Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Links ist, wo der Daumen rechts ist

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Die griechische Regierung um Alexis Tsipras brüskiert mit der Vision eines neuen Politikstils. Die linken Parteien in Deutschland beginnen erst jetzt, das für sich zu nutzen.

Sie ändern Europa© Victor PerliStart in Griechenland

„Wir wollen Europa nicht zerstören, wir wollen es erst erschaffen.“ In der Mitte unseres Gesprächs über Griechenlands Politikwechsel sagt Victor Perli das. Er ist 33 Jahre alt und war in der vergangenen Legislaturperiode Abgeordneter für Die Linke im niedersächsischen Landtag. So ähnlich wie Perli hatte es Alexis Tsipras nach der Wahl in Griechenland ausgedrückt: Er wolle das Regelwerk der EU nicht zerstören, sondern korrigieren. Natürlich, das ist ein wenig pathetisch, aber so, wie Perli es sagt, klingt es nicht wie ein abgeschmackter Politikersatz, sondern voller aufrichtiger Euphorie. Mit drei Freunden ist er vor vier Wochen in Athen gewesen, an dem Wochenende, als Alexis Tsipras mit seiner linken Partei Syriza einen sensationellen Wahlerfolg feierte. Sie waren die einzigen Deutschen im Wahlkampfzelt von Syriza, zwischen Massen angereister Spanier, Franzosen und Italiener. Seine Augen glänzen noch, wenn er von der Aufbruchstimmung erzählt, von der Hoffnung auf eine neue europäische Politik. Obwohl ich Zweifel habe, konkreter hören möchte: „Ja, aber wie denn?“, gefällt mir seine Euphorie. Perlis Vision der EU ist eine, die weiter reicht als Fiskalunion und Do ut des. Mehr Europa statt mehr Jederfürsich.

Wir sitzen an einem Konferenztisch, zusammen mit Katharina Dahme, 28 Jahre alt, ebenfalls bei der Linken engagiert, mit der Perli zusammen in Athen war. Die beiden haben sich Zeit genommen, um mir von ihrer Reise zu erzählen, so wie sie sich derzeit oft Zeit nehmen müssen, um genau darüber zu berichten. Auch Dahme spricht mit Emphase von ihrer Reise und dem, was von Griechenland aus möglich werden könnte: Ein neuer Politikstil für Europa, eine Alternative zu der alternativlosen Merkeldoktrin. Eine große Chance also, die ordentlich Wirbel machen müsste im linken Lager. Die Reise allerdings haben sie privat organisiert, von der Linkspartei selbst war niemand geschickt. So hatten sie auch eher zufällig sie die Plakate dabei, We start from Greece, we change Europe. Die Linke, „weil sie eben noch ins Handgepäck gepasst haben“, wie Perli sagt. Die Plakate hielten sie dann in die Höhe, als der Jubel nach den Hochrechnungen losbrach. Am nächsten Tag waren sie in zahlreichen Tageszeitungen zu sehen.

Auch Katja Kipping hat sich mit so einem Schild ablichten lassen, doch gegen die Bilder von Perli und Dahme und einer feiernden Menge wirkt das Foto von Kipping verdammt einsam: Sie allein vor einer Wand, ohne Griechenland, nur mit einer Behauptung aus Pappe. Bernd Riexinger war bis zum Donnerstag vor der Wahl in Griechenland und ist dann zurück nach Deutschland geflogen. Niemand aus der Partei hatte es für nötig oder auch nur interessant genug befunden, dabei zu sein. Jetzt werden die vier Privatreisenden von der Linken herumgereicht, ein Vortragsort nach dem anderen, Perli bereist derzeit ganz Niedersachsen. War die Wahl erst gewonnen und der Jubel in anderen europäischen Linksparteien groß, wurde man auch hierzulande etwas wagemutiger zu glauben, dass da eine neue Politik in Gang kommt, die die eigenen Ideen beflügeln könnte.

Während die Linke aus den Federn kam, schrieb die Grünen-Vorsitzende Katrin Göring-Eckhardt auf Facebook: „Gestern ist Die Linke jubelnd mit Tsipras ins Bett gegangen & heute wacht sie mit den Rechtspopulisten auf.“ Ihr Parteikollege Manuel Sarrazin bezeichnete die Wahl des Koalitionspartners einen „Schlag ins Gesicht aller Freunde Griechenlands.“ Der SPD gefiel der Regierungswechsel ebensowenig. Auch hier stand im Mittelpunkt der Kritik, neben der rebellischen Verweigerungshaltung, der Koalitionspartner Anel, eine konservative Partei mit deutlichem Hang zu Rechtspopulismus und Minderheitenfeindlichkeit. Als Erklärung wird von Befürwortern angeführt, dass Anel die einzige Partei war, mit der jener im Wahlkampf angekündigte klare Anti-Austeritätskurs umzusetzen war. Bei diesem geht es schließlich nicht nur um eine rebellische Geste, sondern darum, griechische Souveränität zurückzugewinnen. Zudem hofft man wohl, der rechtsradikale Partei „Goldene Morgenröte“ ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Frage bleibt, ob der Zweck alle Mittel heiligt.

Nicht überall klangen die Reaktionen auf die neue griechische Regierung so pessimistisch. Nach dem Besuch beim österreichische Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) ließ Tsipras verlauten, in dem Österreicher einen „guten Freund gefunden“ zu haben. In den Ländern des Mittelmeerraumes war die Zustimmung ohnehin ungleich größer. Viel Aufbruchsstimmung also, nur in Deutschland lange Gesichter? Langsam wagt sich Sigmar Gabriel gegen Wolfgang Schäuble vor; dessen harsches Nein letzte Woche zu den griechischen Kompromissvorschlägen gefiel Gabriel nicht, besonders bahnbrechend wirkte das allerdings nicht mehr, war doch sogar Jeroen Djisselbloem, Leiter der Eurogruppe, für mehr Diplomatie, als es das Vorgehen Schäubles gezeigt hatte.

Wie weit Syriza mit ihrem Kurs kommen wird, steht auch mit viermonatiger Verlängerung des Hilfsprogramms und griechischer Reformliste noch zu großen Teilen in den Sternen. Bemerkenswert bleibt trotzdem, dass in Deutschland vor lauter Skepsis niemand so recht den neuen Wind für sich nutzen wollte, der aus Griechenland wehte, man zog sich lieber den Anorakkragen ein wenig höher. Selbst wenn Syriza nicht gegen die Übermacht der Institutionen durchkommt, könnte ihr Kurs zeigen, dass Widerstand zwecklos und trotzdem sinnvoll sein kann. Denn was ihnen offensichtlich gelingt, ist einen Politikstil zu irritieren, der sich in Europa als unhinterfragbar geriert und eine Reflexion darüber anzustoßen, als was wir Europa weiterdenken wollen. Als Fiskalunion? Als Solidarunion? Oder gar als etwas, das für das wir noch kein Schlagwort haben?

Ob sie wirklich gegen die Austeritätspolitik seien?, wollte eine ältere Griechin von den vier Athenreisenden wissen. Sie seien doch Deutsche, ob sie denn nicht hinter dem Kurs der Kanzlerin stünden? Sie hielten zu Syriza, war die Antwort. Die Dame konnte es kaum fassen, was ihre Tochter da für sie übersetzte. Schnell wünschte sie sich noch ein gemeinsames Foto, auf Fotografien ist ja bekanntlich alles glaubhafter. Nun gibt es immerhin in Griechenland vier neue Gesichter für deutsche Politik.