Ich. Heute. 10 vor 8.

Des Oscars neue Kleider

Weibliche Hollywood-Stars kehren ihre Forderungen nicht mehr unter den roten Teppich: Bei der diesjährigen Oscar-Verleihung war Ernsthaftigkeit das glamouröseste Accessoire.

Die Oscar-Verleihung 2015© dpa/APDie Oscar-Verleihung 2015

Jedes Jahr sage ich mir, ich interessiere mich nicht so für die Oscars. Doch dann haut es nicht hin. Es wird immer schlimmer. Ein paar Stunden vorher. Ich mache schon frühzeitig “E!” an, den Entertainmentkanal, dort gibt es die Sendung “Fashion Police” und alle Kleider werden besprochen, verurteilt, geliebt. Bis vor kurzem war Joan Rivers in der Sendung involviert. Leider lebt sie nicht mehr, ihre Urteile waren gefürchtet. Rivers, jüdische New Yorkerin, war diejenige, die Heidi Klums “hotness” mit den heißen Öfen von Auschwitz verglich. Derzeit richtet Kelly Osborne, die Tochter von Ozzy, statt Joan Rivers.

Es ist merkwürdig, jedes Mal treten die Filme der nominierten Schauspielerinnen in diesem Moment in den Hintergrund. Die wichtigste Debatte dreht sich um die Kleider, und das ist es auch, was danach im Gedächtnis bleibt. Seitdem ich die Oscars schaue, suche ich nach Frauen, nach Looks, nach Haltungen, nach Ideen, wie ich aussehen könnte und was in mir passieren würde, wenn ich plötzlich in diesem Kleid da stehen würde und so oder so eine Frisur hätte. Was wäre dann? Würde mein Leben anders verlaufen? Mit mehr Bedeutung und Anbetung? Wie wäre es, wenn ich in Zukunft an dieser oder jener Körperstelle arbeiten würde? Wäre das gut für mich und mein Umfeld? Bei den Oscars fällt mir ein, dass ich andere Frauen zur Inspiration brauche. Ich interpretiere mir alles nach Kleid zusammen. Große Hingabe. Das Kleid ist aber oft Grund aller Freude und allen Übels gleichzeitig.

Die Oscars zeigen uns deutlich, welche Möglichkeiten wir theoretisch haben, mit unserem Auftritt. Wer können wir sein? Folgende Möglichkeiten, also Frauentypen finden wir vor: “trashy, bombshell, statement, classy, and Meryl Streep”, wie der “New Yorker” schreibt. Das sind nicht nur die Kleider,  sondern auch Rollen, die es im Angebot gibt. Das Kleid ist die Rolle. Das Kleid ist die Frau, die es zu spielen gilt. Basta. Und dann, wie immer, ist da Meryl Streep. Als Möglichkeit. Als Entwurf. Wie nicht von dieser Welt. Schon immer gewesen. Unverändert. Die Unberührbare. Sie sitzt da als die große Ausnahme, wie ein Denkmal, in einem Hosenanzug, und dagegen kann niemand etwas haben oder sagen.

Die letzen Jahre hatte ich immer diese Hoffnung, dass doch noch etwas anderes passieren sollte, dass noch jemand anders als diese rechtschaffenen Königinnen wie Cate Blanchett und eben Meryl auf die Bühne treten sollten. Es gab immer wieder Fantasien, irgendeine dieser Frauen würde auf irgendeine Weise die Fassung verlieren. Es würde ein Wind aufkommen, der über die Bühnen und Teppiche fegte, der alles durchpusten würde. Gewitter, Donner und Hagel. Keine konkrete Vorstellung von so einer Macht, aber es müsste sie doch geben.

Dieses Jahr passiert es. Dieses Jahr wirkte der rote Teppich nicht mehr wie der von 2014. Da war zunächst der “Ausbruch” von Patricia Arquette, Sie zog nach ihrer Oscarübergabe ihre Brille an und sagte, sie fände es nicht mehr hinnehmbar, dass Frauen in dieser Industrie nicht gleichbezahlt und gleich behandelt werden. Arquette hatte gleich mehrere Dinge überhaupt nicht bedacht, hatte gleich mehrere Systemfehler begangen. Sie hatte keinen Stylisten engagiert, sie hatte die Haare einfach so hochgebunden, sie hatte nicht monatelang nach einem Kleid geforscht und sie hatte über das gesprochen, was sie und ihre Freundinnen im Laurel Canyon täglich beschäftigt. Sie hatte außer ihrer Familie niemandem gedankt. Es war der Moment einer Befreiung aus einer künstlichen Welt, in der Schauspielerinnen ersticken. Ähnliche unkonventionell verlief der Auftritt von Reese Witherspoon, natürlich von einigen Menschen auf Twitter zunächst wegen angeblicher Überbotox-Behandlungen kritisiert. Es ist spießig, sich über Botox aufzuregen. Diese Entscheidung trifft jede Frau selbst.

Witherspoon, ja genau die Kleine aus “Legally blond” mit dem Chihuahua auf dem Arm, hatte im Vorfeld zu den Oscars ihre #askhermore-Kampagne gestartet.  Hintergrund: “Das hier ist eine Bewegung, die sagt, wir sind mehr als Kleider”. Reese und 44 andere aus ihrer Gruppe von Nominierten hatten keine Lust mehr auf dem roten Teppich über Kleider zu sprechen, während die männlichen Stars über große Würfe in der Filmgeschichte referierten. “Wir freuen uns hier zu sein und darüber zu sprechen, was wir getan haben und woran wir gearbeitet haben”,  sagt Witherspoon. (Die Seite https://www.makers.com/blog/makers-red-carpet-questions-women-oscars veröffentlichte z.B. Fragen, die sie sich auf dem roten Teppich an Schauspielerinnen wünschten.) Witherspoon hatte dieses Jahr tatsächlich mehr getan, als sich ein bonbonfarbenes Kleid von Tom Ford rauszusuchen. Sie hatte zwei der interessantesten Filme mitproduziert “Gone Girl” und “Wild”, in dem sie die Hauptrolle spielte.

Dieses Jahr also war es endlich soweit: das Kleid und die Taten seiner Trägerin waren unzertrennlich geworden. Reese Whiterspoon führte es vor. Und Patricia Arquette, oben auf der Bühne, die leicht zerzaust vorlas, was sie nicht mehr tolerieren wollte und was der Abschaffung bedarf. Die Kleider der Oscar-Frauen durften an diesem Abend mal eine andere Geschichte sprechen. Und in ihrer Unterhaltung untereinander gab es keine Konkurrenz und kein Gezicke. Das war neu. Und das war die Zukunft.

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