Ich. Heute. 10 vor 8.

„Meinem Konstantin könnte das nicht passieren.“

Die Masern gehen um, und für einige Menschen heißt das: Besser zuhause bleiben! Eine Mutter erzählt von ihren verlorenen Jahren und warum sie die Privatisierung dieses Problems satt hat. Wer Inklusion will, soll sich auch für eine Impfpflicht in öffentlichen Einrichtungen einsetzen.

Nicht jede Angst verdient, gleichermaßen ernst genommen zu werden.© James Gillray: The Cow-Pock or the Wonderful Effects of the New Inoculation! (1802), PDNicht jede Angst verdient, gleichermaßen ernst genommen zu werden.

Eine Freundin von auswärts fragt, ob sie es wagen kann, mit ihrem Neugeborenen nach Berlin zu kommen. Was soll ich ihr sagen? Nein, lieber nicht? Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVJK) will sich zwar nicht darauf festlegen, dass Säuglinge wegen der Masern in Berlin öffentliche Plätze meiden sollen. Zugleich mahnt er aber just vor dem Hintergrund der neuen Masernfälle, Neugeborene und Kleinkinder ganz generell von Menschenansammlungen fern zu halten. Das ist billig: Diejenigen, die durch die vermeidbare Erkrankung von anderen gefährdet sind, sollen einfach schön zuhause bleiben oder im Wald spazieren gehen. Und weicht dem eigentlichen Konflikt aus: Es muss auch andere Möglichkeiten geben, Menschen zu schützen, als sie vom öffentlichen Leben auszusperren. Zum Beispiel eine Impfpflicht.

Ein komisches Gefühl: Mich persönlich geht das ja nichts mehr an. Meine Kinder sind alle geimpft. Wir sind auf der halbwegs sicheren Seite. Ich kann mir jetzt ruhig anhören, dass die Impfverweigerer statistisch nicht so relevant sind wie gedacht, dass fünf Prozent der Masernimpfungen angeblich nicht wirken, und was sonst noch alles an Argumenten daher gebracht wird, um der Impfpflicht aus dem Weg zu gehen.

Vor zehn Jahren war das noch anders: da waren Masern für unsere Familie akut lebensbedrohlich, und da pfiffen wir auf die Tröstungen der Statistik. Da nahm ich mir mein Adressbuch, ging die Namen unserer Freunde und Bekannten durch und kreuzte alle aus (mit Bleistift), von denen ich wusste, dass sie ihre Kinder nicht geimpft hatten. Ich machte ziemlich viele Kreuze, weil unsere Älteste einen anthroposophischen Kindergarten besuchte. Unser Freundeskreis teilte sich in diesem Moment in zwei Kreise: einen Kreis, der uns einschloss, mit dem wir Kontakt haben durften, und den anderen Kreis, der uns ausschloss, den wir besser mieden.

Nicht nur Säuglinge bleiben am besten zuhause: Auch immunsupprimierte Menschen (d.h. alle, die Kortison oder andere Immunsuppressiva einnehmen müssen oder irgendeine Form von Chemotherapie machen), Menschen mit Immunschwächen und Menschen mit Autoimmunerkrankungen – überhaupt alle Alten und Schwachen und Kranken und Bürgerkriegsflüchtlinge und Obdachlose etc. etc., die aus welchen Gründen auch immer ungeimpft sind, aber wirklich nicht die Masern kriegen sollten – sie bleiben am besten alle zuhause. Wer braucht denn diese Menschen schon im öffentlichen Raum?

Wir haben ein Kind, das damals sowohl durch Medikamente immunsupprimiert war (d.h. Masern = Lebensgefahr), als auch eine neurologische Autoimmunerkrankung hatte (d.h. Masern = Stimulierung der Immunaktivität = Schädigung des Cerebellums). Total krass seltener Fall. Wen es erwischt, den interessiert es nicht, ob das statistische Risiko 1:10, 1:1000 oder 1:1000.000 beträgt. Wen es erwischt, der weiß: Ich werde alles tun, um diesen einen Menschen zu schützen. Und die 999.999 anderen sollten dabei mitwirken, da es ja auch sie erwischen könnte – nicht nur sie selbst, sondern irgendjemanden, den sie lieben.

Eine der ausgekreuzten Freundinnen sagte es damals in schönster Offenherzigkeit: „Meinem Konstantin könnte so etwas nicht passieren.“ Sie wähnte die Statistik und ihr angeblich so tolles Erbgut auf ihrer Seite, und auch noch einige beeinflussbare Faktoren, um die sie sich mustergültig gekümmert hatte: Ihr Konstantin war schließlich zwei Jahre lang gestillt worden, hatte immer nur Öko-Essen bekommen, keinen Zucker, möglichst wenig Was-weiß-ich-für-Strahlungen.

Bevor wir uns an das schmerzliche Auskreuzungswerk machten, hatten wir versucht, auf einem Elternabend des anthroposophischen Kindergartens die impfunwilligen Eltern und Erzieherinnen zur Einsicht zu bringen. Natürlich vergeblich. Der Versuch war mit einem Deal verbunden: Dafür, dass uns die Chance gegeben wurde, zum Schutze unseres Kindes die Anthroposophen von der Richtigkeit einer schulmedizinischen Maßnahme zu überzeugen, musste der Anthroposophie die Chance gegeben werden, uns Nicht-Anthroposophen von der Richtigkeit der anthroposophischen Medizin zu überzeugen!

Ich ging also mit meinem Kind zu einem anthroposophischen Kinderarzt, der als Koryphäe gehandelt wurde. Und er gab mir folgendes zu bedenken: Es sei nicht gut, dass die Schulmedizin Kortison und Chemotherapie gleichzeitig einsetze, denn Kortison sei „heiß“, und Chemotherapie irgendwie „kalt“. Die Kinderkrankheiten seien wichtig für die kindliche Entwicklung, denn wer sie überstehe, gehe gereift und gestärkt daraus hervor – den Umkehrschluss durfte ich selbst ziehen: Wer sie nicht überstehe, um den sei es ja wohl nicht schade. Und überhaupt, so lange mein Kind nicht laufen lerne, werde es auch mit dem Spracherwerb nichts, da der Mensch aufrecht sein müsse, damit Seele und Geist von oben in den Körper gelangen könnten. Deshalb gelte auch später für die Schule: Nur wer auf seinen zwei Beinen in die Schule hinein laufe, sei dort richtig. Wer ein „Kriechling“ bleibe, für den gebe es die Heilpädagogik.

Nachdem also geklärt war, dass es keinen Sinn machte, in der Frage des Impfens an die Solidarität von Leuten zu appellieren, die unser zu schützendes Kind nicht als vollwertiges Mitglied ihrer Gemeinschaft begreifen konnten, legten die Anthroposophen und wir unsere ungleichen Waffen nieder. Unser älteres, geimpftes, gesundes Kind besuchte weiterhin happy den Anthro-Kindergarten, und mein Mann und ich managten etwas weniger happy die ja nicht ganz zu vermeidenden Kontakte zu den Ausgekreuzten und Auszukreuzenden.

Und für unser krankes Kind begaben wir uns, jenseits der anthroposophisch beeinflussten Kreise, auf die Suche nach einer Integrationskita.

Gute Kindergärten zu finden, ist ja generell nicht ganz leicht. Eine gute Integrationskita für ein krankes Kind mit Behinderungen zu finden, ist noch viel schwerer. Und dann auch noch eine Kita zu finden, in der die Kinder geimpft sind oder zumindest der Impfstatus kontrolliert wird, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Irgendwann hatten wir einen Platz in einem kleinen Kinderladen in Dahlem, eine halbe Stunde Autofahrt von unserer Wohnung entfernt, wo ich mich sofort in den Vorstand wählen ließ, um nicht geimpfte Neuzugänge verhindern zu können.

Für mich folgten nun Jahre eines ewigen Kleinkriegs, einer zermürbenden Aktivität, die mir in der Erinnerung die Konflikte mit den skurrilen Anthros als regelrecht heiter und amüsant verklären. Die Rolle der Impfkontrolleurin machte mich schlechter Laune. Außerdem hatte ich, die ich ja sowieso schon so viel Zeit und Energie in Kliniken und Therapien verplemperte, täglich stundenlang im Auto saß, mich mit der Behinderten-Bürokratie herumschlagen musste, jetzt auch noch die Führung dieses Kinderladens an der Backe – Personalfragen, Essenspläne, Brandschutz, Staubsaugerprobleme, all diesen lästigen Mist, der mit Elterninitiativkindergärten verbunden ist. Wie bei den Anthros gab es auch hier einen fiesen, uns überfordernden Deal: Dafür, dass die Bedingungen geschaffen wurden, dass wir dazu gehören konnten, mussten wir für das Ganze Verantwortung übernehmen.

Kurz bevor die Schule losging, hatte sich unser Kind so weit gesundheitlich stabilisiert, das wir es ––– endlich, endlich ––– impfen lassen konnten. Dazu zu gehören, ist für uns weiterhin nicht immer leicht, aber wenigstens brauchen wir seitdem in unseren Adressbüchern keine Auskreuzungen mehr vorzunehmen. Wir können die Impfverweigerer unter unseren Freunden wieder sorgenfrei sehen. Wir müssen nicht mehr Ämter übernehmen, die uns überfordern. Wir können wieder in die öffentlichen Räume.

Wer sich auf die Anthroposophie einlässt, die ja auch sehr schöne Dinge anbietet, ist wohl selbst schuld. Aber meine verlorenen Jahre in dem Dahlemer Kinderladen, die hätten nicht sein dürfen. Die hätte der Staat uns ersparen müssen. Sollen doch die Impfverweigerer sich ins Auto setzen, an abgeschiedenen Stellen ihre Kitas gründen und ihre esoterischen Ängste konsequent privatisieren! Wenn „Inklusion“ auch nur halbwegs ernst gemeint ist, muss eine Impfpflicht an allen öffentlichen Schulen und Kindergärten her; denn „Inklusion“ heißt nichts anderes als gleichen Zugang zu den öffentlichen Räumen.

Die Masern gehen um, und ein paar Minderheiten müssen halt zuhause bleiben. Immer schön zuhause bleiben! Mit dieser Empfehlung privatisiert der BVJK gesellschaftliche Probleme und verschleiert handfeste Diskriminierung.

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