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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Ein Kopftuch voll Angst

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Nach der Aufhebung des Verbots ist vor dem Streit. Warum es gut ist, dass wir nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts wieder über die Bedeutung des Kopftuchtragens diskutieren (müssen).

"Soldiers without guns", Poster der US-Army, 1941© Adolph Treidler „Soldiers without guns“, Poster der US-Army, 1941

In einem lange erwarteten Urteil hat das Bundesverfassungsgericht am 27. Januar 2015 die Dinge gerade gerückt, die in den letzten Jahren in eine Schieflage geraten waren: Dass muslimische Frauen, die im Mathematik-, Geschichts-, Chemie oder Sportunterricht eine Kopfbedeckung tragen, die Neutralität des Landes und den Schulfrieden gefährden, kann zwar nach Auffassung der Verfassungshüter aus Karlsruhe nicht völlig ausgeschlossen werden. Es ist aber doch keineswegs eine konkret greifbare Gefahr. Derart drastische und freiheitsbegrenzende Maßnahmen wie ein allgemeines und striktes Verbot der Kopfbedeckung sind deshalb, so das höchstrichterliche Urteil, nicht zumutbar. Nordrhein-Westfalen, aber auch andere Bundesländer, die ähnliche gesetzliche Vorkehrungen gegen das Kopftuch getroffen haben, werden ihren Umgang mit der ungeliebten Kopfbedeckung nun neu ordnen müssen.

Das wird auch Zeit, denn die Auseinandersetzungen trieben in den letzten zwei Jahrzehnten sonderbare Blüten. Zum Beispiel diese: Eine Baskenmütze ist auch ein Kopftuch … jedenfalls dann, wenn sie von einer muslimischen Lehrerin oder Sozialpädagogin im Schuldienst getragen wird. Zu diesem bemerkenswerten Urteil war im Juni 2007 das Düsseldorfer Arbeitsgericht gelangt (AG Düsseldorf 12 Ca 175/07). Baskenmützenliebhaberinnen aller Konfessionen rieben sich verwirrt die Augen. Kopftuchträgerinnen auch. Eine muslimische Baskenmützenträgerin sah sich veranlasst, die Sache im Jahr 2008 vor dem Verwaltungsgericht Köln noch einmal zur Sprache zu bringen: Die Baskenmütze, so erklärte sie, sei doch „eindeutig dem christlich-abendländischen Kulturkreis zuzurechnen“ (VG Köln 3 K 2630/07). Aber die Kölner Richter schlossen sich ihren Düsseldorfer Kollegen an. Auch sie entschieden: Die Baskenmütze auf dem Kopf einer muslimischen Frau im Schuldienst ist ein religiöses Zeichen. So wie das Kopftuch die von ihm „symbolisierten Glaubensinhalte als vorbildhaft und befolgungswürdig“ ausweise, so habe im gegebenen Kontext auch das dauerhafte Tragen einer Baskenmütze religiös „appellativen Charakter“ (VG Köln 3 K 2630/07).

Man hätte über diese Abwägungen deutscher Richter schmunzeln und die Sache in der Rubrik ‚Kuriosa’ ad acta legen können. Doch die Entscheidungen aus Düsseldorf und Köln hatten Konsequenzen: Denn Nordrhein-Westfalen hatte 2006 im Schulgesetz festgelegt, dass Lehrkräfte „in der Schule keine politischen, religiösen, weltanschaulichen oder ähnliche äußere Bekundungen abgeben [dürfen], die geeignet sind, die Neutralität des Landes gegenüber Schülerinnen und Schülern sowie Eltern oder den […] Schulfrieden zu gefährden“. Von diesem Verbot ausgenommen wurde im Nachsatz „die entsprechende Darstellung christlicher und abendländischer Bildungs- und Kulturwerte oder Traditionen“ (§ 57 Abs. 4). Für Kopftücher aber – und mit den genannten Entscheidungen auch für Baskenmützen – war die Sache klar: Für sie galt das Verbot.

All die Jahre stand man perplex vor dieser dreisten Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes, die sich nicht nur Nordrhein-Westfalen, sondern auch Baden-Württemberg, Bayern, das Saarland und Hessen herausnahmen. Nun hat das Bundesverfassungsgericht Recht gesprochen: In seiner jüngsten Entscheidung in Sachen Religion von 27. Januar 2015 macht es unmissverständlich klar, dass diese Ausnahmeregelung mit dem Grundgesetz „unvereinbar und nichtig“ und im Übrigen ein generelles Verbot religiöser Bekundungen, wie es die ‚Kopftuchgesetze‘ in den verschiedenen Bundesländern vorsehen, „unverhältnismäßig“ ist, wenn die Konfliktlage, der damit begegnet werden soll, lediglich „abstrakt“ und nicht „hinreichend konkret“ ist (1 BvR 471/10, 1 BvR 1181/10).

Auf diese Entscheidung des Ersten Karlsruher Senats haben nicht nur muslimische Lehramtsanwärterinnen lange gewartet. Und man darf annehmen, dass sie Bewegung bringen wird in die verfahrene Lage. Neu ist in jedem Fall: Die Last der Rechtfertigung liegt jetzt nicht mehr bei den muslimischen Frauen. Sie liegt fortan beim Schulträger, also unter anderem bei Städten, Gemeinden, Landkreisen. Nur wenn diese plausibel darlegen können, dass Lehrerinnen, die eine Kopfbedeckung tragen, den Schulfrieden konkret gefährden, kann das Verbot aufrecht erhalten werden. Zugleich unternehmen (dieselben) öffentliche(n) Institutionen seit einigen Jahren erhebliche Anstrengungen, die islamische Theologie als Lehramtsstudienfach an deutschen Universitäten zu etablieren. Manch einer der Verantwortlichen in den Kultusministerien der Länder wird den höchstrichterlichen Urteilsspruch deshalb wohl erleichtert zur Kenntnis genommen haben – dürfte man sich dort doch bereits fragen, wie man in einigen Jahren mit den erfolgreichen Absolventinnen des neuen Studiengangs umgehen soll, unter ihnen auch eine stattliche Zahl Kopftuchträgerinnen. Sollte man von ihnen verlangen müssen, die Kopfbedeckung, die sie im Religionsunterricht tragen dürften, im anschließenden Mathematik-, Geschichts-, Deutsch- oder Musikunterricht wieder abzulegen? Die jüngste Entscheidung aus Karlsruhe könnte die politisch Verantwortlichen davor bewahren, sich in einem argumentativen Drahtseilakt zu verheddern.

Dass ein solcher Drahtseilakt überhaupt drohte, daran ist das höchste deutsche Gericht selbst nicht ganz unschuldig. Denn vor zwölf Jahren haben die Karlsruher Verfassungshüter schon einmal in der Causa Kopftuch entschieden: 2003 fällte der Zweite Senat in einem Streitfall aus Baden-Württemberg ein eigentümlich janusköpfiges Urteil. Darin stellten die Richter einerseits klar, dass das Verbot, eine Kopfbedeckung zu tragen, eine erhebliche Grundrechtseinschränkung darstellt; andererseits aber wollten sie ein Verbot nicht grundsätzlich ausschließen, verlangten jedoch, dass es auf einer gesetzlichen Grundlage stehe und also dem erklärten Willen des demokratisch legitimierten Gesetzgebers entspreche. Ein solches Gesetz aber gab es damals nicht. Die Klägerin bekam also Recht. Aber davon hatte sie nichts. Denn der Stuttgarter Landtag reagierte sofort: 2004 trat in Baden-Württemberg das deutschlandweit erste ‚Kopftuchgesetz‘ in Kraft – das natürlich nicht so hieß, aber doch genau das war. Andere Länder folgten. Muslimische Lehramtsanwärterinnen, die eine Kopfbedeckung tragen, waren fortan in der Klemme.

Nun war es nicht so, dass die Verantwortlichen in Baden-Württemberg erst durch die Karlsruher Richter auf die Idee gebracht werden mussten, eine gesetzliche Regelung in Betracht zu ziehen. Diese Möglichkeit war im Stuttgarter Landtag 1998 eingehend diskutiert, doch von der großen Mehrheit abgelehnt worden. Einzig die Republikaner hatten lautstark ein ‚Kopftuchgesetz‘ gefordert. Alle anderen Parteien hatten ein generelles Verbot verhindern und sich die Möglichkeit offen halten wollen, im Einzelfall zu prüfen, was – wie es der damalige Landesvater Erwin Teufel ausdrückte – eine Lehrerin im Kopf und nicht was sie auf dem Kopf hat. Doch das erste ‚Kopftuchurteil‘ aus Karlsruhe stellte die Weichen anders: Alle Bundesländer, in denen es muslimische Lehramtsanwärterinnen gab, wappneten sich nunmehr gesetzlich gegen reale und potentielle Kopftuchträgerinnen in den Schulen.
Doch Kreativität kennt bekanntlich keine Grenzen, das gilt auch für religiöse Kreativität. Verlangt der Koran, dass es ein Tuch ist, das Haare, Ohren und Hals bedeckt? Das Angebot der Bekleidungsindustrie bot Alternativen. Warum keine Baskenmütze, kombiniert mit einem hoch geschlossenen Rollkragenpullover? Eine Lösung schien gefunden. Doch aufmerksame Schulleiter witterten Gefahr. Und so landete nach dem Kopftuch auch die Baskenmütze vor Gericht.

Dass Gerichte im säkularisierten Verfassungsstaat im Konfliktfall auch über den religiösen Sinngehalt von Kopfbedeckungen entscheiden müssen, erscheint skurril, liegt aber letztlich in der Konsequenz der Hochschätzung der Grundrechte. Die jüngste Entscheidung aus Karlsruhe wird diese Skurrilität deshalb nicht grundsätzlich abstellen können. Doch könnte sie etwas Druck aus dem Prozess der Überreglementierung nehmen. Zwar entbindet sie die Verantwortlichen in den Ländern nicht von der Notwendigkeit, die Verfassungstreue von Lehrkräften zu prüfen, die sich auch an ihrem äußeren Erscheinungsbild kundtun kann. Aber sie stärkt das Grundrecht auf Religionsfreiheit, indem sie klarstellt, dass dieses eben nicht aufgrund einer bloß abstrakten Gefahrenlage generell eingeschränkt werden darf. Dadurch spielt sie den Ball in das Feld zurück, aus dem er kommt: in Politik, Religion und Gesellschaft. Der Konflikt ist damit nicht beigelegt. Aber er ist wieder da, wo er hingehört.

Weiterlesen:
Kübra Gümüsay: Das Recht auf ihrer Seite
Emily Dische-Becker: Das Kopftuch, ein westlicher Fetisch
Margarita Tsomou: Nicht in meinem Namen


38 Lesermeinungen

  1. Pingback: Blogs | Ich. Heute. 10 vor 8.: Ein Kopftuch voll Angst | Facebook Uk

  2. Wie beseitigt man Ungleichbehandlung ?
    Es gibt mehrer Moeglichkeiten eine Ungleichbehandlung zu beseitigen z.B. wie im vorliegenden Falle, wo das Gericht entschieden hat „alles zu erlauben“ was religioes begruendet wird. In einem saekularen Staat jedoch waere es besser religioese Zeichen dort zu verbieten wo sie als Einflussnahme wirken koennen, z.B. in der Schule wo die Lehrerin oder der Lehrer durchaus bei einigen Kindern als Vorbild angesehen wird. Wenn man dabei das Zeigen religioeser Zeichen generell verbietet – also auch christliche und juedische, dann existiert auch keine Ungleichbehandlung. Ausserdem ist die Entscheidung des VG ein Zeichen fuer deren Unwissen oder Ignoranz, denn die Kopfbedeckung ist nicht wie immer behauptet vom Koran vorgegeben – sie ist vielmehr eine arabische Tradition. Auch einige Frauen in sehr strengen islamischen Laendern, wie z.B. in Saudi Arabien, bewegen sich in der Oeffentlichkeit ohne Kopfbedeckung. Wozu nun die Inkompetenz des VG fuehrt ist dass etwas liberalere Lehrerinnen islamischen Glaubens in Deutschland alleine durch den Gruppenzwang zum Tragen der Kopfbedeckung, also einer arabischen Tradition, veranlasst werden. Ein Stueck Freiheit ist fuer diese Frauen verloren gegangen und die islamischen Lobbyisten sind einen kleinen Schritt naeher an ihrem eigentlichen Ziel – der Islamisierung der Welt ( die zugegebenermassen vom Koran gefordert wird !).

  3. Hm ...
    Mathematiklehrerinnen …. mich sorgt das doppeldeutige Signal aus einem Senat des BVerfG als solches und dessen Interpretation. Übrigens ist der Religionslehrer kein regulärer Lehrer; genausowenig wie der Lebenskundelehrer. Beide ziehen sie sich zum Unterrichten selbstredend auch keine Mönchskutte über. Und bisher war die Mehrzahl von ihnen zum Glück noch zu verantwortungsbewusst, als dass sie Experimente mit dem Schulfrieden gutgeheißen hätten!

    Und Herr Meier: Ich hab ein Foto meiner Oma *1916, als junge Frau am See, ohne Kopfbedeckung … und mit offenen Haaren (schicker Bubikopf). Eine Frau, die einmal und fürs Leben geheiratet hat, ihre diversen Hüte selbstverständlich nie im, sondern nur außer Haus trug (und mir sowas auch nicht gestattet hätte!), und außerordentlich protestantische Ansichten über Schandmäuler pflegte. Aber da, wo ich herkomme, brauchte sie in den 70er Jahren ja auch längst keine Erlaubnis vom Ehemann mehr fürs Konto und für die Arbeitsstelle … Ist alles schon so lange her – da können wir doch auch mal wieder drüber diskutieren, um uns die Langeweile zu vertreiben, die mit gesichertem gesellschaftlichem Frieden leider einzukehren pflegt!

  4. ... oder geht es gar um ...
    Wer als Lehrer / Lehrerin meint, seine Zugehörigkeit zu einer Religion im allgemeinen Schulunterricht und in allen Schulstunden besonders zur Schau stellen zu müssen, seinen Beruf als Lehrer / Lehrerin nur mit Zurschaustellung seines religiösen Bekenntnisses ausüben zu können, grenzt sich aus, diskriminiert sich selbst — und disqualifiziert sich damit womöglich als Lehrer / Lehrerin selbst.

    Integration gelingt nicht, indem man / frau sich selbst ausgrenzt.

    Denn: Welche Werte möchte jemand den Kindern damit vermitteln?

    Ist die berufliche Qualifikation von einem Kopftuch oder einem sonstigen Symbol abhängig, mit dem ein religiöses Bekenntnis demonstriert werden soll?

    Oder geht es vorrangig um Selbstdarstellung statt um Unterrichtung von Kindern?

    By the way: Was ist mit Augenbrauen und Wimpern ?
    Das sind auch Haare — und die schauen unter dem Kopftuch immer hervor.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

  5. Symbol und Inhalt
    Es ist doch nicht das Kopftuch, sondern wofür es steht, das ist die Sorge. Die Kopftücher der Trümmerfrauen waren Schutz fürs Haar, die Kopftücher des Islam, gefürchtet als Vorbote von Burka und Vollverschleierung – mithin schon in Deutschland immer öfter zu sehen – sind das Mittel einer Unterdrückung Frau, eine katastrphale Zurückdrehung des Rades des Fortschrittes zurück zu einer extrem reaktionären Sicht auf die Frau. Im Islam ist die Frau scheinbar nur verhüllt zu ertragen, und auch das Männerbild ist fatal, von denen man annimmt, sie würden sich auf jedes Mädchen ab 6 stürzen, wenn es nicht im Kopftuch verhüllt ist.

    Deshalb finde ich es auch extrem befremdlich, wie oft gerade Linke und Liberale den Islam verteidigen, wiewohl das Weltbild des Islam weithin ein reichlich reaktionäres ist, also so ziemlich das Gegenteil von links und liberal. Anders als im Christentum gibt es im Islam auch keine Möglichkeit sich zu reformieren. Die Verbrechen und die Gewalt der Kirchen waren eine Ignoranz all dessen was Jesus predigte und vorlebte: Gewaltlosigkeit. Mohammed war nicht gewaltlos und predigte das auch nie, insofern kann der Islam sich nicht, wie das Christentum mit Luther, einfach auf den Urtext zurückbesinnen, weil den Urtext Ernst nehmen direkt zu ISIS und Salafismus führt. Dass das Angst macht, finde ich nur zu verständlich!

    Nun billige ich eine großen Zahl der heute in Deutschland lebenden Muslime zu, nicht in gewalttägiger Absicht hier aufzuhalten. Wir sehen aber, wenn immer mehr Muslime in Westeuropa sind, findet hier eine Art „Ghettoisierung“ statt, die viele Muslime der nachwachsenden Generationen dazu bringt, eher immer reaktionärer zu werden in ihrer religiösen Ansichten. Daher sind die Kinder der dritten und vierten Generation der Muslime oft viel radikaler, als die einst hier Eingewanderten. Wohin das führt, wenn in 50-80 Jahren wie hochzurechnen ist, die Mehrheit der in Deutschland lebenden Nachfahren der Araber und Türken sind, also Muslime, das finde ich durchaus mehr als ein linkes Achselzucken wert. Das wird aller Wahrscheinlichkeit nach eine Gesellschaft, die wir so nicht wiedererkennen würden.

    Der Unterschied zwischen Christentum und Islam ist auch dieser: Der Koran ist ein Gesetztesbuch, und ein Imam ist kein „Priester“, der eine Theologie vermittelt, ein Imam ist ein Rechtsgelehrter! Insofern ist die Frage, wenn ein frommer Muslim den Koran als oberstes Gesetz ansieht, mit dem Imam als „Rechtsperson“, wieweit er dann das Grundgesetz überhaupt anerkennen kann? Mit Jesus gesprochen: Man kann nicht Diener zweier Herrn sein. Es gibt überhaupt kein einziges Land, in dem Muslime eine Mehrheit haben, in dem auch nur annährend westlich, rechtstaatliche und liberale Werte gelten. Welche Garantien haben wir, dass Deutschland 2060+ nicht ein Land mit Sharia wird? Klar, das liegt fielen in der Vorstellung heute fern. Tatsache ist aber, dass sich Deutschland schon in den letzten 20 Jahren ERHEBLICH verändert hat. Rechnet man das hoch auf weitere 50 Jahre, scheint einem manches, was einige als „Panikmache“ darstellen würden, schon wesentlich wahrscheinlicher. Ich sehe einfach nicht, dass Islam und westliche Werte sich vereinbaren lassen. Selbst die Bibel sehe ich extrem kritisch, und stehe eher für Humanismus; immerhin rettete uns das Neue Testament. Dieses christliche reaktionäre wurden wir gerade erst los, und nun soll das moslemische kommen? Nein danke! Ich kann auf eine solche Rückkehr religiöser Rückschrittlichkeit durchaus verzichten.

  6. Meine Oma
    trug auch ein Kopftuch. Naja, das Vorzeichen war ein anderes.

    • Glaub ich unbesehen, lieber Herr Adrian,
      dass Ihre Oma unter anderen Vorzeichen ein Kopftuch trug! Solche Zeiten gabs im Leben meiner Oma natürlich auch; unmittelbar nach dem Krieg – als Schutz vor vergewaltigenden Befreiern hat sie nicht nur Kopftuch, sondern auch sonstige Schutzkleidung getragen und sich – vorzeitig – als Oma geriert, wenn sie auf die Straße musste! Sie war sehr froh, dass nachfolgende Generationen das selbstverständlich nicht mehr nötig hatten. Ich wär sehr froh, wenns so bliebe.

  7. "...denn wir dachten, diese vormodernen Zeiten ein für alle Mal überwunden zu haben."
    Wie wahr. Es ist Unfug, das Kopftuch kommunikationstheoretisch (nur) auf die Ebene der Selbstoffenbarung zu beziehen. Das Kopftuch hat einen starken Appell-Charakter. In diesem Sinne wird das Kopftuch (auch) getragen. Und auf exakt dieser Ebene ist das Kopftuch zu bekämpfen. Zu bekämpfen? Ja. Denn Appelle dieser Art haben in der Schule nichts zu suchen.

    Der sich in der Gesellschaft spontan entwickelnde Widerstand gegen das Kopftuch ist in diesem Sinne der natürliche Reflex einer säkularisierten Gesellschaft, die diese Säkulariserung letztlich mit „Blut, Schweiß und Tränen“ erkämpft hat und diese soziale Errungenschaft auch behalten will.

    Ich denke, unsere Gesellschaft hat jedes Recht dazu.

    MfG H.-J. S.

  8. Man bittet mich um meine Meinung? Hier ist sie.
    In der letzten Print-ZEIT kam von Kübra Gümüsay eine Erwiderung auf Iris Radisch, die mich so geärgert hat, dass ich darauf antworten musste. Vom Thema passt die Antwort auch hier:

    Find‘ ich gut, dass junge Frauen mit islamischem Hintergrund sich involvieren und Debattenbeiträge liefern. Frau Gümüsay ist offensichtlich hier geboren, german native speaker und auch sonst „selbstbewusst“ – kein Grund also, sie irgendwie paternalistisch und gönnerhaft zu behandeln, sondern sie, wie jeden anderen Erwachsenen auch, ernst zu nehmen. Nun denn: Die „Kopftuchfrage“ ist keine konstruierte Scheindebatte, die Medienrezeption spiegelt nur die Haltung der Bürger wider. Es ist also nicht nur legitim, sondern sogar notwendig, dazu Stellung zu beziehen. Mir konnte noch nie jemand den Widerspruch erklären, warum dieses angeblich unwichtige Stück Stoff, das man wegen geringer Relevanz verfassungsrechtlich also getrost durchwinken könne, dann für viele Moslems so offensichtlich existentielle Bedeutung hat . Nebenbei werden hier zwei Verständnisprobleme bzgl. des Rechtsstaats deutlich: 1) Recht gilt unabhängig davon, ob ein oder tausend Fälle davon betroffen sind. 2) Die Verfassungsrichter waren sich nicht einig, zwei Richter haben mit guten Gründen dagegen gestimmt. Dieses Urteil gilt bis zum Widerruf bzw. Revision, ist also kein göttliches Rechtsgutachten mit Absolutheitsanspruch und beweist: Nichts.

    Die behaupteten spirituellen Gründe für das Kopftuch würde ich gerne exakt theologisch nachvollziehen, denn nur so könnte es, als elementarer Bestandteil einer Religion im Sinne von Religionsfreiheit andere Rechtsgüter (weltanschauliche Unabhängigkeit von Schulen etc.) überstimmen und selbst dann gibt es sehr gute laizistische Argumente, keinerlei religiösen Bekenntnisse im Staatsdienst zuzulassen. Unabhängig davon: Wenn dieser Nachweis nicht gelingt, muss ich davon ausgehen, dass andere Gründe vorliegen, nämlich Abgrenzung, Scheiden der Reinen von den Unreinen, Selbstüberhöhung, kultureller Hochmut sowie, dass das provozierte (und gerechtfertigte) Unbehagen über das Kopftuch die Gemeinschaft der Rechtgläubigen zusammenschweißen und die Glaubensfestigkeit stärken soll.

    Es bleibt allerdings die Frage, warum der Glaube solche Hilfsmittel nötig hat. Ist er so schwach? Traut er sich selber nicht so recht?

    So viel zu den Gründen der Frau. Zu den Gründen der Männer, des politischen Verbandsislam überhaupt, der ja diese Musterklagen finanziert: Kein Wort. Kein Wort zur Programmatik des Kopftuchs als Feldzeichen des politischen Islams. Kein Wort dazu, dass es vor 40 Jahren so gut wie keine Kopftücher gab. Nicht im Westen, nicht in den Metropolen des Orients. Haben die Moslems ihren Glauben damals weniger ernst genommen? Wird mit dieser zunehmenden Durchdringung des Religiösen in den Alltag, in alle Ritzen des Lebens und der Persönlichkeit, nicht Freiheit genommen, werden damit nicht Entscheidungsoptionen verringert, Lebensentwürfe vorgegeben? Gümüsay stellt sich diese Fragen nicht, stattdessen wird Emanzipation nur behauptet – ein Begriffs-Mimikry, das die eigentliche Bedeutung auf den Kopf stellt. Was sich hier Emanzipation nennt, ist narzisstische Selbstbespiegelung als Opfer und daraus abgeleitete Dreistigkeit in Auftreten und Forderungen. Zugegeben, man macht ihnen das auch leicht: Den Einflüsterungen aus dem selbsthassenden und kulturrelativistischen Teil einer einstmals Linken wird nur zu gerne geglaubt.

    Eine selbstbewusste Haltung wird eben nicht dadurch deutlich, daß man scheinbar freiwillig (oder sich selbst eingeredet -> Stockholm-Syndrom) in die Richtung geht, die der politische Islam und die eigene Community vorgibt, sondern Unabhängigkeit wird erst im Widerspruch erkennbar und zwar nicht gegen die Mehrheitsgesellschaft, mit der die Autorin so erkennbar ihre Schwierigkeiten hat, sondern gegen das „Eigene“. Emanzipation bedeutet zuerst, sich selbst bzw. eigene Abhängigkeiten zu reflektieren – gegen den äußeren Feind (zu dem Gümüsay ja offensichtlich Teile des Westens zählt) zu sein ist leicht. Das frivole Kokettieren mit dem Kopftuch als einem Distinktionsmerkmal einer kleinen, akademisch gebildeten (oder was man heutzutage dafür hält) Minderheit leistet einer Mehrheit an Mädchen und Frauen, die diese Wahlfreiheit viel weniger haben, einen Bärendienst. Es stellt sich erstens die Frage, ob dieser jeuness doree überhaupt bewusst ist, daß sie an dem Ast sägt, auf dem sie sitzt und zweitens, ob man diese Haltung nicht auch ein wenig undankbar finden könnte: Undankbar gegenüber einem System und einer Gesellschaft, die jedem alle Chancen bietet. (Höre ich da höhnisches, selbstgerechtes Lachen ?)

    Und wenn wir schon bei Emanzipation sind: Letztlich geht es ja nicht (nur) um Frauenemanzipation, sondern um die des Menschen insgesamt. Man nennt das Aufklärung: Die Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Das beinhaltet auch Zumutungen und Anstrengungen. Davor zu kapitulieren, sich in einer einer Art Regression in das Schneckenhaus einer alles erklärenden und alles regelnden Ideologie (genau das bedeutet nämlich diese Art von Islam) zurückziehen zu wollen, ist Selbstmord aus Angst vor dem Tod, ist Feigheit vor dem Leben und vor der Welt.

    Zuletzt: Die im Artikel behaupteten positiven oder ggf. neutralen Reaktionen auf das Kopftuch belegen: Nichts. Wer mit dem Kopftuch Schwierigkeiten hat, sagt es in aller Regel der Kopftuchträgerin nicht ins Gesicht, er hakt sie eben nur als „eine von denen“ ab – genauso also, wie es im Kern beabsichtigt ist.Das Kopftuch polarisiert gewollt, es stellt buchstäblich alles in einen religiösen Kontext, erzwingt in jeder Minute Stellungnahme, Auseinandersetzung, Respekt oder Ablehnung. Es führt zurück auf längst überwunden geglaubtes Stammesdenken, es steht für das Gegenteil einer freien, gleichen und egalitären Gesellschaft – und das ist nicht gut so!

  9. Der Mensch "st/hinkt"...wenn Freiheit nicht die Hygiene der Not wendenden Vernunft besitzt.
    Da hilft weder Religionsfreiheit, noch Kopftuch-, Kreuz-Freiheit, oder
    Demokratiefreiheit mit freier „Markt(Alles-Zerstörungs-)Wirtschaft“.
    Zum Glück? st/hinken Geld, Atommüll, Autos, Handys, Tier-Mord-Pelze, Plastik-Tüten, Billiglohnware, Ausbeutung von Geistarmut und Erde…
    die üblichen Wohlstand-Wachstumsüchte mit all ihren „Zerstörungsgestänken“ und die Vernunftbildung verhindernden,
    Relikte-Kult(Zeichen-)Religionen, also unreifer „Stand-Geist“, nicht?
    Doch…
    st/hinkend(e) ver(nunft)faule(nde), geruchlose und blinde Geist-Bildungen(Geist-Säkularität=Geistschizophreniefürze) bestimmen
    das Gegenwartgeschehen.
    Sie sind Qualitätspiegel unserer humanen?, durch
    Säkularität-Geist gespaltenen,
    „Vernunft-Gesellschaften-Bildungssysteme“ und als “Freiheitqualität”
    aller bestehenden Gesellschaftsformen, sowohl politisch als auch
    religiös, zu erleben…s. Gegenwartgeschichte.
    Zu welcher Freiheitqualität und Gleichheitqualität gelangen wir
    denn, wenn wir Jahre?, Jahrzehnte?, Jahrhunderte?, über
    Kultobjektefreiheit wie Kopftuch oder Kreuz debattieren
    und daran auch noch den Geschlechter-Gleichheitskult knüpfen?
    Allein Vernunftbildung, Ratio, ist die humane Lösung.
    Alle, auf dem „allgemeinen Kriegspfad“ verharrenden…
    auf dem allgemeinen „ad absurdum Weg“ verharrenden,
    Kopftuch-Religion-Kult-Fetisch-Demokratie-Freiheit-Gleichheit-Debatten
    sind schon, oder werden, schmerzhafte(re) Therapiewege.
    (Gesellschaft-)Politik ist auch eine Kult-Fetisch-Geld-Macht-Religion,
    mehr nicht.

    MfG
    W.H.

    P.S …Tradition/Kult/ur ist eine Laterne, der Dumme hält sich an ihr fest, dem Klugen leuchtet sie den Weg.
    George Bernard Shaw

    …gilt für religiöse sowie politische Kulte/Traditionen/Kulturen.

  10. Kennen Sie den Begriff "all incl.", Frau Reuter?
    Gezielte Qualität-Vernunftbildungssysteme…
    gezielt humaner Ratioweg = Human „R“Lösung…Problemlösung all incl.
    Auch Kopftuchücherprobleme und Gleichheitprobleme.

    MfG,
    W.H.

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