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Eine gute Geschichte ist nur die halbe Mampe

Ob das Revival der alten Berliner Marke und des Bitterlikörs „Mampe halb und halb“ ein Nostalgie-Projekt oder ein Marketing-Coup wird, muss sich erst noch zeigen. Eine nette Geschichte lässt sich schon jetzt darüber erzählen.

© Mampe Spirituosen GmbHMampe in der guten alten Zeit

Kurz vor Weihnachten besuche ich Tom Inden-Lohmar in seinem Kreuzberger Büro, eigentlich einer Industrielagerhalle, spärlich dekoriert mit alten Postern der Spirituosenmarke Mampe, die er vertreibt. Überall stapeln sich Pappkartons mit Mampe-Gin, Mampe-Wodka und dem Likörklassiker Mampe Halb und Halb. Ständig klingelt sein Smartphone, Leute gehen aus und ein, die Berliner Bars, Restaurants und Geschäfte müssen ihre Bestellungen abholen. Das Geschäft läuft gut.

Eigentlich hatte Inden-Lohmar gar nicht vor, zum Retter eines der ältesten Unternehmen Berlins zu werden. Der 52jährige Marketingexperte stolperte vor fünf Jahren über die Idee, als er zwischen seinem damaligen Zuhause in Köln und einem neuen Job bei einer Markenagentur in Berlin hin- und herpendelte. Wie viele Vielflieger besorgte er häufig Geschenke am Flughafen, und schon bald frustrierte ihn, dass es im Duty Free Shop kaum Berliner Marken zu kaufen gab. „Wenn ich zu Hause zu Parties eingeladen war und den Gastgebern etwas aus Berlin mitbringen wollte, hatte ich die Wahl zwischen Rotkäppchen-Sekt und Spreewald-Gurken.“

Doch dann stieß er auf Mampe. Es schien der perfekte Zeitpunkt. Die Marke dümpelte vor sich hin und war kaum noch erhältlich, aber es gab noch genug Menschen, die sich an Mampe erinnerten. Und vor allem ließ sich eine nette Geschichte erzählen, die sich mit Berlin verband: Mitte des 19. Jahrhunderts gab der preußische Sanitätsrat Carl Mampe das Rezept für sein Cholera-Heilmittel „Bittere Tropfen“ an seine jüngeren Stiefbrüder Carl und Ferdinand Johann weiter. Sie machten aus dem Rezept, das 130 verschiedene Kräuter kombiniert, einen Schnaps, und mischten ihn mit einem Bitterorangen-Likör. Der süß-bittere Schnaps Mampe Halb und Halb war geboren – und mit ihm eine Geschwister- und Firmenrivalität, die die Generationen überdauerte.

Carl den Jüngeren und seine Nachfolger verschlug es mit der “Carl Mampe AG” nach Berlin; Ferdinand ließ sich mit der Firma “F.J. Mampe” im pommerschen Stargard nieder. Dessen Urenkel siedelten das Unternehmen nach 1945 nach Hamburg um. Jahrzehntelang lieferten sich die beiden Firmen Schlachten darum, ob das Recht auf die Marke Berlin oder Hamburg gehöre. Die Carl Mampe AG hatte schon vor dem Krieg massiv in ihre „Berliner Identität“ investiert. In den Weimarer Jahren belieferte sie fast alle Berliner Bars mit preiswertem Alkohol; sie gründete zahlreiche Eckkneipen: „Mampes Gute Stuben“, und sie finanzierte dem Berliner Zoo zwei Elefanten: „Carl“ und „Mampe“.

Die Carl Mampe AG überlebte den zweiten Weltkrieg, die Teilung Berlins und den Mauerbau, ohne an ihrem Ruf Schaden zu nehmen. In den späten 1970ern förderte sie Hertha BSC und ein Motorsport-Team. Der Kultstatus des Likörs wurde zementiert, als David Bowie in dem Film “Schöner Gigolo, armer Gigolo” als Mampe-Flasche durch Berlin torkelte.

Letztlich schlug Berlin Hamburg sowohl im Rechtsstreit um den Namen als auch im Kampf um die Identität, aber der Sieg lohnte sich nicht: 1984 meldete die Carl Mampe AG Konkurs an; die Party war zu Ende. In Mampes guter Stube am Ku-Damm ist heute McDonalds. Die Elefanten Carl und Mampe sind tot.

Die Marke wechselte einige Male ihre Besitzer, bevor sie schließlich im Portfolio der Berentzen-Gruppe landete, einem Kunden von Inden-Lohmar. Er und ein Geschäftspartner kauften sie im Jahr 2011 und arbeiten seitdem daran, wie weiland Carl Mampe die Identität der Marke mit der Identität Berlins zu verknüpfen. Inden-Lohmar holte das Flaschendesign mit dem Elefantenanhänger wieder hervor. Mampe Halb und Halb bleibt der Markenkern, aber Inden-Lohmar legte auch Mampe-Gin und Mampe-Wodka wieder auf. Im vergangenen November finanzierte er einen Wettbewerb, der 25 Menschen für 25 Stunden nach New York brachte, um dort das 25-jährige Jubiläum des Mauerfalls zu feiern. Und er unterstützt Katrin Erbs 2007 gegründetes Mampe-Museum.

„Wenn die Leute an Berlin denken, sobald sie Mampe hören – wie bei der Currywurst –, haben wir unser Ziel erreicht“, sagt er.

Nostalgie und Traditionen anzuzapfen, um emotionale Bindung herzustellen, ist eine bewährte Strategie. Seit Jahrhunderten verkaufen Marken Geschichte und Geschichten. Der Marketing-Experte Tim Halloran, der zehn Jahre für das Coca Cola Markenmanagement tätig war, hat ein Buch darüber geschrieben, mit dem Titel: “Romancing the Brand” – “die Marke umwerben”, „der Marke eine romantische Geschichte andichten“. Er sagt, dass Verbraucher und Marken Beziehungen aufbauen. Likörmarken müssen attraktiv und interessant sein, so wie die Leute, die man in Bars treffen will. „Jeden Tag werden Verbraucher mit tausenden Botschaften bombardiert. Eine Marke, die noch nicht so bekannt ist, muss ihre Bedeutung auf den ersten Blick aufschließen.“

Mampes Geschichte schafft den so wichtigen ersten Eindruck bei denjenigen, die sich nach dem alten Berlin sehnen. Imden-Lohmar wirbt mit der Beschränkung auf den Berliner Markt: „Keiner für alle. Nur für Berlin“, und zielt auf die Touristenscharen, die auf der Suche nach lokalen Produkten und authentischen Erfahrungen sind. “Sagen zu können, dass etwas typisch Berlin ist, hat Seltenheitswert,” bestätigt Thorsten Pannek, geborener Berliner mit langjähriger Erfahrung als Barkeeper. Früher war Mampe altmodisch, ein Getränk der Eltern und Großeltern. Heute findet gerade das altmodische Image den Zuspruch eines neuen und jüngeren, aus der ganzen Welt kommenden Publikums.

Schwer vorherzusagen, ob Mampe ein Revival wie das von Jägermeister gelingt – ob die Verbraucher eine längerfristige Bindung eingehen werden, oder ihre Liebe nur ein Strohfeuer ist. Kräuterliköre sind keine einfachen Getränke. Auch haben die Freunde des Schnaps in Berlin inzwischen eine ganze Reihe anderer Anbieter, die von der Sehnsucht nach lokalen Produkten zu profitieren suchen, wie Our/Berlin, die Preußische Spirituosen Manufaktur und Neuköllnisch Wasser.

Gut möglich, dass es Inden-Lohmar ähnlich gehen wird wie seinen Vorgängern: mit einer Marke, die jeder kennt und liebt, und einem Produkt, das nicht profitabel ist. Aber auch, wenn Mampes Dauer in Berlin nicht langfristig wäre – Inden-Lohmar hat sich der Stadt dauerhaft verbunden. Er sagt, er habe mit dem Kauf der Marke nicht nur für Mampe, sondern auch für sich selbst ein neues Kapitel aufgeschlagen. Inzwischen lebt er hier, mit einer Ehefrau aus Potsdam und einer zweijährigen Tochter.

„Heute bin ich auch ein Berliner.“

(Aus dem Englischen übertragen von Marion Detjen)

 

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