Ich. Heute. 10 vor 8.

Der Deal mit mir

Bei „7 Wochen ohne“ mitzumachen, ist ungefähr so sexy wie Formationstanz. Wer was Neues erleben möchte, fastet antizyklisch. Und allein.

"Danke, für mich ein Wasser."© [cipher], CC BY-SA 2.0“Danke, für mich ein Wasser.”

„Du bist schön!“ lautete in diesem Jahr das Motto von „7 Wochen ohne“, der Fastenaktion der evangelischen Kirche. Du bist schön. Mit Ausrufezeichen. Untertitel: „Sieben Wochen ohne Runtermachen“.

Einmal abgesehen davon, dass dieses Ausrufezeichen etwas Anblaffendes hat – etwa wie „Du siehst verdammte Scheiße noch mal richtig geil aus“ -, ist die Idee dahinter natürlich ganz reizend. Eigentlich wie immer in den zurückliegenden 32 Jahren. So lange gibt es „7 Wochen ohne“ nämlich schon. Und das Ideenreservoir für aussagekräftige, gern auch mal pfiffig-augenzwinkernde Fasten-Mottos wird und wird einfach nicht kleiner.

„ZuNeigung“ lautete die Parole zum Beispiel noch im Jahr 2002. „Lebens(t)räume“ im Jahr darauf, anschließend: „Auf!klären“. Die Idee war und ist, dass Menschen sich während der siebenwöchigen Fastenzeit vor Ostern mit einem bestimmten Thema auseinandersetzen. Während der Passionszeit möge man – ob Christin oder nicht – Lebensgewohnheiten überdenken, gegebenenfalls auf Dinge und Angewohnheiten verzichten und sich fragen, ob man danach das blöde Fernsehen, das fiese Mett oder die ganze schlechte Laune überhaupt wieder in sein Leben reinlassen möchte.

Zwar machen Jahr für Jahr immer mehr Menschen bei „7 Wochen ohne“ mit, mittlerweile sind es mehrere Millionen. Möglicherweise haben aber all die schönen Wortspielereien der Nullerjahre nicht die gewünschten Ergebnisse erzielt. Anders scheint kaum zu erklären, dass nun schon im achten Jahr der Imperativ zum Einsatz kommt. „Verschwendung!“ tönte es 2008 erstmals aus Frankfurt am Main, wo die OrganisatorInnen vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik ihren Sitz haben. Und seither werden die Fastenfreunde mit Ausrufezeichen angeherrscht. „Sich entscheiden!“ „Näher!“ „Ich war’s!“ „Gut genug!“ „Riskier was, Mensch!“ „Selber denken!“ Und jetzt also, im Jahr 2015: „Du bist schön!“

Ich brauche derlei nicht. Denn ich faste längst antizyklisch. Ja, vor zehn Jahren oder so meinte ich auch noch, ich bräuchte einen mentalen Schubser, der mich in eine Auszeit von meinen schlechten Gewohnheiten befördert. Ich meldete mich für den „7 Wochen ohne“-Newsletter an (den gibt es mittlerweile natürlich als App) und bekam anschließend alle paar Tage eine Mail, in der ich gefragt wurde, ob ich heute denn schon ordentlich innegehalten habe oder nett zu meinen KollegInnen war. Ich klickte die Email weg und fuhr unbeirrt in meinem sündigen Tun fort.

Am Ende der Fastenzeit hatte ich wieder mal das Gefühl, keinen meiner guten Vorsätze umgesetzt zu haben, mithin ein Komplettausfall zu sein, was Innerlichkeit und Weltverbesserung anbelangt. Das hielt jedoch nur solange an, bis ich im Gespräch mit anderen feststellte, dass auch sie ganz diskret bei „7 Wochen ohne“ mitgemacht hatten und dass auch sie zu den Passions-Nieten zählten. Jeder fand die Idee irgendwie süß, aber in der Durchführung gab es immer noch sehr viel Luft nach oben. Beim Fleischverzicht versagt, den guten Weißwein im Schutz der privaten vier Wände getrunken und dann auch noch lange vor Ostern damit angefangen, Schokohasen die Öhrchen abzubeißen? Pfui.

Das änderte sich erst, als ich mich von der christlichen Fastenzeit lossagte, um meine ganz persönlichen Entsagungszeiten und -formen einzuführen. Alles fing mit dem Rat einer Ärztin an, weniger Alkohol zu trinken. „Sie wissen schon“, sagte sie, „die Nieren, die Leber, das Körpergewicht…“ Ich zappelte ein bisschen rum, schließlich ist ein Gespräch über den eigenen Alkoholkonsum in etwa so peinigend, wie beim Schwarzfahren erwischt zu werden: Man praktiziert es – aber ertappt werden möchte man doch eher nicht. Die Ärztin und ich einigten uns auf einen Deal: Ich trinke ab sofort (und sofort meinte tatsächlich sofort) bis zu einem konkreten Termin in drei Monaten keinen Tropfen Alkohol. Und sie… tja, sie würde dann einfach wieder hinter diesem Schreibtisch sitzen und hören, was ich ihr zu sagen hätte.

Vielleicht war es gerade diese Ungleichgewichtigkeit der Anforderungen, verbunden mit ein bisschen Vernunft meinerseits, die mich die drei Monate trocken bleiben ließ. Ich fühlte mich herausgefordert. „Will ich Amboss oder Hammer sein?“ lautete die Frage, die ich mir stellte. Und zwar nicht nur am ersten Tag, sondern auch während der folgenden drei Monate (wenn auch gegen Ende hin immer seltener). „Hammer natürlich“, war stets meine Antwort. Ich wollte die Kontrolle über mein Leben zurückgewinnen und behalten. Und zwar ganz konkret und ohne religiös angehauchte Entsagungs-Verrenkungen. Als Atheistin war es mir eh suspekt gewesen, plötzlich bei den Christen mitmischen zu wollen, nur weil das Fasten gerade auf deren Kalender stand.

Und ja, es fühlte sich ausgezeichnet an, ein Vierteljahr lang lieber alkoholfreies Hefeweizen, Tee, Wasser zu trinken. „Danke, für mich ein Wasser“, sagte ich bei jeder Gelegenheit. Und komisch, das gefiel mir richtig gut. Fast so gut wie der tiefe und erholsame Schlaf, der weniger werdende Bauchspeck und die Möglichkeit, wann immer ich wollte Auto zu fahren. Es war ein schönes, wenngleich seltsames Spiel, das ich da mit mir spielte. Am Ende der drei Monate ging ich zu meiner Ärztin und vermeldete meinen Erfolg. Sie nickte, sagte „wunderbar”, und dann sprachen wir über etwas anderes. So sicher war sie sich gewesen, dass ich das Spiel mitspielen würde.

Ich spiele es noch immer – immer mal wieder. Mit ohne Fleisch. Mit ohne Süßigkeiten. Immer wieder: mit ohne Alkohol. Das mag narzisstisch sein. Und es mag bei anderen den Eindruck erwecken, ich sei eine Quartalstrinkerin, -esserin, -versagerin. Das ist mir egal. Ich habe jenen Punkt erreicht, den die reizenden Leute von „7 Wochen ohne“ vergeblich zu berühren versucht haben: das Spielerische. Ich bin mir da eine gute Partnerin geworden.

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