Ich. Heute. 10 vor 8.

Gleich ist anders – anders ist gleich

In Brasilien wird auf Getränkekarten nicht zwischen Cola und Fanta unterschieden, Hauptsache das Erfrischungsgetränk ist süß und eiskalt. Ebenso ist es nicht zwingend, zwischen Männern und Frauen zu unterscheiden, selbst wenn man das Vorhandensein von Unterschieden keineswegs leugnet.

© „Flemming1882Tafel4Fig71-73“ von Walther Flemming. Professor der Anatomie in Kiel. - Zellsubstanz, Kern und Zelltheilung. Leipzig, Verlag von F.C.W. Vogel. Websource: [1]. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.Zellteilungsstadien in der Augenhornhaut. Die vermutlich älteste Darstellung menschlicher Chromosomen. Walther Flemming, 1882.

Die Biologie ist ein Schlawiner. Oder eine Schlawinerin. Oder eine Schlawinerx.

Jedenfalls ist sie offenbar immer auf dem Stand der aktuellen Geschlechterdebatten. Neuerdings hat sie zum Beispiel herausgefunden, dass das Geschlecht nicht binär ist, dass also die Unterscheidungen zwischen weiblich und männlich, biologisch gesehen, nicht eindeutig sind.

Super Sache, wenn man bedenkt, wie vehement die Biologie bis neulich noch die verlässlichste Bastion derer war, die die „Natürlichkeit“ von Geschlechterunterschieden wissenschaftlich beweisen wollten. Bis ins 20. Jahrhundert galt es ja quasi als evident, dass aus dem Vorhandensein einer Gebärmutter oder zweier X-Chromosomen naturnotwendigerweise eine besondere Begabung zum Staubwischen oder zum Ohnmächtigwerden folge. So krass sagt das heute freilich (fast) niemand mehr. Aber es gibt leider immer noch genügend Leute, die unter Hinzuziehung biologistischer Natürlichkeitsdiskurse zum Beispiel gegen „Genderwahn“ zu Felde ziehen und Maßnahmen wie Gender-Mainstreaming oder Fächer wie Gender-Studies für eine feministische Konspirationen zur widernatürlichen Umerziehung des Menschen halten.

Es ist also verständlich, dass diejenigen, die Geschlechter-Angelegenheiten ein wenig freiheitlicher gestalten möchten, über die neuen biologischen Erkenntnisse jubeln. Ich juble aber nicht, ich bleibe skeptisch: Denn wenn die Biologie früher ganz offensichtlich einem kulturellen Diskurs das Wort geredet hat, wieso ist denn ausgemacht, dass sie ihr Mäntelchen jetzt nicht wieder in den Wind hängt, bloß dass der kulturelle Diskurs (in seinen fortschrittlicheren Teilen) heutzutage das „Ende der Binarität“ auslotet?

Zumal mir auch gar nicht einsichtig ist, warum der Hinweis auf Mischformen und fließende Übergänge zwischen „männlich“ und „weiblich“ die Binarität von Geschlechterbildern überhaupt aufheben soll. Das genaue Gegenteil ist doch der der Fall. Mischformen und Übergänge bekräftigen ja geradezu die Existenz von „Reinformen“ – die sich nämlich jeweils an den Enden dieser Linie befinden. Männlich und Weiblich werden in der Logik der „fließenden Übergänge und Mischformen“ als prinzipiell aufeinander bezogen definiert. Sie werden konzipiert als Extreme eines Kontinuums, das immer noch „binär“ ist, nur dass die beiden Fixpunkte sich nun nicht mehr unabhängig gegenüberstehen, sondern durch eben jene Mischformen und Übergänge miteinander verbunden sind.

Für mich, eine Frau, bedeutet das aber, dass ich nun erst recht als „das andere Ende zum Mann“ konstruiert werde, was meinem durch die Frauenbewegung geschulten Selbstbild überhaupt nicht entspricht. Da tröstet es mich nur wenig, dass mein Frausein nun sozusagen eine offene Flanke hat, durch die ein bisschen Männlichkeit hereinwehen kann. Oder dass sich meine Geschlechtszugehörigkeit nun verflüssigen kann, damit ich und andere mein Frausein kritisch hinterfragen. Wozu denn nur?

Die Publizistin Ina Praetorius schrieb kürzlich an ihre Facebook-Pinnwand eine Frage, die mein Unbehagen gut auf den Punkt bringt. Sie fragte: Welcher Satz fühlt sich befreiender an: „Ich bin eine Frau, und was das bedeutet, entscheide ich selber”. Oder: “Ob ich eine ‘Frau’ bin, das steht keineswegs fest”?

Für mich ist eindeutig Satz eins der Befreiendere. Ich bin eine Frau, und was das ist, wird von mir selbst und meinesgleichen gestaltet und ausgemalt. Ich will nicht, dass mein Frausein ständig mit dem Männlichen verglichen wird, indem die beiden „Aspekte“ gegeneinander ausbalanciert werden, sogar bis in Prozentzahlen genau: Conchita Wurst sagte neulich, sie sei zu 70 Prozent Conchita und zu 30 Prozent Tom.

Bei Modellen der Geschlechterdifferenz handelt es sich natürlich immer um Konstrukte, um symbolische Ordnungen, in deren Rahmen wir „natürliche“ Phänomene versprachlichen und uns kulturell aneignen. Bei der Frage, wie wir „Geschlecht“ beschreiben, geht es nicht darum, welche dieser Beschreibungen wahr oder unwahr sind, sondern darum, welche wir wählen, weil sie unseren Wünschen und Vorstellungen vom guten Leben entsprechen, und welche wir ablehnen.

Was im Übrigen nicht bedeutet, dass es keine „Natur der Sache“ gäbe. Menschen sind Teil der Natur: Sie haben organische Körper, und deren Funktionsweise kann dementsprechend auch naturwissenschaftlich erforscht werden. Aber diese biologischen Phänomene bedeuten nicht für sich genommen etwas, sondern ihre Bedeutungen sind immer kultureller Natur, nicht beliebig, aber auch nicht zwingend. Faktisch gibt es unendlich viele phänomenologische Unterschiede in der Natur, die Frage ist nur, welchen davon wir kulturell eine Bedeutung geben und welchen nicht.

Hierzulande ist es zum Beispiel üblich, auf Getränkekarten zwischen Cola und Fanta zu unterscheiden, und wer im Restaurant eine Cola bestellt und dann ungefragt eine Fanta bekommt, wäre vermutlich irritiert. In Brasilien ist mir das aber schon öfter passiert. Dort ist meistens einfach von „Erfrischungsgetränken“ die Rede, auf die genaue Sorte wird nicht so großen Wert gelegt. Natürlich ist der Unterschied zwischen Cola und Fanta auch in Brasilien bekannt, und niemand würde behaupten, beides wäre dasselbe. Aber vielen Menschen ist es eben gleichgültig, welches Erfrischungsgetränk sie bekommen, Hauptsache es ist süß, flüssig und eiskalt.

Genauso ist es überhaupt nicht zwingend, dass zwischen Männern und Frauen unterschieden wird, selbst wenn man das Vorhandensein von Unterschieden keineswegs leugnet. Zumal ja nicht einmal evident ist, woran genau dieser Unterschied biologisch festzumachen ist. An den X oder Y-Chromosomen? An Hormonen? An augenfälligen Körpermerkmalen wie Vagina und Brüsten oder Penis und Barthaaren? An der vorhandenen oder nicht vorhandenen Gebärfähigkeit? Oder an einem „Gehirngeschlecht“, das von solchen Äußerlichkeiten völlig unabhängig ist?

Ich persönlich halte ja alle diese Unterschiede für irrelevant bis auf die Sache mit dem Schwangerwerdenkönnen. Das biologische Faktum, dass nicht alle Menschen schwanger werden können, sondern nur ungefähr die Hälfte, ist schließlich die maßgebliche Ursache für fast alle inhaltlichen Rollenzuschreibungen an Frauen und Männer. Und dass die Frage, wie wir diese biologische Ungleichheit zwischen „Frauen“ und „Männern“ in Punkto Kinderkriegen politisch und sozial organisieren, noch keineswegs befriedigend beantwortet ist, zeigen ja die nicht enden wollenden „Vereinbarkeitsdebatten“.

Die Biologie als Naturwissenschaft kann uns jedenfalls nicht die Aufgabe abnehmen, Geschlechterbilder zu formulieren, sondern es ist genau andersherum: Die jeweiligen gesellschaftlichen Geschlechterkonzepte beeinflussen den Blick und das Forschungsinteresse von Biologinnen und Biologen. Welche Unterscheidungen wir in Hinblick auf das Geschlecht treffen (und welche nicht), wird ganz allein auf der politischen Ebene verhandelt. Und nicht im Forschungslabor.

 

 

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