Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Das Recht auf ihrer Seite

| 38 Lesermeinungen

Zwölf Jahre lang haben kopftuchtragende Frauen das Grundgesetz gegen das Bundesverfassungsgericht verteidigt. Für sie ist das Kopftuch-Urteil des 2. Senats eine Genugtuung, aber keine Befreiung. Befreit haben sie sich schon selbst.

###© Soufeina Hamed 

Wer denkt, das Bundesverfassungsgericht habe muslimischen Frauen einen Gefallen getan, der täuscht sich: Die Aufhebung des pauschalen Kopftuchverbots für Lehrkräfte in öffentlichen Schulen ist keine bahnbrechende Neuerung, sondern korrigiert lediglich einen Fehler, den das Gericht selbst vor zwölf Jahren begangen hatte. Von Anfang an hatten gläubige Musliminnen unermüdlich gegen das Gesetz gekämpft. Frauen wie die Religionslehrerin Annett Abdel-Rahman. Sie kommentierte das Urteil vergangene Woche mit den Worten: „Das Bundesverfassungsgericht hat endlich Recht gesprochen. Denn es war das Recht der kopftuchtragenden Lehrerin, auch Unterricht zu erteilen.” Recht, so wie das Grundgesetz es uns verspricht: Die gläubigen Musliminnen wussten es auf ihrer Seite, in all den Jahren, in denen das Bundesverfassungsgericht es ihnen verwehrte.

Erinnern wir uns an die teilweise absurden Folgen, die das Kopftuchverbot nach sich zog. 2008 hatte sich eine muslimische Lehrerin in Nordrhein-Westfalen mit einer Baskenmütze beholfen, um sich die Haare zu bedecken. Das Verwaltungsgericht in Köln entschied damals, auch die Baskenmütze sei nicht erlaubt, da sie als „Surrogat“ für ein Kopftuch angesehen werden müsse. Realsatire pur.

Nicht nur Lehrkräfte in öffentlichen Schulen, auch andere Berufsgruppen wurden in Mitleidenschaft gezogen. Ganz ungeniert lehnten Arbeitgeber/innen in der Privatwirtschaft Bewerberinnen aufgrund ihres Kopftuchs ab. So erhielt auch eine mit mir befreundete Wirtschaftsingenieurin eine Absage. Zwei Tage später bewarb sie sich ein zweites Mal auf die gleiche Stelle, allerdings ohne Foto, und wurde nun prompt zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Dort trug sie eine Perücke – und bekam den Job. Zwei Jahre lang musste sie sich jeden Morgen einen strubbeligen schwarzen Plastikwisch auf den Kopf setzen, um zur Arbeit gehen zu können.

Auf unzähligen Veranstaltungen, im Fernsehen und im Radio haben muslimische Frauen sich für ihre Grundrechte eingesetzt. In den Diskussionen standen ihnen – und oft auch mir – nicht selten Menschen gegenüber, die ernsthaft behaupteten, kopftuchtragende Frauen – also sie selbst – seien unterdrückt und merkten es bloß nicht. Völlig selbstverständlich wurden muslimische Frauen entmündigt, wurde ihnen die Fähigkeit zum eigenen Urteil abgesprochen – unabhängig davon, ob sie studiert haben, wie engagiert und erfolgreich sie sind und ob sie im öffentlichen Leben stehen oder nicht. Was diese muslimischen Frauen, über die pauschal geurteilt wurde, dachten, fühlten, und weshalb sie das Kopftuch trugen, schien nicht von Interesse zu sein.

Auch letzte Woche, als ich bei der BBC über die Aufhebung des Gesetzes diskutierte, wurde ein solcher Hörer aus Deutschland dazu geschaltet. Der Islam sei eine frauenfeindliche Ideologie, erklärte mir der Mann. Deshalb dürften kopftuchtragende Frauen nicht Lehrerinnen werden. Kann er nicht verstehen, dass diese Frauen sich selbstbestimmt und aus eigener Überzeugung für das Kopftuch entschieden haben? Sieht er nicht, dass er es ist, der ihre Selbstbestimmung in Frage stellt und ihre Freiheit beschneiden will?

Wer den Frauen ein Berufsverbot erteilt, befreit sie nicht, sondern tut das Gegenteil: Er drängt sie aus dem öffentlichen Leben ins Private und verwehrt ihnen das Recht, in unserer Mitte zu leben und zu arbeiten. Auch wenn es in einer säkularen Gesellschaft manchen unverständlich sein mag: Für gläubige Musliminnen – und das gilt wohl ebenso für orthodoxe Jüdinnen und für christliche Ordensschwestern – ist das Ablegen der Kopfbedeckung nämlich keine Alternative. Nicht wenige kopftuchtragende Lehrerinnen sahen sich deshalb in der Vergangenheit gezwungen, ihren Beruf gänzlich aufzugeben oder ins Ausland zu ziehen.

Noch wenige Tage vor dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts schrieb mir eine junge kopftuchtragende Lehramtsstudentin: Sie hatte sich mit anderen muslimischen Freundinnen zusammengeschlossen, um eine Petition gegen das Kopftuchverbot zu verfassen. Sie vertrauten auf das Grundgesetz. Welch stärkeres Symbol für seine Freiheitsversprechen kann es geben, als diese jungen Frauen, die sich für ihr Recht auf Arbeit und für ihre Religionsfreiheit einsetzen und dabei einer Mehrheitsgesellschaft trotzen?

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts befreit, bestärkt und empowered sie, weil sie sich selbst schon vorher befreit, bestärkt und ermächtigt haben. Aber mit der Aufhebung des Verbots ist die Arbeit noch nicht getan. Zwölf Jahre Beschneidung der Religionsfreiheit, Diskriminierung und Entmündigung können nicht mit einem Federstrich rückgängig gemacht werden; sie haben ihre Spuren und Verletzungen hinterlassen und auch Erklärungsbedarf geschaffen. Wie konnten diese zwölf Jahre sein? Wie soll es künftig werden? Es ist nicht zuletzt das Grundgesetz, das uns aufgibt, diese Fragen zu klären, damit wir in einer tatsächlich demokratischen, liberalen Gesellschaft leben können.


38 Lesermeinungen

  1. wolaufensiedenn sagt:

    Zu eng diskutiert
    Da spielen eine Menge Dinge mit, die gar nicht offen diskutiert werden: Mal unterstellt, es gibt wirklich einen Zwang zum Kopftuch unter den Moslems – ich weiß nicht, ob das so ist/empfunden wird und ich mag es auch wirklich nicht beurteilen! Dann hat eine gebildete Frau, eine Lehrerin, jetzt also keine Ausrede mehr, das Kopftuch wenigstens NICHT bei der Arbeit zu tragen. Ich schätze, deshalb war das Kopftuch weitgehend aus dem öffentlichen Raum in der Türkei verbannt, oder? Tja, und wenn nicht – also wenn das alles von Seiten der Lehrerin so freiwillig ist – wie steht es dann mit der negativen Religionsfreiheit der Schüler? Es gab ein Minderheitenvotum bei diesem Urteil, wenn ich da richtig informiert bin. Und das hat sich doch sicher genau darauf bezogen! Und weiter: Was machen wir denn dann mit der Burka? Oder, oder, oder? Das Urteil wird viel mehr zur Spaltung der Gesellschaft beitragen als das letzte, da bin ich mir sicher.

  2. heik8 sagt:

    Wieso
    “Was diese muslimischen Frauen, über die pauschal geurteilt wurde, dachten, fühlten, und weshalb sie das Kopftuch trugen, schien nicht von Interesse zu sein.”
    Warum erfahre ich auch in diesem Artikel nicht, wieso denn die Musliminnen eigentlich ihr Kopftuch tragen? Warum trägt eine Muslimin ein Kopftuch?
    Die Beantwortung dieser Frage bringt einen näher an den wahren Kern des Problems, die Diskriminierung der unbedeckten Frauen, egal ob Muslimin oder “Ungläubige”. Wieso wird erlaubt, dass Frauen, die sich moralisch über die anderen stellen, kleine Mädchen unterrichten dürfen?

    • Marion Detjen sagt:

      Wieder eine Unterstellung: Wie kommen Sie darauf, dass sich kopftuchtragende Frauen moralisch über andere stellen? Und warum nehmen Sie an, dass Musliminnen das Kopftuch alle aus den gleichen Gründen tragen? Wenn wir mal annehmen, dass es religiöse Gründe sind: auch diese können doch ganz individuell sein.

  3. KarlMariaPeters sagt:

    [...]
    Bitte bleiben Sie sachlich. Die Blogredaktion

  4. wolaufensiedenn sagt:

    Tja, also entweder es sind religiöse Gründe,
    die einen animieren, ein Kopftuch zu tragen. Dann muss es sich aber auch tatsächlich um ein religiöses Gebot handeln, das anerkannt wird – d. h. es muss schon eine gewisse Einigkeit im Rahmen der Religionsgemeinschaft herrschen, dass und wann und wer wie das Kopftuch tragen sollte!Oder es sind eben individuelle Gründe dafür ausschlaggebend, wenn jemand das Kopftuch trägt. Die unterfallen dann aber nicht dem Schutz der Religionsfreiheit, ganz einfach! Wenn es also so sein sollte, dass hier schwerpunktmäßig “private Gründe” den Ausschlag geben (war ja nicht meine Mutmaßung!) – dann symbolisieren solche Kopftuchträgerinnen nur, dass sie sich nicht darum kümmern – oder nicht wissen – dass man in Mitteleuropa in (öffentlichen) geschlossenen Räumen eben im Grundsatz keine Kopfbedeckung zu tragen hat; es sei denn, man wäre z. B. Bundesverfassungsrichter. Das wäre dann ein Zeichen der mangelnden Integration. Im anderen Fall heißt es nun genau hinsehen: Mag ja sein, dass das Bundesverfassungsgericht erlaubt hat, aus religiösen Gründen ein Kopftuch zu tragen und dabei an öffentlichen Schulen zu unterrichten. Dann gilt es aber wiederum zu ergründen, was sich hinter dieser so tiefen Religiösität noch so alles verbirgt. Und ob es sich das dann damit in Einklang bringen lässt, dass die Schule den Schülern gegenüber wertanschaulich neutral aufzutreten hat; oder ob es einem im Zweifel aus religiösen Gründen schwer fällt, die Schinkenstulle als Pausenbrot eines Schülers zu akzeptieren.

    • Marion Detjen sagt:

      1) Sie verwechseln religiöse Gründe mit starren Dogmen. Auch wenn ein Katholik jeden Sonntag in die Kirche geht, tut er es doch in erster Linie um des eignen Seelenheils willen – und im übrigen ohne gleich exkommuniziert zu werden, wenn er es nicht tut. Es überrascht mich, dass Sie Religion NICHT als Privatsache sehen; zumindest in diesem Punkt hätte ich Einigkeit vermutet.
      2) Wo steht geschrieben, dass man in Mitteleuropa in öffentlichen, geschlossenen Räumen keine Kopfbedeckung tragen darf? Welche Autorität verlangt das?
      3) Wer Schüler wegen Schinkenstullen in Bedrängnis bringen will, wird dies mit oder ohne Kopftuch tun.

  5. Menko11 sagt:

    [...]
    Bitte bleiben Sie sachlich. Die Blogredaktion

  6. Charlie_Umlaut sagt:

    [...]
    Bitte bleiben Sie sachlich. Die Blogredaktion

  7. wolaufensiedenn sagt:

    Hm, liebe Frau Detjen,
    zumindest wegen der Schinkenstulle sind wir einig; ist ja auch schon mal was!

    Die beiden Fragen, ob Religion Privatsache ist oder ob für das Kopftuchtragen die Religion verantwortlich ist, sind der Sache nach völlig unterschiedlich. Im übrigen sind wir kein laizistisches Land; das muss für meinen Geschmack auch nicht unbedingt so sein.

    Aber um auf den Punkt zurückzukommen: Das BVerfG hat eben nicht darüber entschieden, ob Religion Privatsache sei, sondern ob das Tragen desselben anlässlich der Ausübung öffentlicher Gewalt (Tätigkeit als Lehrer) von der Religionsfreiheit gedeckt sei. Mich ärgert ganz gewaltig, dass das überhaupt zur Entscheidung angenommen wurde, nachdem man darüber schon einmal entschieden hat – und angesichts tausender von Fällen, die man nicht annimmt! DAS sollen unsere Probleme sein? Aber gut, nun ist es da, das Urteil. Und nun müssen wir unterscheiden: Natürlich trägt man in Mitteleuropa in geschlossenen Räumen in der Regel keine Kopfbedeckungen. Ich habe mir tatsächlich nie die Mühe gemacht, zu recherchieren, woher das nun genau kommt. Aber wenn jemand in einem geschlossenen Raum regulär eine Kopfbedeckung trägt, dann ist das oft ein Zeichen von besonderer Macht und Würde (soweit es nicht ein schlichtes, sachliches Erfordernis dafür gibt; Schutzkleidung etc.). Das weiß eigentlich jeder, der hier erzogen wurde (wenn er denn erzogen wurde), weil man mit Hut/Mütze/Tuch auf dem Kopf beispielsweise im Gericht oder in der Schulklasse oder im Konzert eine so befremdete Reaktion ernten würde, als trüge man eine Pappnase. Mag sein, dass das in England mit den Hüten der Damen teilweise anders gesehen wird. Aber hier eigentlich nicht!

    Wenn also Kopftuch von der Lehrerin getragen wird, dann muss wohl die Religion zur Begründung herhalten; genau deswegen hat sich das BVerfG ja überhaupt in diesem Zusammenhang mit der Religionsfreiheit befasst – und nicht zur allgemeinen Handlungsfreiheit begründet – weil hier eben nicht regulär so gehandelt wird und man hier nix auf dem Kopf trägt, während man unterrichtet! Eine Religion zeichnet sich wiederum dadurch aus, dass sie eine gewisse Menge von Menschen erfasst. (Sonst nennt man das bloß einen Spleen!) Jesus hatte immerhin zwölf Jünger. Unter dem kann man wohl kaum von einer Religion sprechen. Die Religion muss aber nicht nur eine gewisse Anzahl Anhänger, sondern auch eine Substanz haben, also einen Kanon gewisser … Besonderheiten ihrer Anhänger. Ich kann mich eben nicht hinstellen und behaupten, der Katholizismus würde mir aufgeben, einen Finger beständig in der Nase zu lassen und zum Schutze dieser individuell-religiösen Gewohnheit auf Schützenhilfe vom BVerfG spekulieren – falls man mich entlässt, diskriminiert – oder mal zum Arzt schickt! Folglich muss die entsprechende Religion und das Kopftuch schon irgendwie eine anerkannte traditionelle Einheit bilden, wenn man das in Rede stehende Verhalten überhaupt mit der Religionsfreiheit erfassen will. (Sonst hätte man ja für jede Absonderlichkeit eine wohlfeile Ausrede: Da glaub ich dran, also musst Du auch dran glauben, sonst verklag ich Dich!) Davon – von dieser Einheit zwischen Kopftuch und Glauben – muss das BVerfG wohl vorliegend ausgegangen sein. Fassen wir mal zusammen: Es zählen also keine individuellen Gründe, sondern eben – religiöse fürs Kopftuch beim Unterrichten! Wenn aber die Religion so starr ist und selbst das äußere Anpassen an andere Gepflogenheiten (hier: eben nicht mit Kopftuch in geschlossenen Räumen aufzutreten, die man nicht gerade putzt) untersagt, dann ist eben Achtsamkeit am Platze, wieweit das Verhalten religiösen Anhängerin ggf. noch weitere Einschränkungen bietet, auf die man vielleicht nicht gefasst ist: Verschluckt sich der Schüler nämlich am Schinkenbrot, muss man vielleicht auch mal eingreifen, als Lehrpersonal, und ggf. erste Hilfe leisten, auch auf die Gefahr hin, den unreinen Schinken zu berühren …

    • Marion Detjen sagt:

      Also ich verstehe Ihre ganze Argumentation nicht: Würde ist doch nicht gleich Macht, es gibt sicherlich mehr als zwölf Kopftuchträgerinnen, und auch anerkannte Traditionen werden individuell gedeutet und gelebt. Und wenn Sie tatsächlich befürchten, dass das verschluckte Schinkenbrot die dem Schwein abholden Bevölkerungsteile von Erste-Hilfe-Maßnahmen abhalten könnte, dann müssten Sie alle Muslime und Juden und im übrigen auch alle Vegetarier – ganz unabhängig von ihrer Kopfbedeckung – von Positionen ausschließen, in denen Erste Hilfe geleistet wird: der ganze medizinische Bereich, Polizei, Feuerwehr, Sport und und und. Wollen Sie das?

  8. wolaufensiedenn sagt:

    Nee, da wird kein Schuh draus, liebe Frau Detjen,
    nicht ICH meine, eine Religion würde jemandem aufgeben, sich als Frau via Kopftuch von anderen sichtbar abzugrenzen – sondern die Moslems meinen das! Und das BVerfG lässt sie diesen Glauben auch in ihrer Eigenschaft als Träger öffentlicher Gewalt (Lehrer) ausüben; vor allem aber belässt es ihnen diesen äußeren Abgrenzungsmechanismus (was kein echter Kemalist und auch kein Herr Buschkowsky tun würden – und zwar ebenfalls mit guten Gründen)! Wenn jemandem aber dieser äußere Abgrenzungsmechanismus seiner Religion so dermaßen wichtig ist, dass er deswegen binnen zwölf Jahren sogar zweimal damit bei unserer höchsten Autorität vorspricht, dann muss man sich doch vernünftiger Weise die Frage vorlegen, wie weit das bei demjenigen im Ernstfall geht, meinen Sie nicht?

    Bei Vegetariern muss das nun wirklich niemand; oder handelt es sich bei allen von ihnen vielleicht um Religionsanhänger? Eher nicht! Sie (die Vegetarier) haben es nicht nötig, sich nach außen von anderen abzugrenzen, sie haben regelmäßig nur für sich entschieden, kein Fleisch zu essen – und stehen nicht etwa sämtlich auf dem unantastbaren Standpunkt, Fleisch wäre “unrein”. Würden Vegetarier also jemandem die gebotene Hilfe verweigern, weil sie partout kein Fleisch berühren wollen, würde folglich auch niemand nach einer Religion fragen, sondern allerhöchstens nach einem Nervenarzt!

    Besonders unangenehm empfinde ich, dass die Juden hier ins Spiel gebracht werden: Sie haben sich hier über Jahrhunderte integriert, statt sich plakativ von den anderen abzugrenzen. Auch sie essen kein Schwein, weil sie es nach ihrem Verständnis wohl unter ihrer religiösen Würde zu sein scheint, sowas zu essen – bitte! Aber wenn es andere tun, kann sie das doch nicht tangieren, auch nicht, wenn sie gerade erste Hilfe leisten.

    Was die grundsätzliche Frage nach Kopfbedeckungen im öffentlichen Raum betrifft – so lasse ich das mal stehen. Wenn Sie mit Hut in der Oper sitzen möchten, werde ich Sie nicht maßregeln, das steht mir nicht zu. Ich für meinen Teil nehme die Kopfbedeckung so selbstverständlich ab, wenn ich einen geschlossenen Raum betrete, wie ich den Handschuh ausziehe, bevor ich jemandem die Hand reiche. Dagegen habe ich höchstens mal als Teenager rebelliert und permanent Hut getragen! Aber ansonsten erlebe ich das auch noch regelmäßig im Alltag so.

    • Marion Detjen sagt:

      Sie haben also etwas gegen Religion oder Religiosität, die sich sichtbar macht und dadurch von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzt, und wollen ihre Träger nicht in Funktionen staatlicher Gewalt. Richtig? Sie wollen, dass Leute, wenn sie schon “anders” sind, dieses Anderssein entweder verbergen oder auf Autorität verzichten.

      Uns beide unterscheidet etwas sehr Grundlegendes: Ich finde “Anderssein” überhaupt nicht bedrohlich und vertraue Leuten, die damit Erfahrung haben, im Zweifelsfall mehr als Leuten, die nur die Normen der Mehrheitsgesellschaft kennen. Für mich ist die Angst vor dem “Anderen”, das sich abgrenzt, ein zunächst einmal unbegründetes Ressentiment. Von einer Kopftuchträgerin geht zwar Differenz, aber keinerlei Gewalt aus – solange sie nicht tatsächlich gewalttätig wird; aber auch dann wäre das Problem wieder nicht das Kopftuch, sondern die Gewalt. In meinen Augen ist vielmehr die Mehrheitsgesellschaft bedrohlich, die es Minderheiten verbieten will, die gewaltlosen Zeichen ihrer Differenz zu zeigen.

    • ThorHa sagt:

      Das, verehrte Frau Detjen, ist eine liberale Grundsatzerklärung in einem "safe space".
      Man kann sich die Anerkennung des anderen leisten, solange dieses andere nicht droht, einen selbst und seine Umwelt zu überschwemmen. Meine Haltung zum Kopftuch im öffentlichen Dienst würde in der Türkei anders ausfallen, als hier. Weil ich in der Türkei sicher damit rechnen müsste (genau das passiert da auch gerade), dass die Kopftucherlaubnis über gesellschaftlichen Druck zum Kopftuchzwang wird. Und zum Übertragungsmechanismus vollständig illiberaler Menschen- und Gesellschaftsbilder.

      Mit anderen Worten – wir können gelassen bleiben, weil wir davon ausgehen, dass mit dem Kopftuchtragen keine existentielle Bedrohung für unsere Normen und Wertvorstellungen verbunden sind. Die Lage sähe deutlich anders aus, gäbe es in Deutschland eine gesellschaftlich wirklich relevante und wachsende Islamistenbewegung. Dann wäre ich ein entschiedener Befürworter eines drakonisch durchgesetzten Kopftuchverbotes, egal, was vereinzelte emanzipierte und selbständige Muslima davon halten würden – in einer solchen Auseinandersetzung sind das Indivduum und dessen Wünsche völlig bedeutungslos.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Marion Detjen sagt:

      Wenn sich tatsächlich die Verhältnisse umkehren würden und Sie in eine Minderheit gerieten, würde ich mich auch für Ihre Rechte einsetzen wollen 😉
      Aber auch gesetzt den Fall, dass es tatsächlich eine wachsende Islamistenbewegung gäbe, fände ich das Kopftuchverbot den falschen Weg. Wenn das Recht auf Schinkenbrot verteidigt werden muss, dann verteidigen wir eben das Schinkenbrot – warum dafür das harmlose Kopftuch verbieten?

      Und diese Vorstellung von einem Kulturkampf, von der Sie sprechen: Ich weiß wirklich nicht, auf welcher Seite ich mich fände, wenn “das Individuum und dessen Wünsche völlig bedeutungslos” würden. Worum ginge es denn dann in einem solchen Kampf? Wofür soll ich denn Stellung beziehen, wenn nicht für die Rechte des Individuums?

    • ThorHa sagt:

      ihre Antwort, geehrte Frau Detjen, zeigt allzu deutlich, wie friedlich und idyllisch
      heutige Universitätsumgebungen sein müssen :-). Werfen Sie mal einen Blick in die Historie, genügend gute Bücher gibt´s bei Ihnen ja. Gäbe es eine wachsende und wirklich einflussreiche Islamistenbewegung, wären wir in Deutschland kurz vor oder in einem Bürgerkrieg, die Islamisten sind das moderne Gegenstück zu Nationalsozialisten (und genauso gruselig). Und in solchen Situationen ist das Individuum tatsächlich bedeutungslos, bis eine Seite endgültig gewonnen hat. Danach noch immer, wenn die falsche Seite gewinnt.

      Sie brauchen in einer solchen Lage keine “Stellung” mehr zu beziehen. Es gibt dann nämlich fast niemanden mehr, der mit Argumenten erreichbar wäre. Sie hätten auch gar nicht mehr die Gelegenheit, solche Argumente ohne eine bewaffnete Leibwache äussern zu können.

      Ich glaube nicht, dass Sie sich geistig, empathisch überhaupt noch in eine solche Situation versetzen könnten, nur das erklärt die Wurstigkeit gegenüber einer im Eintrittsfalle existentiellen Bedrohung. Mit Islamisten kann man nicht diskutieren (über was auch?), man kann sie nur bekämpfen, einsperren, überwachen, drangsalieren, notfalls erschiessen.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Marion Detjen sagt:

      Aus der Historie, lieber Herr Haupts, weiß ich vor allem eines: dass die Abschaffung der Freiheit immer, ohne Ausnahme, durch Heraufbeschwörung von Bedrohungsszenarien gerechtfertigt wurde. Viel Spaß noch beim apokalyptischen Träumen!

  9. wolaufensiedenn sagt:

    Nein, liebe Frau Detjen,
    das ist wirklich nicht der Punkt …

    Zum einen: Ja, ich finde es problematisch, dass ein Träger öffentlicher Gewalt sich offensiv von denen abgrenzt, über die er diese Gewalt inne hat. Also: Wenn der Lehrer Kopftuch trägt und sich damit offensiv von den kulturell anders geprägten Schülern abgrenzt! Das tangiert m. E. die negative Religionsfreiheit der Schüler; so sahen es wohl auch einige Verfassungsrichter. Und ich bin mir längst nicht sicher, ob die Mehrheit der Verfassungsrichter den moslemischen Gläubigen einen besonders großen Gefallen getan hat. Bei Herrn Buschkowsky oder bei Kemal Atatürk habe ich jedenfalls mehr Zutrauen, dass sie es grundsätzlich gut meinten, als sie eben gegen die Kopftücher im öffentlichen Raum eintraten.

    Ich empfinde “Anderssein” auch nicht als bedrohlich, sondern nur als anders, und dieses “Anderssein” und “Andersseinwollen” zur Kenntnis zu nehmen ist schlichtweg eine Frage des Respekts. Denn wie habe ich gestern gelesen: Eine Türkin beharrte darauf, dass sie sich eben durch ihre Kleidung ausdrückt. Ja genau, sie drückt deutlich aus, dass sie eben ganz anders ist und sein will als die, die hier die Mehrheit stellen, also die, zu denen auch ich gehöre. Das hat rein gar nichts mit Ressentiments auf meiner Seite zu tun, sondern nur mit der optisch verdeutlichten Botschaft meines Gegenüber: “Ich bin nicht so wie Du!” die mir da entgegenschlägt und die ich natürlich nicht ignoriere; das wäre nämlich gouvernantenhaft.

    Ich habe mich im Ausland natürlich auch angepasst; auch was die Kleidung anging (es war da eben im Beruf formaler, was ich gar nicht erwartet hätte). Das war sinnvoll und höflich – es war ja an mir, dort um Vertrauen zu werben – und meine Identität hat natürlich nicht darunter gelitten, wie ich Ihnen versichern kann; die zu erschüttern bedarf es dann schon etwas mehr, als sich jeden Tag in ein Kostüm zu werfen! Wäre ich dort geblieben, hätte ich mich aber zweifellos noch weiter angepasst; natürlich irgendwann auf Kosten meiner usprünglichen Identität. Aber das wäre keineswegs ein Drama, sondern eben der Preis für ein anderes Leben gewesen.

    • Marion Detjen sagt:

      Jemanden zu zwingen, seine Identität zu verleugnen, ist aber nicht respektvoll.
      Und dass Sie den Schutz von kulturellen oder religiösen Minderheiten einfach rundweg überflüssig finden, kann ich gar nicht glauben.

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