Ich. Heute. 10 vor 8.

Das Sichtbare und das Unsichtbare

###© Philip Werner 

Kürzlich zeigte mir jemand ein Kunstmagazin, darin waren abgedruckt einige Fotos aus dem Projekt „101 vagina“. Man sah die so genannten Schamdreiecke der unterschiedlichsten Frauen – dickere, dünnere, hellere, dunklere, alte und jüngere, mehr und weniger behaarte… Frauen in ihrer ganzen Vielfalt.

Das einzige, was man nicht sah, war: eine Vagina. Wo ist die Vagina?, fragte ich. Die Frage wurde von der Kunstliebhaberin, die dieses super-gewagte super-feministische Projekt begrüßte, gar nicht verstanden. Ich habe „101 vagina“ später gegoogelt, anscheinend stammt es aus dem Frühjahr dieses Jahres und versucht Aufmerksamkeit zu stiften für allerlei Frauen-Belange. Das ist sicher sehr ehrenwert und auch viel differenzierter, als es sich mir bei dem Blick auf die Fotogalerie erschloss. Trotzdem würde ich sagen: Auch der erste Eindruck zählt. Und zwar der Blick auf eben diese Fotoserie, wie sie von vielen Leuten gesehen wird und was sie vermittelt.

Und was sie mit dem Titel “101 vagina” vermittelt, ist eigentlich: Es ist egal, welchen Teil einer Frau du dir ansiehst, eine Frau hat zwar viele dem Geschlechtsleben zugehörige anatomische Teile, aber alles in allem ist die Frau: Vagina. Ihr Geschlechtsteil lautet: Vagina.

Und diese Aussage ist völlig daneben, ziemlich wörtlich. Gewiss ist die Vagina ein wichtiges Organ der Frau, viele Frauen ziehen viel Vergnügen aus ihrer Vagina, und natürlich kommen die Babys auf diese Weise auf die Welt. Aber eine Frau hat nicht nur mit der Vagina Sex. Sondern auch mit den „Scham“lippen und insbesondere mit der Klitoris.

Dass die Vagina in unserer Kultur gerne als pars pro toto für das gesamte weibliche Geschlecht genommen wird – von den “Vagina Monologen” bis zu “101 vagina” – ist schon oft kritisiert worden. Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanjal etwa hat vor einigen Jahren ihrem Buch über das weibliche Geschlecht ganz bewusst den Titel “Vulva” gegeben. Nicht nur um den inneren, unsichtbaren Teil des weiblichen Geschlechts, das schwarze Loch, sollte es gehen, sondern um den äußerlich sichtbaren, um Schamlippen und Klitoris – eben die Vulva…

Aber die Sache mit der Klitoris ist komplizierter. Sie ist sowohl innen wie auch außen. Es hat mich schockiert, vor wenigen Jahren zu erfahren, dass die Entdeckung der Klitoris und ihres wahren Umfangs auf 1998 datiert! Damals erst entdeckte die australische Urologin Helen O’Connell die weitverzweigte Struktur der Klitoris, die eigentlich die gesamte Vagina umschließt und mit zwei tentakelähnlichen Ausläufern etliche Zentimeter tief in das Körperinnere vordringt. O‘Connell hatte bemerkt, wie man bei Männern nach Prostata-Operationen darauf achtet, keine fürs Sexualleben entscheidenden Nerven und Blutgefäße zu beschädigen. Bei Operationen an Frauen ließ man keine ähnliche vergleichbare Vorsicht walten, und O’Connell fand durch ihre eigenen Untersuchungen heraus, dass die Struktur der Klitoris bis dahin nicht mal entdeckt worden war.

Sicher werden die meisten Leserinnen jetzt nicken: Das mit der Klitoris-Entdeckung wussten sie. Und jetzt Preisausschreiben: Wer könnte die Klitoris – die volle, nicht nur die äußere Spitze – ad hoc zeichnen? Ungefähr? Ich wette, dass 95 % der Menschen, die dies lesen, keine Klitoris zeichnen können.

Nun mag man sagen, es sei völlig egal, was man wisse und wie man es nenne, Hauptsache, man beziehungsweise frau kann es fühlen. Aber genau das ist der Punkt. Eine Frau, deren innere Klitoris bei einer OP beschädigt wird, weil der Arzt von ihr nicht weiß, fühlt eben anders. Eine Transfrau, deren Krankenkasse bei der Rekonstruktion der Geschlechtsorgane nur die Kosten für die Vagina, nicht aber für den Kitzler übernimmt, fühlt auch anders!

Und auch wenn frau O‘Connells Grafiken studiert, kann man sexuelle Handlungen anders wahrnehmen, oder jedenfalls das Wahrnehmen anders deuten. Es ist nämlich nicht eins, ob man einfach keine Worte dafür hat, was „untenrum“ los ist – oder ob man falsche Dinge darüber lernt. Wir leben nun einmal in einer Kultur, in der das Geschlechtsleben der Frau mit der Vagina identifiziert wird. Immer noch wirkt Freuds Auffassung nach, die reife Frau erlebe Sex vaginal, die unreife klitoral – ohne zu wissen, dass auch die vaginale Empfindung oft eine klitorale ist. Ob mit der äußeren Spitze oder mit dem viel größeren Teil des Organs innerhalb des Körpers – wir erleben „101 Klitoris“.

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