Ich. Heute. 10 vor 8.

Teilen statt kaufen – über Fluch und Segen der Sharing Economy

Nutzen statt besitzen, bei Autos und Wohnungen ist das schon lange ein Geschäftsmodell. Nicht alle sind davon begeistert. Wie die neue Gefälligkeitsökonomie unsere Selbstlosigkeit hinterfragt.

Give-Box© Goldener KäferGive-Box

Voller Vorfreude wollte ich kürzlich ein neuerstandenes Bild aufhängen, kramte nach unserer Bohrmaschine, fand sie und setzte an. Außer einem müden Surren und einem komischen Geruch gab diese jedoch nichts von sich. Es war irgend so ein No-Name-Gerät, das ich vor Jahren mal geschenkt bekommen hatte und jetzt offensichtlich das Zeitliche gesegnet hatte.

Natürlich hätte ich gerne sofort eine neue, dieses mal – endlich – eine richtig gute Bohrmaschine gekauft. Doch dann überlegte ich. Lohnt es sich wirklich, soviel Geld für etwas auszugeben, was ich tatsächlich so selten benutze? Angeblich beträgt ja die durchschnittliche Nutzungsdauer einer Bohrmaschine vom Kauf bis zur Entsorgung in amerikanischen Haushalten nur rund elf Minuten! Bei einer Maschine für circa 200 Euro wären das 18 Euro für eine Minute bohren. Da fällt mir mein bestens ausgerüsteter Heimwerkernachbar ein und nach 10 Minuten, ein bischen Small-Talk, halte ich eine Topmaschine in den Händen und bohre drauf los.

Genau diese Lösung propagiert der Zukunftsforscher Harald Welzer in seinem 2013 erschienenen Buch „Selber Denken“. Die unmittelbare Endlichkeit unserer Ressourcen vor Augen führend, fordert er darin auf, neue Ressourcen schonende Lösungen zu finden. Viel dreht sich da um die sogenannte Sharing Economy, von der gerade alle sprechen. Kurz gesagt: Die effizientere Ausnutzung von im Überfluss zur Verfügung stehenden Waren soll die Produktion neuer verzögern oder gar ganz überflüssig machen. In Welzers Szenario würden mir auf der Suche nach einer neuen Bohrmaschine dann von Onlineshops nicht mehr ausschließlich Kaufangebote unterbreitet, sondern auch Personen im näheren Umkreis  – wie z.B. mein Nachbar – vermittelt, welche gegen ein bestimmtes Entgelt ihre Bohrmaschinen verleihen. Damit könnte man viel Geld sparen und Ressourcen schonen.

Soweit so gut. Doch da werden nun die ersten Stimmen laut, die anprangern, dass das nichts anderes als die Kapitalisierung von Gefälligkeiten bedeute. Für Dinge, die vorher kostenfrei waren, wird man jetzt zur Kasse gebeten. Befeuert wird dieser Aufschrei durch Innovationen wie UBER Cars, die jeden zum Taxifahrer machen und das freundschaftliche Mitnehmen mit dem eigenen PKW nicht mehr als selbstverständlich erscheinen lassen. Oder AirBnB – übernachten bei Freunden, jetzt aber bitte gegen Geld.
Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han schrieb letzten Herbst in der Süddeutschen Zeitung , dass diese Entwicklung die Totalkapitalisierung aller Lebensbereiche bedeute und des Kommunismus gleich mit. Eine zweckfreie Freundlichkeit würde es in Zeiten ökonomisch relevanter Bewertungen nicht mehr geben. Der Kommunismus als Ware – damit wäre eine Revolution für alle Zeiten verunmöglicht.

Aber diese vielgerühmte, selbstlose Gefälligkeit, dieser zweckfreie Altruismus, gab es das überhaupt jemals wirklich? War das nicht vielmehr schon immer nur ein Ideal? Macht es nicht stutzig, dass in östlichen wie westlichen Philosophien und Religionen selbstloses Handeln eher als eine Maxime denn als eine empirische Tatsache postuliert wird? Entsprechen nicht die klassischen ökonomischen Formulierungen “do ut des” (“ich gebe, damit du gibst”) und “quid pro quo” (“dieses für das”) viel eher seit jeher der menschlichen Praxis? Eine Hand wäscht die andere…
Klassische Philosophien der Freundschaft, von Aristoteles bis Montaigne, postulieren die selbstlose Freundschaft als höchste aber seltenste Form. Das interesselose “Parce que c’était lui, parce que c’était moi” kommt erst nach vielen Stufen zweckgebundener politischer und ökonomischer Nutzverhältnisse ins Spiel.
Auch das deutsche “einen Gefallen tun” hängt eng mit dem sich eine Person “gefällig machen” zusammen. Und genauso bewegen wir uns auch in der Welt: wir schaffen ein Netzwerk von Verbindlichkeiten, wir pflegen Freundschaften, wir machen uns andere geneigt durchaus mit Blick darauf, etwas zurückzubekommen. Selbstlosigkeit scheint dagegen eher der seltenere Fall zu sein.
Was an der Sharing Economy allenfalls neu ist, ist die direkte monetäre Vergütung, der Tausch von Gefälligkeit direkt gegen Ware oder Geld hier und jetzt – und nicht mit Blick auf zukünftige Gefälligkeiten. Und vielleicht ist es genau das, was sie in den Augen von Kritikern so anstößig macht: direkte Bezahlung, der Umgang mit Geld – irgendwie schickt sich so etwas nicht.

Aber: In Zeiten sozialer Netzwerke und der damit verbundenen exponentiellen Zunahme von „Kontakten“ haben sich Beziehungen zu anderen Personen tendenziell nicht nur vervielfacht, sondern sind notwendigerweise auch lockerer, unverbindlicher und flüchtiger geworden. Da ist es doch eigentlich nur konsequent, wenn Gefälligkeiten sofort ihren Gegenwert erhalten und zwar in der allgemein gültigen Währung des Geldes. Die zunehmende Unverbindlichkeit von immer mehr Verbindungen nämlich macht die erhoffte beziehungsweise kalkulierte Gefälligkeits-Gegenleistung immer ungewisser. Fußt doch das klassische System von Gefälligkeiten auf dauerhafteren Beziehungen und einem Gefühl gegenseitiger Verpflichtung. Mangelt es jedoch an diesem und sind die „Kontakte“ gerne auch mal von heute auf morgen keine mehr, tut man gut daran, sich lieber gleich für den erwiesenen Dienst bezahlen zu lassen.
Leistungen müssen sich in Zeiten des durch den Neo-Liberalismus beförderten Individualismus unmittelbar für den einzelnen lohnen, „what’s in it for me?“ wird zum (Über)Lebensmotto, wenn jeder für sich selbst verantwortlich ist.
Hat sich diese Kapitalisierung erst einmal etabliert, könnte die neue Art der Dienstleistung –  formerly known as Gefälligkeit – vielleicht sogar so manche Beziehung entspannen. Kein Groll mehr gegen Leute, die Gefälligkeiten anderer ausnutzen, ohne sich selbst verpflichtet zu fühlen. Wie schon das alte Sprichwort besagt: „Strenge Rechnung, gute Freunde.“ Meinem Nachbarn habe ich danach 5 Euro in die Hand gedrückt, nur sehr widerwillig hat er es schließlich zu meiner Erleichterung angenommen – er wird sich dran gewöhnen.

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