Ich. Heute. 10 vor 8.

Die Tücke des Diesseits

Noch nicht mal zehn vor acht am Frühstückstisch, da sind Familie und Radio schon voll aufgedreht, und jeder will und braucht was anderes: Die internationale Pop-Elite Anerkennung ihres Einsatzes für die Ebolaopfer; das Kind seinen Morgenbrei, und zwar Hopp; der Mann eine sofortige Perspektive, die er a) kaum in diesem Tag b) nicht in dieser Gesellschaft und c) auf keinen Fall in dieser Welt sieht; und Hilfsorganisationen aus aller Welt Spenden, Spenden, Spenden. Vorweihnachtszeit eben.

Kind in Spendierlaune. © privatKind in Spendierlaune.

Das Kind will dann doch keinen Brei und wandert vom Frühstückstisch ab in die auf dem Teppich aufgetürmte Berglandschaft aus unaufgefordert eingesandten Engelskärtchen, Adressaufklebern und geschmückten Tannenbäumen. Noch traue mich nicht, das alles zu entsorgen. Bewusst soll die Entscheidung sein. Und so meditiere ich über den beigelegten Überweisungsformularen, ob die Barmherzigen Schwestern nicht doch, das Pausenbrot für Alle nicht auch noch und die Patenschaft nicht sowieso meine Unterstützung haben sollen. 
Selbst die Organisationen, für die ich schon regelmäßig spende, begnügen sich nicht mit einem schlichten weihnachtlichen Dank, sondern fordern zum Jahresende noch auf, Ziegen für den Sudan, Hühner für El Salvador oder Lamas für Bolivien zu schenken.

 

Bevor sich das Kind gleich beim Blick auf Huhn, Ziege und Rind auch noch mit dem Vater solidarisiert und realisiert, dass es – ganz wie er – lieber im Zirkuswagen leben will, als sich mit seinen 13 Monaten in die institutionalisierte Absurdität moderner Lebenswelt namens »Kindertagespflege« zu begeben, vergegenwärtige ich mir noch mal schnell die Spenden-Bedingungen, die mir die den Titel »Expertin« tragende Expertin eines gemeinnützigen Beratungshauses am Telefon eingebläut hat:

1) Die Organisation veröffentlicht einen Jahresbericht: 
Ja, das tun alle hier auf dem Teppich versammelten, aber genau diese Transparenz macht mich fertig: wenn ich jetzt auch noch Jahresberichte durcharbeiten muss, bevor ich meine Entscheidungen treffe, emigriert der Mann ins Innere, und das Kind muss in der Kindertagespflege überwintern anstatt wenigstens zu Weihnachten im Kreise der erweiterten Kleinfamilie seinen zertifizierten Ziegenbraten zu bekommen.

2) Die Organisation übt keinen Druck auf potentielle Spender aus: 
Hahaha, lachen die Engelchen von ihren Postkarten, denn selbst sie wissen, dass sie nicht aus purer Nächstenliebe in unserem Briefkasten gelandet sind, sondern barmherzige Gegenleistung erwarten und zwar als Cash, und hinter den naturalistisch golden blitzendenden Lichtlein der Tannenspitzen sehe ich plötzlich Scharen von enttäuschten Mund- und Fußmalern sitzen.

3) Die Organisation unterlässt aggressive Werbung: 
Alles klar, entscheide ich bewusst, was ich unbewusst sowieso schon wusste, befördere die Berglandschaft ins Altpapier und das Kind in den Tragegurt.

Er bräuchte jetzt unbedingt eine Brezel, um den Tag zu meistern, selbst wenn sie aluminiumverseucht ist, haucht der Mann, ob ich die nicht noch schnell für ihn besorgen kann, wenn ich schon auf die Straße gehe.

© privatBayerisches Backwerk, vermutlich aluminiumbelastet

Wozu ferngesteuerte Nächstenliebe per Spendenklick, wieso mitleid-gesteuerte Brezel-Spende zur Identitäts-Stiftung, wenn sich Bedürftige und Wohltäter doch vor meiner Wohnungstür treffen? Denn schon beim ersten Schritt auf die Straße des Münchner Glockenbachviertels bietet sich mir ein weihnachtliches Bild der Barmherzigkeit, das auch eine Expertenkommission aus erfahrensten Mundmalern, subtil-aggressiven Werbestrategen und Tiefen-Psychologen nicht authentischer hingekriegt hätten: Zwei menschgewordene Engelchen in Form von blondgelockten, vermutlich in Petit Bateau (sie) und Tommy Hilfiger für Mini-Fashionistas (er) gekleidete Vorschulkinder nähern sich, Händchen in Händchen, mit kindlicher Neugier, ernstem Forscherdrang und enormen Respekt dem Obdachlosen, dem viele Bewohner unseres jungen, selbstbewussten, Besitz und Eigentum nicht komplett ablehnenden Viertels schon das Possessivpronomen »unser« verliehen haben. Etwa einen Meter vor dem Hut zu seinen Füßen bleiben die Kleinen stehen, erwidern seine Rufe (»Kinderlein!«) mit einem Kichern, wagen sich dann doch ganz nah ran, lockern kurz ihre geballten Fäustchen um jeweils eine Münze in – nein, nicht den Hut – in die geöffnete Hand fallen zu lassen und rennen sogleich – die Anspannung fällt ab, die unbändige Freude, einem Anderen Freude bereitet zu haben, macht sich breit, der eigene Mut wird gefeiert – kreischend und lachend zu ihren im Sicherheitsabstand von drei Metern verweilenden Müttern.

Ich wische mir gerade noch rechtzeitig die Tränen aus den Augenwinkeln, um wieder klar zu sehen: zwei mal 5 Cents liegen da auf der Handfläche des Obdachlosen, und während sich der noch die Augen reibt, kann ich im Blick der vermutlich in Fendi (beide) gekleideten Mütter den Zwiespalt aufblitzen sehen: Einerseits sind sie stolz darauf, ihren Kleinen dieses Abenteuer, diesen Ausflug in eine fremde Welt gegönnt zu haben, andererseits beginnen sie vermutlich jetzt schon zu überlegen, wo sich die nächste Möglichkeit bietet, ihren Kindern die Hände zu waschen und wann der geeignete Zeitpunkt, sie durch ein ernstes Gespräch von der potentiellen Langzeitwirkung (Solidarisierung, Sinnfrage) eines derartigen Spontankontakts zu schützen.
»Maaa-maaa!«, macht das Kind, und ich möchte ihm schon seinen Schnuller in den Mund schrauben – einige wenige Bedürfnisse zumindest sind noch einfach und ohne Gewissenskonflikt zu stillen.

© privatFreude schenken – mit 10 Cents sind Sie dabei

»Eure Lifestyle-Nächstenliebe kotzt mich an«, flüstere ich stattdessen den unbarmherzigen Müttern hinterher, und dabei wird mir bitter bewusst, dass es diesmal weder Tränen der Rührung noch Tränen der Wut sind, die mir in die Augen steigen, angesichts der vorweihnachtlichen Erkenntnis, dass ich meine inneren Widersprüche im Diesseits nicht lösen werden kann. »Sei lieb!«, sage ich. Was weiß das Kind mit seinem guten Jahr schon von Nächstenliebe und Bedürftigkeit? Verdammt! Wo krieg ich denn jetzt nur eine aluminiumfreie Brezel her?

Die mobile Version verlassen