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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Was nützt uns die Schule?

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In Hermannstadt/Sibiu fand eine Gymnasiastin vor dreißig Jahren zwischen Schießübungen und deutscher Lyrik ein belastbares Bildungsideal. Heute soll sich Schule wieder nützlich machen, für das Leben im Kapitalismus. Eine Denkaufgabe.

Das humanistische Brukenthal-Gymnasium in Sibiu/Hermannstadt bleibt; das praktische Wissen, das hier auch unterrichtet wird, geht.© Siebenbürgische ZeitungDas humanistische Brukenthal-Gymnasium in Sibiu/Hermannstadt bleibt; das praktische Wissen, das hier auch unterrichtet wird, geht.

Ich habe in der Schule gelernt, wie man eine Kalaschnikow auseinander nimmt, reinigt und wieder zusammenbaut. Das war Anfang der 80er Jahre im rumänischen Hermannstadt/Sibiu, auf dem Brukenthal-Gymnasium. Eine deutsche Eliteschule, die hauptsächlich von Angehörigen der deutschen Minderheit besucht wurde und die das humanistische Bildungsideal im Sozialismus wacker hochhielt. Der Umgang mit der Kalaschnikow gehörte zur „Vorbereitung der Jugend zur Verteidigung des Vaterlandes“, auf Rumänisch Pregătirea Tineretului pentru Apărarea Patriei“, abgekürzt PTAP – so nannten wir das Fach. Nachdem wir ein bisschen mit der AK 47 hantiert hatten, fuhr man uns auf eine Waldlichtung und ließ uns Schießübungen machen. So waren wir bestens für den Einmarsch der feindseligen Truppen aus dem kapitalistischen Westen gerüstet.

Heutzutage müssen sich Schülerinnen und Schüler fragen, ob sie nach dem Abitur den entfesselten Märkten die Stirn bieten können. Anfang des Jahres beklagte die 17jährige Naina in einem Tweet, dass sie zwar gelernt habe, in vier Sprachen Gedichte zu analysieren, aber keinen Schimmer von Miete, Steuern und Versicherung habe. Sie wolle von der Schule besser aufs Leben vorbereitet werden.

Im sozialistischen Rumänien wurden wir aufs Leben vorbereitet. Am Anfang jedes Schuljahres gab es zunächst für zwei, drei Wochen einen Ernteeinsatz. Wir halfen ernten, vor allem aber entwickelten wir zum Zeitvertreib lustige Spiele, wie etwa den Maiskolbenweitwurf und eine besondere „Misswahl“: Wir suchten nach Gemüse mit Missbildungen und zeichneten am Ende des Tages zum Beispiel die abartigste Kartoffel aus. Es gab auch eine Schlosserwerkstatt in der Schule. Dort zeigte uns ein Meister, wie man einen Kerzenständer herstellt. Meiner steht heute noch bei meinen Eltern und erinnert an ein schlappes, trauriges Reptil. So stellte man sich damals im sozialistischen Rumänien den idealen Staatsbürger vor: Er sollte etwas von Gemüseanbau verstehen, sich nicht zu schade sein, mit den Händen zu arbeiten, und im Ernstfall zur Waffe greifen können.

Wir lernten aber auch vieles, was im real existierenden Sozialismus nicht verwertbar war, zum Beispiel unzählige Gedichte, die ich heute noch auswendig hersagen kann. Für die Sommerferien bekamen wir jedes Jahr eine Lektüreliste mit zehn, fünfzehn Büchern. Wir lasen das Nibelungenlied, Goethe, Schiller, Kleist, Fontane und rumänische Autoren wie Eminescu, Caragiale und Creangă. In Mathematik lernten wir den Satz des Thales, in Physik das Ohmsche Gesetz, in Chemie den Molekülaufbau.

Der lateinische Spruch über dem Eingangsportal unserer Schule ermahnte uns täglich, der Bildung und Tugend ein heiliges Beispiel zu sein. So richtig ernst genommen hat das damals wohl keiner. Die meisten von uns wussten ohnehin nicht, wie es später für sie weitergehen würde. Die Welt außerhalb des Schulhofes war nicht sehr gemütlich, der Sturz der Ceaușescu-Diktatur noch lange nicht in Sicht. Ausreisen oder anpassen? Das war die große Frage, die damals noch unsere Eltern entschieden.

Bis dahin reichte es, auf dem Schulhof klarzukommen. Dort gerieten sich eines Tages zwei Jungen in die Wolle. Es ging um ein Mädchen, wenn ich mich richtig erinnere. Beleidigungen flogen hin und her. „Du Nibelungenschwein!“, rief einer der Kontrahenten. Sein Gegner hieß nämlich Hagen. Dem verschlug es für kurze Zeit die Sprache. So ein krasses Schimpfwort hatte er noch nie gehört! Die Schullektüre war also durchaus praktisch brauchbar.

Heute sind es die MINT-Fächer, Wirtschaft und Berufsorientierung, die in vielen Lehrplänen fest verankert sind. Literatur, Latein und Altgriechisch stehen unter steigendem Rechtfertigungsdruck, ebenso Kunst und Musik. Sie versuchen, ihre Nützlichkeit unter Beweis zu stellen: Lesen sei gut, weil es den Wortschatz erweitert. Latein sei sinnvoll, weil es ein Gefühl für Grammatik vermittelt – so lernt man vielleicht später mal leichter Chinesisch. Kunstunterricht schule die Feinmotorik und das räumliche Vorstellungsvermögen. Und Musik, der Umgang mit Rhythmus und Intervallen, könne helfen, besser in Mathe zu werden. Nur Altgriechisch scheint vollkommen unnütz, das lernen inzwischen nur noch die Freaks.

Vor dieser Entwicklung, nur noch das technisch und ökonomisch Verwertbare zu fördern, warnt uns der italienische Philosoph Nuccio Ordine in seinem schwungvollen Pamphlet „Von der Nützlichkeit des Unnützen“. Der Nützlichkeitswahn mache auf die Dauer stumpf und phantasielos, meint er. Das Unnütze schaffe dagegen Freiräume in unseren Köpfen, lasse uns die Welt bewusster und intensiver wahrnehmen und mache uns sogar zu besseren Menschen.

Dinge lernen, die zu gar nichts nütze sind, die weder der herrschenden Staatsideologie noch der Wirtschaft noch der Selbstoptimierung dienen. Dinge, die einfach nur Augen und Ohren öffnen und die Gehirnzellen auf Trab bringen. Dinge, die zu unserem kulturellen Erbe gehören, die Freiheit des Denkens anregen, das Bewusstsein für Schönheit wecken – in Sprache, Musik, Bildern und auch in mathematischen Gleichungen und in der Eleganz von Beweisführungen. Ist das nicht doch emanzipatorischer, als darauf zu schielen, was Staat und Markt gerade so brauchen? Und ist es nicht doch auch langfristiger? Wo sonst als in der Schule kann man sich den Luxus leisten, scheinbar unnützes Wissen zu sammeln?

Non scolae, sed vitae discimus“ – was das „Leben“ zu fordern scheint, das kann schnell obsolet werden. Schülerinnen und Schüler sollten vor allem das Lernen lernen. Und diese Erfahrung trägt dann im Idealfall ein Leben lang. Das honorige, inzwischen ein bisschen verwelkte humanistische Bildungsideal ist dafür eine ordentliche Basis und wird nicht gleich zu Grunde gehen, wenn es durch ein paar praktische und zeitbezogene Lerninhalte ergänzt wird – auch wenn manche davon später völlig abstrus erscheinen.

Als ich im Westen ankam, habe ich mich über Miete, Steuern und Versicherungen selbst schlau gemacht. Und ich bin sicher: Naina kann das auch.


16 Lesermeinungen

  1. Herr Stollberg,
    was Sie da schreiben: „Und was die Fähigkeiten ,wünsche ich mir, dass sich die Schule auch um Rhetorik, Zeitverwaltung, Kommunikation, Teamarbeit u.ä. sich kümmert (was die
    Englisch sprechende Welt als “soft skills” bezeichnet). Sie bringen uns viel, nicht nur in unserem professionellen Leben, sondern in unseren Familien und
    individuellen Projekten.“ wird seit über zwanzig Jahren als Sau durchs Dorf getrieben; vorrangig in den Bundesländern, in denen die SPD die Hand auf der Bildung hat. Ich kann einfach nicht glauben, dass jemand noch ehrlichen Herzens hinter diesen Phrasen steht. So naiv kann und darf sich niemand mehr stellen – nicht bei den desaströsen Bildungsergebnissen, die das liefert. Wem zuliebe schreiben Sie sowas?

    Es gibt keine vom Wissen losgelösten „Kompetenzen“. Das ist einfach Unsinn und das weiß jeder, der selber etwas weiß. Wenn das bei Ihnen nicht so ist, dann tut es mir sehr leid für Sie – dann haben Sie keine Kompetenzen, sondern bloß „Bauchgefühle“. Dass Sie die Rolle des Lehrers vollkommen abschaffen wollen, obwohl die Hattie-Studie dessen Bedeutung betont, spricht auch leider ganz dafür! Und Recht gehört nicht an die allgemeinbildende Schule. Recht muss dort eingehalten werden. Das ist etwas anderes.

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