Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Rettet den Markt vor dem Kapitalismus!

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Wer den Kapitalismus kritisiert, lehnt meist auch die Märkte ab. Dabei sind gerade sie die Orte, die sich einer reinen Effizienz entziehen und unserem Bedürfnis nach Schwelgerei entgegenkommen.

Bunte Märkte© Hannes GrobeBunte Märkte

Schon lange frage ich mich, warum ich mit „linken Theorien“ nie so richtig etwas anfangen konnte, besonders nicht mit denen von linken Männern. Ich habe mich durchaus bemüht, aber diese Texte verursachen mir Langeweile, auch wenn ich auf einer rationalen Ebene verstehe, dass sie wichtig sind. Damit bin ich nicht die Einzige. Der italienischen Philosophin und Feministin Annarosa Buttarelli zum Beispiel geht es genauso. Die Linken, so erklärt es sich Buttarelli, wollen mit dem Kapitalismus auch den Markt abschaffen. Aber uns Frauen gefallen Märkte. Eine Welt ohne Märkte wäre langweilig.

Interessanterweise leuchtet mir die Erklärung ein, obwohl ich selber, ganz frauenuntypisch sozusagen, überhaupt nicht gerne auf Märkte gehe und auch nur sehr selten „shoppe“. Doch ganz unabhängig von den Vorlieben einzelner Frauen und Männer ist es ja offensichtlich, dass der „Markt“ nichts Geschlechtsneutrales ist.

Zunächst einmal ist das, was auf realen Märkten geschieht, in fast allen Kulturen und bis heute vorwiegend Frauensache. Es sind „Marktweiber“, die handwerkliche Produkte und landwirtschaftliche Erzeugnisse an ihren Ständen feilbieten, und auch ihre Kundinnen sind überwiegend weiblichen Geschlechts. Diese Frauendominanz des alltäglichen Handels ist durch alle Industrialisierung hinweg bis zu den modernen Supermärkten, Shoppingmalls und Internetbörsen so geblieben.

Trotzdem ist im Zuge der seit etwa zwei Jahrhunderten andauernden Streitereien zwischen liberalen und linken Wirtschaftsverstehern „der Markt“ zu einer symbolisch männlichen Angelegenheit geworden. Basis dafür war das Aufkommen der Zwei-Sphären-Ideologie im 18. und 19. Jahrhundert, also jener „Sexual Contract“, den Carole Pateman so wegweisend analysiert hat. Den Frauen wurde dabei der Platz des „Privaten“, der Familie, zugewiesen, während die Männer für sich die Alleinherrschaft über den Bereich des „Öffentlichen“ beanspruchten, wozu sie eben nicht nur die Politik, sondern auch den Markt zählten.

Innerhalb der Familie, so behaupteten die männlichen Theoretiker der bürgerlichen Gesellschaft, würden ganz andere Gesetze gelten als in der Öffentlichkeit – im Detail nachzulesen zum Beispiel in Hegels Rechtsphilosophie. Die Familie wurde als Ort phantasiert, wo Menschen, und insbesondere Ehefrauen und Mütter, in selbstloser Aufopferung für „ihre Liebsten“ agieren, anstatt Nutzen zu kalkulieren. Draußen, in der Politik und auf dem Markt hingegen, sollten persönliche Beziehungen keine Rolle spielen. Dort begegnen sich die Individuen angeblich als Ebenbürtige und verfolgen ihre eigenen egoistischen Interessen, wobei die „unsichtbare Hand“ des Marktes magischerweise bewirkt, dass Egoismus und Allgemeinwohl in eins fallen.

„Der Markt“ verwandelte sich auf diese Weise von einem realen Ort, wo sich Menschen aus Fleisch und Blut in all ihrer Komplexität tatsächlich begegnen, zu einem abstrakten Organisationsmechanismus. Das Geld als neutrales Tauschäquivalent wurde dabei eindeutig dem Markt zugeordnet – innerhalb der Familie und im Liebesleben galt es nun als verpönt, an Geld auch nur zu denken, geschweige denn, darüber zu verhandeln (über den materiellen Wert von Hausarbeit zum Beispiel). Diese Ideologie hatte natürlich fatale Folgen für bürgerliche Frauen, die in völlige materielle Abhängigkeit von ihren Vätern und Ehemännern gerieten. Sie prägte aber auch den kolonialistischen Blick auf andere Kulturen in der Welt, wo durchaus komplexe Arrangements in Bezug auf „Geld und Ehe“ existierten, zum Beispiel, aber nicht nur, in islamischen Gesellschaften.

Im Westen mutierte der „Markt“ zum integralen Bestandteil des Kapitalismus; das reale Leben und wirkliche Erfahrungen spielte bei seiner Konzeption und Organisation keine Rolle mehr, mit den bekannten dramatischen Verzerrungen und Ungerechtigkeiten, die das nach sich zog. Deshalb sind die meisten Linken bis heute der Meinung, wer den Kapitalismus bekämpfen wolle, müsse auch den Markt bekämpfen – also die Logik des Tausches, des Geldes, der Wechselwirkung von Angebot und Nachfrage, oder auch das Feilschen, das Zur-Schau-Stellen, das Werben und Anpreisen, die Freude am „Schnäppchen“ und so weiter. Wer Kapitalismus nicht will, so wird behauptet, darf auch die „Marktwirtschaft“ nicht wollen, und für manche ist sogar schon der Tausch als solcher verdächtig.

In der Realität aber ist das alles miteinander vermischt. Innerhalb von Familien gibt es genauso Tauschhandel und Eigennutz, wie es auf dem Markt Empathie und Großzügigkeit gibt. Ebenso wie innerhalb der Familie das Geld, aller Ideologie zum Trotz, durchaus eine Rolle spielt, ist Geld auf dem Markt keineswegs der einzige Maßstab und das einzige Handelsargument – auch wenn Volkswirtschaftler sich über diese Tatsache, die ihnen inzwischen auch schon aufgefallen ist, die Haare raufen, weil man nur Geld so schön säuberlich als Zahl in Tabellen eintragen kann.

Aber auf Märkten zirkulieren auch Worte, Sympathien (und Antipathien), Zufälle, Begehren, Beziehungen und Geschenke. Märkte schaffen eine menschenfreundliche Balance zwischen Gleichheit und Ungleichheit, denn in der Realität gibt es immer beides zusammen. Indem auf Märkten Geld als neutrales Tauschäquivalent akzeptiert wird, sind die Marktteilnehmerinnen nicht ausschließlich auf persönliche Beziehungen verwiesen: Ich jedenfalls finde es super, dass ich bei jedem x-beliebigen Bäcker für 2 Euro ein Brot kaufen kann, ohne ihn auch nur kennen zu müssen.

Der Markt in seiner Komplexität lässt sich weder auf Geld reduzieren, noch auf Nützlichkeit und Effizienz. Der Markt ist ein öffentlicher Raum des Handelns, des Aus- und Verhandelns, wir verhandeln den Wert von Dingen, ihre Preise, die Verteilung von Gütern. Wir verhandeln das mit anderen, aber wir verhandeln das ständig auch mit uns selbst. Dabei sind unserer Erfindungs- und Überredungskraft keine Grenzen gesetzt. Märkte haben keine fixen Gesetze, denn sie sind Orte der Politik, nicht der Physik. Märkte stehen für Fülle und Überfluss, für Luxus und Wohlbefinden, für Freiheit. Sie sind Orte, an denen die gegenseitige Abhängigkeit aller greifbar wird, denn wenn jede nur für sich selbst (oder ihre „Familie“, wie genossenschaftlich erweitert man diese auch denken mag) produziert, sind wir alle ärmer.

Ist es ein Wunder, dass sich Wochenmärkte unter saturierten Großstadtmenschen so großer Beliebtheit erfreuen, dass es für viele Touristen nichts Schöneres gibt, als im Urlaub über Märkte oder durch Supermärkte zu streifen und über das Andere und Fremde zu staunen, dass Freundinnen zusammen Shoppen gehen, um die Fülle in den Schaufenstern zu genießen und rein zum Spaß die unwahrscheinlichsten Kleidungsstücke anzuprobieren? Märkte regen uns dazu an, uns nicht mit dem Effizienten und dem Nützlichen zufrieden zu geben, sondern uns ein Leben in Luxus vorzustellen. Märkte führen uns vor Augen, dass es noch „viel mehr“ gibt, das volle, pralle Leben eben.

Es ist vollkommen falsch, das alles unter das missmutige Verdikt des „Konsumismus“ zu stellen. Klar, der Kapitalismus beutet die menschlichen Bedürfnisse nach diesem „Vielmehr“ und nach dem Überschreiten der reinen Nützlichkeit aus, aber das tut er ja mit allen übrigen Bedürfnissen auch. Eine menschenfreundliche Wirtschaftspolitik zu machen, kann deshalb nicht bedeuten, den Markt abzuschaffen. Es muss vielmehr darum gehen, den Markt dem Kapitalismus zu entziehen.


17 Lesermeinungen

  1. Kritisiert wird doch der Markt als Zwangsmechanismus
    @Antje: Es geht um deine ganze Argumentationslinie, denn du scheinst das linke Argument gegen den Markt komplett zu verkennen. Das bezieht sich ja nicht auf deinen idealisierten Wochenmarkt, über den man zur Erholung schlendert, um sich mit Geld, das man für nichts anderes braucht, Dinge zu kaufen, die man ebenfalls nicht dringend braucht. Sondern es geht um den Markt (im Singular) als Zwangsmechanismus: dass eben fast niemand von uns überleben kann, wenn sie/er nicht in der Lage ist, die eigene Arbeitskraft oder ihre Produkte erfolgreich zu Märkte zu tragen (zu verkaufen). Was nahezu immer bedeutet, sich gegen andere durchzusetzen, die dasselbe versuchen — und dann im Zweifelsfall eben scheitern.

    Was machst du, wenn es das Brot eben nur auf dem Markt gegen Geld gibt, du aber kein oder nicht genug Geld hast?

    Und warum will der Bäcker dir sein Brot verkaufen, ist das für ihn auch ein bloßer Zeitvertreib? Was, wenn du und die anderen Käufer_innen wegbleiben und er deshalb pleite geht und geschäftlich und vielleicht auch persönlich ruiniert ist?

    Ein reiner Luxusmarkt, auf den weder Käufer- noch Verkäufer_innen essenziell angewiesen sind, ist von der heutigen gesellschaftlichen Zwangsinstitution „der Markt“ so weit entfernt wie die Erde vom Mars. Wenn du dich aber mit Kritik an einer Institution beschäftigen willst, solltest du dich auch auf die reale Institution beziehen und nicht auf ein Fantasiegebilde.

  2. Luxusmarkt
    @Christian – Die begriffliche Unschärfe rund um „Markt“ ist von mir natürlich beabsichtigt, es ist sogar ein Hauptthema meines Blogposts, warum „der Markt“, so wie er sich abgehoben und abstrakt zeigt, das eigentlich Grundprinzip von realen Märkten pervertiert, weil er ihre komplexe Dynamik auf ein bloßes Zahlenspiel reduziert.

    Ich würde jedenfalls widersprechen, dass Wochenmärkte eine reine Luxusangelegenheit sind, sondern mein Punkt ist ja, dass ich diese theoretische Trennung zwischen „Nutzen“ und „Fülle“ bestreite.

    Natürlich heben Märkte die soziale Ungleichheit zwischen Arm und Reich nicht auf, sondern spiegeln diese wider. Ich bestreite ja nur, dass die prinizipielle Aufhebung des Marktprinzips ein geeignetes oder gar das einzig mögliche Mittel ist, um soziale Ungerechtigkeiten und Herrschaftsverhältnisse abzuschaffen.

    Ansonsten haben Benni und ich gestern auch im Podcast über dieses Thema gesprochen, er hat ähnliche Einwände wie du, da erläutere ich dann auch ausführlicher, wie ich das meine: https://besondereumstaende.podcaster.de/bu/besondere-umstaende-episode-16/

  3. Pingback: Antje Schrupp paukt Marktwirtschaft ein | Kritik und Kunst

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