Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Der Mut zur Wahrheit ist der neue Ernst des Lebens

| 19 Lesermeinungen

Über die Radikalität von Charlie Hebdo, die Unausweichlichkeit blasphemischer Äußerungen und die Zumutungen der freimütigen Rede.

Würden Sie für eine Idee sterben? So lautete bis in die 1980er Jahre hinein, in denen Stéphane Charbonnier sein Abitur ablegte, eine Examensfrage in Philosophie. Die Anzüglichkeit der Frage, den Flirt mit der Unbedingtheit des jugendlichen Sturm und Drang verwechselten die Lehrer von damals mit Ernst – oder hielten es für ein brillantes intellektuelles Glasperlenspiel. Keiner von ihnen sah seine Schüler blutüberströmt unter den Zeichentischen der Redaktion einer Satirezeitschrift liegen. Die französische Journalistin und Autorin Pascale Hugues, die sich anlässlich der Morde an den Illustratoren von Charlie Hebdo an die naiv-infame Abiturfrage erinnert, verschweigt ihre Antwort nicht: „Natürlich schrieben wir in Großbuchstaben ‘OUI!’ auf das weiße Examenspapier. Wir waren 18 Jahre alt, wir hatten große Ideale im Kopf, ohne Risiko. Uns drohte doch kein Verlust. Vor allem nicht der des Lebens, in das wir mit beiden Beinen voran springen wollten.“

Sich an eine Wahrheit zu binden, sich mit Leib und mit Seele in ihren Dienst zu stellen und sehenden Auges für sie zu sterben, ist in westlichen Gesellschaften längst keine Frage des kollektiven Anstandes (mit Hamburger ‘s-t’) mehr, wie noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es ist eine höchst seltene und suspekte Sache geworden, ein Angriff auf die herrschende symbolische Ordnung, sprich: auf das ungeschriebene Gesetz, das in jeder Kultur das Erlaubte vom Verbotenen trennt und diesen Unterschied mit Klauen verteidigt.

Radikal ist, was an die „Nieren“ der jeweils dominanten Kultur geht, das, was sie nicht verstehen kann. Radikal ist, wer den Unterschied zwischen Theorie und Praxis nicht länger erträgt und anfängt, die von Aristoteles begründete, nötige Distanz zwischen beiden Größen einzureißen. Das klingt harmlos, ist es aber nicht. Denn die Lücke wird nicht an einem austauschbaren Beispiel, sondern unter Einsatz und Preisgabe des eigenen Körpers ein für alle Mal geschlossen. Diese radikale Selbstermächtigung (unter Verlust der eigenen Integrität und Sozialität) wirkt übermenschlich – und bindet in dem Maße Nachahmer nach sich, wie sie ihre Betrachter_innen polarisiert und spaltet: in Gläubige und Ungläubige.

Wer sich solchermaßen gegen die Theorie-Praxis-Lücke, gegen die symbolische Ordnung und gegen die eigenen Selbsterhaltungsinteressen wendet, ist damit nur noch einen Wimpernschlag vom Extremisten entfernt. So kommt es, dass der scheinbar komfortable zivilisatorische Grat, der zwischen dem Sterben und dem Töten für eine Idee verlief, seit den Attentaten von Paris schmaler geworden ist. Die existentielle Bindung an eine Wahrheit, die für mindestens vier der Opfer wie für zwei der Täter von Paris gleichermaßen gilt, macht die Sache so kompliziert.

Es ist wohl kein Versehen, dass der ermordete Chefredakteur von Charlie Hebdo der deutschen Öffentlichkeit von einer seriösen Zeitung wie der Süddeutschen als „aufrecht, furchtlos, radikal“ präsentiert wird. Als Beweis dient ein Satz gegenüber Le Monde, der – prophetisch genug – schon 2012 gefallen ist: „Ich habe keine Kinder, keine Frau, kein Auto, keine Schulden. Das klingt jetzt sicherlich ein bisschen schwülstig, aber ich sterbe lieber aufrecht, als auf Knien zu leben.“ Ich bin nicht erpressbar, lautet die Ansage – und wenn ihr mich tötet, werde ich Euch mit meinem Tod nicht gedient haben.

So sieht es aus – und so ist es gekommen. Vier Tote in einem jüdischen Supermarkt allein hätten vermutlich nicht drei Millionen Franzosen auf die Straße getrieben. Es ist im buchstäblichen Sinne der nun überall in Übergröße hochgehaltene Bleistift, der die Unschuld des Zeichners und die Ungeheuerlichkeit der gegen ihn gerichteten Kalaschnikow verbürgt. Traurig genug, dass sich die westliche Öffentlichkeit wegen notorischer Todesdrohungen längst mit dem Polizeischutz für Karikaturisten abgefunden hat. Nachbarn sollen den schwerbewaffneten Attentätern übrigens arglos den Weg zur unausgeschilderten Redaktion gewiesen haben, das Trugbild einer Eliteeinheit zum Schutz vor Anschlägen im Kopf.

Am Ende des Tages ist es die eklatante Ungleichheit der „Waffenwahl“, die später den emotionalen Ausschlag für die millionenfach aufbrandende Empörung gibt und vermutlich erst im zweiten Atemzug die Verteidigung der Pressefreiheit.

Was ist von der verblüffenden Erklärung der Attentäter inmitten des Blutbads zu halten, Frauen und Zivilisten töteten sie nicht, das verbiete ihnen der Islam? Starb die Psychoanalytikerin Elsa Cayat „aus Versehen“? Macht der Bleistift nur aus einem männlichen Illustrator einen Krieger zur Verteidigung des christlichen Abendlandes? Wie werden sich die überlebenden Frauen aus dem Redaktionsteam fühlen – für unwürdig erklärt, für ihre Ideen zu sterben resp. für unfähig, eine vollgültige Blasphemie wider den Propheten zu vollziehen?

Blasphemie – was ist das? Angemaßte Macht über das Heiligste? Doch wie kann ein Mensch durch ein abschätziges Wort oder einen überzeichneten Gesichtszug überhaupt höchste symbolische Macht über seinen oder den Gott anderer erringen? Ich gestehe, ich war als 16-jährige Protestantin auf einer Ursulinenschule erstaunt zu erfahren, dass es auch im Christentum (für Protestanten wie Katholiken) eine „Todsünde“ gebe, die durch keine Beichte gesühnt und keinen Ablass ungeschehen gemacht werden könne: die Lästerung wider den Heiligen Geist. Dessen Bedeutung wurde uns anlässlich dreier Besinnungstage im Kloster Himmerod von einem Pater erläutert, der dazu nachts mit uns in ein Schlammbad stieg. Demnach walte der Heilige Geist überall, wo mehr als zwei … und sei daher potentiell immer zu beleidigen … besonders in der Gemeinschaft giggelnder Mädchen, die sich mit ihrem Pater kreatürlich im Dreck suhlten, führte ich den Satz laut zu Ende. Das Ganze war so skurril, dass ich reflexhaft zu lästern anfing, ich konnte nicht anders. Jahrelange Scham darüber folgte auf den Fuß. Spät las ich Luther, um mich von der göttlichen Gnade zu überzeugen, die durch keine menschliche Handlung – weder im Guten wie im Schlechten – herbeigezwungen werden kann.

Was ich damit sagen will? Blasphemie ist in allen Religionen eine empfindliche Kränkung, da ein Angriff auf die Gottesfurcht; überdies in wenigstens zwei der drei monotheistischen Bekenntnissen eine überaus ernste Angelegenheit, weil sie unglaublich leicht zu begehen ist. Eine einfache Gedankenlosigkeit, ein unkonzentrierter Moment, ein unwillkürliches Lachen genügt und es ist um das Seelenheil geschehen! Zack! Wumm! Aus die Maus! Im Judentum genügt hingegen eine bestimmte Personenzahl, um Gottesdienst zu feiern, davon müssen ausdrücklich gar nicht alle gläubig sein. Der Abweichler oder Zweifler gehört mit zur Gemeinschaft dazu, statt ihr zu schaden. Wie sympathisch! Sobald aber das Verhältnis von Gläubigen zu Gott durch unfehlbare Päpste, todernste Propheten oder gar einen ubiquitär kontrollierenden Heiligen Geist reguliert wird, der mühelos lästerliche Gedanken zu lesen vermag, wird die Blasphemie zu einer schier unausweichlichen Sache. Sie wird zum Sinnbild für den ganz alltäglichen Abfall von Gott qua Zerstreutheit, Abwesenheit, Gedankenlosigkeit. Sie verbürgt, mit einem Wort, unsere Menschlichkeit.

Das „Recht auf Blasphemie“, das die überlebenden Redakteur_innen eine Woche nach dem Massaker mit den Mitteln des Comics schwarz auf grünem Grund einklagen, ist in diesem Sinne das Allermenschlichste und so kurz nach den Attentaten unglaublich stark! Alles ist verziehen steht wie ein Gottesurteil über einem bedröppelt dreinschauenden Moslem (dit Mohammed), dem angesichts der erdrückenden Sachlage nichts anderes übrigbleibt als tapfer sein „Je suis Charlie“-Schild hochzuhalten.

###© Reuters 

Na ja, halbhoch zu halten. Das Verzeihen auf der Seite der angeblichen Blasphemisten – es zeigt umgekehrt wie haltlos verloren ein Mensch ist, der sich das Menschlichste selbst nicht verzeihen kann. Zum Glück kann Gottes Ehre so wenig verloren gehen, wie sie von Menschen gerächt werden kann. Nur dem Menschen kann die Menschlichkeit abhanden kommen, wenn er aufhört, zu lachen, zu lästern, zu zweifeln, zu widersprechen. Wenn er sich all das verbietet, was ihn von (s)einem Gott unterscheidet.

Bleibt zuletzt die Frage: Gehört Stéphane Charbonnier ins Panthéon? Ist er nicht für Frankreich gestorben, für die unveräußerlichen Werte der Grande Nation? Dieser Vorschlag stammt von Jeannette Bougrab, der ehemaligen Jugendbeauftragten unter Sarkozy. Obgleich die Familie des Toten sie für eine Aufschneiderin hält, reklamiert Bougrab für sich, zuletzt die Frau an Charbs Seite gewesen zu sein, die es theoretisch gar nicht geben dürfte.

Der Satiriker im Panthéon erscheint wie eine Figur aus Michel Foucaults letzter Vorlesung am Collège de France aus dem Frühjahr 1984. Sie erschien 2009 unter dem Titel „Le courage de la vérité“, 2010 als „Der Mut zur Wahrheit“ auf deutsch. Neben dem Fachmann (der sagt, was er weiß), dem Weisen (der deshalb meistens schweigt) und dem Propheten (dessen Wahrheiten dunkel und damit Auslegungssache bleiben) geht es dort um eine vierte Form des Wahrredens, um den zynischen Schwätzer, den bedenkenlosen Alles-Sager, den Nie-das-Maul-Halter, also nicht zuletzt: um den Karikaturisten, der zeichnet, wie ihm der Bleistift gerade gespitzt ist.

Die griechische parrhesia übersetzt man wohl am besten mit der freimütigen Rede im politischen Raum. Während antike Verächter den Begriff als ‘Beliebiges sagen’, sprich: als Herumschwätzen auslegen, loben seine Befürworter das riskante ‘Wahrreden’, ohne Rückhalt, ohne Furcht. Parrhesia sei eine Rede mit äußerstem Risiko einen anderen zu verletzen, verbunden mit der Gefahr einer gewalttätigen Reaktion. Foucaults Fazit: „Die parrhesia setzt also nicht nur die etablierte Beziehung zwischen dem Sprechen und dem, an den sich die Wahrheit richtet, aufs Spiel, sondern sie riskiert sogar die Existenz des Sprechenden, zumindest wenn sein Gesprächspartner Macht über ihn hat und er die Wahrheit, die man ihm sagt, nicht ertragen kann.“

Wir alle wissen, dass am 7. Januar 2015 in der Redaktion von Charlie-Hebdo keine Gesprächspartner aufeinandertrafen. Klar ist auch, dass nicht jeder über Charlies allwöchentlichen Sexismus, seine Vulgaritäten und Polemiken gegenüber allen Religionen lachen kann. Doch die produktive Differenz zwischen Theorie und Praxis, Denken und Handeln, die der Blasphemievorwurf nicht wahrhaben will und nicht ertragen kann, gehört zum Kern der Meinungsfreiheit. Es geht um die Zumutungen der parrhesia im vollumfänglichen Sinne: geschwätzig und dumm, wahrredend und riskant, belanglos oder tödlich genau zu sein. „Ich verteidige dein Recht, dummen Scheiß zu sagen,“ so fasst der britische Journalist Eliot Higgens die Lage zusammen, „aber es bleibt dummer Scheiß.“

Wie es aussieht, wird die schlichte Freimütigkeit der Rede dreißig Jahre nach Foucaults Tod plötzlich zum „Mut zur Wahrheit“ – und gleichbedeutend mit dem Ernst des Lebens.


19 Lesermeinungen

  1. Ginneh sagt:

    Würden Sie für eine Idee sterben?
    Nur für die Schöpfung-Geist-Idee Human-Sein, human reifend leben und
    human gereift, soweit mit den Fähigkeiten bemüht, sterben. Das wäre die human geistreife Antwort.
    Ist die Frage an sich nicht schon inhuman…gotteslästerlich;
    wenn der Zweck des Lebens bewußt ist, die Schöpfungsidee der Geistreifung? Gott-Existenz-Psycho-Sozial-Be-Last(end)?

  2. Sonntag11 sagt:

    Um welche Wahrheit geht es?
    Der Artikel zitiert M. Foucault folgendermaßen: “Die parrhesia setzt also nicht nur die etablierte Beziehung zwischen dem Sprechen und dem, an den sich die Wahrheit richtet, aufs Spiel, sondern sie riskiert sogar die Existenz des Sprechenden, zumindest wenn sein Gesprächspartner Macht über ihn hat und er die Wahrheit, die man ihm sagt, nicht ertragen kann.”

    Parrhesia ist also nicht einfach Geschwätz, Daher-Reden. Es hat, jedenfalls nach Foucault, ganz klar mit der Wahrheit zu tun.

    Nun fragt man sich natürlich: Um welche “Wahrheit” ging es Charlie Hebdo angeblich? Die der Laizität? Gar die des religiösen Respekts?

    Gerade der letzte Punkt, der religiöse Respekt, müsste sich doch so artikultieren, dass er denen, für die Religion eine lebendige Wirklichkeit und kein Museumsobjekt ist (Charbonnier war ja Atheist), auch einleuchtet. Nun ist es ja bekannt, dass Muslimen jede bildliche Darstellung Mohammeds als nicht respektvoll erscheint. Und Christen können auch nichts Respektvolles an der hl. Dreifaltigkeit in herabwürdigenden Posen finden.

    Es ist eben nicht so, wie der Artikel suggeriert, dass Blasphemie einfach so passiert. Sie ist keine “schier unausweichliche Sache”, die zum Menschsein einfach dazugehört. Sicher kann man den Karrikaturisten von Charlie Hebdo nicht unabsichtliche, gar nur “gedankliche” Versehen in dieser Sache unterstellen.

    Vielleicht hätte etwas Nachdenken über den Begriff der Blasphemie hier weitergeholfen. Stattdessen bietet die Autorin ein Sammelsurium von offensichtlich Unverstandendem: Blasphemie wird mit der irgendwie unvermeidbaren (!) “Totsünde” gegen den Hl. Geist identifiziert. Die Ernstheit des Blasphemievorwurfs wird vor allem im Islam und im Christentum verortet, dagegen wird dem Judentum ein ganz sympathisches Zeugnis ausstellt. Und dann wird auch noch Luther, gleichsam als Anbieter einer billigen Gnade, mit ins Spiel gebracht!

    Wie bei Charlie Hebdos Karrikaturen frage ich mich auch hier: Um welche Wahrheit geht es der Autorin? Geht es ihr überhaupt um Wahrheit?

    Aber wie ist es nun mit Gott? Seit der Aufklärung hört man immer wieder die Behauptung, dass er und seine Heiligkeit keinen (staatlichen) Schutz vor menschlicher Blasphemie benötigt. Die Autorin schärft dies ihren “Leser_innen” auch wieder ein. Seine Ehre kann von Menschen nicht beschädigt werden.

    Dem letzten Satz kann man wohl zustimmen. Und so geht es z.B. im § 166 StGB ja auch nicht um den Schutz Gottes, sondern um den Schutz der Menschen. Denn, wie jetzt wieder in Paris geschehen, blasphemische Äusserungen und Publikationen können den öffentlichen Frieden gefährden.

    Natürlich, wir wollen Frieden, öffentlichen Frieden. Wir wollen keine tötlichen Schießereien und Geiselnahmen. Hier stellt sich dann die Frage, wie Menschenrechte sich zu Menschenpflichten verhalten. Mit anderen Worten geht es darum, ob ich etwas tun soll, nur weil ich etwas tun darf. Ich darf mich frei äussern (offensichtlich auch ohne Bindung an die Wahrheit, s.o.). Aber soll ich das auch in jeder Situation tun? Soll ich es tun, gerade wenn es den anderen verletzt?

    Und wenn ich auch dieses Recht für mich herausnehme, warum wundere ich mich dann, dass ich, wie S. Charbonnier, allein bin und offensichtlich mit niemandem (in Frieden) leben kann? (Klar, dass kann man auch als selbstgewähltes Märtyrertum für die Werte der Aufklärung verklären.)

    Denkt man einfach einmal nicht an hehre Philosophie-Arbeitsthemen für die Abiturprüfung oder abstrakte Menschenrechte, sondern an das tägliche Zusammenleben von Menschen, dann ist es doch klar, dass man nicht immer sagen kann, was einem so in den Kopf kommt, wenn einem wirklich an einem dauerhaften, respektvollen, friedlichen Zusammenleben mit anderen gelegen ist.

    Denn ob mit bloßen Worten oder angespitzten Bleistiften — man kann auch mit diesen Mitteln andere schwer verletzen, so sehr, dass Ehen, Familien und Freundschaften zerbrechen, weil eben immer wieder bestimmte Dinge, die dem anderen wichtig sind, lächerlich gemacht wurden, auch und gerade vor anderen.

    Die alten Römer sagten es so: Summum ius, summa iniuria. Mit anderen Worten, wenn man “fundamentalistisch” und ohne Rücksicht auf Verluste auf sein gutes (Menschen-)Recht pocht, dann kann das schnell zu groben Ungerichtigkeiten führen.

    • Mirjam Schaub sagt:

      Welche Wahrheit? Das lässt bereits die Abiturfrage (zurecht) völlig offen. Offenbar gibt es mehrere Wahrheiten. Sonst wäre es ja ganz einfach!
      Es gäbe keinen Streit und keinen Krieg, sondern Orwells 1984. Auch Foucault geht es bei der parrhesia nicht um eine Wahrheit, sondern um eine, an die man bereit ist, seine Existenz zu binden. Die Grenze zwischen radikal und extrem verläuft zwischen dem, der bereit ist, für “seine” Wahrheit zu sterben (Charb für die Trennung von Staat und Religion) und dem, der bereit dafür zu töten (die Attentäter für das Säen von Hass und Terror).

      Hier halte ich es mit Angela Merkel: Wer im Namen Gottes meint, töten zu dürfen (oder gar zu wollen) – der begeht die Gotteslästerung.

      Überhaupt die Blasphemie: Sie gilt primär für Gläubige gegenüber ihrem jeweiligen Gott. Das ist völlig aus dem Blick geraten, alle tun so, als richte sie sich an Anders- oder Ungläubige, das ist ein Irrtum. Auch das Bilderverbot (“DU sollst DIR von DEINEM Gott kein Bild machen!”) richtet sich an Christen und an Moslems, aber es berührt überhaupt nicht Anders- oder Ungläubige!

      Richtig ist, dass alle Religionen auf sie empfindlich reagieren, aber bestimmte empfindlicher als andere. Das hat durchaus theologische Gründe. Im Christentum (über das ich ja hauptsächlich spreche) ist es wirklich die Leichtigkeit ihrer Möglichkeit, auf die ich hinweisen wollte. Denn das Lästern wider den Heiligen Geist, der in gläubigen Gemeinschaften waltet (und eben nicht zwischen Un- oder Andersgläubige) ist im Christentum Gotteslästerung, siehe Matthäus 12,31–32: „Gegen den Gottessohn darf man sich aussprechen, nicht aber gegen den Heiligen Geist.“
      Allerdings verstehen Protestanten darunter vor allem die fatale Verwechselung von Heiligem Geist und dem Satan, ein Christ der im Namen Gottes tötet, fällt unter das Verdikt.

      Im Katholizismus stehen hingegen fünf andere Sünden im Verdacht, darunter praesumptio, desperatio und obstinatio, also die Verlockung durch Sünden, Zweifel am christlichen Seelenheit und – umgekehrt – die Heilserwartung ohne Gegenleistungen.

      Die Meinungsfreiheit ist unvereinbar mit einem religiös motivierten Blasphemieparagraphen, deshalb verzichten die USA auf ihn. In Deutschland existiert er, betrifft aber, wie Sie richtig schreiben, allein das Wahren der öffentlichen Ordnung und damit den Schutz der Bürger.

      Die Trennung von Staat und Religion ist essentiell, wenn es Religionsfreiheit, d.h. Freiheit der Ausübung verschiedener Religionen in diesem Staat geben soll. Nur so herum wird ein Schuh daraus. Denn sonst muss sich der Staat auf EINE Religion und d.h. auf EINE Wahrheit festlegen. Womit wir wieder beim Anfang wären …

  3. Ginneh sagt:

    Sind wir bereit...(letzter Beitrag:=)
    uns auf Basis Ihres Gedankenganges “durch alle unsere gesellschaftsbildenden Haupt-Ideen” “hindurch zu philosophieren” um
    den Inhumanitätgehalt/Humanitätgehalt zu erkennen?
    Die Gefahr des Glaubens an die Wahrheiten unserer Ideen,
    die “billigend” den Humanitätverlust in jeglicher Betrachtungsweise in Kauf nehmen, zu erkennen?
    Weil wir den “Zwiespalt” der Entscheidung für oder gegen Humanität aus Glauben an unsere Ideen nicht erkennen, wie am Hebdogedanken zu sehen?

    Schönes Wochenende für alle,
    W.H.

  4. Ginneh sagt:

    Vielen Dank für Ihre Inspiration, Fr. Schaub:=)
    Schreibenlernen
    Arme SpracheZum Artikel
    Wolfgang Hennig
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    0 WOLFGANG HENNIG (GINNEH) – 18:00 Uhr
    Die Melodie der (Volk-)Seele, ihre ästhetische Bindungsfähigkeit in Form von humanem Miteinander…
    (Diese Lesermeinung wurde vom Moderator noch nicht freigegeben.)
    die Ausdruck in Sprache und Schrift findet, geht verloren…unser humanes Sein stirbt. Für welche Idee würden Sie sterben? Die mögliche Radikalität in Beantwotung dieser Frage zeigte uns das unsägliche Hebdodrama. Sind wir bereit, für die Idee unendlich wachsender Wohlstand? per unendlich wachsendem “technischem Fortschritt”, unser “Human(es)-Sein” sterben zu lassen?! Wir unterschätzen die unbemerkt schleichende(n) Radikalität(en), die wir im Namen unserer “Gesellschaft-Wohlstand-Ideen” in unser “Bewußtsein-Verhalten-Muster” einschleusen.

  5. Sonntag11 sagt:

    Staat und Religion
    Liebe Frau Schaub, vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort!

    Zunächst lassen Sie mich einmal dies klar sagen: Ich finde die Selbstjustiz, die von den Schützen von Paris ausgeübt wurde, total falsch und völlig unakzeptabel. Mir geht es nicht um eine Rechtfertigung oder Entschuldigung der Täter. Mir geht es vielmehr um die Verhinderung zukünftigen Blutvergießens.

    Nun werden manche stöhnen: “Aha, da sollen dann doch wieder die Werte des Westens zurückgefahren werden — aus Angst vor den Extremisten! Wir sollten uns nicht einschüchtern lassen, sondern weiter auf dem eingeschlagenen Weg voranschreiten. Wem’s nicht passt, der soll doch bitte woanders leben.”

    Mir geht es jedoch nicht um Angst vor den Extremisten, sondern um das Leben der 7,5 Prozent der Bevölkerung Frankreichs / der 5,8 Prozent der Bevölkerung Deutschlands, die sich zum muslimischen Glauben bekennen: Wie ermöglicht man ein friedliches Zusammenleben mit diesen Mitbürgern?

    Indem man ihnen “auf Teufel komm’ raus” westliche Werte “beibringt” / den Hals hinunterwürgt? Oder, weil man mit dem Teufel nicht spaßen und mit dem Feuer nicht spielen sollte, indem man selbstkritisch über diese Werte reflektiert und sie im Hinblick auf neue Erfahrungen hin weiterentwickelt, indem man etwa der Freiheit auch die Werte der Verantwortung und des Respekts zur Seite stellt, wie dies etwa in den jüngsten Beiträgen von R. Hermann (“Was heilig ist”) und T. Halik (“Warum ich nicht Charlie bin”) hier in der FAZ vorgeschlagen wurde?

    Sicher ist dies keine Einbahnstrasse. Sicher müssen sich Einwanderer ihrem Einwanderungsland anpassen. Aber im Prozess wird sich doch sicher das Einwanderungsland auch verändern (nicht nur kulinarisch), statt eine statische Identität über Jahrhunderte hin zu bewahren — sonst wäre Integration unmöglich und Gettobildung mit entsprechenden Parallelgesellschaften unvermeidlich (Frankreich ist da ja beileibe kein Musterknabe, s. die Unruhen in den Banlieues von Paris von vor zehn Jahren als Spitze des Eisbergs).

    Ob dies den Alt-Aufklärern und Vernunft-Dogmatikern passt oder nicht, wir befinden uns eben nicht mehr in den 1790ern.

    Ich kann verstehen, dass dies bei etlichen Zeitgenossen Angst und Sorge auslöst. Das Schlagwort der “Islamisierung des Abendlandes” geht ja nicht erst seit Ende letzten Jahres um. Aber so geht’s eben mit der Identität: sie verändert sich an und mit dem anderen, dem Nachbarn, und mit der Zeit. Wir sind nicht über Zeit und Raum erhabene Wesen, sondern leben in Zeit und Raum und verändern uns mit ihnen. Konkret, wie Kanzlerin Merkel kürzlich ganz realistisch im Anschluss an Bundespräsident Wulff sagte: “Der Islam gehört (inzwischen) zu Deutschland.”

    In Ihrem Artikel schrieben Sie: “Radikal ist, was an die ‘Nieren’ der jeweils dominanten Kultur geht, das, was sie nicht verstehen kann.” Sie meinten damit die radikalen “Helden” von Charlie Hebdo, im Unterschied zu den (“extremistischen”) Todesschützen.

    Doch was ist denn in Frankreich die “dominante Kultur”? Ist es nicht der mehr oder weniger konsequente Laizismus? Charlie Hebdo, trotz der normal geringen Auflage von 60.000, gehört doch zweifellos zu dieser vorherrschenden Kulturform. Diese Zeitung lebt und webt in und von ihr, verteidigt sie (nun bis aufs Blut) und wird von ihr verteidigt (“Je suis Charlie”), geht ihr also gerade nicht grund-kritisch “an die Nieren.”

    Charlie H. ist also gerade nicht “radikal” im Sinne Ihrer Definition. Charlie H. gehört zu den “Systemmedien,” obwohl sie von einem Kommunisten geleitet wurde. Sie ist vielleicht “unverantwortlich”, aber gewiss nicht “unverständlich” innerhalb der dominanten Kultur.

    Diejenigen, die nun gegen Charlie und die von dieser Publikation repräsentierten französischen Leitkultur zu den Waffen gegriffen haben, gehörten sicher nicht zur “dominanten Kultur” in Frankreich, obwohl das von einigen suggeriert wird (“Islamisierung” — behauptete nicht auch die PEGIDA-Bewegung: “Je suis Charlie”?), sondern werden von dieser sog. Kultur oft stiefmütterlich behandelt, was dann immer wieder zu Gewaltausbrüchen führt (s. die Unruhen von 2005 als ein Beispiel kollektiver Gewalt).

    Ein dauerhafte Lösung bietet die Polizei hier nicht. Eine sinnvolle Integrationsstrategie wäre langfristig wohl geratener. Denn wenn man besser integriert ist, wie etwa die französischen Christen und Juden, dann kann man offensichtlich auch besser das ignorieren (oder mit anderen Mitteln bekämpfen), was andere einem als “Spaß” zumuten.

    Wenn man sich aber an den Rand der Gesellschaft gedrückt sieht, wenn einem nur die Religion als Halt bleibt, dann kann ein ständiges Lächerlich-Machen der eigenen Religion durch die “dominante Kultur” und ihre Medien eben leider das Fass zum Überlaufen bringen. Rohe Gewalt erscheint dann — nach einer bestimmten Schulung! — als das einzig noch mögliche Mittel der Reaktion.

    In einer religiös-weltanschaulich pluralistischen Gesellschaft kann sich der Staat nicht zum Werkzeug einer bestimmten religiösen oder weltanschaulichen Sicht machen. Siehe Art. 4 des Grundgesetzes und Art. 137 der Weimarer Verfassung.

    Klar ist aber auch, dass es, jedenfalls in Deutschland, keine unbegrenzte Freiheit der Meinungsäußerung und Presse gibt, s. Art. 5 (2): “Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.” (In den USA ist das nur scheinbar anders.)

    Und diese Schranken, ob sie nun gesetzlich geregelt sind oder moralisch als Selbstbeschränkungen eingefordert werden, haben doch auch ihr gutes Recht! Sicher geht es dabei immer um einen nicht leichten Balanceakt, der auch die Unterscheidung von kritischer Auseinandersetzung und respektloser Herabwürdigung von Religionen oder Weltanschauungen einschließt. Aber wenn es um ein friedliches Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft

  6. Devin08 sagt:

    [...]
    [Bitte posten Sie zum Thema des Beitrages, die Blogredaktion]

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