Ich. Heute. 10 vor 8.

Das geht uns alle an

Ich hatte bereits seit ungefähr vier Jahren gebloggt, als ich mich mit einem Bekannten darüber unterhielt, der schon viel länger in der so genannten Blogosphäre unterwegs, ja sogar ein kleiner Star war. Das Gespräch war nicht sonderlich aufregend und schließlich nicht mein erstes zum Thema, doch es blieb hängen, denn irgendwann stellte er mir so ganz nebenbei die Frage, wer denn mein Stalker sei. “Hä?”, fragte ich ganz eloquent zurück. “Na haben nicht alle großen Bloggerinnen einen Stalker? Ich kenne zumindest keine, bei der das nicht so ist.”

Uff.

Ich hatte zwar keinen Stalker, dafür nun aber durchaus einen kleinen Schock erlitten. Nicht nur, weil ich damit offenbar als Ausnahme galt, sondern weil einen Stalker zu haben auch noch als Auszeichnung gesehen wurde: Wer als Bloggerin einen Stalker hatte, bewies damit, dass sie genug Reichweite besaß.

Ähm, yay?!?

 

© Akiramenai  

 

Es gruselt mich immer noch, wenn ich an die Gleichgültigkeit denke mit der jener Bekannte mir diese Frage stellte. Er nahm das einfach so hin und ich sollte das wohl auch. Dieser Moment gehört damit zu vielen kleinen Erlebnissen, in denen ich erkennen musste, dass Frauen auch im Netz anders behandelt werden. Dass die große Freiheit Internet nur für einige galt, aber eben längst nicht für alle. Je sichtbarer ich selbst im Netz wurde, desto mehr bestätigte sich das. Ich erlebte meinen ersten Shitstorm im Jahr 2007, in einer Zeit als man diesen Begriff noch gar nicht benutzte – geschweige denn so inflationär wie es heute geschieht – und die Anzahl deutscher Twitter-Nutzer_innen mit “überschaubar” am besten beschrieben wurde. Damals löste ich die Situation durch einen einfachen Spaziergang im Park, und als ich zu meinem Rechner zurückkehrte, ebbte alles auch schon wieder ab.

 Alltag im Netz

 Heute gibt es Leute, die mich täglich online belästigen und auch stalken, die versuchen meine Reputation und meine Existenz zu zerstören, indem sie Behauptungen als Fakten verbreiten, die mich und Menschen aus meinem Umfeld bedrohen und dabei zum Beispiel fantasiereich beschreiben, welche Waffen meinen Körper verstümmeln sollen – nachdem ich vergewaltigt wurde, versteht sich.

Heute gibt es Leute, die mir an diesem Punkt des Artikels mit großer Wahrscheinlichkeit “Heulerei” und “Opferinszenierung” vorwerfen, obwohl ich einfach meinen Alltag beschreibe.

Allein, dass ich das hier einschiebe, zeigt: Heute habe ich eine Schere im Kopf. Die Hasskommentare werden immer schon antizipiert, schließlich kennt man bereits zu viele von ihnen. Dann doch lieber still sein, erst recht wenn ohnehin schon Kraft für den sonstigen Alltag fehlt. Weil da doch immer die Angst ist, eine_r könnte den online formulierten Hass in die Tat umsetzen, kündige ich die nächste Veranstaltung mit mir mal wieder nur kurzfristig an. Und sehe dann die Reaktionen der Menschen, die gerne gekommen wären, aber zu spät davon erfahren haben…

Wie frei ist meine Meinung eigentlich noch, wenn ich all das immer mitdenken muss, bevor ich mich äußere?

Aber hey, ist doch “nur Internet!”

Meine Haut ist einfach noch nicht dick genug, ne?

Klar…

 Hass spricht

Seit dem Aufkommen von Pegida werden vor allem Politiker_innen mit Migrationshintergrund verstärkt angegriffen, und kriegen noch mehr Hassmails als vorher. Die positive Seite dieser hässlichen Entwicklung: die angegriffenen Personen reden nun öfter darüber, was sie täglich im Posteingang oder sozialen Netzwerken vorfinden. Es gibt mehr Berichte darüber, was ein Nachname wie Fahimi, Mutlu oder Deligöz an rassistischen Kommentaren und Drohungen auslösen kann, wie zuletzt im ZDF-Morgenmagazin geschehen.

Es ist wichtig, dass mehr Menschen offen darüber sprechen, was sie im Netz erleben, statt diese Nachrichten einfach im Stillen zu ertragen. Ich finde es ermutigend, dass endlich so etwas wie eine Debatte entsteht. Doch zu oft wird das Internet als Hort allen Übels dargestellt. Das Netz aber kann immer nur so gut (oder so schlecht) sein, wie die Menschen, die es benutzen. Technologie ist nicht der Grund für diskriminierendes und gewaltvolles Verhalten, sie bietet nur eine Plattform dafür.

Beleidigungen, Diffamierungen und Drohungen können natürlich auch innerhalb eines Shitstorms auftreten, aber wenn Hasskommentare und -mails zum Grundton des digitalen Alltags werden, bekommt das Übel eine andere Dimension. Diese eben nicht wieder abebbenden Hasskommentare werden gezielt eingesetzt, um Menschen zum Schweigen und Verschwinden zu bringen. Das betrifft vor allem Menschen, die auch außerhalb des Internets Diskriminierung wie Sexismus, Rassismus oder Homophobie erfahren – schließlich lösen sich entsprechende Machstrukturen nicht einfach in Einsen und Nullen auf.

In diesem Zusammenhang sollte daher eher mit dem Begriff Hate Speech (englisch für Hasssprache, Hassrede, Volksverhetzung) gearbeitet werden. Er bezeichnet Formen sprachlicher Ausdrucksweisen, die eine Person oder eine Gruppe von Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Religion, sexuellen Orientierung oder Herkunft erniedrigen, einschüchtern oder zu Gewalt gegen sie aufstacheln. Das kann schriftlich, mündlich, in Bildform, in Massenmedien und eben auch insbesondere im Internet passieren.

Denn wenn wir gezielte Hass-Kampagnen gegen einzelne Personen oder Personengruppen als “Shitstorm” bezeichnen, dient das geradezu zur Verharmlosung dieser Hass-Attacken. Ein Unternehmen auf Social Media Kanälen für ein sexistisches T-Shirt zu kritisieren, ist etwas anderes als Aktivistinnen zu sagen, dass sie “einfach mal wieder ordentlich durchgefickt gehören” und ihnen bei nächster Gelegenheit mit dem Messer aufgelauert wird.

Arbeitsplatz Internet

Eine Ebene, die mir bisher in der Diskussion um Hasskommentare fehlt ist, wie sehr Hasskampagnen den digitalen Fußabdruck der betroffenen Personen verändern können. Im schlimmsten Fall führen sie zu einer kompletten Verzerrung, so dass man bei der nächsten Jobsuche plötzlich damit konfrontiert werden kann, was denn da in “diesem Blogpost” behauptet wird, der nun mal bei der Google-Suche ganz oben erscheint. Das heißt, wenn man die Einladung zum Bewerbungsgespräch danach überhaupt noch erhalten hat.

Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, was es bedeutet, regelmäßige Hasskommentare zu bekommen, wenn das Internet nicht nur Raum für Facebook-Chats mit Freund_innen, sondern Arbeitsplatz ist, so wie es für immer mehr Menschen, von Community Manager_innen bis Online-Autor_innen, der Fall ist. Wenn Menschen im Netz angegriffen werden, kann das neben der eigenen Sicherheit und Gesundheit eben auch berufliche Chancen und damit die finanzielle Absicherung gefährden. Um die jeweiligen Personen zum Schweigen zu bringen, geben Hater_innen die Zerstörung von Existenzen mitunter sogar als konkretes Ziel an, wie u.a. die Entwicklungen rund um #Gamergate zeigen.

Durch Hate Speech im Netz wird Gewalt ausgeübt, es werden Menschen in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt und an der Teilhabe am gesellschaftlichen und politischen Geschehen gehindert. Warum ist das Thema dann aber immer noch nicht auf der netzpolitischen Agenda? Wenn NSA-Skandal, Urheberrecht und Netzneutralität wichtig sind, ist es Meinungsfreiheit im Netz doch genauso? Das geht in meinen Augen auch, ohne gleich die Vorratsdatenspeicherung zu fordern (gegen die ich im übrigen selbst schon auf die Straße gegangen bin) oder die Anonymität im Netz abschaffen zu wollen. Zum Beispiel, indem die Betreiber von Plattformen stärker zur Verantwortung gezogen werden, Schutzfunktionen gegen Hate-Speech-Kampagnen zu verbessern; indem Polizei und Justiz für diese Themen sensibilisiert werden; und indem das Bewusstsein dafür geschärft wird, dass nicht der kritisierende Tonfall von Aktivist_innen, sondern die diffamierende Reaktion darauf das Problem darstellt.

It’s freedom of opinion, stupid

Wenn ich in Privatgesprächen oder auf Veranstaltungen über meine Erfahrungen mit Online-Belästigungen und Hasskommentaren rede, kommt immer wieder dieselbe Frage: Wie hältst du das aus?

Nun, das weiß ich manchmal auch nicht so genau. Aber ich weiß, dass wir uns alle für ein Netz einsetzen sollten, in dem dieses Aushalten gar nicht erst als Teil unserer Online-Kultur hingenommen wird. Denn am Ende ist es auch immer noch “dieses Internet” das mich politisiert hat, das mir die Chance zur Veröffentlichung meiner Gedanken gibt und so viele unersetzbare Freundschaften überhaupt erst möglich macht. Dieses Internet möchte ich erhalten.

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