreich sein will. Es wird ein Einsatz erwartet, der mit einem Privatleben kaum vereinbar ist. Die Firma ist Deine Familie, Dein Baby.

Vielleicht ist dieses Angebot von Facebook und Google aber auch ein Zeichen dafür, dass die Bedeutung vom Silicon Valley als so etwas wie die Speerspitze westlich-avantgardistischer Arbeitskultur ihren Zenit überschritten hat. Führende Wirtschaftswissenschaftler schreiben derzeit über postkapitalistische kooperative Arbeitsmodelle und sehen darin Vorboten einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Denn durch die enorme Kostensenkung in der Produktion in fast allen Industriezweigen und die Digitalisierung, die etliche Waren kostenlos zur Verfügung stellt, werden viele Güter bald zu billig werden, um in klassisch-kapitalistischer Weise Wertschöpfung betreiben zu können – Geld wird in Zukunft mehr mit Ideen und Dienstleistungen verdient werden. Mehr Kooperation und weniger Konkurrenz wird als unternehmerische Strategie unvermeidlich sein, um in einer postkapitalistischen Arbeitsgesellschaft überleben zu können. Doch die Idee von Facebook und Google ist noch ganz dem alten fordistischen Arbeitsmodell des Höher, Schneller, Weiter und der Vorstellung von Firmenmitarbeitern als untergebenen Rädchen im Getriebe geschuldet. Auch wenn das Angebot zum Social Freezing unter dem Deckmäntelchen der schicken Biotechnologie daherkommt, ist die damit verbundene Vorstellung vom ständig anwesenden, sich tot arbeitenden Untergebenen, des homo industrius, der seiner Firma zur Verfügung steht wie ein Soldat seinem Offizier und sowieso kein Privatleben hat, arbeitsmentalitätsgeschichtlich schon veraltet.

Wirklich progressive Unternehmen machen sich heute über ganz andere Dinge als über die Verschiebung der Familiengründung Gedanken: Sie überlegen, wie man sich als Firma sinnvoll intergenerationell aufstellen kann, wie Mitarbeiter über 60 und junge Einsteiger in kleinen Teams miteinander arbeiten und mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten voneinander profitieren können. Sie überlegen, wie man das Wissen von jungen Müttern und Vätern – Stichwort: auf täglicher Basis gelernte Teamarbeit in der Familie – in den Abteilungen nutzen kann. Sie sehen in jungen Vätern und Müttern keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung. Solche Unternehmen – viele haben ihren Sitz in Skandinavien, aber auch manche in Deutschland (Weleda) – bieten immer mehr Aufgaben für den Home-Office-Bereich an, um Mitarbeitern die Arbeit von Zuhause aus zu ermöglichen. Sie treten für die Doppelte Führungsspitze ein und bieten nicht nur Müttern Teilzeitstellen an. Es liegt in ihrem Interesse, dass ihre Mitarbeiter nicht nur berufsbezogene Talente bei sich fördern und eine gesündere work/life-Balance haben.

© Breve Storia del Cinema, CC BY 2.0Schlussszene aus Modern Times

Ein derart inhumanes, jegliche Privatsphäre und Intimitätsgrenze verletzendes Angebot wie das „Social Freezing“ hat es selten in der jüngeren Geschichte der westlichen Arbeitsgesellschaften gegeben. Da denkt man beinahe sehnsuchtsvoll an die Zeiten zurück als sich die Sekretärin mal vom Chef in den Ausschnitt gucken lassen musste.

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