Ich. Heute. 10 vor 8.

Die verpasste Revolution

Seit ich 2011 auf dem Tahrir-Platz in Kairo für die Veränderung meines Landes demonstriert habe, frage ich mich, was Veränderung in Ägypten überhaupt bedeuten kann. Dass es ein viel langwierigerer Prozess ist, als wir uns damals erhofft hatten, ist mir inzwischen leider mehr als klar. Die Frage ist nun: Was muss sich in Ägypten verändern? Wie müssen sich die Ägypter verändern, damit aus dem diktatorischen Staat ein demokratisches Ägypten werden kann, ein Land, in dem Menschenrechte nicht verletzt werden?

###© © Ahmed Kellal 

Heute vor genau vier Jahren, haben wir, die jungen Ägypter, unseren Frust in Massen auf die Straße gebracht. Wir haben für „Wandel, Freiheit, und soziale Gerechtigkeit“ demonstriert. Und die ägyptische Revolution von 2011 erschien für kurze Zeit ein Erfolg zu sein: Die Menschenmassen, wir, haben den Diktator Hosni Mubarak gestürzt und 18 Tage lang – unabhängig von Religion, Geschlecht, und Ideologie – zusammengearbeitet, wirklich zusammengearbeitet. Alles schien möglich. Viel ist in der Zwischenzeit passiert. Von der Aufbruchstimmung ist heute nichts mehr zu spüren. Während die regierende Macht am 25. Januar, dem Jahrestag der Revolution, ein großes Fest feiern will und President Sisi verspricht, ein paar Häftlinge gnädig in die Freiheit zu entlassen, rufen die Hauptdarsteller der Revolution, die Jugendgruppen, zu neuen Protesten auf.

2014 war ein besonders trostloses Jahr. Für die, die demonstriert haben, aber auch für jene, die als „gefährliche“ Opposition galten, wie zum Beispiel Alaa Abdel Fatah, der wiederholt eingesperrt wurde. Abdel Fatah is ein Menschenrechtler, Blogger und Aktivist. 2006 wurde er das erste Mal festgenommen. Immer wieder wurde er seit dem Umsturz eingesperrt. 2013 nahmen sie ihn nach einem Protest gegen die Einschränkung des Versammlungsrechts fest. Egal wer gerade Präsident war, jede Übergangsregierung fand einen Grund, den Aktivisten ins Gefängnis zu stecken. Zur Zeit ist Abdel Fatah seit über 90 Tagen im Hungerstreik. Er hat einen hohen Preis bezahlt. Abdel Fatah hat im Gefängnis die Geburt seines Sohnes verpasst und konnte nicht von seinem Vater Abschied nehmen, als er starb. Er bezahlt diesen Preis, um für Gerechtigkeit und Freiheit zu kämpfen. Freiheit, das heißt für Abdel Fatah im Jahr 2015 nicht nur Versammlungs-, Meinungs-, und Redefreiheit, sondern auch geöffnete Gefängnistüren. Und zwar für alle, die sich trauen, wieder auf die Straße zu gehen.
Allein Abdel Fatahs Geschichte zeigt: Ein diktatorischer, totalitärer Staat kann nicht allein durch Massenproteste zur Demokratie werden. Die Machtdynamiken, die sich seit Gamal Abdel Nasser’s Präsidentschaft nach Ägyptens Unabhängigkeit entwickelt haben, sind viel tiefgreifender als wir, die Jugendlichen der Revolution, erhofft und geglaubt hätten. Seit den 50er Jahren regiert vor allem das Militär und die Polizei. Das macht den Kampf um Freiheit und soziale Gerechtigkeit kompliziert. Es reicht nicht, zu protestieren, „Nein“ zu sagen und der Staatsmacht zu widerstehen. Man muss die Staatsmacht auch verstehen, um zu begreifen, was sie wollen, um „mitspielen“ zu können.
Mein Fazit ist: Auch wenn sich wenig an den Institutionen geändert hat, die Verfassung den Menschen ihre Rechte nicht garantiert und Gesetze weiter von der regierenden Macht ohne demokratische Legitimation, ohne Zutun der Bürger verabschiedet werden, hat sich in den letzten Jahren zumindest etwas dahingehend geändert: Wir haben gelernt, dass sich revolutionäre Bewegungen transformieren können und müssen. Revolution bedeutet immer Veränderung. Aber es geht nicht nur darum, die Institutionen zu verändern. In Ägypten kann man sehen, dass es eher einer viel weitergehenden Veränderung bedarf. Die Menschen müssen sich verändern. Jedes einzelne Individuum. Jeder muss jeden Tag reflektieren, was seine oder ihre Haltung ist, was er oder sie tun und nicht tun kann, und wie er oder sie zu etwas steht.

Vielleicht ist das einzig uneingeschränkt Positive, was von unserer Revolution 2011 übriggeblieben ist, die Erinnerung an die kurze, nur 18 Tage währende Freiheit im Jahr 2011. Wir wissen jetzt: Massenproteste können einen Staat nicht über Nacht ändern. Heute besteht unsere einzige Chance darin, die bestehenden Machtstrukturen besser zu erfassen und zu versuchen, die kleine Tür der Opposition offen zu halten, ohne das Leben der Oppositionellen zu sehr zu gefährden. Wir müssen weiter Antworten auf die vielen schwierigen Fragen suchen. Die Jugend Ägyptens darf sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. Denn mehr Vielfalt wäre schon ein großer Erfolg in der traurigen Realität des gegenwärtigen Ägyptens. Das würde mir etwas Hoffnung geben.

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