Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Brief aus Odessa. Liana

| 23 Lesermeinungen

Ich steige in ein Flugzeug einer westlichen Airline, und da begrüßt mich der Flugbegleiter – meine slawische Herkunft klar erkennend – auf Russisch. Ich antworte ihm englisch, um ein Lächeln bemüht, mein ganzes Naturell wehrt sich gegen diese falsche Zuschreibung als „Russin“, die er durch sein „Zdravstvuite“ ausdrückt. Etwas später bietet jener durchaus sympathische junge Mann Getränke an, wieder spricht er Russisch mit mir. Ich zögere, schaue ihn lange an, unsicher, eher wie ein Karpfen, bewege ich meine Lippen. „Bitte sprechen Sie kein Russisch mit mir, ich bin Ukrainerin“, antworte ich endlich in einem erbärmlichen Englisch, werde vor Aufregung laut und mache dabei noch mehr Fehler. Mein Gesicht ist feuerrot. Europäische Sitznachbarn schauen neugierig zu mir herüber, die „echten“ russischen Touristen weiter hinten schweigen erschrocken. Aber vielleicht kommt mir das auch nur so vor.

###© Serge PoliakovOdessa im November 2014

Vor einem Jahr wäre diese Situation für mich undenkbar gewesen. Heute aber ist dieser – nicht offen erklärte – Krieg, den Russland nahezu unverhohlen gegen die Ukraine führt, ein Teil unseres Alltags. Nein, das ist nichts Alltägliches, an das du dich gewöhnst, das du kaum bemerkst – es ist etwas, das dich nicht ruhig leben und atmen lässt, ein Stein, der auf deiner Seele liegt, etwas, dass dein Leben in „davor“ und „danach“ teilt. Diese täglichen Nachrichten über den Verlauf der Kämpfe im Osten, über die Zahl der Toten in der letzten Nacht, die seltenen Berichte über Bekannte, die konkreteren Erzählungen der Freiwilligen, die der Armee und Flüchtlingen helfen, die du jeden Tag auf Facebook verfolgst – und mit deinen Freunden diskutierst du in den Pausen in der Philharmonie die letzten Regierungsentscheidungen. Die Fotos in den sozialen Netzwerken, von jungen schönen Menschen, verstümmelt, ohne Arme oder Beine, die du nicht ohne Tränen anschauen kannst. Ohne groß nachzudenken, überweist du Geld auf deren Konto, die Hilferufe des einzigen Tierheims im Donezker und Lugansker Gebiet, das sich um verlassene Tiere im Kriegsgebiet kümmert. Dieses Jagdgewehr, das – seit auf dem Maidan Menschen erschossen wurden – bis zum heutigen Tag im weißen Schlafzimmer meiner Kiewer Bekannten steht. Der Ordner mit allen wichtigen Papieren und eine Summe Bargeld auf meinem heimischen Schreibtisch.

Nach dem Maidan hatten wir eine gute Chance unser Land zu verändern, der Kriegsausbruch, initiiert und unterstützt von Russland, hat das unmöglich gemacht. Einen Krieg gegen äußere und innere Feinde zu führen, durch ein völlig korrumpiertes staatliches System, ist praktisch unmöglich. Erschöpfung, ein Gefühl der Kraftlosigkeit, Apathie, äußerste Nervosität bilden den Hintergrund des alltäglichen Dekors. Manche versuchen trotzdem etwas zu tun und erreichen sehr viel, andere frohlocken über die Verschlechterung der Lage, manche leben so, als ob nichts geschehen wäre – 625 km vom Krieg entfernt, das ist möglich. “Ich warte, dass die Soronprfbs ein Konzert in Odessa geben, zum Beispiel im Ibiza für einen Haufen Geld. Bis die Band kommt, höre ich sie zu Hause und empfehle die Indi-Komödie Frank, „Nacht und Tag im Zauberwald. Eine von zwei Kulissen ist schon fertig! Hier können Sie sich einzeln, als Gruppe oder Familie filmen lassen.“ – „Wir laden Sie ein zum Neujahrs-Familien-Tag mit Feuerwerks-Detox-Menü, Beerensmoothie, Salat mit Tompinambur, Ingwer, grüner Cremesuppe mit Guacamole und Nusseis.“ – „Wenn Ihr Mann Sie gekränkt hat, reagieren Sie nicht grob darauf. Knabbern Sie ein paar Kekse auf seiner Bettseite“, empfehlen meine Odessaer Bekannten auf Facebook, als gäbe es keinen Krieg.

Aber wir haben heute nur die Wahl: unseren Blick auf das Wesentliche richten und uns auf das Überleben zu konzentrieren, nicht persönlich, sondern als Land und Nation.

Vor knapp 100 Jahren, im drei Jahre währenden Krieg um die Unabhängigkeit (1917-1920), erlitt die ukrainische Nationalbewegung eine Niederlage und die eigene Staatlichkeit rückte in weite Ferne. Jetzt können wir diese Chance nicht ziehen lassen, dazu haben wir kein Recht. Es könnte unsere letzte sein.

Als ich das Flugzeug verlasse, schaut der Flugbegleiter fragend, seine Brauen ironisch hochgezogen. Ich verabschiede mich auf Englisch. Heutzutage schäme ich mich, Russisch zu sprechen.

Übersetzt von Elke Bredereck

 

 


23 Lesermeinungen

  1. Wie war es denn 1950 in Belgien, den Niederlanden, Frankreich?
    Da konnte es passieren, daß vor einem ausgespuckt wurde, wenn man öffentlich Deutsch sprach. Im Laden wurde man nicht bedient. Im Hotel bekam man kein Zimmer. Und das war so bis weit in die 1980er Jahre. In gewissem Sinne müssen die Ukrainer Putin dankbar sein – er hat für die Nations- und Staatswerdung der Ukraine mehr getan als alle Generalsekretäre der KPdSU zusammen!

  2. Titel eingeben
    „Einen Krieg gegen äußere und innere Feinde zu führen, durch ein +völlig korrumpiertes staatliches System+, ist praktisch unmöglich ….“
    Der Ukraine mangelt es derzeit an allem, sogar an neoliberalen Spitzenpolitikern. Jedenfalls haben Präsident Poroschenko und Regierungschef Jazenjuk drei Ausländer ins neue Kabinett gehievt, die es in sich haben. Es ist ähnlich wie nach dem Militärputsch gegen die Regierung Allende in Chile, als anschließend die „Chicago Boys“ Milton Friedmans aus den USA eingeflogen wurden, um das Andenland auf streng neoliberalen Kurs zu trimmen. Einen Tag nach der Bestätigung des Jazenuk-Kabinetts im Parlament durch die fünf Regierungsparteien (mit 288 von 339 anwesenden Abgeordneten), bestätigte Transparency International, dass die Ukraine das korrupteste Land in Europa ist; Platz 142 von 175 angeführten Staaten in der Welt. Ein ganzes Jahr lang nach dem Maidan ist nichts geschehen zur Bekämpfung, obwohl es auf dem Platz zu den zentralen Forderungen gehörte.st es rechtens, dass Menschen, die ihr Recht auf Selbstbestimmung verteidigen, als Terroristen bezeichnet werden? Sind Menschen, die ihr Hab und Gut, ihre Kultur, ihre Sprache, ihre Heimat vertreten und beschützen und sich keiner faschistischen Regierung unterordnen wollen, eine Besatzung? Seit wann sind die Bewohner eines Landstrichs Besatzer oder Rebellen, wenn sie sich lediglich verteidigen? Besetzen sie etwa ihr eigenes Land? Von einer Besetzung wird in der Regel dann gesprochen, wenn ein Land von feindlichen Truppen vereinnahmt worden ist. Bei diesen „Besatzern“ handelt es sich jedoch um die heimische Volkswehr der russischstämmigen Bevölkerung der Ostukraine, die nicht von den ukrainischen Faschisten vereinnahmt werden wollen. Es sind größtenteils Zivilisten, die sich hier zusammenschließen. Die meisten sind aus der Umgebung, nur etwa fünf Prozent sind Freiwillige aus Russland, wohlgemerkt Freiwillige, vielleicht von Moskau Beauftragte, keine regulären russischen Soldaten. Es sind frühere Armeeangehörige, normale Bürger, Abenteuerlustige oder Kosaken. Je mehr Zivilisten sterben, desto schneller wächst diese Volkswehr. Sie kämpfen und beschirmen ihren Grund und Boden, weil es ihre Heimat ist, es geht für sie nicht um mehr und nicht um weniger als um ihre Zukunft. Und die wollen sie selbst bestimmen.

    • @Eberhard Höffken
      Sie verbreiten hier reine russische Propaganda. Besonders die Bezeichnung der gewählten Regierung als „faschistische Regierung“ entlarvt sie als Propagandist des Kreml. Diskreditierungsversuche mit dem Terminus „Faschismus“ sind alte sowjetische Tradition („antifaschistischer Schutzwall“). Dass sie die Beteilung russischer Truppen leugnen passt auch ins Propagandabild. UN und OSZE haben wiederholt die Anwesenheit russischer Truppen beklagt, erst jüngst berichtete wieder eine russische Mutter vom Tode ihres Sohnes (regulärer Soldat) in der Ostukraine (Daily Telegraph 27.12. https://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/russia/11314817/Secret-dead-of-Russias-undeclared-war.html)

  3. […]
    Bitte bleiben Sie sachlich. Die Blogredaktion

  4. Keine Wort über den Massenmord vom 2. Mai?
    Wenn man Odessa und Maidan im selben Beitrag erwähnt, sollte man die perversen Ereignisse vom 2. Mai nicht einfach ausblenden. Zu gern verschließt sich die Kiever Regierung und ihre Patronen im Westen gegen jegliche Kritik an ihrer Wegguckhaltung.

  5. Schwede
    Nur weil man Russisch spricht, heißt das nicht, dass man die Regierung in Moskau unterstüzt!

    Ich bin kein Linguist, aber soweit ich weiß ähneln sich Russisch und Ukrainisch sehr, und wenn es nur einen Willen gibt, kann man sich gegenseitig verstehen. Mir als Schwede wurde gesagt, der Unterschied der beiden slawischen Sprachen ist ungefähr so groß wie der zwischen Schwedisch und Dänisch. Wenn ich mit der skandinavischen Fluggesellschaft SAS fliege, begrüßen mich immer wieder dänische Stewardessen auf Dänisch, und ich bestelle meinen Orangensaft auf Schwedisch.

    Das ist alles kein Problem! Siehe nur den Bildtext! Auch einen sehr ukrainischen, bzw. anti-russichen Text, hat man mit einem Foto aus „Odessa“, so der Text zum Bild, illustriert. Dies ist ja der russischen Name der Stadt, auf Ukrainisch heißt sie „Odesa“, mit nur einem ’s‘.

  6. […]
    Bitte bleiben Sie sachlich. Die Blogredaktion

  7. Auch nicht besser als andere
    die Hochmut der Ukrainer pikiert mich sehr, die glauben, dass sie wegen ihrer Streitsucht mit Russland auf Gelder des Westens rechnen.

    Wenn die Ukraine nach Europa will, dann ist Schritt eine „Willkommenskultur“ für alles Ausländische. Auch für seine „Kulturfeinde“…

  8. Ukraine - ein Lichtblick
    Menschen, die nicht apathisch alles hinnehmen sondern selbst bestimmen wollen – das ist für mich der Euromaidan, der Aufbruch in der Ukraine. Ich kannte die Ukraine vorher nicht, will aber nächstes Jahr dorthin reisen um das Land und die Menschen besser kennen zu lernen.
    Die Ukraine steht vor großen Schwierigkeiten und trotz des Angriffs Russlands versucht die Ukraine Rechtsstaat und Demokratie zu verwirklichen. Die Ukraine verdient mehr als jeder andere Staat Europas unterstützt zu werden. Ich habe Geld gespendet, das ist das mindeste.

  9. So sorry, liebe Autorin.
    Soweit wie ich das sehe, wird die Ukraine schaebig ausgenutzt. Ihr Brief erinnert mich an verschiedene Einlassungen von Marina Weisband. Es muss traurig sein, die Ohnmaechtigkeit gegenueber kalter Global Player eingestehen zu muessen.

    Apropos Ibiza: Die Aktion der Bloodhound Gang im Sommer 2013 – mithin vor dem November-Maidan – in Odessa ist fuer mich bezeichnend und bleibt im Gedaechtnis eingegraben.
    Ich vertrete die Meinung, dass der grelle Westen gegen den fuer uns teilweise unergruendlichen Osten, von dem fuer mich eine Faszination ausgeht, unterliegen wird.
    Die Menschen hinterfragen die westlichen Surrogate und Instant-Produkte immer mehr, zumal es den multinationalen Konzernen und Banken immer besser und dem kleinen Mann immer schlechter ergeht.
    Es wird sich zeigen, inwieweit die Erfuellungsgehilfen in Bruxelles Ende Januar 15 bereit sind, demokratische Entscheidungen zu respektieren. Griechenland wird der erste fallende Dominostein sein, auch wenn sich Alexis Tsipras ersteinmal kaufen lassen koennte.

    Ich bezweifle, und das ist das Perfide am System, dass man sich auf anderes als auf das weitere Ueberleben konzentrieren koennen wird. Die europaeische Austeritaetspolitik, die in GR, PT, ES hat viele Suizide aus Verzweiflung verursacht.
    Der Feind ruht teilweise in den Leuten selbst, die sich von irgendwem oder irgendwas haben einspannen und verblenden lassen.
    Ein eigener und konsequenter Entschluss waere schon ein guter Meister.

    Interessant ist ein uebersetztes Zitat der Unabhaengigkeitserklaerung der USA:
    „…sobald einige Regierungsform diesen Endzwecken verderblich wird, es das Recht des Volks ist, sie zu verändern oder abzuschaffen, und eine neue Regierung einzusetzen, die auf solche Grundsätze gegründet, und deren Macht und Gewalt solchergestalt gebildet wird, als ihnen zur Erhaltung ihrer Sicherheit und Glückseligkeit am schicklichsten zu seyn dünket. Zwar gebietet Klugheit, daß von langer Zeit her eingeführte Regierungen nicht um leichter und vergänglicher Ursachen willen verändert werden sollen; und
    DEMNACH HAT DIE ERFAHRUNG VON JEHER GEZEIGT, DASS MENSCHEN, SO LANG DAS UEBEL NOCH ZU ERTRAGEN IST, LIEBER LEIDEN UND DULDEN WOLLEN, ALS SICH DURCH UMSTOSSUNG SOLCHER REGIERUNGSFORMEN, ZU DENEN SIE GEWOEHNT SIND, SELBST RECHT UND HILFE VERSCHAFFEN.
    Wenn aber eine lange Reihe von Mißhandlungen und gewaltsamen Eingriffen, auf einen und eben den Gegenstand unabläßig gerichtet, einen Anschlag an den Tag legt sie unter unumschränkte Herrschaft zu bringen, so ist es ihr Recht, ja ihre Pflicht, solche Regierung abzuwerfen, und sich für ihre künftige Sicherheit neue Gewähren zu verschaffen.“

    In der Praxis zeigt sich aber, dass gerade in den USA die freie Meinungsaeusserung nur noch ein Feigenblatt darstellt, waehrend die grossen Lobbies lachend weiterschreiten und ueber ihre eingekauften Politiker offenbar beliebig verfuegen. Als Beispiel mag Michael Taylor als ehemaliger Monsantos-Bevollmaechtigter dienen, der nun allen US-Buergern fast keine andere Wahl mehr laesst, als Gen-Food zu konsumieren.
    Als assoziertes Land duerfte auch die Ukraine bald in den vollstaendigen Genuss der Errungenschaften der Agroindustrie kommen:
    https://investukraine.com/wp-content/uploads/2012/11/Food-processing-in-Ukraine_WWW.pdf .

  10. Russisch-Ukrainisch
    Ich bin eine Russin mit 70% ukrainisches Blutes. 400 000 Ukrainer aus der Ostukraine sind seit Juni 2014 nach Russland ausgesiedelt, wo sie ganz herzlich aufgenommen wurden, in vielen Regionen Russlands bis zum Fernosten, ganz weit von der Ukraine weg, wo man sie ausrottet, über 6000 Tote, 10000 verletzt, Kinderheime, Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser von der ukrainischen Armee zerbombt. Jetzt dürfen die Ausgesiedelten Russisch sprechen. Russisch wurde nicht als zweite Nationalsprache in der Ukraine akzeptiert. Warum aber sprechen jetzt neue Regierungsminister nur Russisch? Aha! Weil sie Amerikaner und Georgier sind und Ukrainisch nicht sprechen können.

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