Ich. Heute. 10 vor 8.

Brief aus Odessa. Liana

Ich steige in ein Flugzeug einer westlichen Airline, und da begrüßt mich der Flugbegleiter – meine slawische Herkunft klar erkennend – auf Russisch. Ich antworte ihm englisch, um ein Lächeln bemüht, mein ganzes Naturell wehrt sich gegen diese falsche Zuschreibung als „Russin“, die er durch sein „Zdravstvuite“ ausdrückt. Etwas später bietet jener durchaus sympathische junge Mann Getränke an, wieder spricht er Russisch mit mir. Ich zögere, schaue ihn lange an, unsicher, eher wie ein Karpfen, bewege ich meine Lippen. „Bitte sprechen Sie kein Russisch mit mir, ich bin Ukrainerin“, antworte ich endlich in einem erbärmlichen Englisch, werde vor Aufregung laut und mache dabei noch mehr Fehler. Mein Gesicht ist feuerrot. Europäische Sitznachbarn schauen neugierig zu mir herüber, die „echten“ russischen Touristen weiter hinten schweigen erschrocken. Aber vielleicht kommt mir das auch nur so vor.

###© Serge PoliakovOdessa im November 2014

Vor einem Jahr wäre diese Situation für mich undenkbar gewesen. Heute aber ist dieser – nicht offen erklärte – Krieg, den Russland nahezu unverhohlen gegen die Ukraine führt, ein Teil unseres Alltags. Nein, das ist nichts Alltägliches, an das du dich gewöhnst, das du kaum bemerkst – es ist etwas, das dich nicht ruhig leben und atmen lässt, ein Stein, der auf deiner Seele liegt, etwas, dass dein Leben in „davor“ und „danach“ teilt. Diese täglichen Nachrichten über den Verlauf der Kämpfe im Osten, über die Zahl der Toten in der letzten Nacht, die seltenen Berichte über Bekannte, die konkreteren Erzählungen der Freiwilligen, die der Armee und Flüchtlingen helfen, die du jeden Tag auf Facebook verfolgst – und mit deinen Freunden diskutierst du in den Pausen in der Philharmonie die letzten Regierungsentscheidungen. Die Fotos in den sozialen Netzwerken, von jungen schönen Menschen, verstümmelt, ohne Arme oder Beine, die du nicht ohne Tränen anschauen kannst. Ohne groß nachzudenken, überweist du Geld auf deren Konto, die Hilferufe des einzigen Tierheims im Donezker und Lugansker Gebiet, das sich um verlassene Tiere im Kriegsgebiet kümmert. Dieses Jagdgewehr, das – seit auf dem Maidan Menschen erschossen wurden – bis zum heutigen Tag im weißen Schlafzimmer meiner Kiewer Bekannten steht. Der Ordner mit allen wichtigen Papieren und eine Summe Bargeld auf meinem heimischen Schreibtisch.

Nach dem Maidan hatten wir eine gute Chance unser Land zu verändern, der Kriegsausbruch, initiiert und unterstützt von Russland, hat das unmöglich gemacht. Einen Krieg gegen äußere und innere Feinde zu führen, durch ein völlig korrumpiertes staatliches System, ist praktisch unmöglich. Erschöpfung, ein Gefühl der Kraftlosigkeit, Apathie, äußerste Nervosität bilden den Hintergrund des alltäglichen Dekors. Manche versuchen trotzdem etwas zu tun und erreichen sehr viel, andere frohlocken über die Verschlechterung der Lage, manche leben so, als ob nichts geschehen wäre – 625 km vom Krieg entfernt, das ist möglich. “Ich warte, dass die Soronprfbs ein Konzert in Odessa geben, zum Beispiel im Ibiza für einen Haufen Geld. Bis die Band kommt, höre ich sie zu Hause und empfehle die Indi-Komödie Frank, „Nacht und Tag im Zauberwald. Eine von zwei Kulissen ist schon fertig! Hier können Sie sich einzeln, als Gruppe oder Familie filmen lassen.“ – „Wir laden Sie ein zum Neujahrs-Familien-Tag mit Feuerwerks-Detox-Menü, Beerensmoothie, Salat mit Tompinambur, Ingwer, grüner Cremesuppe mit Guacamole und Nusseis.“ – „Wenn Ihr Mann Sie gekränkt hat, reagieren Sie nicht grob darauf. Knabbern Sie ein paar Kekse auf seiner Bettseite“, empfehlen meine Odessaer Bekannten auf Facebook, als gäbe es keinen Krieg.

Aber wir haben heute nur die Wahl: unseren Blick auf das Wesentliche richten und uns auf das Überleben zu konzentrieren, nicht persönlich, sondern als Land und Nation.

Vor knapp 100 Jahren, im drei Jahre währenden Krieg um die Unabhängigkeit (1917-1920), erlitt die ukrainische Nationalbewegung eine Niederlage und die eigene Staatlichkeit rückte in weite Ferne. Jetzt können wir diese Chance nicht ziehen lassen, dazu haben wir kein Recht. Es könnte unsere letzte sein.

Als ich das Flugzeug verlasse, schaut der Flugbegleiter fragend, seine Brauen ironisch hochgezogen. Ich verabschiede mich auf Englisch. Heutzutage schäme ich mich, Russisch zu sprechen.

Übersetzt von Elke Bredereck

 

 

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